Saison 2008/2009: 5. Spieltag Alemannia Aachen (H)

Wenn man mit einigem Abstand zum Spiel erst zum Schreiben kommt, ist es doch von Vorteil auf das aufgeregte Hin und Her der Meinungen verweisen zu können. Denn eines hat der Sieg gegen Aachen nicht geschafft, Rudi Bommer zum unanfechtbaren Gewinner des Spieltages werden zu lassen. Selbst wenn etwa im Spielbericht der WAZ versucht wird, das Thema Bommer klein zu halten, wenn man rechts hinter dem Tor steht, war das doch sehr lautstark und ausdauernd zu hören, “Bommer raus” trotz hoher Führung und Vertrauenssignal der Spieler. Vom Sieg will ich nicht reden, weil die zwei Gegentore der guten Stimmung doch sehr abträglich waren. Auch im Netz geht es hoch her. Ob nun entschieden gegen Bommer oder weiß nicht genau oder erstmal akzeptieren, dass die Spieler mit ihm wollen, Meinungen sind in alle Richtungen vorhanden.

Zeit für die Analyse. Für mich zielt die entscheidende Frage an die Bommer-raus-Gemeinde, nicht auf das aktuelle Spielvermögen der Mannschaft sondern auf die Perspektive eines Trainerwechsels zu dieser Zeit. Gibt es jetzt einen anderen Trainer, der aus dem Stand heraus der Mannschaft zu einem deutlich verbesserten Spiel verhilft? Ich glaube das nicht. Wenn also die Perspektive heißt, Rettung des Aufstiegs – wobei ich übrigens noch gar nicht so pessimistisch bin – dann würde ein Trainerwechsel nicht viel ändern. Meine etwas weiter ausholende Begründung: All das was auch mich an dem Spiel des MSV in letzter und dieser Saison so verärgert, ist interessanter Weise auch bei den meisten anderen Vereinen unseres Niveaus zu sehen. Das scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass weniger Personen dafür verantwortlich sind als Strukturen. Wenn ich den FC in der letzten Saison sehe – mit seinen Möglichkeiten, dann wurde dort genau das kritisiert, was auch beim MSV immer wieder zur Debatte steht. Fehlende Spielanlage und mangelnder Einsatz, wenn es schlecht läuft. Nun sind sie aufgestiegen, und alles was ich wiederum erfahre, erinnert mich an die letzte Saison beim MSV. Man glaubt, man habe die Spielstärke sich gegen die Mitkonkurrenten gegen den Abstieg durchsetzen zu können und dann kriegt man doch auf die Mütze, weil die es schon ein wenig länger geschafft haben. Siehe Bielefeld am Wochenende. Auch wenn die Aufstiegssaison in Mönchengladbach anders verlief, diese Spielzeit verhält es sich ähnlich. Man hält gegen Mannschaften aus dem vermeintlichen Mittelfeld mit und verliert trotzdem – nur weil da einmal jemand nicht aufgepasst hat. Siehe das Wochenende Gladbach gegen Hertha.

Kurzum, ich bin überzeugt, nur mit langfristigen Konzepten entgeht man diesem Dauerzustand. Bommer aber hatte bislang nicht die Gelegenheit, sich in einem Konzept zu beweisen. Dazu fehlte in dem Verein jemand, der auch mal ein paar Gedanken an übermorgen verschwendet. In jeder seiner Spielzeiten ging es immer um die neue Mannschaft, die sich finden muss und ehe das geschieht, stehen alle schon unter Druck, entweder um den Aufstieg irgendwie zu schaffen oder den Abstieg irgenwie zu verhindern. Sicher, einfallsreich geht Bommer nicht vor, aber eine gewisse Neigung zur Sicherheit halte ich für eine gute Voraussetzung, um etwas aufzubauen. Man muss also wissen, ein neuer Trainer lohnt sich nur, wenn man ganz sicher weiß, da kommt jemand, der eine Idee vom Spiel hat und sie innerhalb von drei Jahren verwirklichen kann.

Hätte man mich übrigens am Freitag gefragt, ich weiß nicht, was ich geantwortet hätte. So eingetrübt war meine Freude über den Sieg. Vielleicht sollte ich Stadionbesuche grundsätzlich aus der Perspektive der Selbsterfahrung sehen. Wann überwinde ich Müdigkeit und Lethargie wäre etwa die Erfahrung des Freitags. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange es her ist, dass ich ein Spiel zunächst so entspannt mir angesehen habe wie das gegen die Alemannia. Am Anfang war ich viel zu müde, um überhaupt richtig dabei zu sein. Dann stand es schon 3:0 und alles schien auf den ungefährdeten Sieg hinaus zu laufen. Herzog machte die wenigen Chancen der Alemannia bravurös zunichte. Und wunderbarer Weise schafft es dieser Verein tatsächlich, dass ich mich dann doch noch fünf Minuten lang aufrege und das Leben tobt. Denn als das erste Tor der Aachener fiel, ahnte ich schon, das wird knapp. Die letzten Jahre haben sich bei mir zu dem Wissen verfestigt, dieser Verein aller Vereine braucht drei Tore Vorsprung, damit ich mir entspannt das Spielgeschehen ansehen kann. Nun weiß ich, drei Tore Vorsprung in der 85. Minute reichen für einen Sieg bei zwei Minuten Nachspielzeit. Bei drei Minuten Nachspielzeit, bin ich nun aber auch ganz sicher, wird es sehr, sehr eng.

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