Der Wolfgang Clement vom FC Schalke 04

Wo die SPD mangels wöchentlicher Heimspiele sofort mit einem Ausschlussverfahren aufwarten musste, langt bei einem Fußballverein wie dem FC Schalke 04 auch erst einmal der Verlust der Ehrenkarte samt Parkberechtigung. Irgendwann ärgern  sie einfach zu sehr, diese älteren Männer, die es immer noch besser wissen wollen und ihren Mund nie halten können, wenn ein Journalist gerade vorbei läuft. Diese älteren Männer kennen eben nur zu genau die richtigen Worte und Zeitpunkte, um öffentlich gehört zu werden. Was ihren Nachfolgern im Amt die tägliche Arbeit nicht gerade erleichtert.

Rudi Assauer muss nun also zwar nicht wie jedermann in die Arena gehen, aber doch ohne Anerkennung seiner für Schalke 04  einst geleisteten Arbeit. Im Königsblog ist darüber gestern eine kleine Diskussion entstanden, wie dieser Entzug der Ehrenkarte Assauers zu bewerten ist. Ich habe das gelesen und meine eigene Meinung machte eine ähnliche Bewegung wie die von mir gelesenen Beiträge. Am Ende habe ich mich dann gefragt, warum ich zunächst Torsten Wieland recht gab, der diesen Entzug der Ehrenkarte für unsouverän hielt und ich schließlich auch mit gleicher Entschiedenheit den Befürwortern des Entzugs folgen konnte, die meinten, bei allen Verdiensten darf niemand den Verein derart mit Kritik überziehen, wie es Assauer ständig machte.

Ich glaube nun, in meiner eigenen Unentschiedenheit offenbart sich das Doppelgesichtige des modernen Profifußballs. Traditionen alten Vereinslebens sind im modernen Fußball trotz aller offensichtlichen Veränderungen der Vereine hin zu Wirtschaftsunternehmen weiterhin lebendig. Mehr noch, auf Traditionen muss in den meisten Vereinen Bezug genommen werden, damit sie als Wirtschaftsunternehmen überhaupt erfolgreich sein können. Denn Fußball ist keine unterhaltsame Freizeitgestaltung an sich, sobald der Ball nicht von den allerbesten Spielern kontrolliert wird. Die Attraktivität des Fußball-Angebots eines Vereins muss also meist auf andere Quellen zurückgreifen. Natürlich ist so eine Quelle die Frage nach Sieg oder Niederlage. Auf dieser Ebene geht es dann auch um die Bedeutung des Vereins, und die lässt sich einfacher herstellen, indem auf die Tradition zurückgegriffen wird. Da spielt dann das öffentliches Reden über die Bedeutung des Vereins ebenso eine Rolle wie Gesten der Verbundenheit mit Fans bei den Akteuren auf Vereinsseite.

Wenn diese Formen von Tradition aufgegriffen werden, wissen Fans um die mögliche Scheinhaftigkeit eines solchen Redens. Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach genau solchen Stimmen. Assauers Ehrenkarte gehört in die Rubrik Vereinstradition, Sparte Umgang mit verdienten Mitgliedern. Interessanter Weise enthüllt die Meldung im RevierSport eine zweite mögliche Deutung des Geschehens, die das Wirtschaftsunternehmen Schalke 04 wieder in den Blick rückt: “Im Mai diesen Jahres endete wohl die letzte vertragliche Verpflichtung zwischen Assauer und den „Knappen”, die es nun bei der Ehrenkarten-Vergabe offensichtlich ganz knapp halten.” Selbst in diesem Vorgang um den Entzug der Ehrenkarte vermischen sich also die Beweggründe des Handelns. Vielleicht handelt der Verein einfach nur als Unternehmen, das Kosten einsparen will? Fans reden darüber natürlich anders.

Rudi Assauer selbst, so meine ich sicher, würde sich bestimmt mit seinem  Reden über den FC Schalke 04 ganz und gar der Tradition alten Vereinslebens angehörig fühlen, eines Vereinslebens, das auch im Breitensport übrigens seit einiger Zeit nicht mehr sehr lebendig ist. Solche alten Männer wie Rudi Assauer kannten wir in fast allen Vereinen. Dort saßen sie bei den Sommerfesten an einem Tisch ein wenig abseits. Sie rauchten, tranken ihr Bier und erzählten von alten Zeiten. Und wenn jene in der Runde, die es immer noch besser wissen wollten, lauter wurden, unterbrachen sie die Weiseren ihrer Vereinskollegen mit der Bestellung eines weiteren Bieres. Das verhinderte auf jeden Fall solche Mäkeleien, die im Unterhaltungsbetrieb Profifußball Teil des Alltags wurden, weil sie für die Medien umsatzfördernd sind.

Und wenn ich als neutraler Beobachter nun endgültig entscheiden müsste, hätte ich von Rudi Assauer die Ehrenkarte auch zurück gefordert.

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