Auswärtsjubel auf Bielefelds Möchtegernflughafen

Immer wieder gibt der Fußball Gelegenheit dazu, sich mit den großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen.  Sehr oft beschäftigen wir uns nämlich nach einem Spieltag damit, was eigentlich die Wirklichkeit ist? Welche Tatsachen gibt es da unabhängig von uns? Und wo ist diese Wirklichkeit nur das, was wir in diesen Tatsachen sehen? Der MSV Duisburg gewinnt gestern Abend bei Arminia Bielefeld mit 2:1, und was lese ich heute in diesem Zeitungartikel? Während die Niederlage Arminia Bielefeld im Aufstiegskampf  “schwer zurückgeworfen” habe, sei der Verein aller Vereine “zurück im Aufstiegsrennen”. Ein bisschen stimmt das. Allerdings für mich nur dann, wenn ich es nicht ausspreche. Sonst stimmt es einfach nicht. Die Arminia hat immer noch zwei Punkte mehr als der MSV Duisburg, und ob da jetzt tatsächlich eine der beiden Mannschaften irgendwas mit dem Aufstieg zu tun haben wird, hängt weiterhin mehr von Krisen der führenden Mannschaften ab als von der spielerischen Qualität in Duisburg oder Ostwestfalen.

Das soll jetzt als Stimmungsdämpfer reichen, denn natürlich trägt die gute Laune von gestern noch immer. Ein verdienter Sieg war das, und von einer “Mordsportion Dusel” kann trotz des Eigentores keine Rede sein. Arminia Bielefeld stand gestern vor jener Aufgabe, die den MSV in den meisten Heimspielen ebenfalls überfordert. Den Arminen fehlte die spielerische Qualität wirklich gefährlich vor das Tor der gut verteidigenden Duisburger zu kommen. Sie waren vor allem in der ersten Halbzeit hilflos. Dagegen konnte der MSV Duisburg im Spiel nach vorne den Ball in den ihnen gelassenen Freiräumen gut behaupten und mit einigen schnellen Spielzügen sogar gefährlich vor das Tor der Arminia kommen. Ähnliche Worte mit umgekehrten Vorzeichen habe ich für Heimspiele des MSV Duisburg in dieser Saison schon oft benutzt.

Auch den Verlauf des Spiels nach der Pause kannte ich. Die Heimmannschaft kommt auf den Platz und beginnt druckvoller. Manchmal fällt dann der Ausgleich so wie dieses Mal. Aber auch dieses Tor erzielt Bielefeld nicht aus dem Spiel heraus. Auch in der zweiten Halbzeit habe ich die Arminia zwar bemüht aber letztlich zu ungefährlich gesehen. Nach dem Ausgleich war das Spiel sehr umkämpft und nach und nach gelang es dem MSV Duisburg, den Ball immer mehr bereits wieder im Mittelfeld zu erobern. Das wurde dann manchmal ein wenig Ballgeflipper zwischen den Mannschaften, gute Ansätze im Konterspiel des MSV Duisburg waren aber zu erkennen. Endlich gab es die Versuche, diese Konter über zwei oder Stationen zu spielen und nicht nur über den Spieler, der sich den Ball erobert hatte. Es mangelte dann immer noch häufig an Präzision beim Zuspiel,  obwohl einer dieser Konter schließlich zum Siegtreffer führte.

Womöglich lag es an der aufziehenden Erkältung, aber mir gelang es gestern nicht, meine Aufmerksamkeit auf einzelne Spieler zu richten. Das war ein komisches Erlebnis. Es war ein wenig so wie in einem Ritterfilm aus den 60er Jahren, bei dem die entscheidende Schlacht der Guten gegen die Bösen nur in der Totale gefilmt ist. Die Guten trugen gestern übrigens zum ersten Mal grüne Trikots, was uns zunächst verwirrte, weil wir sieben, acht Minuten zu spät ins Stadion kamen.

Wir hasteten die Treppe hoch und hörten unter der Tribüne die anfeuernden MSV-Fans, der Blick aufs Spielfeld: eine Mannschaft in grünen Trikots kommt dem gegnerischen Tor sehr nahe. Ist das nun in Ordnung oder nicht? Neben uns schwillt die ahnende Begeisterung an, der Ball fliegt in die Mitte und es muss in Ordnung ein, diese Torgefahr. MSV-Fans können sich nicht irren. Tor! Jubel!

Der perfekte Zeitpunkt, um ins Stadion zu kommen? Nein, ein wenig früher wäre mir viel lieber gewesen. Doch entweder leben in Ostwestfalen die ängstlichsten Deutschen oder Bielefeld ist neidisch aufs benachbarte Paderborn, weil der Flughafen der Region dort angelegt wurde. Die Sicherheitskontrolle vor dem Einlass war jedenfalls flughafenreif. Ein zweistufiges Verfahren mussten wir durchstehen und wie ich beim Warten erfuhr, kannten ein paar der Fans das Abtasten auch schon vom Bahnhof. Zunächst gelangten wir in einen äußeren Sicherheitskorridor und wurden am Eingang abgetastet. Größere Taschen und Rucksäcke mussten abgegeben werden. Kleinere Taschen wie meine Kamerataschen wurden durchsucht. So weit bekannt.

Im äußeren Sicherheitsgürtel gelangte man dann über einen schmalen Fußweg zu Kassenhäuschen und Stadioneinlass. Dort wurde das ganze Prozedere noch einmal vorgenommen. Abtasten, und dieses Mal inklusive detaillierter Befragung:

Junger Sicherheitsdienstleister tastet Fan mittleren Alters ab. Kurze Irritation beim Sicherheitsdienstleister an der rechten Mantelhälfte. Sicherheitsdienstleister: Was ist das?
Fan (mit ins Gesicht geschriebener Harmlosigkeit): Ein Portemonnaie.
Sicherheitsdienstleister (kennt Harmlosigkeit als Maske der Unschuld von Mördern, Terroristen und Kriegsverbrechern): Würden Sie es bitte öffnen.
Fan holt mühsam Portemonnaie aus Mantelinnentasche heraus und öffnet es. Musternder, sehr kritischer Blick von Sicherheitsdienstleister auf Karten und anschließend auf Münzen. Er nickt.
Sicherheitsdienstleister: Ihre Kameratasche müssen Sie vielleicht abgeben.
Fan: Aber vorne …
Sicherheitsdienstleister: Wenden Sie sich bitte an den Herrn dort. Sicherheitsdiensleister winkt nach hinten. Chef, gucken sie mal.
Fan geht zu Chef, der an einem Tisch steht.
Chef: Stellen Sie die Tasche bitte dorthin.
Fan, allmählich genervt und auf das Raunen von Rängen achtend, stellt die Tasche auf den Tisch.
Chef: Würden Sie bitte öffnen.
Fan: Meine Kamera.
Chef: Schalten Sie sie bitte ein.
Fan seufzt, holt Kamera raus, schaltet sie ein, zeigt Display und sieht Chef fragend an. Chef nickt.
Chef: Und hier?
Fan öffnet kleinere schmale Tasche unterhalb der eigentlichen Kameratasche. In der Tasche befindet sich ein unbeschriebenes kariertes Blatt Papier. Chef zieht das Papier etwas heraus und sieht in den schmalen Spalt hinein. Dann sieht er den Fan streng an.
Chef: Das dürfen sie eigentlich nicht mitnehmen.
Fan sieht in die Tasche und holt blauen Plastikkugelschreiber mit Werbeaufdruck “Marienhospital Mülheim/Ruhr” heraus. Seine Miene schwankt zwischen Ärger, Ungeduld und Ungläubigkeit. Chef macht Anstalten in einen benachbarten Container zu gehen.
Fan (aufwändigen Gepäckaufbewahrungsvorgang vermutend): Wissen Sie was, ich schenke ihnen den.
Fan gibt Chef blauen Plastikkugelschreiber mit energischer Geste. Chef nimmt den blauen Plastikkugelschreiber und hält ihn prüfend vors Gesicht. Es sieht so aus, als ob er sich fragt, lohnt es sich den blauen Plastikkugelschreiber anzunehmen? Oder handelt es sich dabei gar um Bestechung? Währenddessen nimmt  Fan die Kameratasche und geht am Chef vorbei. Chef steckt blauen Plastikkugelschreiber ein und sieht gedankenverloren darüber hinweg, dass Fan ohne ausdrückliche Erlaubnis ins Stadion geht.

Die Kameratasche samt wichtigstem Inhalt  mitzunehmen hat sich aber auf jeden Fall gelohnt.

3 Antworten zu „Auswärtsjubel auf Bielefelds Möchtegernflughafen“


  1. 1 mberghoefer 20. Februar 2010 um 21:47

    bin zufällig vorbei gesurft und hängen geblieben – nicht nur an diesem schönen Bericht, sondern auch an den wirklich sehr lesenswerten Texten zu Fußballbüchern, Sammy Drechsel uvm. Hut ab, vielen Dank + weiter so. Ich glaub, ich schau öfter ma vorbei :-)
    Glück auf!
    matthias


  1. 1 Hamit Altitop – ein Vordenker Europas « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 10. Oktober 2010 um 09:42

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