Heiße Kiste

Manchmal überfallen mich niemals zu befriedigende Sehnsüchte. Ich möchte etwa dabei gewesen sein, als zum ersten Mal jemand etwas im übertragenen Sinn eine “heiße Kiste” nannte. Für mich klingt das sehr nach anerkennend gemeintem Jugendjargon für Autos und Motorräder Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er. Vielleicht nur, weil mir diese Sprache in jener Zeit besonders geläufig war? Eine Idee für die Grundbedeutung der Kistenhitze hatte ich zunächst nicht. Wurde das  “hot” als einer der Superlative der damaligen Jugend eingedeutscht? Aber gab es den nicht noch früher? Gab es da nicht auch Hot-Musik? Und was ist mit der Kiste?

Im englischsprachigen Wikipedia findet sich mit “hot box” der gesamte Ausdruck als Fachbegriff der Eisenbahnersprache für überhitzte Achslager von Gleisfahrzeugen. Wenn ich den Eintrag falsch verstanden habe, bitte korrigiert mich. Dann aber müsste der Begriff erst in den USA oder England im übertragenen Sinn gebraucht worden sein. Kam er also auf diesem Weg nach Deutschland? Anglisten helft!

Dann aber finde ich im Grimmschen Wörterbuch am Ende eines langen Artikels zum Wort “Kiste” unter dem Punkt 12 etwas, was die Aussicht auf eine endgültige Klärung einerseits erschwert, meinem Spaß an unvermuteten Zusammenhängen aber sehr gelegen kommt: “aber nicht hierher gehört ein bergmännisches kiste, [...] s. kister.  Und siehe da, unter “kister, m.”  lese ich: “im hüttenwesen, ein eisen mit einem streichholze vorn, womit die schlacken von dem schmelzenden metalle abgezogen werden. Krünitz 39, 215. Dasselbe im grunde ist offenbar kiste oder küste, auch köste, f.” Und da stelle ich mir vor, auch diese Kiste könnte heiß werden, und einer der ersten Eisenhüttenarbeiter im damals noch nicht Ruhrgebiet genannten Großraum war ein großer Sprachverwandler.

Der Anwendungsbereich der “heißen Kiste” hat sich über die Jahre ausgeweitet. Heute können auch Zustände, Vorgänge und Ereignisse von Kistenhitze erfasst sein. Dem unbekannten Eisenhüttenarbeiter zum Gedächtnis erwartete der RWO-Mittelfeldspieler Daniel Gordon schon zu Beginn der Woche im Reviersport-Interview, dass das Spiel zwischen dem MSV Duisburg und Rot-Weiß Oberhausen “eine heiße Kiste wird”. Andererseits habe ich den Eindruck, dass ich von der Spielweise, die Oberhausen nach Pressekonferenz-Aussagen von Milan Sasic kennzeichnen soll, bereits bei den Auswärtsspielen gegen Aue und Union Berlin gelesen habe. Aber um der Vielfalt der deutschen Sprache Willen gebe ich zu, das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen ist eine besondere Begegnung. Denn ohne diese Besonderheit wäre es fraglos keine “heiße Kiste”.

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