Versuch sich auch mit geschriebenen Worten heillos zu freuen

Freude und Glück wollen im Gegensatz zu den unangenehmen Gefühlen des Lebens einfach nur gelebt sein. Mit diesen angenehmen Gefühlen sind wir uns selbst genug. Statt erklärende Worte zu suchen, reichen uns einzelne Ausrufe der Begeisterung, wir jauchzen und fallen der Einfachheit halber ein in jahrzehntealte Fan-Gesänge. Es langt uns das Strahlen im Gesicht und das Teilen dieser Freude mit anderen. Erst allmählich stellt sich so etwas wie Erzählen ein, finden sich mehr Worte für das, was geschehen ist.

Am Anfang solcher Worte steht aber schon wieder nicht mehr als das Bild von dem Moment, als das mitfiebernde Bangen sich in überschäumende Freude verwandelt. Es ist der Moment, als ich vor dem PC aufspringe und mein Oberkörper Olcay Sahans Bewegung auf das Tor zu sehr angespannt und verzögert mitmacht. Es ist ein Bild, dem Erklärung und Deutung noch lange fremd sind. Olcay Sahan läuft mit dem Ball auf das Berliner Tor zu. Noch hat er einen Gegenspieler. Srdjan Baljak sprintet links von ihm herbei. Aber ist er nicht viel zu schnell für den ablegenden Pass? Nein! Baljak nimmt den Ball auf und mit, schießt und trifft ins Tor. Jaaa! Ja! Ja! Fünf Minuten vor Spielende das 2:0, das wird reichen für den Sieg bei Hertha BSC Berlin, bei dem Verein, der es wagt, auf seiner Webseite die eigene Zweitligazeit in dieser Saison herunterzuzählen. Wirkt das nicht viel zu siegessicher? Oder ist das einfach nur selbstbewusst? Ist diese ablaufende Zeit Ansporn oder Druck? Uns aus Duisburg kann es eigentlich egal sein, aber angesichts des gestrigen Spiels von Hertha BSC Berlin wirkt diese ablaufende Zeit auf mich eher wie eine Uhr im Action-Thriller, die den Zuschauern zeigt, wieviel Zeit dem Helden noch bleibt, um die Bombe zu entschärfen. Fragt sich, wer der Held in Berlin sein soll, der die Explosion der Hertha verhindern wird.

Solche Spiele habe ich in den letzten Jahren nämlich auch in der MSV-Arena gesehen. Da gab es eine Heimmannschaft, die unbedingt aufsteigen wollte, die aber immer weniger ein spielerisches Konzept besaß, um dem Gegner ebenbürtig zu sein. Da machte die Gastmannschaft im Mittelfeld den Raum geschickt eng und schaltete beeindruckend schnell von der Defensive auf die Offensive um. Da fluteten die Spieler der Gastmannschaft ein ums andere Mal vor das Tor der Heimmannschaft. So spielte der 1. FC St. Pauli in der letzten Saison in Duisburg, und ich hoffte damals, es könne für den MSV Duisburg am Ende noch gut ausgehen. Wir wissen, es kam anders. Noch viele andere Mannschaften konnten wir in Duisburg erleben, gegen die der MSV Duisburg kein Spielkonzept besaß. Und wir Fans vom MSV Duisburg redeten immer ärgerlicher über die Spielweise unserer Mannschaft so, wie es jetzt in Berlin geschieht – ob in Blogs bei Immer Hertha und dem Hertha BSC Blog oder etwa in den Kommentaren beim Tagesspiegel. Ich überfliege die Worte dort und erinnere mich noch so gut an diese ähnlichen Gefühle in Duisburg; an die Diskussionen über die grundsätzlichen Fehler von Trainer und Spielern;  ich erinnere mich an die Typen derer, die sich zu Wort meldeten: die verdammenden Apokalyptiker, die besonnenen Mahner oder die bis zum allerletzten Moment Hoffenden. Ich erinnere mich noch gut an dieses allmähliche Sich-Damit-Abfinden, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander liegen.

Seit diesen Gefühlen in Duisburg sind ein paar Monate vergangen, und wieviel Freude macht es in dieser Saison der Mannschaft des MSV Duisburg bei ihrem Spiel zuzusehen –  beim Spiel wohlgemerkt. Denn diese Mannschaft zeigt mehr als Kampf und Laufbereitschaft. Das ist oft einfach schön anzusehen, wie der MSV Duisburg versucht, die Begegnung zu gestalten. Bei allem Erfolg gibt es natürlich auch Verbesserungspotential. Ich seufze etwa immer noch tief auf, wenn ich daran denke, wieviel früher der Sieg hätte feststehen können. Aber das sind die Gedanken für übermorgen. Heute soll an dieser Stelle der Moment des gestrigen Torjubels so lange wie möglich lebendig gehalten werden. Heute soll immer wieder neu auch das Bild mit einem Mal auftauchen, als Olcay Sahan nach seinem 1:0 auf Milan Sasic zuläuft und alle Mitspieler herbeiwinkt. Es soll dieser Ausdruck von Gemeinschaftlichkeit weiterwirken wie jene bewegenden Momente, in denen Milan Sasic an seine verstorbene Mutter dachte. Es sollen die eindrucksvoll lauten Gesänge der mitgereisten MSV-Fans weiter in unseren Ohren klingen, weil auch darin sichtbar wird, dass im und um den MSV Duisburg gerade etwas wächst, was so lange erhofft wurde. Morgen früh werde ich noch den ein und anderen Spielbericht lesen, und die Woche wird gut beginnen. Wenn ich dann an den Freitagabend denke, stelle ich mir vor, eigentlich könnte die Woche beim Spiel vom MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt doch ebenso gut wieder enden.

About these ads

2 Responses to “Versuch sich auch mit geschriebenen Worten heillos zu freuen”


  1. 1 sp470 29. November 2010 um 10:33

    …es war wirklich ein großartiges spiel und die freude über das 2:0 werde ich noch lange in mir tragen. es ist momentan wirklich unbeschreiblich. NUR DER MSV

  2. 2 Kees Jaratz 29. November 2010 um 12:21

    Und nun noch die Balance finden zwischen guter Laune und Tagesgeschäft, um am Freitag einfach weiter zu machen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 367 Followern an

%d Bloggern gefällt das: