Die Mannschaft sieht nur auf den Misserfolg

Zwei Ausfälle hatte der MSV Duisburg beim Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum zu beklagen. Zumindest Emil Julas schmerzende Achillessehne hatte direkten Einfluss auf das Spiel. Statt seiner versuchte sich Flamur Kastrati  darin, lange und hohe Anspiele zu erlaufen. Zwar hatte die Mannschaft schon mitbekommen, Kopfballduelle gewinnt der Norweger eher nicht, die langen Bälle blieben dennoch in der ersten Halbzeit das bevorzugte Mittel, den Ball in die gegnerische Hälfte zu bekommen. Da wusste die Mannschaft noch nicht so recht, auf welche andere Weise sie nach dem Ausfall von Emil Jula Angriffe versuchen sollte.  Erfolgsversprechen sehen allerdings ganz anders aus.

Dagegen lässt sich sicher darüber streiten, wie mein Ausfall durch eine fiebrige Erkältung sich auf das Ergebnis ausgewirkt hat. Vor Ort konnte ich nicht dabei sein, so blieb mir der Blick aufs TV-Bild. Trotz aller stilistischen Bedenken hätte ich jetzt gerne mit dem Kalauer mitfiebernd weitergemacht. Leider gab es da nicht all zu viel mitzufiebern beim Spiel des MSV Duisburg. Etwas regte sich in mir zum Ende des Spiels hin. Da hätte ich den Spielern gerne zugerufen, merkt ihr denn nicht, wie groß die Angst diese Bochumer ist zu verlieren? Vielleicht fiele mein Urteil auch etwas anders aus, wenn ich die ersten zehn bis fünfzehn Minuten des Spiels nicht noch gesundheitsschlafend im Bett gelegen hätte. In dieser Zeit scheint die Mannschaft des MSV Duisburg ja versucht zu haben, das Spiel zu bestimmen.

Nachdem der VfL Bochum aber das Tor zur Führung erzielt hatte, blieb nichts mehr davon übrig. Das Spiel ist nicht in der letzten Minute verloren worden. Das Spiel wurde in dieser ersten Halbzeit verloren, als ein einziges Gegentor jegliches Selbstbewusstsein des MSV Duisburg pulverisierte. Ich verstehe nicht, wieso der Mannschaft ein Gegentor jegliche Kraft nimmt. Warum hat diese Mannschaft keine Routinen, an denen sie sich erst einmal festhalten kann? Das sind Fragen des Interesses. Ich finde das erstaunlich, lese ich doch von guten Trainingsleistungen, die nicht nur Milan Sasic anführte, sondern auch Nutzer des MSVportals gesehen haben.

Ich habe große Sorgen. Ich sehe keinen Fortschritt bei der Entwicklung einer Spielkultur. Ich sehe keine Fortschritte bei der Entwicklung mentaler Stärke. Ich sehe nichts, woran sich diese Mannschaft halten kann, wenn es schlecht läuft. Und es läuft immer schlecht. Wie soll diese Mannschaft außer durch Zufälle Tore erzielen? Der Ausgleich wurde nicht durch kontinuierlich wachsenden Druck auf die Bochumer erspielt. Der Ausgleich fiel durch einen  Freistoß. Er kam aus dem Nichts.  Und nebenbei: Wer schoß den Freistoß? Es war Benjamin Kern. In dieser schon länger anhaltenden Phase der völligen Verunsicherung braucht es Spieler, die sich ihrer selbst sicher sind. Benjamin Kern ist so ein Spieler.  Er strahlt auf dem Platz das aus, was diese Mannschaft in Gänze vermissen lässt. Kevin Wolze strahlt das aus. Goran Sukalo ebenfalls. Aber diese Ausstrahlung springt nicht über auf die gesamte Mannschaft. Die Angst der Bochumer wuchs nach dem Ausgleich und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, die Mannschaft des MSV Duisburg gewinnt psychische Energie durch diese so deutlich spürbare Angst des Gegners. Sicher, die Mannschaft erarbeitete sich Chancen. Doch der Blick dieser Mannschaft liegt auf der verpassten Chance. Der Blick liegt nicht auf der Wiederholung von Chancen. Diese Mannschaft ist anfällig für die Enttäuschung. Diese Mannschaft trauert erst immer einen kurzen Moment darüber, dass aus einer Gelegenheit zu einem Tor sich doch kein Tor ergibt. Erst nach diesem kurzen Moment der Resignation wird wieder angegriffen. Dem Gegner wird so für einen Moment Zeit gelassen, sich wieder zu orientieren. Der Schreck des Gegners wird nicht ausgenutzt. Außerdem ist die eigene Anstrengung sich erneut zu motivieren weitaus größer, als wenn die Mannschaft kontinuierlich weiterspielte. Diese Mannschaft denkt zu viel über den Misserfolg nach.

Mit solcher Spielweise wird diese Mannschaft des MSV Duisburg nicht genügend Punkte schaffen, um dem Abstieg zu entkommen. Das ist kein Pessimismus. Das ist Realismus. Im Moment sehe ich bei der Spielweise der Mannschaft keinen Ansatz, um auf bessere Zeiten zu vertrauen. Natürlich kann diese Mannschaft dennoch Spiele gewinnen, und sie kann genügend Spiele gewinnen, um sich am Ende im gesicherten Mittelfeld zu platzieren. Wir können das allerdings nicht sicher glauben, sondern nur erhoffen, weil – und nun alle zusammen im Chor – im Fußball alles möglich ist.

Ich bezweifel übrigens, dass ein neuer Trainer irgendetwas ändern würde. Viel wichtiger wäre das Engagement eines Sportdirektors, der Milan Sasic auf Augenhöhe begegnet und mit dem er sich vertrauensvoll austauschen könnte.  Vielleicht überrascht euch diese Haltung bei meiner Skepsis gegenüber Milan Sasics Handeln in den letzten Wochen. Aber wir haben unter Milan Sasic schon Mannschaften gut spielen sehen. Es geht um das Abgleichen von Ideal und Wirklichkeit des Spielvermögens dieser Mannschaft. Es geht um das Überprüfen, welche Spieler welchen taktischen Anforderungen genügen können. Es geht um das Überprüfen, wo welche Spieler mit ihren Fähigkeiten am besten zu Geltung kommen. All das müsste ein neuer Trainer ohnehin machen. Warum soll es also Milan Sasic nicht mit einem neuen Sportdirektor gemeinsam machen?

2 Antworten zu „Die Mannschaft sieht nur auf den Misserfolg“


  1. 1 Christian Moosbrugger 26. September 2011 um 12:38

    Kern war für mich nicht stark. Ich war im Stadion, und die gesamte erste
    Hälfte über spielte er direkt vor uns. Es gelang ihm weder, Druck nach vorne
    aufzubauen, noch hinten zu stabilisieren, da er wie alle anderen unsicher
    war beim Annehmen und Weiterleiten der Bälle. Nur die Schußtechnik bei
    Standards war hilfreich. Als Absicherung für den dazwischengehenden
    Soares ist er für mein Gefühl auch direkt mitverantwortlich für das Tor
    der Bochumer in letzter Minute. Für mich ist die Niederlage aber begründet
    im erneuten Ausfall Emil Julas, und langsam stellt sich, trotz aller Sympathie für den Langen, doch die Frage, wann er denn mal eine körperlich stabile Phase hat. Bei Jürgen Gjasula klappt auch nichts mehr,
    gegen Bochum wurde er auf die Defensive zurückgenommen, Sukalo
    war dann vorne zwar robust präsent, zeigte aber keinerlei kreative Idee
    und wirkte auch technisch überfordert. Alles in allem aber keineswegs ein
    Zusammenbruch. Was mich eher fertiggemacht hat, war, das wir es in
    letzter Sekunde wieder weggeschenkt haben. Ich fand uns in der ganzen
    zweiten Halbzeit stärker, und Bochum wackelte ganz gewaltig. Ich habe
    im Stadion wirklich kein schlechtes Spiel gesehen. Für mich hängt das mit
    der Spielkultur daran, das ständig rotiert werden muß. Meinen Optimismus
    behalte ich, weil die Spiele immer eng sind und die Mannschaft jetzt schon
    oft in Rückstand war, aber jedesmal zurückgekommen ist, auch wenn es
    dann am Schluss nicht reichte. Beeindruckt hat mich insbesondere Sasic,
    auch Exslager, die nach Spielschluss dafür sorgten, das sich die Truppe
    einer wahren Hölle infernalischer Fanwut in der Auswärtsecke stellte. Falls
    es schon wieder eine Misere mit Dauerverletzungen von Leistungsträgern
    gibt, muß man vielleicht mal gucken, ob bei den Medizinmännern alles
    stimmt. Gestern war ich ziemlich fertig, aber mehr wie jemand, dem ein
    richtiges Unglück zugestossen ist. Ich glaube, das ging den Spielern auch
    so. Entsetzlich und nicht zu rechtfertigen, das von Knallköpfen im wahren
    Sinn des Wortes Kanonenschläge der höchsten Lautstärkekategorie gezielt
    so geworfen wurden, das sie nicht näherkommen konnten und in gewisser
    Weise von den Bochumer Ordnern gegen die eigenen Fans geschützt
    werden mußten. Das hat in mir nochmal einen wahren Solidaritätsschub
    ausgelöst. Ich fand Sasic, im weißen Poloshirt, klein und dick, wie er sich
    dort hinstellte und das einfach ertrug, direkt anrührend in seiner großartigen
    tragischen Tapferkeit. Das war eine harte Nummer, die er sich nicht hätte
    geben müssen, und die um so bedeutsamer ist, als das er sich noch nie in
    die erste Reihe gedrängt hat, wenn es etwas zu feiern gab. Für mich hat
    der Mann gestern erst mal alles wieder wett gemacht. Ich werde jetzt die
    Faust in die Tasche tun und der Sache soviel Zeit geben, sich zu entwickeln,
    wie sie halt braucht. Ich bin solidarisch mit der Mannschaft und ihrem Trainer
    und allen Verantwortlichen (vielleicht mit Ausnahme der Mediziner, aber das
    kann man letztendlich ja nicht von außen beurteilen) solange sie solche
    engen Spiele machen und in dieser Art und Weise, auch nachher, auftritt.
    Wir steigen nicht ab, mit dieser Truppe. Und lassen wir ihm die Zeit, die es braucht, dann bringen uns Sasic und Grlic auch zurück auf vordere Plätze.

  2. 2 Kees Jaratz 26. September 2011 um 19:58

    Und jetzt fällt Jula lange aus, oh, christian. Harte Zeiten, gerade wenn du die Niederlage mit Blick im Stadion vor allem an seinem Ausfall festmachst. Mist!
    Die Kern-Leistung einzuordnen braucht man tatsächlich den Stadionblick und nicht nur die Ausschnitte im TV.
    Und was Sasic angeht, da wurden durch die TV-Bilder meine Sorgen um den Zusammenhalt kleiner. Das wirkte schon so, als ob es grundsätzlich zwischen ihm und den Spielern stimmt.
    Von dem blöden Nachspiel mit den Böllern habe ich gar nichts mitbekommen. So was ist Blödsinn!


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