Archiv für November 2011

Als Grund für Streit ist Eitelkeit zu kurz gedacht

David Karpathy ist gestern zurückgetreten. Er war der Aufsichtsratschef der KGaA. Damit ist die gesamte neu gefundene Führungsebene des MSV Duisburg der Nach-Hellmich-Zeit Geschichte. Was bedeutet das nun? Klaus Wille schreibt bei Der Westen einen Kommentar, den er folgendermaßen einleitet: Der MSV Duisburg ist Spielball persönlicher Interessen und Eitelkeiten geworden.” Mit diesem Kommentar macht er nichts anderes, als was alle am MSV interessierten Menschen auch können. Er schimpft und meckert über die Zustände. Erhellend ist dieser Kommentar nicht. Klaus Wille vertritt Volkes Stimme, ohne diesem Volk auch Argumente für diese Meinung mitzugeben. Was sollen denn diese persönlichen Interessen sein? Das hätte ich gerne gewusst. Persönliche Interessen, das scheint mir ein hingeschmissenes Schlagwort zu sein, das ungedeckt immer gerne gelesen wird, weil ja jeder inzwischen nur noch das Schlimmste denkt von dem, was die Eliten in unserer Gesellschaft bei ihrem Handeln antreibt. Willkommen beim Populismus.

Also, was bedeutet das Geschehen nun? So eine Berichterstattung könnte ja auch einmal davon ausgehen, dass das Geschehen einen anderen Hintergrund hat, als den der persönlichen Interessen und Eitelkeiten. Diese Eitelkeit legt sich natürlich über die eigentliche Ziele, und es ist billig sich daran zu reiben. Interessant wäre es, vermutete Beweggründe für das Verhalten der beiden Parteien aufzuzeigen. Danach kann man sich immer noch über das Alpha-Männchen-Gehabe mokieren. Zu den persönlichen Interessen habe ich schon was gesagt.

Noch einmal, anscheinend geht es bei der Auseinandersetzung in der Führungsebene ja doch auch um Strukturen im Verein, wenn David Karpathy mit genau der Begründung zurück tritt, den Weg für Veränderungen freimachen zu wollen. Wir erinnern uns, er musste ja seinerzeit zum Aufsichtsratsstuhl nahezu getragen werden. Aus tiefstem Herzen hatte er das Amt nicht gewollt. Um so leichter fällt ihm nun der Abschied. Dieter Steffen ist da ein anderes Kaliber, wenn man seine Vita betrachtet. Zwar wurde auch er anscheinend in einem längeren Prozess für das Amt gewonnen, aber er scheint das Gefühl zu mögen, etwas gestalten zu können – auch wenn in seiner Amtszeit bislang davon beim MSV Duisburg nicht viel zu merken war. Auf mich wirkt es jedenfalls stimmig, dass er nicht ohne weiteres den Vorsitz des Gesamtvereins hat aufgeben wollen. So weit erneut die Oberfläche.

Journalisten hätten nun zu fragen, wie die beiden Parteien im Verein sich zu den Strukturen verhalten. Wenn dann keine Antworten gegeben werden, ist das auch etwas, was berichtet werden kann. Aber um diese Fragen geht es, wie wollte Dieter Steffen mit dem jährlichen Verlust des MSV Duisburg in der 2. Liga umgehen? Welche Vorstellung bewegt Hans-Werner Tomalak stellvertretend für den Aufsichtsrat des Gesamtvereins? Möchte er tatsächlich, wie im MSVportal vermutet wird, an bestehende Verträge ran und mit “härteren Bandagen” verhandeln?

Vielleicht wurden diese Fragen schon irgendwo gestellt und ich habe es nur nicht mitbekommen. Hinweise sind hier dankend erbeten. Ansonsten lässt sich nichts anderes machen, als den Ball flach zu halten und darauf zu hoffen, dass Herr Tomalak weiß, dass er so eine Auseinandersetzung nicht hat anfangen dürfen, wenn er nicht schon längst eine Lösung für die Führungsfragen ausgearbeitet hat.

Zwischen Auswärtssieg und Machtpolitik

Die gute Nachricht ist, der 2:1-Auswärtssieg des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue hat am Freitag zu keinem Unfall auf der A3 zwischen Limburg und Bad Camberg geführt. Ich befand mich medial nicht auf der Höhe der Zeit. Ohne mobiles Internet im Auto war ich auf das Radio angewiesen. Zwar hörte ich auf keinem empfangbaren Sender eine Reporterstimme aus Aue kommentieren, doch der hessische Privatsender FFH liefert mit der Senderkennung Textmeldungen als Wortlaufband mit. Das Unentschieden begleitete mich bis Limburg. Seitenblicke auf die Mittelkonsole werfen und unfallfrei Autofahren geht dann doch meist gut, und zum großen Glück gibt es nur ganz selten jene Glücksmomente der 90. Minute irgendwo im Osten, während ich das Ende des Spiels hochrechne und auf die Bestätigung des Endergebnisses warte.

Gesehen habe ich also nichts, gehört habe ich nichts und begnüge mich daher an diesem Wochenende mit den zusammenfassenden Augenzeugenberichten. Lese ich den Spielbericht im Kicker, so bestätigt sich mein Eindruck aus dem Spiel gegen Eintracht Braunschweig. Spielerisch bleibt weiterhin Luft nach oben. Die Möglichkeiten der Mannschaft reichen aber ohne Frage auch im Moment, um dauerhaft genügend Punkte Abstand zum Abstiegs-Relegationsplatz zu halten. Das gelingt durch angstfreies Spiel jedes einzelnen. Das kommt durch das gestiegene Selbstbewusstsein. Die Mannschaft braucht nicht mehr zu hadern, weil ihr Einsatz ohne Ergebnis bleibt. In solchen Momenten kehrt Glück zurück, und dann trifft ein Ball in der letzten Spielminute nach einem steilen Pass von Emil Jula auf eine Unebenheit des Rasens und macht eine minimale, unerwartete Bewegung, so dass der herauslaufende gegnerische Torwart ihn beim Abwehrversuch nicht trifft und Maurice Exslager das Angebot zum Siegtreffer annehmen kann.

Während der sportliche Erfolg zurückkehrt, wird unser aller Aufmerksamkeit aber weiterhin auch von den Streitereien auf der Vorstandsebene in Anspruch genommen. Ich habe zu wenig Zeit, um diesen Streit genauer nachzuzeichnen. Das wäre hilfreich, weil dann die Vermutungen über die Gründe dieser Auseinandersetzung mit Argumenten belegt werden könnten. Grob zusammen gefasst scheint es ja sehr wohl um inhaltliche Fragen zu gehen und nicht nur um persönliche Animositäten und Eitelkeiten. Über allem steht die Frage, wie lässt sich der Spielbetrieb in der 2. Liga für den MSV Duisburg finanzieren? Wie können bestehende vertragliche Vereinbarungen aus der Zeit der Präsidentschaft Walter Hellmichs so verändert werden, dass der strukturell sich ergebende, jährliche Verlust des MSV Duisburg in der 2. Liga sich verringert? Vermutet wird im MSVportal, dass Dieter Steffen daran wenig ändern wollte und Hans-Werner Tomalak für diejenigen steht, die das sehr wohl machen wollen. Das wäre die Erklärung, die die Beteiligten in die Guten und die Bösen unterteilt. So entsteht ein Bild in schwarz-weiß, ich selbst glaube in solchen Fällen ja mehr an Grautöne.

Die Berichterstattung in der lokalen Presse vernachlässigt diese inhaltlichen Gründe. Da muss man im MSVportal bei den betreffenden Themen mitlesen, dort die sachlichen Äußerungen identifizieren und sich selbst eine Meinung bilden. Etwa hier: “Neuer Vorstand – neuer MSV”, oder hier: “Wirtschaftliche Situation beim MSV Duisburg” . So wie über den Streit im Moment in der lokalen Presse berichtet wird, weckt das nur den Unwillen aller am MSV Interessierten. Bei dieser Medieninterpretation des Streits interessiert es irgendwann nur noch die direkt Beteiligten, wer denn welchen Anteil am Streit hat. Alle anderen interessiert nur, wann dieser unangenehme Zustand denn endlich vorbei ist. So stehen in den lokalen Zeitungen an unterschiedlichen Stellen ja inzwischen Nachrichten unkommentiert nebeneinander, die nicht alle stimmen können. Zum Beispiel hat entweder Dieter Steffen, wie im Reviersport berichtet, einen neuen Kandidaten für den Vorstandsposten genannt oder er hat es,  wie bei Der Westen berichtet wird, nicht gemacht. Beides zusammen geht nicht.

Was mir in der Berichterstattung also zu kurz kommt, ist die Frage, wie mit der Auseinandersetzung auch Inhalte verbunden sind. In der regelmäßigen Berichterstattung liegt das Augenmerk auf dem Streit-Bericht selbst. Es wird quasi Oberfläche nachvollzogen, die natürlich nicht mehr ist als das Reviersport-Urteil “Schmierentheater”. Ich allerdings möchte bei dem Ganzen auch an das Interesse der Beteiligten am MSV Duisburg glauben.

PS: Habe gerade im Sky-Spielbericht die Aktion von Emil Jula vor dem Pass auf Maurice Exslager gesehen. Großartig, wie er den Ball annimmt und sich mit dieser Bewegung vom Gegenspieler freimacht! Anderthalb Scorer-Punkte! Mindestens.

Fussballtempel – Von Wuppertal bis Basel, von Aue bis Wien

Wenn ein Buch “Fussballtempel” heißt und darin solch eher bescheidene Spielstätten wie das Wuppertaler Stadion am Zoo vor seinem Umbau vorkommen, lässt sich im Titel doch eine gewisse Voreingenommenheit dem Gegenstand gegenüber erkennen. Sie hat dem Projekt des 1971 geborenen Fotografen Reinaldo Codduo H. nicht geschadet.

Codduo H. war einer der beiden Mitbegründer von 11 Freunde, wo er acht Jahre als Bildredakteur und Fotograf wirkte. Schon früh hatte er begonnen, sich mit der Panorama-Fotografie zu beschäftigen. Seit den 90er Jahren nutzt er sie, um Fußballstadien zu dokumentieren. “Fussballtempel”, in zweiter erweiterter Auflage nun erschienen, sammelt diese Panorama-Fotografien der Stadien und ergänzt sie mit von unterschiedlichen Autoren geschriebenen, immer lesenswerten Portraits der Bauten. Grundlegende statistische Angaben gibt es dazu.

Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1998 und deshalb werden neben den modernen Fußballarenen auch Orte des Fußballs dokumentiert, die so inzwischen nicht mehr zu sehen sind. Wir kennen die Entwicklung, egal welche Stadt, welcher Verein es sich leisten kann, wenn es irgend geht, sollen reine Fußballstadien mit entsprechendem Komfort für die Zuschauer die Attraktivität des Spiels  steigern. Die Laufbahnen verschwanden, die Tribünendächer wuchsen, der glatte Beton ersetzte löchrig gewordenen Stehplatzasphalt.

Coddou H. fotografierte immer während eines Spiels und deshalb sind diese Architektur-Fotos mit Leben erfüllt. Sie zeigen nicht nur die variierende Stadionarchitektur, diese Fotos sind Momentaufnahmen aus dem Fußballalltag in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie zeigen Zuschauerinteresse und Spielerbewegung. Sie bieten Details, in denen man sich verlieren kann. “Fussballtempel” ist Bilderbuch und informatives Nachschlagewerk zugleich. “Fussballtempel” nehme ich gerne immer wieder in die Hand.

Heute bietet es sich zudem an dieser Stelle an, als ein Beispiel für die Panorama-Fotografien das “Sparkassen-Erzgebirgsstadion” in Aue zu zeigen. So können sich alle Zuhausebleibenden eine Vorstellung davon machen, wo der MSV Duisburg heute, am frühen Abend,  nach 90 Minuten siegreich vom Platz gehen wird. Das sieht doch so aus, als könne da mal  1:0 gewonnen werden?

Reinaldo Coddou H.: Fussballtempel. Edition Panorama Verlag, Mannheim 2011. 256 Seiten mit rund 85 doppelseitigen Panoramafotografien in Farbe. € 29,95.

Informationen und weitere Bilder auch unter www.fussballtempel.com

Nur ein wenig “egal wie” gesiegt

Einen Spieltag lang hat sich der MSV Duisburg wieder auf dem 16. Tabellenplatz befunden, dem Relegationsplatz. Wenn ich meine eigene Haltung dazu genauer in den Blick nehme, ahne ich, wie es einigen Fußballern des MSV Duisburg gehen muss. Diese Fußballer sind mit Hoffnung auf größere Erfolge nach Duisburg gekommen und müssen sich nun damit beschäftigen, andere Ziele zu verfolgen. Ich muss mich immer wieder zur Ordnung rufen. Schnell schleicht sich ein: Eigentlich sind wir ja besser. Ich bemerke eine sich gerne einstellende, grundlose Sorglosigkeit. Ich schaffe mir mit dem Verein meiner Zuneigung das gesicherte Mittelfeld selbst und muss mich dann ermahnen, die Wirklichkeit im Kopf zu behalten.

Um so besser, dass sich gestern durch den Sieg des MSV Duisburg gegen Eintracht Braunschweig inneres Bild und Wirklichkeit angenähert haben. Erneut haben die Spieler gezeigt, sie wissen, worum es geht. Eigentlich gab es diese Bereitschaft zur bedingungslosen Anstrengung, bereits im Spiel gegen den SC Paderborn, als Milan Sasic noch Trainer war. Mit Oliver Reck aber ist das Selbstvertrauen aller Spieler zurück gekommen, und der Mut von allen ist wieder spürbar. Dieser Wandel der Einstellung ist ohne Frage Oliver Reck zu verdanken.

Welch ängstlicher Spieler wurde etwa Daniel Brosinski unter Milan Sasic immer wieder. Seine Laufwege vermittelten oft den Eindruck, das Sprinten ist allein ein Zeichen für die Bank. Es schien zu verkünden, ich setze mich so sehr ein, wie ich nur kann, aber bitte spielt mich nicht an.  Unter Oliver Reck lebt Daniel Brosinski auf. Nicht seine zwei Tore gestern machen dieses Urteil möglich, sondern seine dauerhaft vorhandene Bereitschaft, sich auch auf ungewohntem Weg für den Pass anzubieten und im Spiel etwas zu riskieren.

Egal wie, so sagte Oliver Reck, solle gewonnen werden. Es wurde nur ein wenig egal wie. Schon lange fühlte ich mich nicht mehr so zufrieden wie nach der ersten Halbzeit. Eine Führung mit zwei Toren Unterschied. Das war das glückliche, frühe 1:0, bei dem Daniel Brosinskis Kopf nach Emil Julas scharfer Reingabe dem Ball im Weg war, so dass er nicht anders konnte als zu köpfen. Da war dann das zweite Tor von Daniel Brosinski, nachdem er einen von Emil Jula lang geschlagenen Ball  aus der Luft heraus annimmt, ihn dabei über den Torwart hebt und anschließend ins leere Tor einköpfen kann. Und in diesen ersten 45 Minuten kaum Gefahr für das Duisburger Tor durch die Eintracht.

Dieses “egal wie” zeigte sich dann vor allem in der zweiten Halbzeit, als die Braunschweiger druckvoller spielten. Doch entweder blieb die Eintracht beim letzten Pass zu harmlos, oder der Abschluss geriet zu ungenau. Eine Ausnahme gab es. Felix Wiedwald parierte den Kopfball. Felix Wiedwald stand an Stelle von Florian Fromlowitz im Tor. Was dieser wohl nicht erwartet hatte und nur schwer ertragen konnte. Er sah sich “mental” nicht dazu in der Lage, ins Stadion zu kommen. Florian Fromlowitz gehört mit Sicherheit zu den Spielern, die sich ganz andere Vorstellung vom Verlauf der Saison gemacht haben. Nach den Patzern in den letzten Spielen ist die Entscheidung von Oliver Reck nachzuvollziehen. Für Felix Wiedwald war es aber auch ein angenehmes Spiel, um zu debütieren. Die Braunschweiger stellten ihn auf die Probe, ohne ihm alles abzuverlangen.

An Abschlag und Abwurf allerdings sollte er noch stark arbeiten. Die Braunschweiger nahmen seine Bälle oft dankbar auf. Vielleicht wollte er aber auch nur seinen Kollegen Bollmann und Bajic nicht nachstehen. Wobei mir Bajics Fehlpässe als so leichtfertig erscheinen, dass ich sogar schon vermutet habe, ihnen lägen grandiose Spielideen zugrunde, die seine Mitspieler nur noch nicht erkennen können.

Nach den Fehlpässen im Spielaufbau wurde dem Ball sofort im Mannschaftsverband wieder hinterher gegangen. Da war das “egal wie” der bedingungslose Einsatz um die Kontrolle des Spiels. Dieses “egal wie” wurde aber nicht zu dem berühmten “dreckigen” Spiel. Dieses “egal wie” war nur das Wissen, wir müssen rennen und rennen und rennen. Wie es zu den leichtfertig wirkenden Fehlern kommt, ist nicht so genau auszumachen. Liegt es an mangelnde Abstimmung oder am unzureichenden Spielvermögen einzelner Spieler? In Aachen sah der Spielaufbau jedenfalls besser aus. Trotz der Zwei-Tore-Führung zweifelte ich noch lange am Sieg, und erst nach dem Tor von Zvonko Pamic verschwanden diese Zweifel. In diesem Spiel gegen Eintracht Braunschweig zählt nicht nur das Ergebnis. Es war nur ein wenig “egal wie” gesiegt. Weil der Sieg gerade trotz der Fehler in der zweiten Halbzeit so deutlich wurde, macht er mich sicher, es wird nicht mehr lange dauern, bis mein inneres Bild und die Wirklichkeit endgültig wieder übereinstimmen.

Aktion Libero

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul  ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig: Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

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Wieder großartig: Hermann Gerland im Bochumer Schauspielhaus

Wem von den Querelen im Vorstand des MSV Duisburg heute Morgen die Laune verdorben ist, der kann hier jetzt schnell weiterklicken zu diesem Mitschnitt von Hermann Gerlands Talk-Auftritt im Bochumer Schauspielhaus anlässlich von “100 Jahre anne Castroper”. Ich habe da gerade meine alte Liebe zu ihm aufgefrischt. Und ich garantiere euch mit Hermann Gerlands Erzählungen über Jungprofis in der Gegenwart und Gewichtsproblemen, die als “Weiberarsch” erkennbar sind, wird euch der Tag schöner. Jeder halbwegs an Fußball interessierte Mensch sollte Hermann Gerland stundenlang zuhören können. Dieser Mann besitzt so viel Humor, Lebensklugheit und Fußballwissen. Er strahlt Herzenswärme aus bei gleichzeitiger Klarheit in seinen Urteilen über die Wirklichkeit. Und wer den Fußball tatsächlich nur aus Zebra-Perspektive im Blick hat, für den fallen auch zwei Nebensätze zum Duisburger Publikum ab.

Für Worte zu den Entwicklungen auf der Vorstandsebene fehlt mir heute die Zeit. Da müsste tiefer gebohrt werden, damit mehr bei rumkäme, als meine Hoffnung, dass diese Machtspiele inhaltliche Gründe haben, mit deren Weiterverfolgen der Verein vielleicht seine finanziellen Schwierigkeiten in den Griff bekommt. Gegenseitige Abneigung, Eitelkeiten und persönliche Interessen als Hintergrund dieses Konflikts wären ein Desaster.

Keine Experimente

Aus der Zwischenlösung, Oliver Reck zum Trainer der Mannschaft des MSV Duisburg zu machen und ihm Uwe Schubert zur Unterstützung an die Seite zu stellen, wird etwas anderes, was noch nicht ganz ersichtlich ist. Auf jeden Fall können beide mit der Mannschaft nun erst einmal weiter arbeiten, und in Deutschland wird verkündet, Oliver Reck bleibt Cheftrainer beim MSV Duisburg. Auf der Seite des MSV Duisburg finde ich keine Nachricht über die Dauer dieses Vertrages. Bei  Der Westen wird vage formuliert, bis zur Winterpause solle Oliver Reck die Mannschaft stabilisieren.

Für mich sieht das so aus, als hätten die Verantwortlichen beim MSV Duisburg aus einer unangenehmen Situation das beste gemacht. In den zwei letzten Spielen wurde deutlich, die Mannschaft des MSV gewinnt spielerische Qualität zurück. Dennoch wird in so einer Situation Entscheidungsstärke gefordert. Für die Öffentlichkeit muss es den Anschein haben, als werde etwas entschieden. Lässt sich aber in solch einer komplexen Situation genau genug bewerten, um neue Führungskräfte im Verein zu integrieren? Sie müssten auf Anhieb etwas viel besser machen, als es im Moment geschieht. Realistisch betrachtet, müsste für so einen Trainer viel Geld ausgegeben werden. Für alle anderen Trainer gilt, eine Verpflichtung wäre mit Risiko verbunden gewesen. Sowohl was den sportlichen Erfolg angeht, als auch was die zeitliche Dauer angeht. Welcher namhafte Trainer käme für den Rest der Saison? Was angesichts der finanziellen Situation eine notwendige Vertragsdauer wäre. Denn was wäre, wenn auch diese Verpflichtung scheiterte?

Ich glaube zudem, Oliver Reck kennt den Kader so gut, dass er Stärken und Schwächen der einzelnen Spieler besser mit seinen Vorstellungen von einem Spiel in Einklang zu bringen weiß, als es Milan Sasic konnte. In Aachen haben wir das etwa mit Aufstellung von Benjamin Kern auf der linken Abwehrseite gesehen.  Kurzum, die Entscheidungen haben die Stimmung rund um den Verein beruhigt und die Aussichten auf Erfolg nicht verringert. Jetzt gilt es, die ersten Verbesserungen weiter im Blick zu haben, daraus Selbstvertrauen zu ziehen und im besten Fall im nächsten Spiel gegen Eintracht Braunschweig zu siegen.

Bis dahin können wir beim Abschiedsspiel von Ivo Grlic am nächsten Samstag ein wenig sentimental werden. Da lese ich bei Der Westen die Mannschaftsaufstellungen:

„Ivo & Friends“:  Ivo Grlic (1. Halbzeit), Ivica Banovic, Max Eberl, Manasseh Ishiaku, Ulf Kirsten, Ivan Klasnic, Oliver Kreuzer, Willi Landgraf, Klemen Lavric, Erik Meijer, Karlheinz Pflipsen, Oliver Reck, Hans Sarpei, Olaf Thon, Filip Trojan, Olivier Veigneau, Tobias Willi, Marino Biliskov, Serafino Luzzi. Trainer: Frank Engel.

MSV-Allstars: Ivica Grlic (2. Halbzeit), Aziz Ahanfouf, Sven Beuckert, Stefan Blank, Alexander Bugera, Bernard Dietz, Joachim Hopp, Mo Idrissou, Markus Kurth, Norbert Meier, Olcay Sahan, Tom Starke, Mihai Tararache, Christian Tiffert, Sandro Wagner, Carsten Wolters, Stefan Maierhofer. Trainer: Heiko Scholz.


Wenn ich diese Namen lese, durchlebe ich in wenigen Sekunden nahezu ein ganzes Fanleben. Mit Bernard Dietz ist sogar fast die erste Spielergeneration meines Lebens mit dem MSV auf dem Platz dabei, und wenn ich den Namen Stefan Maierhofer lese, werden bis hin zur jüngsten Vergangenheit Erinnerungen wach. Das fühlt sich heute Morgen ganz merkwürdig an, wenn sich bei diesem Lesen nur noch die guten Erinnerungen der Vergangenheit über diese gegenwärtige Mischung aus Hoffnung und Sorgen rund um den MSV Duisburg schieben. Das fühlt sich groß an, ohne dass ich es genauer fassen kann. Da muss ich schlucken. Diese Namen zu lesen ist schön und macht gleichzeitig auch wehmütig.

Was für ein kulturhistorischer Schatz: Die Protokolle der Duisburger Filmwoche

Gestern begann die 35. Duisburger Filmwoche. In diesem Jahr lässt sich aber nicht nur über das Programm der Filmwoche berichten. In diesem Jahr ist dank der Mitarbeiter der Duisburger Filmwoche ein wahrer Schatz für historisch interessierte Menschen im Netz zu entdecken. Auf einer eigenen Seite wurden die “Duisburger Protokolle” online gestellt. Diese Protokolle umfassen einerseits die Inhalte der seit 1980 gezeigten Dokumentarfilme und fassen darüber hinaus die nach den Filmen enstandenen Diskussionen ergebnishaft zusammen.

Natürlich werden sich an den “Duisburger Protokollen” alle Filminteressierten begeistern können, doch darüber hinaus lassen sie sich als Zeugnis für kultur- und sozialhistorische Entwicklungen der letzten 30 Jahre lesen. Die Themenauswahl bei den gezeigten Filmen, die Art der Diskussionen, die entstehenden Fragen, all das zusammen bietet eine Erfahrung von Geschichte nah am tatsächlichen Geschehen. Auf die Seite der Duisburger Protokolle lässt sich immer wieder zurückkehren. Die Fülle des Archivsmaterials ist immens.

 

Schritt für Schritt – Mehr nicht, aber auch nicht weniger

Die Wirklichkeit. Da zerbrechen sich Menschen seit Jahrtausenden den Kopf darüber, was das eigentlich ist, in und mit dem wir unser Leben leben. Mal kommt da was auf uns zu. Mal fühlen wir uns als bewusste Gestalter. Unumstritten ist aber schon seit einiger Zeit, dass wir da ununterbrochen etwas machen, bewusst und unbewusst, damit so eine Wirklichkeit entsteht. Am Unentschieden des  MSV Duisburg im Auswärtsspiel gegen Alemannia Aachen lässt sich das gerade wieder trefflich zeigen.

Für die einen war dieses Spiel ein weiterer Fortschritt, für die anderen macht der verpasste Sieg alles zunichte. Und schon stecken wir mittendrin in der Konstruktion unserer Wirklichkeit.  Was dabei aber keinesfalls außer Acht gelassen werden darf, sind Voraussetzungen, denen sich alle stellen müssen. Wer in einer Raucherkneipe über Bierflecken auf dem Tresen meckert und die entsetzliche Luft beklagt, wird hochkant rausgeschmissen, wenn er nicht irgendwann den Mund hält.  Wer nur den Tabellenachtzehnten als Tabellenletzten wahrnimmt und den zwei, drei Plätze besser platzierten Verein als hoch überlegen voraussetzt, wird unweigerlich enttäuscht.

Auch ich bedauere vergebene Torchancen bei einer besseren Spielanlage. Auch ich ärger mich über Fehler, die es dem Gegner überhaupt erst ermöglichen, Tore zu erzielen. Doch das ist die Wirklichkeit, mit der Spieler, Verantwortliche und wir Zuschauer seit mehreren Wochen umgehen müssen. Und deshalb war dieses Spiel ein großer Fortschritt. Denn die Mannschaft war streckenweise überlegen. Sie bot ansehnliche Kombinationen. Und vor allem hat sie nach den Gegentoren nicht aufgehört zu spielen. Ich halte es für einen Fortschritt, dass in diesem Hin und Her zum Ende des Spiels nicht noch ein zufälliges Tor der Aachener gefallen ist.

“Ein Punkt, der den Zebras nichts bringt“, wird im Reviersport getitelt und das stimmt nicht. So ein Satz wäre nur stimmig, wenn wir uns im letzten Drittel der Saison befänden. Jetzt zeigt dieser Punkt, dass der MSV Duisburg in einem ausverkauften Auswärtsstadion bei einem Gegner, für den es ebenfalls um viel ging, nicht verloren hat. Ob dieser Gegner schwach war oder nicht, ist doch auch davon abhängig, wie gut der MSV Duisburg gespielt hat.

Die wichtige Botschaft dieses Spiels findet sich in solche Sätzen des Spielberichts bei Der Westen: “Die “Zebras” zeigten sich nicht geschockt. Mit Zug zum Tor, ballsicherer und variabler als der Kontrahent hatten die Gäste in einer schnellen Partie auch in der Folge klare spielerische Vorteile”. Es beginnen sich jetzt wieder Qualitäten in der Mannschaft zu zeigen, die uns Zuschauer nicht nur auf das pure Glück hoffen lassen müssen.

Was mich etwas beunruhigt sind kritische Worte von Roland Kentsch zum Spiel. Statt die Fortschritte zu sehen, betont  er den entgangenen Gewinn. Die Stimmung und den Zusammenhalt verbessert so etwas  nicht. Will er mit seinen Sätzen – hier bei Der Westen berichtet – den Boden für Benno Möhlmann bereiten? Muss ich da befürchten, dass er seine in den letzten Wochen gewonnene Machtposition auch im sportlichen Bereich nicht ohne weiteres aufgeben will. So eine Stellungnahme möchte ich nur von den sportlich Verantwortlichen hören. Von keinem sonst.

Tina Halberschmidt hat in ihrer Achterbahn einige Pros und Contras zum Spiel übersichtlich angeführt und überlässt es jedem selbst ein Fazit zu ziehen. Ich glaube wieder an die Mannschaft. Die Mannschaft glaubt übrigens auch wieder an sich selbst. Man muss nur die Stimmen nach dem Spiel gehört haben.

Jubiläumsfeiern stören

Es ist natürlich nicht angenehm für die Fußballer des MSV Duisburg Spielverderber sein zu müssen, aber heute geht es nicht anders. Das macht das Spiel für sie in Aachen nicht einfacher. Ausgerechnet heute kommt beiden Mannschaften das 1000. Zweitliagspiel von Alemannia Aachen in die Quere. Bei so einer Feier will man es doch sorgenfreier haben. Da will man doch nicht auf jeden Punkt gucken müssen. Da soll es doch mal so richtig krachen. Aber was ist? Die Aachener werden nicht weniger kniepig sein als wir Duisburger. Dennoch hoffe ich sehr, nur die Aachener Zuschauer werden schnell die Gelegenheit zu schlechter Laune bekommen. Ausnahmsweise wäre ich heute sogar mit spröder Jubiläumsansprachenstimmung auf beiden Seiten wegen eines Unentschiedens zufrieden.

Außerdem muss ich noch eben einer Legendenbildung vorbeugen. Das mache ich auch zur eigenen Beruhigung, weil ich weiter an konzeptionelles Arbeiten beim MSV Duisburg glauben will. Vorgestern hieß es in einem Vorbericht zum Spiel bei der Der Westen: Oliver Reck feierte beim 0:3 gegen den TSV 1860 München ein misslungenes Debüt. Man könnte meinen, der Effekt, den sich die sportliche Führung durch den Trainerwechsel erhofft hatte, ist bereits verpufft.” Diese rhetorische Behauptung geht an der Wirklichkeit vorbei. Das könnte niemand meinen, weil es bei der Entlassung von Milan Sasic nicht um einen kurzfristigen Effekt ging. Es gab keine funktionierende Einheit mehr zwischen Trainer und Spieler. Und dieser in der rhetorischen Behauptung dahingesagte Grund für eine Trainerentlassung ist der schlechteste, den es überhaupt gibt. Wieviele Studien zeigen inzwischen, dass Trainerentlassungen statistisch gesehen keine Folgen haben. Im Einzelfall kann das natürlich anders sein. Milan Sasic ist hoffentlich nicht wegen seiner Erfolgslosigkeit entlassen worden. Milan Sasic ist entlassen worden, weil er in Zeiten der Erfolgslosigkeit keine Mittel besaß, mit der Erfolgslosigkeit umzugehen. Das ist ein Unterschied. Und ich hoffe, die Verantwortlichen kennen diesen Unterschied.

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