Archiv der Kategorie 'Das Spiel - Außerhalb der Stadien'

Ein Social-Community-Sieger?

Das sollte mal jemand mit Zeit oder Honoraranspruch, am besten wahrscheinlich beidem, recherchieren: Wie setzt sich das Abstimmungsergebnis für die Wahl zum Tor des Monats Dezember 2009 zusammen? Ich fände es jedenfalls interessant zu wissen, ob der Fußballclub der Fans, namentlich Fortuna Köln aka deinfussballclub.de in diesem Fall als Social Community wirken konnte.

Das finde ich deshalb interessant, weil die Frage nach einem schönen Tor vielleicht ein wenig leichter zu beantworten ist als die Frage nach der Leistung eines Trainers. Anfang Oktober war im Kölner Stadt-Anzeiger nämlich noch zu lesen, wie schwierig es ist, wichtige Personalfragen eines Fußballclubs durch basisdemokratische Verfahren entscheiden zu lassen. Da wird ein Fan mal schnell zum Freizeit-Vereinspolitiker auf virtueller Werbetour für einen Fan-Entscheid, der die träge Masse des Fanvolks erst einmal in Wallung bringen muss. Die Social Community „Fans als Mitbestimmer von Fortuna Köln“ ist also dabei herauszufinden, was unter dem Emblem Fußballverein funktioniert und was nicht.

Die Haltung zu einem Tor findet sich da schneller und auch ohne Folgekosten. Da kann nichts falsch gemacht werden, wenn ein Fan einem Spieler seines Vereins die Stimme gibt. Eigentlich also beste Voraussetzungen für Alexander Ende, wenn die etwa 10.500 Anteilseigner? Mitglieder? über das Vereinsportal animiert werden können. Aber das wäre eben herauszufinden.

Wie die ARD-Sportschau am Wochenende bekannt gab, bekam Alexander Endes „Treffer in der NRW-Liga gegen den MSV Duisburg II [...] von den Zuschauern der Sportschau 31,6 Prozent der Stimmen. Auf Rang zwei und drei folgen Matthias Lehman (21,4%) und Daniel Brinkmann (18,7%). Auf vier und fünf Marcel Ndjeng (16,7%) und Aimen Demai (11,4%).“

Nachtrag: Der Zufall will es, dass gerade gestern, was ich aber erst heute lese, der Fortuna-Köln-Insider Boy in the Bubble einen längeren Einblick in die Trainerdiskussion als Basisdemokratie gibt. Weil er zudem den Bezug zur gegenwärtig aufkommenden Diskussion um das Verhalten und den Einfluss von Fans herstellt, ist das ein sehr lesenswertes Stück geworden.

Der kleine Erziehungsratgeber

Als pädagogische Maßnahme schwächt Liebesentzug auf Dauer das Selbstbewusstsein. Nicht von ungefähr hat sich bei Wikipedia noch niemand gefunden, der dieses Stichwort mit Inhalt füllen wollte. Darüber sollten sich Fans im Klaren sein. Mit Wachrütteln von Spielern ist da aus psychologischer Sicht bei offensichtlicher Missachtung der eigenen Spieler nicht viel zu holen. In so einem Fall, wie ihn die „Kohorte“ unlängst öffentlich gemacht hat, müssen auch Fans ehrlich mit sich selbst sein und akzeptieren, dass sie mit dieser Missachtung nur eigene Gefühle zum Ausdruck bringen. Was sie ohne Zweifel dürfen. Nur über die Wirkung müssen sie sich eben sehr bewusst sein.

Allerdings handelt es sich beim Verhältnis zwischen Fußballfans und Fußballspielern ja nicht in erster Linie um ein pädagogisches Verhältnis, und so gibt es auch andere Einflüsse, die Fans berücksichtigen sollten, wenn sie sich Gedanken machen über ihre Haltung zum Spiel des MSV Duisburg. Und da sehe ich eine Bewegung auf Seiten des Vereins, wie es sie seit Jahren nicht mehr beim MSV Duisburg gegeben hat. Motor dieses sich ändernden Verhältnisses zu den Fans scheint vor allem Bruno Hübner zu sein. Womöglich gibt es dafür ganz konkrete wirtschaftliche Gründe, wie es Tina vermutet, wenn sie einen Zusammenhang zwischen Verlängerung des Sponsorenvertrages mit Schauinsland und der Beziehung des Vereins zu den Fans herstellt. Wichtig sind diese Gründe nicht. Wichtig ist das Ergebnis, und das lässt sich seit der Verpflichtung von Milan Sasic als Trainer sehen.

Außerdem fällt seitdem bei Berichten über Trainer und Mannschaft um so mehr auf, wie sehr sich Peter Neururer immer auch selbst in den Medien zum Thema gemacht hat, wenn eigentlich über den MSV Duisburg berichtet wurde. Es ist wohltuend zu bemerken, wie sehr es seit der Verpflichtung von Milan Sasic weniger um Personen sondern um die Sache selbst geht. Ich wünsche mir sehr, dass die Zuschauer vor dem Spiel gegen den FC Augsburg daran denken. Ärgerlich könnte man dann immer noch werden. Und natürlich hoffe ich, dass das angesichts der dann gezeigten Leistung überhaupt nicht nötig ist.

Vier

Ein komisches Gefühl beschlich mich, als ich vorhin in den Dreiuhr-Nachrichten im Radio von vier manipulierten Zweitligaspielen der letzten Saison gehört habe. Der Gedanke, der MSV Duisburg könne betroffen sein, bedroht ja nicht nur meine Haltung zum Spiel sondern auch mein Schreiben. Während es vorhin im Radio hieß, aus ermittlungstaktischen Gründen nenne man noch keine Vereine, berichtet SPIEGEL ONLINE mit Bezug auf die Neue Osnabrücker Zeitung bereits von zwei manipulierten Auswärtsspielen des Vfl Osnabrück. Es bleiben  noch zwei weitere Spiele.

Nach kurzen Worten bleibt nur Schweigen

Für einen Moment erstarrte gestern abend die Zeit. Nicht nur ich erlebte das so, als ich von Robert Enkes Tod erfuhr. So erlebten das alle, die Robert Enke näher kennen und kannten. So erlebten das die meisten, die sich für Fußball interessieren und von fern etwas über sein Leben gehört hatten. Aber so erlebten das auch viele Menschen um mich herum, für die Fußball nur hin und wieder von Interesse ist.

Sein Tod wirkt deshalb in den Alltag von so vielen Menschen hinein, weil er, ohne dass es der Öffentlichkeit so deutlich bewusst war, an das Gute in uns Menschen erinnerte. Sein öffentliches Auftreten war so, wie wir es uns für unser aller Miteinander wünschen. Man merkte ihm Respekt an, den er dem Gegenüber entgegenbrachte. Man erfuhr von seiner Nachdenklichkeit und Menschlichkeit. Diese besondere Persönlichkeit hat ihre Kraft offensichtlich über den Kreis des Fußballs hinaus entfaltet – nicht weil ihn jemand zum Vorbild stilisierte, sondern einfach durch sein Dasein.

Die allgemeine Fassungslosigkeit angesichts seines Todes hat nichts mit den Umständen seines Todes zu tun. Sie wird hervorgerufen durch Robert Enkes besondere Persönlichkeit. Mehr Worte gibt es nicht, der Rest ist Schweigen.

Stig Töfting will im Polargebiet Fußball spielen

Morgen gibt es hier eine Besprechung der Fußballerbiografie  „Unhaltbar“ des „Welttorhüters“ Lutz Pfannenstiel. Eine Randnotiz des Buches soll euch aber schon heute nicht vorenthalten werden. Pfannenstiel hatte die Idee zu einem ungewöhnlichen Fußballspiel, um damit medienwirksam für den Klimaschutz zu werben. Das Projekt nennt er „Global Goal“. Zunächst war von ihm geplant, in der Antarktis ehemalige und aktuelle Fußballstars  in einem Benefizspiel aufeinander treffen zu lassen. Inzwischen wird das Projekt von vielen Fußballern unterstützt und andere mögliche Spielorte sind hinzugekommen.

Einen dieser Fußballstars, die Lutz Pfannenstiel eine Zusage für das Benefizspiel gegeben haben, konnten wir von 1997 bis 2000 auch in Duisburg spielen sehen: Stig Töfting. Töfting gehört für mich zu den erinnerungswürdigsten Spielern der MSV-Geschichte, und alleine der Abstieg des MSV in der Saison 1999/2000 und Töftings damit verbundener Vereinswechsel verhinderte,  dass sein Name in Duisburg heute in einem Atemzug mit den Helden der 70er Jahre genannt wird. Mit seiner körperbetonten Spielweise im Mittelfeld und mit dem wegen seines bulligen Körpers sehr typischen, dynamischen Laufstils, mit seiner Einsatzbereitschaft und seiner emotionalen Verbundenheit mit dem Publikum gab es jedenfalls alle Zutaten zur Legendenbildung. Die drei Spielzeiten in Duisburg waren dazu einfach nur eine zu kurze Zeit.

Den Fußball nicht vergessen

Oft lese ich etwas über den MSV Duisburg und bin völlig zerrissen. Als Fan neige ich dazu, jedes noch so kleine Zeichen der Verbesserung wie den Anfang einer am Ende erfolgreichen Entwicklung zu deuten. So finde ich es etwa gut, wenn der MSV Duisburg Wissen einkauft, um für sich Werbung zu machen. Das lese ich in der Rheinischen Post.

Dem Zitat des einen von drei Geschäftsführern der beauftragten Agentur h2m Sven Hamers entnehme ich sogar, dass sich die Agentur Gedanken über so etwas wie das öffentliche Bild vom MSV Duisburg gemacht hat:  „Das Profil des MSV sollte geschärft werden, hierbei stehen das Zebra-Maskottchen und die Familienfreundlichkeit im Mittelpunkt. Also entwickelten wir eine einfache, sympathische Botschaft, die auch nach einer möglichen Niederlage immer noch Bestand haben kann“.

Doch sobald ich dieses ganze Zitat wirken lasse, kommt mir meine berufsbedingte Skepsis in die Quere. Wie, bitte schön, passt das zusammen, fragt dann ein Teil von mir: „Profil schärfen“ und „Familienfreundlichkeit“. Welcher Fußballverein im bezahlten Fußball möchte nicht familienfreundlich sein. Da schärft sich nicht allzu viel möchte ich behaupten, so unspezifisch wie diese Familienfreundlichkeit ist. Und was ist überhaupt mit einem der einzigen Merkmale, die den MSV Duisburg als besonderen Verein auszeichnet? Da steht das Zebra aber ziemlich weit vorne. Da ist es also schon ziemlich scharf, das Profil.

Dann aber schimpft schon wieder der Fan in mir mit diesem ewigen Bedenkenträger und sagt, du weißt doch, solche Zitate gibt es zuallererst, um den Text zu beleben und erst danach um Inhalte zu vermitteln. Im besten Fall nur kommt das zusammen. Die haben schon noch mehr drüber nachgedacht in der Agentur, ganz bestimmt.

Das weiß ich, entgegnet Bedenkenträger genervt. Die haben nachgedacht, eben, und gerade dann müssen sie darauf achten, mit welchem einzigen Satz sie in die Öffentlichkeit treten wollen. Es gibt erst einmal nur diesen einen Satz. Mehr nicht. Ist es etwa meine Aufgabe auf all das Ungesagte zu hoffen? Es ist doch deren Aufgabe, all das Ungesagte zu verheißen. Denn viel wichtiger als Familienfreundlichkeit ist das Spiel selbst, um das sich der MSV kümmern muss. Denn auf welchem Produkt basiert das ganze Geschäft? Da braucht es Ideen unabhängig vom Erfolg der Mannschaft.

Quatsch, sagt der Fan. Es ist deine Aufgabe,  den Verein zu unterstützen und nicht alles sofort schlecht zu reden.

Ich rede nichts schlecht. Ich mache mir Sorgen, dass eine gute Idee nicht so gut wie möglich umgesetzt wird. Verstehst du, DU BLINDER FAN?

DU UNPRODUKTIVER BEDENKENTRÄGER!

Salami-Spieltags-Kritiker-Pseudokritik

Gegen die Spielplanzerstückelung wurden viele Argumente vorgebracht. Vor allem im Amateurfußball formierten sich Gegner der neuen Anstoßzeiten. Wie macht man als DFL-Geschäftsführer nun die erste öffentliche Stellungnahme der DFL über die Akzeptanz der neuen Anstoßzeiten zu einer umfassenden Erfolgsmeldung und vermeidet das erneute Aufkommen der alten Diskussion? Dazu nehme man mit Peter Neururer einen leicht angreifbaren Gegner, der zu dem Thema Amateurfußball und Anstoßzeiten nichts gesagt hat, sich aber glücklicher Weise einmal kritisch zum Anstoßtermin, 13 Uhr samstags, geäußert hat. Dann mache man sich über den Gegner lustig und rechne mit Beifall von Fans für billigen Spott über einen umstrittenen Trainer mit Neigung zur vollmundigen Selbstdarstellung.

Football against the enemy – Simon Kuper

In künstlich aufgeregten Zeiten wie diesen, bin ich es schnell leid, mich mit so etwas Unbedeutenden wie der Zukunft von Peter Neururer zu beschäftigen. Jeder weitere Gedanke daran scheint mir verschwendete Lebenszeit, und zwar nicht weil mir das Schicksal des MSV Duisburg egal wäre, sondern weil ich nicht das Gefühl habe, Peter Neururer spielt mit offenen Karten. In solchen künstlich aufgeregten Zeiten halte ich es immer für eine gute Idee, sich dem Zeitlosen zu widmen, nämlich dem sehr interessanten, überaus klugen und unterhaltsam geschriebenen, kurzum dem äußerst gelungenen Fußballbuch von Simon Kuper „Football against the enemy“.

Simon Kuper ist ein 1969  geborener Sportjournalist mit britischer Staatsangehörigkeit, dessen Biografie ihn genau genommen zu einem Vorzeige-Europäer macht. In Uganda wurde er als Sohn südafrikanischer Eltern geboren. Die Familie scheint holländische Vorfahren gehabt zu haben, so wuchs Simon Kuper ab dem siebten Lebensjahr in den Niederlanden auf und lebt nunmehr in Frankreich. Das nenne ich multikulturell und weltoffen.

Das mag mit ein Grund dafür sein, dass Simon Kupers Interesse für den Fußball sich auf keine Region beschränkt. Fußball wird überall auf der Welt gespielt und überall sind interessante Geschichten rund um den Fußball zu finden. Kuper war knapp über 20, als er Anfang der 90er Jahre neun Monate durch die Welt reiste und dabei 22 Länder besuchte, einzig mit dem Interesse mehr über den Fußball der jeweiligen Region herauszufinden. Da ging es dann um den Fußball in einer Stadt ebenso wie um den Fußball einer Nation. Als Sportjournalist war er damals noch unerfahren und seine Unsicherheiten dieser Zeit fließen manchmal als humorige Randnotiz in diese spezielle Textmischung aus Essay und Reportage mit ein.

Die Texte dieser Zeit sind keineswegs überholt, sondern zeitlos, weil sie in immer neuen Perspektiven das Funktionärswort Lügen strafen, beim Fußball ginge es immer nur um den Sport. Fußball kann ein Projekt sein, mit der eine Gesellschaft versucht sich zu finden wie in Südafrika oder zu stabilisieren wie in Argentinien. Im Fußball können Politik und Kriminalität zueinander finden dank hoher Verdienstmöglichkeiten mittels Menschenhandel vulgo Vereinswechsel mit Ablösesumme wie in der Ukraine Anfang der 90er. Im Fußball können religiöse Konflikte ihre Fortsetzung finden wie bei Celtic und den Rangers in Glasgow. Kuper erzählt aber auch von einem Fan-Dasein, das die DDR als staatsgefährdend bewertete oder er findet weitere Mosaiksteinchen in der langen Kulturgeschichte der Fußballfeindschaft zwischen den Niederlanden und Deutschland.

Kupers Texte sind auch deshalb zeitlos, weil er die einzelnen Anstöße für seine Geschichten rund um den Fußball immer mit kulturgeschichtlichen und historischen Hintergründen erhellt. Zudem besitzt er einen scharfen Blick für typische Momente des Fußballs.  Was er erzählt, kann an einem anderen Ort in dieser Welt ähnlich geschehen, natürlich regional eingefärbt.  Kuper vergisst nie, dass es im Fußball immer auch um das Gewinnen geht, um das Mitfiebern der Zuschauer und um das, was den Fan am Fußball bewegt. Doch eines erfährt man durch ihn auf unterhaltsame Weise auch, Fußball ist immer mehr als nur dieser Sport. Manchmal verdeckt, manchmal ganz offensichtlich.

Simon Kuper: Football against the enemy. Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009. Aus dem Englischen von Markus Montz. 379 Seiten. € 16,90 (Original: Football against the enemy, Orion Publishing Group, London)

Fehlende Krankheitseinsicht oder starke Psyche?

„Bei wem die Psyche nach einem 5:1 in Ordnung ist, der hat ja nicht alle Tassen im Schrank.“ So zitiert die Süddeutsche Zeitung gestern „BVB-Trainer Klopp über den Sinn der Mannschaftsbesprechung am Mittelkreis unmittelbar nach dem Abpfiff“. Wir wissen, Jürgen Klopp gelingt es oft Wahrheiten prägnant auszusprechen. So bringt er mit diesem wunderbaren Satz doch ein Grundproblem von psychischen Erkrankungen auf den Punkt. Allerdings, und das ist eine nicht zu vernachlässigende Schwierigkeit, entpuppt sich manchmal die fehlende Krankheitseinsicht auch als Symptom besonderer psychischer Qualitäten. Solcher psychischer Qualiäten, für die es gerade in der Gesellschaft keinen Platz gibt. Hängt eben alles mit allem zusammen. Wer die Macht hat, erklärt, was normal ist. In Dortmund steht es zurzeit außer Frage, wer die Macht hat. Und dass Jürgen Klopp trotz seiner pointierten Wahrheit zur Normalität von Gefühlslagen bei Nachfrage die psychische Stabilität seiner Spieler etwas differenzierter beurteilen würde, steht für mich außer Frage.

Ich hab´da mal ´ne Frage zur Moral: Der Kouemaha-Wechsel

Die Saison hat längst begonnen und immer noch wechseln die Spieler ihre Vereine. Das ist möglich, weil erst nach dem 31. August der Transfer eines unter Vertrag stehenden Spielers nicht mehr erlaubt ist. In diesem Jahr wurde vom MSV Duisburg am 30. August verkündet, Dorge Kouemaha, einer von drei Stürmern des Vereins und Stammspieler, verlässt den MSV Richtung Brügge. Was danach zur Linderung der Fan-Sorgen folgte, interessiert hier heute nicht.

Mir führt der Weggang von Dorge Kouemaha nämlich etwas vor Augen. Wäre Kouemaha in der Sommerpause gewechselt, hätte das meine Aufmerksamkeit sicher berührt, doch die Angelegenheit wäre in die sachliche Frage nach entsprechendem Ersatz gemündet. Sein Weggang kurz vor Ende des Transferschlusses weckte so etwas wie Trauer über einen Verlust. Und das hatte nichts mit der Spielstärke Kouemahas zu tun oder meinen schwindenden Hoffnungen auf den Aufstieg.

Vielmehr machten sich da Enttäuschung bemerkbar und ein Aufbegehren gegen ein unter den Gegebenheiten des gegenwärtigen Fußballs rationales Handeln, dessen Kosten eine Gruppe, in diesem Fall die Mannschaft, tragen muss. Sprich, hier geht es anhand eines Beispiels an vielleicht überraschender Stelle um Gesellschaftskritik. Das, obwohl der Transfer von Kouemaha im Rückblick als Erfolg gewertet wird. Ich mache da keine Ausnahme und kann dennoch die Bedingungen, die zu ihm führten, kritisieren.

Dieser Wechsel berührt für mich eine Frage der Moral. Erinnern wir uns doch mal an Prüfungen unserer Loyalität als Kinder. Wann fühlte es sich richtig an, wie wir uns verhielten? Stellen wir uns etwa die Einladung zum Geburtstag von einem der besten Freunde vor. Du hast schon zugesagt. Ihr habt euch bereits überlegt, wie toll das alles wird und welche Spiele es nach dem Kuchen essen gibt. Nichts Spektakuläres, was ihr halt immer so macht. Einen Tag vor der Geburtstagsfeier flattert eine zweite Einladung ins Haus. Ein nicht ganz so guter Freund lädt zum spontanen Geburtstagsausflug ein. Es soll in einen Abenteuerpark gehen, und du weißt, mit deinen Eltern kommst du da demnächst nicht hin. Schwierige Entscheidung. Aber bester Freund ist bester Freund und zugesagt ist zugesagt, oder?

Nun erinnert das Fußballgeschäft nur ganz entfernt an schwierige Loyalitätsfragen für Kinder, und die meisten können sicher Dorge Kouemaha heute verstehen, dass er die sich bietende Chance ergreift. Wenn schon die UEFA-Statuten den Vereinswechsel nach Saisonanfang erlauben, warum sollen wir uns dann mit Fragen der Moral beschäftigen? Die Antwort lautet, weil das Nachdenken über solche moralischen Fragen und die daraus entstehenden Werturteile die Statuten kritisierbar machen. Die Wechselperiode müsste meiner Meinung nach vor Saisonbeginn enden.

Bei „11 Freunden“ lese ich gestern zufällig, dass Manni Breuckmann die Wechselmöglichkeit nach Saisonanfang mit einer leicht anderen Begründung ebenfalls für falsch hält. Übrigens spielt „Söldner-Mentalität“ bei dem Thema Wechsel nach Saisonanfang, wenn überhaupt, nur eine kleine Rolle – bei Dorge Kouemaha mit Sicherheit gar keine.

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