Archiv der Kategorie 'Das Spiel - Außerhalb der Stadien'

Nach kurzen Worten bleibt nur Schweigen

Für einen Moment erstarrte gestern abend die Zeit. Nicht nur ich erlebte das so, als ich von Robert Enkes Tod erfuhr. So erlebten das alle, die Robert Enke näher kennen und kannten. So erlebten das die meisten, die sich für Fußball interessieren und von fern etwas über sein Leben gehört hatten. Aber so erlebten das auch viele Menschen um mich herum, für die Fußball nur hin und wieder von Interesse ist.

Sein Tod wirkt deshalb in den Alltag von so vielen Menschen hinein, weil er, ohne dass es der Öffentlichkeit so deutlich bewusst war, an das Gute in uns Menschen erinnerte. Sein öffentliches Auftreten war so, wie wir es uns für unser aller Miteinander wünschen. Man merkte ihm Respekt an, den er dem Gegenüber entgegenbrachte. Man erfuhr von seiner Nachdenklichkeit und Menschlichkeit. Diese besondere Persönlichkeit hat ihre Kraft offensichtlich über den Kreis des Fußballs hinaus entfaltet – nicht weil ihn jemand zum Vorbild stilisierte, sondern einfach durch sein Dasein.

Die allgemeine Fassungslosigkeit angesichts seines Todes hat nichts mit den Umständen seines Todes zu tun. Sie wird hervorgerufen durch Robert Enkes besondere Persönlichkeit. Mehr Worte gibt es nicht, der Rest ist Schweigen.

Stig Töfting will im Polargebiet Fußball spielen

Morgen gibt es hier eine Besprechung der Fußballerbiografie  „Unhaltbar“ des „Welttorhüters“ Lutz Pfannenstiel. Eine Randnotiz des Buches soll euch aber schon heute nicht vorenthalten werden. Pfannenstiel hatte die Idee zu einem ungewöhnlichen Fußballspiel, um damit medienwirksam für den Klimaschutz zu werben. Das Projekt nennt er „Global Goal“. Zunächst war von ihm geplant, in der Antarktis ehemalige und aktuelle Fußballstars  in einem Benefizspiel aufeinander treffen zu lassen. Inzwischen wird das Projekt von vielen Fußballern unterstützt und andere mögliche Spielorte sind hinzugekommen.

Einen dieser Fußballstars, die Lutz Pfannenstiel eine Zusage für das Benefizspiel gegeben haben, konnten wir von 1997 bis 2000 auch in Duisburg spielen sehen: Stig Töfting. Töfting gehört für mich zu den erinnerungswürdigsten Spielern der MSV-Geschichte, und alleine der Abstieg des MSV in der Saison 1999/2000 und Töftings damit verbundener Vereinswechsel verhinderte,  dass sein Name in Duisburg heute in einem Atemzug mit den Helden der 70er Jahre genannt wird. Mit seiner körperbetonten Spielweise im Mittelfeld und mit dem wegen seines bulligen Körpers sehr typischen, dynamischen Laufstils, mit seiner Einsatzbereitschaft und seiner emotionalen Verbundenheit mit dem Publikum gab es jedenfalls alle Zutaten zur Legendenbildung. Die drei Spielzeiten in Duisburg waren dazu einfach nur eine zu kurze Zeit.

Den Fußball nicht vergessen

Oft lese ich etwas über den MSV Duisburg und bin völlig zerrissen. Als Fan neige ich dazu, jedes noch so kleine Zeichen der Verbesserung wie den Anfang einer am Ende erfolgreichen Entwicklung zu deuten. So finde ich es etwa gut, wenn der MSV Duisburg Wissen einkauft, um für sich Werbung zu machen. Das lese ich in der Rheinischen Post.

Dem Zitat des einen von drei Geschäftsführern der beauftragten Agentur h2m Sven Hamers entnehme ich sogar, dass sich die Agentur Gedanken über so etwas wie das öffentliche Bild vom MSV Duisburg gemacht hat:  „Das Profil des MSV sollte geschärft werden, hierbei stehen das Zebra-Maskottchen und die Familienfreundlichkeit im Mittelpunkt. Also entwickelten wir eine einfache, sympathische Botschaft, die auch nach einer möglichen Niederlage immer noch Bestand haben kann“.

Doch sobald ich dieses ganze Zitat wirken lasse, kommt mir meine berufsbedingte Skepsis in die Quere. Wie, bitte schön, passt das zusammen, fragt dann ein Teil von mir: „Profil schärfen“ und „Familienfreundlichkeit“. Welcher Fußballverein im bezahlten Fußball möchte nicht familienfreundlich sein. Da schärft sich nicht allzu viel möchte ich behaupten, so unspezifisch wie diese Familienfreundlichkeit ist. Und was ist überhaupt mit einem der einzigen Merkmale, die den MSV Duisburg als besonderen Verein auszeichnet? Da steht das Zebra aber ziemlich weit vorne. Da ist es also schon ziemlich scharf, das Profil.

Dann aber schimpft schon wieder der Fan in mir mit diesem ewigen Bedenkenträger und sagt, du weißt doch, solche Zitate gibt es zuallererst, um den Text zu beleben und erst danach um Inhalte zu vermitteln. Im besten Fall nur kommt das zusammen. Die haben schon noch mehr drüber nachgedacht in der Agentur, ganz bestimmt.

Das weiß ich, entgegnet Bedenkenträger genervt. Die haben nachgedacht, eben, und gerade dann müssen sie darauf achten, mit welchem einzigen Satz sie in die Öffentlichkeit treten wollen. Es gibt erst einmal nur diesen einen Satz. Mehr nicht. Ist es etwa meine Aufgabe auf all das Ungesagte zu hoffen? Es ist doch deren Aufgabe, all das Ungesagte zu verheißen. Denn viel wichtiger als Familienfreundlichkeit ist das Spiel selbst, um das sich der MSV kümmern muss. Denn auf welchem Produkt basiert das ganze Geschäft? Da braucht es Ideen unabhängig vom Erfolg der Mannschaft.

Quatsch, sagt der Fan. Es ist deine Aufgabe,  den Verein zu unterstützen und nicht alles sofort schlecht zu reden.

Ich rede nichts schlecht. Ich mache mir Sorgen, dass eine gute Idee nicht so gut wie möglich umgesetzt wird. Verstehst du, DU BLINDER FAN?

DU UNPRODUKTIVER BEDENKENTRÄGER!

Salami-Spieltags-Kritiker-Pseudokritik

Gegen die Spielplanzerstückelung wurden viele Argumente vorgebracht. Vor allem im Amateurfußball formierten sich Gegner der neuen Anstoßzeiten. Wie macht man als DFL-Geschäftsführer nun die erste öffentliche Stellungnahme der DFL über die Akzeptanz der neuen Anstoßzeiten zu einer umfassenden Erfolgsmeldung und vermeidet das erneute Aufkommen der alten Diskussion? Dazu nehme man mit Peter Neururer einen leicht angreifbaren Gegner, der zu dem Thema Amateurfußball und Anstoßzeiten nichts gesagt hat, sich aber glücklicher Weise einmal kritisch zum Anstoßtermin, 13 Uhr samstags, geäußert hat. Dann mache man sich über den Gegner lustig und rechne mit Beifall von Fans für billigen Spott über einen umstrittenen Trainer mit Neigung zur vollmundigen Selbstdarstellung.

Football against the enemy – Simon Kuper

In künstlich aufgeregten Zeiten wie diesen, bin ich es schnell leid, mich mit so etwas Unbedeutenden wie der Zukunft von Peter Neururer zu beschäftigen. Jeder weitere Gedanke daran scheint mir verschwendete Lebenszeit, und zwar nicht weil mir das Schicksal des MSV Duisburg egal wäre, sondern weil ich nicht das Gefühl habe, Peter Neururer spielt mit offenen Karten. In solchen künstlich aufgeregten Zeiten halte ich es immer für eine gute Idee, sich dem Zeitlosen zu widmen, nämlich dem sehr interessanten, überaus klugen und unterhaltsam geschriebenen, kurzum dem äußerst gelungenen Fußballbuch von Simon Kuper „Football against the enemy“.

Simon Kuper ist ein 1969  geborener Sportjournalist mit britischer Staatsangehörigkeit, dessen Biografie ihn genau genommen zu einem Vorzeige-Europäer macht. In Uganda wurde er als Sohn südafrikanischer Eltern geboren. Die Familie scheint holländische Vorfahren gehabt zu haben, so wuchs Simon Kuper ab dem siebten Lebensjahr in den Niederlanden auf und lebt nunmehr in Frankreich. Das nenne ich multikulturell und weltoffen.

Das mag mit ein Grund dafür sein, dass Simon Kupers Interesse für den Fußball sich auf keine Region beschränkt. Fußball wird überall auf der Welt gespielt und überall sind interessante Geschichten rund um den Fußball zu finden. Kuper war knapp über 20, als er Anfang der 90er Jahre neun Monate durch die Welt reiste und dabei 22 Länder besuchte, einzig mit dem Interesse mehr über den Fußball der jeweiligen Region herauszufinden. Da ging es dann um den Fußball in einer Stadt ebenso wie um den Fußball einer Nation. Als Sportjournalist war er damals noch unerfahren und seine Unsicherheiten dieser Zeit fließen manchmal als humorige Randnotiz in diese spezielle Textmischung aus Essay und Reportage mit ein.

Die Texte dieser Zeit sind keineswegs überholt, sondern zeitlos, weil sie in immer neuen Perspektiven das Funktionärswort Lügen strafen, beim Fußball ginge es immer nur um den Sport. Fußball kann ein Projekt sein, mit der eine Gesellschaft versucht sich zu finden wie in Südafrika oder zu stabilisieren wie in Argentinien. Im Fußball können Politik und Kriminalität zueinander finden dank hoher Verdienstmöglichkeiten mittels Menschenhandel vulgo Vereinswechsel mit Ablösesumme wie in der Ukraine Anfang der 90er. Im Fußball können religiöse Konflikte ihre Fortsetzung finden wie bei Celtic und den Rangers in Glasgow. Kuper erzählt aber auch von einem Fan-Dasein, das die DDR als staatsgefährdend bewertete oder er findet weitere Mosaiksteinchen in der langen Kulturgeschichte der Fußballfeindschaft zwischen den Niederlanden und Deutschland.

Kupers Texte sind auch deshalb zeitlos, weil er die einzelnen Anstöße für seine Geschichten rund um den Fußball immer mit kulturgeschichtlichen und historischen Hintergründen erhellt. Zudem besitzt er einen scharfen Blick für typische Momente des Fußballs.  Was er erzählt, kann an einem anderen Ort in dieser Welt ähnlich geschehen, natürlich regional eingefärbt.  Kuper vergisst nie, dass es im Fußball immer auch um das Gewinnen geht, um das Mitfiebern der Zuschauer und um das, was den Fan am Fußball bewegt. Doch eines erfährt man durch ihn auf unterhaltsame Weise auch, Fußball ist immer mehr als nur dieser Sport. Manchmal verdeckt, manchmal ganz offensichtlich.

Simon Kuper: Football against the enemy. Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009. Aus dem Englischen von Markus Montz. 379 Seiten. € 16,90 (Original: Football against the enemy, Orion Publishing Group, London)

Fehlende Krankheitseinsicht oder starke Psyche?

„Bei wem die Psyche nach einem 5:1 in Ordnung ist, der hat ja nicht alle Tassen im Schrank.“ So zitiert die Süddeutsche Zeitung gestern „BVB-Trainer Klopp über den Sinn der Mannschaftsbesprechung am Mittelkreis unmittelbar nach dem Abpfiff“. Wir wissen, Jürgen Klopp gelingt es oft Wahrheiten prägnant auszusprechen. So bringt er mit diesem wunderbaren Satz doch ein Grundproblem von psychischen Erkrankungen auf den Punkt. Allerdings, und das ist eine nicht zu vernachlässigende Schwierigkeit, entpuppt sich manchmal die fehlende Krankheitseinsicht auch als Symptom besonderer psychischer Qualitäten. Solcher psychischer Qualiäten, für die es gerade in der Gesellschaft keinen Platz gibt. Hängt eben alles mit allem zusammen. Wer die Macht hat, erklärt, was normal ist. In Dortmund steht es zurzeit außer Frage, wer die Macht hat. Und dass Jürgen Klopp trotz seiner pointierten Wahrheit zur Normalität von Gefühlslagen bei Nachfrage die psychische Stabilität seiner Spieler etwas differenzierter beurteilen würde, steht für mich außer Frage.

Ich hab´da mal ´ne Frage zur Moral: Der Kouemaha-Wechsel

Die Saison hat längst begonnen und immer noch wechseln die Spieler ihre Vereine. Das ist möglich, weil erst nach dem 31. August der Transfer eines unter Vertrag stehenden Spielers nicht mehr erlaubt ist. In diesem Jahr wurde vom MSV Duisburg am 30. August verkündet, Dorge Kouemaha, einer von drei Stürmern des Vereins und Stammspieler, verlässt den MSV Richtung Brügge. Was danach zur Linderung der Fan-Sorgen folgte, interessiert hier heute nicht.

Mir führt der Weggang von Dorge Kouemaha nämlich etwas vor Augen. Wäre Kouemaha in der Sommerpause gewechselt, hätte das meine Aufmerksamkeit sicher berührt, doch die Angelegenheit wäre in die sachliche Frage nach entsprechendem Ersatz gemündet. Sein Weggang kurz vor Ende des Transferschlusses weckte so etwas wie Trauer über einen Verlust. Und das hatte nichts mit der Spielstärke Kouemahas zu tun oder meinen schwindenden Hoffnungen auf den Aufstieg.

Vielmehr machten sich da Enttäuschung bemerkbar und ein Aufbegehren gegen ein unter den Gegebenheiten des gegenwärtigen Fußballs rationales Handeln, dessen Kosten eine Gruppe, in diesem Fall die Mannschaft, tragen muss. Sprich, hier geht es anhand eines Beispiels an vielleicht überraschender Stelle um Gesellschaftskritik. Das, obwohl der Transfer von Kouemaha im Rückblick als Erfolg gewertet wird. Ich mache da keine Ausnahme und kann dennoch die Bedingungen, die zu ihm führten, kritisieren.

Dieser Wechsel berührt für mich eine Frage der Moral. Erinnern wir uns doch mal an Prüfungen unserer Loyalität als Kinder. Wann fühlte es sich richtig an, wie wir uns verhielten? Stellen wir uns etwa die Einladung zum Geburtstag von einem der besten Freunde vor. Du hast schon zugesagt. Ihr habt euch bereits überlegt, wie toll das alles wird und welche Spiele es nach dem Kuchen essen gibt. Nichts Spektakuläres, was ihr halt immer so macht. Einen Tag vor der Geburtstagsfeier flattert eine zweite Einladung ins Haus. Ein nicht ganz so guter Freund lädt zum spontanen Geburtstagsausflug ein. Es soll in einen Abenteuerpark gehen, und du weißt, mit deinen Eltern kommst du da demnächst nicht hin. Schwierige Entscheidung. Aber bester Freund ist bester Freund und zugesagt ist zugesagt, oder?

Nun erinnert das Fußballgeschäft nur ganz entfernt an schwierige Loyalitätsfragen für Kinder, und die meisten können sicher Dorge Kouemaha heute verstehen, dass er die sich bietende Chance ergreift. Wenn schon die UEFA-Statuten den Vereinswechsel nach Saisonanfang erlauben, warum sollen wir uns dann mit Fragen der Moral beschäftigen? Die Antwort lautet, weil das Nachdenken über solche moralischen Fragen und die daraus entstehenden Werturteile die Statuten kritisierbar machen. Die Wechselperiode müsste meiner Meinung nach vor Saisonbeginn enden.

Bei „11 Freunden“ lese ich gestern zufällig, dass Manni Breuckmann die Wechselmöglichkeit nach Saisonanfang mit einer leicht anderen Begründung ebenfalls für falsch hält. Übrigens spielt „Söldner-Mentalität“ bei dem Thema Wechsel nach Saisonanfang, wenn überhaupt, nur eine kleine Rolle – bei Dorge Kouemaha mit Sicherheit gar keine.

Der Wolfgang Clement vom FC Schalke 04

Wo die SPD mangels wöchentlicher Heimspiele sofort mit einem Ausschlussverfahren aufwarten musste, langt bei einem Fußballverein wie dem FC Schalke 04 auch erst einmal der Verlust der Ehrenkarte samt Parkberechtigung. Irgendwann ärgern  sie einfach zu sehr, diese älteren Männer, die es immer noch besser wissen wollen und ihren Mund nie halten können, wenn ein Journalist gerade vorbei läuft. Diese älteren Männer kennen eben nur zu genau die richtigen Worte und Zeitpunkte, um öffentlich gehört zu werden. Was ihren Nachfolgern im Amt die tägliche Arbeit nicht gerade erleichtert.

Rudi Assauer muss nun also zwar nicht wie jedermann in die Arena gehen, aber doch ohne Anerkennung seiner für Schalke 04  einst geleisteten Arbeit. Im Königsblog ist darüber gestern eine kleine Diskussion entstanden, wie dieser Entzug der Ehrenkarte Assauers zu bewerten ist. Ich habe das gelesen und meine eigene Meinung machte eine ähnliche Bewegung wie die von mir gelesenen Beiträge. Am Ende habe ich mich dann gefragt, warum ich zunächst Torsten Wieland recht gab, der diesen Entzug der Ehrenkarte für unsouverän hielt und ich schließlich auch mit gleicher Entschiedenheit den Befürwortern des Entzugs folgen konnte, die meinten, bei allen Verdiensten darf niemand den Verein derart mit Kritik überziehen, wie es Assauer ständig machte.

Ich glaube nun, in meiner eigenen Unentschiedenheit offenbart sich das Doppelgesichtige des modernen Profifußballs. Traditionen alten Vereinslebens sind im modernen Fußball trotz aller offensichtlichen Veränderungen der Vereine hin zu Wirtschaftsunternehmen weiterhin lebendig. Mehr noch, auf Traditionen muss in den meisten Vereinen Bezug genommen werden, damit sie als Wirtschaftsunternehmen überhaupt erfolgreich sein können. Denn Fußball ist keine unterhaltsame Freizeitgestaltung an sich, sobald der Ball nicht von den allerbesten Spielern kontrolliert wird. Die Attraktivität des Fußball-Angebots eines Vereins muss also meist auf andere Quellen zurückgreifen. Natürlich ist so eine Quelle die Frage nach Sieg oder Niederlage. Auf dieser Ebene geht es dann auch um die Bedeutung des Vereins, und die lässt sich einfacher herstellen, indem auf die Tradition zurückgegriffen wird. Da spielt dann das öffentliches Reden über die Bedeutung des Vereins ebenso eine Rolle wie Gesten der Verbundenheit mit Fans bei den Akteuren auf Vereinsseite.

Wenn diese Formen von Tradition aufgegriffen werden, wissen Fans um die mögliche Scheinhaftigkeit eines solchen Redens. Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach genau solchen Stimmen. Assauers Ehrenkarte gehört in die Rubrik Vereinstradition, Sparte Umgang mit verdienten Mitgliedern. Interessanter Weise enthüllt die Meldung im RevierSport eine zweite mögliche Deutung des Geschehens, die das Wirtschaftsunternehmen Schalke 04 wieder in den Blick rückt: „Im Mai diesen Jahres endete wohl die letzte vertragliche Verpflichtung zwischen Assauer und den „Knappen”, die es nun bei der Ehrenkarten-Vergabe offensichtlich ganz knapp halten.“ Selbst in diesem Vorgang um den Entzug der Ehrenkarte vermischen sich also die Beweggründe des Handelns. Vielleicht handelt der Verein einfach nur als Unternehmen, das Kosten einsparen will? Fans reden darüber natürlich anders.

Rudi Assauer selbst, so meine ich sicher, würde sich bestimmt mit seinem  Reden über den FC Schalke 04 ganz und gar der Tradition alten Vereinslebens angehörig fühlen, eines Vereinslebens, das auch im Breitensport übrigens seit einiger Zeit nicht mehr sehr lebendig ist. Solche alten Männer wie Rudi Assauer kannten wir in fast allen Vereinen. Dort saßen sie bei den Sommerfesten an einem Tisch ein wenig abseits. Sie rauchten, tranken ihr Bier und erzählten von alten Zeiten. Und wenn jene in der Runde, die es immer noch besser wissen wollten, lauter wurden, unterbrachen sie die Weiseren ihrer Vereinskollegen mit der Bestellung eines weiteren Bieres. Das verhinderte auf jeden Fall solche Mäkeleien, die im Unterhaltungsbetrieb Profifußball Teil des Alltags wurden, weil sie für die Medien umsatzfördernd sind.

Und wenn ich als neutraler Beobachter nun endgültig entscheiden müsste, hätte ich von Rudi Assauer die Ehrenkarte auch zurück gefordert.

Die Wirklichkeit eines Managers im Profi-Fußball

Ein etwas verspäteter Hinweis auf das Interview mit Horst Heldt, dem Manager des VfB Stuttgart, am letzten Freitag in der Süddeutschen Zeitung. Ich weise deshalb darauf hin, weil Horst Heldt über das Tagesgeschäft bei der Suche nach dem Gomez-Nachfolger erzählt und dabei überaus deutlich wird, wieviele Einflussgrößen bei solchen Spielerverpflichtungen zum Tragen kommen. Der Unmut in Stuttgart über Horst Heldt war jedenfalls anscheinend mindestens ebenso groß wie der in Duisburg über Bruno Hübner. Mit diesen Einflussgrößen muss sich aber ein Manager in jedem Verein auseinandersetzen. Denn die jeweiligen Bedingungen bei den Verpflichtungen werden von oben nach unten durchgereicht. Der VfB Stuttgart sieht dabei hoch zu den internationalen Konkurrenten. Wenn Bruno Hübner als Vertreter des MSV Duisburg nach oben blickt, erkennt er natürlich andere Vereine. Der strukturelle Druck ist aber identisch.

Nein, noch kein Urlaub …

Im Stadionbus herrscht keine Urlaubsstimmung, auch wenn es in den letzten Tagen vielleicht so aussah. Der Urlaub wird demnächst kommen, das ist sicher. Doch zurzeit fliegen Fakten und Gerüchte weiter durch die Luft, nur muss ich zeitgleich die Voraussetzungen für besagten Urlaub schaffen. Deshalb nehme ich Fakten und Gerüchte nur an der Oberfläche wahr und nehme die Wirklichkeit einmal so, wie sie zu sein vorgibt. Ich habe keine Zeit sie zu deuten.

Allerdings braucht es auch keine weitere Information als diese: „MSV hat noch Lücken in Kader und auf der Brust„? Sonst im Leben halte ich mich ja auch an Tatsachen und verschwende meine Energie nicht an Unwägbarkeiten. Wenn selbst jene Spieler nicht den Weg nach Duisburg finden, die bereits Verträge unterzeichnet haben, habe ich einfach keine Lust mehr, mir bis zum Saisonanfang weitere Gedanken über den Kader zu machen.

Da muss ich dann feststellen, die sportliche Leitung arbeitet nun mal in einem Segment unserer Volkswirtschaft, in dem Verträge nicht ganz so viel wert sind wie in anderen Bereichen unseres Wirtschaftssystems. Man befindet sich in diesem Segment inzwischen nicht weit weg von jenen Kulturen des Wirtschaftens, wo neben dem offiziellen Preis noch allerlei andere geldwerte Vorteile beim Geschäft eine Rolle spielen. Notfalls darf so was Geldwertes dann auch schon mal in kleinen Scheinen rübergereicht werden, also bleibt so ein Strihavka dann doch bei dem einen Verein, für den er nächste Saison so gerne spielen wollte. Beim anderen Verein, auf den sich der Spieler ebenfalls sehr freute, ist das Thema laut Peter Neururer ja durch. Ich hätte gerne ungebrochenes Mitleid mit der sportlichen Leitung. Das wäre ein Ausdruck meines Vertrauens in sie. Ihr könnt euch aber denken, dass ich mich zur Ordnung rufe, wenn dieses Mitleid aufkommt? Ungebrochenes Mitleid lasse ich erst zu, wenn ich über einen längeren Zeitraum hinweg erkennen konnte, das planvolle Arbeiten wird in Geschlossenheit versucht.

Solches Kritisieren stellt sich einfach ein. Ich will das nicht und würde gerne über all diese mich störenden Dinge hinwegsehen. Das gelingt mir aber nur im Stadion selbst. Vorher muss ich mich damit auseinandersetzen, ob die Unwägbarkeiten der Spieltagplanung in mein Leben hineinpassen und ich die Dauerkarte in diesem Jahr dann doch besser sein lasse. Dann denke ich, wie geht man mit mir doch kaufbereiten Kunden eigentlich um? Bin ich so viel weniger wert als der potentielle Fernsehzuschauer? Anscheinend schon. Da konkurriere ich also beim Ringen um die Gunst der DFL als Kunde im Stadion mit den Kunden am Fernseher. Wenn ich noch länger darüber nachdenke, bekomme ich so schlechte Laune. Dann fühle ich mich zum unbezahlten Statisten degradiert. Meine Anwesenheit im Stadion ist für die Inszenierung des Unterhaltungsprogramms notwendig. Und für meine Statistenrolle werde ich nicht einmal bezahlt. Dieses Nachdenken über meine Rolle als Zuschauer des professionellen Fußballs schmeißt mich hin und her und führt hier mal wieder viel zu weit. Auch das kennt ihr inzwischen. Da müssen grundsätzliche Texte her. Ob die dann geschrieben werden? Bald beginnt die Saison. Vorher der Urlaub.

Vorher aber auch noch die Meldung vom Samstag im Kölner Stadt-Anzeiger zu Lukas Podolski. Ein Lehrstück darüber, wie eine Sportredaktion eine mögliche, lang laufende Geschichte vorbereitet. Titel des Artikels: „Podolski muss weiter warten“. Der 1. FC köln hat nämlich das zweite Testspiel absolviert und Lukas Podolski hat in den jeweils zwei Halbzeiten, die er spielte, kein Tor geschossen. Die nicht vorhandene Nachricht wird selbst in Köln auch durch den Namen Lukas Podolski nicht berichtenswerter. Das weiß  auch der namenlose Journalist oder die Redaktion und es wird zu den wenigen Sätzen über den 7:0-Sieg des FC gegen eine Rhein-Erft-Auswahl  ein entscheidender Satz hinzugefügt, der je nach Lage der Dinge zum Spielball der zukünftigen Berichterstattung werden kann: „Es gibt bereits Leute, die die Minuten zählen, denn die Gegner werden ja nicht leichter.“

Wenn einer von über 20.000 Menschen bei seinem ersten Training beobachtet wird, können Texte über diesen Mann viele Seiten füllen und entsprechend viele Menschen zum Kauf einer Zeitung anregen. Der Keimling für die tragische Geschichte um den so erfolglosen Heimkehrer Lukas Podolski ist jedenfalls gesetzt.

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