Archiv der Kategorie 'Das Spiel – Die Entwicklung'

Warum es schwierig sein kann, die Leistung von Fußballern gerecht zu bewerten

Ich werde jetzt hier nicht zum Büchmann der geflügelten Fußballerworte, aber die letzten Interviews in der Süddeutschen Zeitung haben mir viel Freude bereitet. Und da sie momentan nicht online zu finden sind, will ich euch die besten Stellen nicht vorenthalten. Heute bekommt Sami Khedira die Chance einmal pro domo zu sprechen, also für all die defensiven Mittelfeldspieler, deren größte Qualität es ist, unauffällig einem Spiel den Stempel aufzudrücken. Er erzählt, die Zeit in Madrid habe ihm geholfen, “dieses Spiel noch besser zu verstehen”. Boris Herrmann, der das Interview geführt hat, nimmt das dankend auf und fragt nach diesem Wissen: “Erklären Sie es uns!”

Khedira: Das ist schwierig. Man muss begreifen, dass man einer Mannschaft enorm weiterhelfen kann, ohne direkten Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen. Es geht hier oft um Dinge, die nicht passieren. Es gibt Situationen, in denen ich früher den Weg in die Spitze gegangen wäre, in denen ich heute erkenne: Es ist cleverer, sich herauszunehmen, auf die Möglichkeit einer eigenen Torchance oder einer Vorlage zu verzichten. Aber dafür stehe ich dann richtig, wenn wir den Ball verlieren. Das sieht bei Weitem nicht so spektakulär aus. Das ist praktisch unsichtbar.

Praktisch Unsichtbares entzieht sich schneller Wertung. Wer die Gelegenheit hat, das ganze Interview zu lesen: macht es. Viel Inhalt auf einer Drittelseite.

Entlassene Trainer und die Spielstärke von Fußballern

Manchmal wünsche ich mir von den Menschen mehr Verstand. Ich weiß, ein vergeblicher Wunsch besonders, wenn es um Fußball und um den Erfolg von Mannschaften geht. Gestern war wieder so ein Tag, und dass ich über den 1. FC Kaiserslautern schreibe, hängt mit der Trainerdiskussion um Oliver Reck zusammen. Der Trainer vom 1. FC Kaiserslautern Marco Kurz ist gestern entlassen worden. Die Begründung: “Um aber wirklich jede denkbare Möglichkeit für den Klassenerhalt ausgeschöpft zu haben, müssen wir diesen Weg gehen.” Nun kann man auch Kerzen anzünden in Kirchen oder Medizinmänner einen Kaiserslautern-Rettungs-Tanz tanzen lassen. Macht man das nicht, hat man schon einiges unterlassen, was vielleicht auch zum Klassenerhalt beigetragen hätte. Das ist doch aus Kaiserslautern eine etwas erbärmliche Erklärung für die Trainer-Entlassung. Wäre es nicht ehrlicher zu sagen, der Druck der Straße war zu groß? In einer idealen Welt müsste so eine Entscheidung doch von klaren Analysen begleitet werden, die sich auch kommunizieren ließen: Nach unserer Überzeugung haben die taktischen Maßnahmen in den letzten sieben Spielen nicht funktioniert. Die Beziehung zwischen entscheidenden Spielern des Kaders und dem Trainer ist gestört.  Die Mannschaft ist in einem konditionell schlechten Zustand. All das wären Erklärungen, die ich akzeptiere. Ich akzeptiere nicht, wir wissen auch nicht mehr, was wir machen sollen, also entlassen wir wenigstens den Trainer.

Man sehe sich doch bitte einmal diesen Kader vom 1. FC Kaiserslautern an. Vier Spieler dieses Kaders kennen wir aus ihrer Zeit beim MSV Duisburg. Dort haben sie sich in ähnlicher Situation befunden. Nur guckten sie damals von unten nach oben. In Duisburg ging es für sie um den verzweifelten Versuch, den Aufstieg hinzubekommen. Dorge Kouemaha, Christian Tiffert, Sandro Wagner und Olcay Sahan kennen Vorgaben, die nur schwer zu erfüllen sind. Das ist kein Zufall. Es gibt Einsichten, die sind schmerzhaft. Aber es lebt sich am besten mit ihnen, wenn man sie akzeptiert und sein Handeln darauf abstellt. Die Wahrscheinlichkeit für das mittlere Drittel der Vereine von erster und zweiter Liga zwischen den Ligen hin und her zu pendeln ist groß. Leider gibt es kein Kontinuum für die notwendige Finanzstruktur. Das macht den Verbleib in der ersten Liga so schwierig. Neulich habe ich “Why England loose” angefangenen zu lesen. Der englische Fußballbuchautor Simon Kuper hat es zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Stefan Szymanski geschrieben. Sie haben einen einzigen statistisch messbaren Einflussfaktor für sportlichen Erfolg gefunden, und der war die Höhe des Spieleretats einer Mannschaft.

In einer idealen Welt könnte ein Fußballverein sein Publikum damit dauerhaft vertraut machen, was momentane realistische Möglichkeiten des sportlichen Erfolgs der eigenen Mannschaft sind. Für Kaiserslautern gehörte der Abstieg dazu. Und warum kann ein Trainer, der vor vier Monaten noch für gut genug befunden wurde, diese Mannschaft zu trainieren, nicht auch mit dieser Mannschaft in die 2. Liga gehen? Weil das Fußballstadion einer der wenigen Orte in unserer durchrationalisierten Welt ist, in der Emotionen öffentlich ausgelebt werden können? Ich weiß es nicht. Mir ging jedenfalls angesichts von Marco Kurz Entlassung durch den Kopf,  nur gut, dass der Druck zur Trainerentlassung in Duisburg nicht so groß war. Aus welchen Gründen auch immer. Ich hoffe natürlich, der ein oder andere rationale neben dem mangelnden Geld war auch dabei.

Übermotivierte Vierte Offizielle

 

Übermotivierte Vierte Offizielle

In Liga Zwei, und nur der Vierte Offizielle!
Erinnert irgendwie an Dritter Stand.
Das ganze Spiel steht man fast nur an einer Stelle
und nachher bleibt dein Name unbekannt.

Ich will die Pfeife haben, wenigstens die Fahne halten.
Mir reicht kein Spielernummerntafelheben.
Auch wenn ich noch so helfe bei dem Spielverwalten,
Applaus …? Selbst Pfiffe wird´s für mich nicht geben.

Kein Sportreporter stellt mir eindringliche Fragen
zu einer höchst umstrittenen Entscheidung.
Dabei kann ich durchaus zu allem etwas sagen.
Im Straßeninterview zur Müllvermeidung

bewies ich schon vor Jahren O-Ton-Qualität.
Ich bringe alles mit für die Karriere:
das gute Auge und Autorität.
Mich brächte bei erhitzter Atmosphäre

nicht mal die Weltstar-Rudelbildung aus der Ruhe.
Du bist noch jung
. Ich kann es nicht mehr hören.
Verschwendet bin ich für das Spielfeldrandgetue
von Trainern, Managern, sogar Masseuren.

Die grüßen dich und haben dich sofort vergessen.
Als ob nur auf dem Platz entscheidend ist.
Ey! Mehr Respekt vor mir, das wäre angemessen.
Nur dann ertrage ich den ganzen Mist.

Wenn Trainer gleich die Spieler anschreien und dann denken,
ich merke nicht, sie meinen uns, die Referees.
So Psychospielchen mit mir können die sich schenken.
Da lasse ich nichts durchgehn. Da werde ich fies.

Drum lohnt es, Gestik vor dem Spiegel einzuüben.
Das Auf-Tribüne-Schicken sitzt perfekt.
Das Ganze ist nur Vorspiel für den Rasen drüben.
Ich gebe immer alles, damit man mich entdeckt.

Inspiriert wurde das Fußballgedicht durch diesen Teil der Pressekonferenz des MSV Duisburg vor dem Spiel gegen den FC Erzgebirge Aue. Milan Sasic gewährt hier einen Blick hinter die Kulissen des Trainergeschäfts. Er erzählt von Widrigkeiten der alltäglichen Arbeit. Hervorgerufen werden solche Widrigkeiten oft alleine durch die Begegnung mit einem Menschen. Nicht nur er auch andere Fußballtrainer begegnen diesen Menschen anscheinend in letzter Zeit häufiger als Vierte Offizielle.

Klassengesellschaft – Ein paar Zahlen und Fakten

Gestern hatte ich es mir ja schon ausgemalt, ich könnte mich aus höherem Interesse noch einmal mit dem DFB-Pokalfinale auseinandersetzen. Die Verteilung der Einnahmen des DFB im Pokalwettbewerb muss ja noch  geklärt werden. Besonders weil mir dann doch auch aufgefallen war, dem  gestern hier angemerkten Zitat von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert konnte ich vor allem wegen meiner klassenkämpferischen Empörungsbereitschaft eine eindeutige Lesart geben. Wahrscheinlich ging es Christian Seifert gar nicht um die konkrete Verteilung von Fernsehgeldern sondern eher um seine allgemeine Haltung dazu, welchen Vereinen im Fußball das meiste Geld zusteht.

Mein Anruf beim DFB bestätigte das. Erinnert wurde ich dabei an die unterschiedlichen Interessenlagen von Deutscher Fußballliga und Deutschem Fußballbund. Christian Seifert spricht für die Vereine der 1. und 2. Liga. Der DFB sieht sich dagegen weiterhin auch als Interessenvertreter der Amateurvereine. Dementsprechend möchte die DFL von dem vorhandenen Geld aus TV-Rechten und Bandenwerbung möglichst wenig in den ersten Runden ausschütten, um damit den wahrscheinlich im Wettbewerb verbleibenden Profi-Vereinen am Ende höhere Einnahmen zu garantieren. Die in jeder Runde verteilten Geldsummen wurden zwischen Vertretern von DFL und DFB ausgehandelt. Für alle in einer DFB-Pokalrunde teilnehmenden Vereine ist diese Geldsumme aber inzwischen gleich hoch.  Anfang 2009 hatte der DFB den Verteilungsschlüssel bis einschließlich zur Saison 2011/2012 festgelegt. Demnach erhalten alle Halbfinalisten jeweils 1,75 Millionen Euro. Der Pokalsieger erhält 2,5 Millionen Euro und der Verlier 2 Millionen Euro. Der Betreiber von www.tv-gelder.de rechnet hier die im Wettbewerb erspielten Summen zusammen.

Meine drei Momente für die deutsche Fußballewigkeit

Wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft zu einem gelungenen Geburtstagsfest meiner Frau beitragen kann, weiß sie, was sich gehört und tut alles, um nach der fröhlichen und beschwingten Stimmung im Garten auch das Erleben von begeisterter Freude möglich zu machen.

Darin ist sich Fußball-Deutschland einig, dieser Sieg der deutschen gegen die englische Nationalmannschaft trägt alle Züge jener Spiele, nach denen man in Jahrzehnten noch das Google entsprechende Informations-Orientierungssystem  befragt: Ein erspielter, deutlicher Sieg, der für einige Zeit gefährdet schien. Er war aber auch nur in dem Maß gefährdet, dass es einen angenehm schauerte. Es gab mit dem nicht gegebenen Tor eine für England tragische, falsche Schiedsrichterentscheidung, die sich auch noch an die Geschichte des Wembley-Tores der 66er WM-Begegnung anschließen lässt. Und last but not least, die Mannschaften sind sehr fair miteinander umgegangen.

Für mich besitzt dieses Spiel auf hohem Niveau drei magische Momente, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Das ist als erstes dieser präzise, weite Abschlag von Manuel Neuer zu Miroslav Klose, der diesen Abschlag perfekt aufnimmt, der sich durchsetzt und dann zum 1:0 einschießt. Das war nicht nur das idealtypische Zusammenspiel von Torwart und Stürmer, auch die jeweilige Einzelleistung verdient das Prädikat.

Mein zweiter Moment ist jene Szene im deutschen Strafraum, als Arne Friedrich in einer bedrohlichen Angriffssituation halb grätschend klärt und im Wiederaufrichten den Ball kontrolliert, um ihn danach mit technisch brillanter Ballbehandlung dribblend aus dem Strafraum herauszuspielen. Das geschieht alles in einer einzigen fließenden Bewegung, vom Grätschen bis zum Herausspielen. Großartig oder in den Worten Günter Netzers, brasilianisch!

Und als dritten Moment sehe ich die Ballannahme Mesut Özils in der Nähe der Mittellinie vor dem vierten Tor, als Özil und sein Gegenspieler auf nahezu gleicher Höhe beim gepassten Ball ankommen. Im nächsten Moment hat Özil durch seine präzise Ballaufnahme im Sprint fast zwei Meter Vorsprung.

Die Wahrheit einer Statistik

Auch wenn ich selbst neulich per Auswärtsblog hier ein wenig Statistik ins Spiel gebracht habe, die so beweiskräftig wirkenden Zahlen bilden die Wirklichkeit nur zum Teil ab. Folgendes etwa sollte man beim Lesen von Teilen solcher Statistiken nicht vergessen:

In so eine Statistik fließen ja die Zweikämpfe, die man gar nicht erst bestritten hat, leider nicht mit ein.

Dieser Hinweis ist Jürgen Klopp zu verdanken, als er 75 Prozent gewonnene Zweikämpfe seines Stürmers Lucas Barrios kommentieren musste. Zu lesen in der Süddeutschen Zeitung, gedruckt und nicht online.

Indianer kennen heute Schmerzen

Die zweite Folge der TV-Dokumentation “Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden …” habe ich nur zur Hälfte sehen können. Ich hatte das Aufnehmen vergessen und schaltete den Fernseher in dem Moment ein, als historische Filmszenen der 60er dem damaligen Fußballlaien mit dem angemessenen historischen Kommentar die Härte des Fußballspiels erläuterten. Das erinnerte mich an ein Thema, das im Königsblog Torsten Wieland unlängst aufgegriffen hatte.

Die gezeigten Spielszenen machen einen Zuschauer des modernen Fußballs auf deutschen Boden sprachlos. Da knallen Körper aufeinander, Beine erhalten schmerzhafte Tritte und die Spieler stehen kurz danach oder augenblicklich wieder auf den Beinen. Sie bewegen sich vorsichtig mit schmerzverzerrtem Gesicht und versuchen ihrem Körper die gewohnte Leistungsbereitschaft wieder abzugewinnen. Nur manchmal kommt der Masseur gerannt mit einem Fläschchen in der Hand.

Zu dem unsäglichen Liegenbleiben ohne Grund hat Torsten Wieland schon alles Notwendige gesagt. Es gibt aber einen interessanten weiteren Aspekt, der mir bei dem Vergleich des Verhaltens von Fußballern beim Foulspiel damals und heute in den Sinn kommt. Es gibt da nicht nur mit dem Zeitschinden eine Art Mode des Umgangs mit der Situation. Schmerz, so habe ich den Eindruck, wurde früher auch anders gefühlt.

Aus der medizinischen Forschung ist ja bekannt, die feststellbare körperliche Ursache von Schmerzen reicht für den medizinischen Befund nicht aus. Die psychischen Prozesse der Verarbeitung erst bestimmen, wie der Schmerz des vermeintlich objektiven körperlichen Zustands vom Betroffenen wahrgenommen wird und damit seine Lebensqualität einschränkt. Mir scheint es offensichtlich zu sein, dass in der Vergangenheit Fußballspieler Schmerzen auf andere Weise psychisch verarbeitet haben als es bei Fußballspieler heute geschieht.  Das hat soziale Ursachen, die zum einen meiner Meinung nach im Männerbild unserer Gesellschaft zu suchen sind. Natürlich müssen Männer immer noch in der Tendenz ein wenig mehr aushalten als Frauen, aber das Weinen von Jungen ist bei den Eltern der Gegenwart inzwischen nicht mehr ganz so verpönt. Der Indianer kennt deshalb auch den Schmerz und darf darunter leiden.

Zum anderen prägte die Professionalisierung des Fußballs das Bewusstsein für den Wert der Gesundheit eines Körpers. Damit meine ich auch den Geldwert. Sowohl der Verein als zeitweiliger Eigner dieses Körpers als auch der Spieler selbst bildeten erst im Verlauf dieses in den 60er Jahren einsetzenden Prozesses ein differenziertes Interesse an der möglichst langfristigen Gesundheit des Körpers aus. Je deutlicher aber ein Fußballer einen Begriff davon hat, dass die Ausübung seines Berufes von der Gesundheit seines Körpers abhängt, desto feiner wird die Wahrnehmung von Schmerz.

Wenn ein Fußballspieler heute also nach einem Foul auf dem Boden liegen bleibt, leidet er manchmal tatsächlich mehr als seine Vorgänger beim gleichen Foul. Ganz häufig aber nervt er eben auch nur mit seinem Bedürfnis das Laienschauspiel “Großes Leiden am tiefen Schmerz” aufzuführen.

Programmhinweis: TV

Wer heute Abend um 20:15 Uhr nach dem dann hoffentlich vollbrachten Sieg in Frankfurt die gute Stimmung lieber mit Freunden beim Bier teilen will, sollte sich den Rekorder, analog oder digital, programmieren. Im dritten Programm des WDR läuft dann nämlich der erste Teil einer zweiteiligen Dokumentation über die Anfänge des Profifußballs im Nordrhein-Westfalen der 60er Jahre. “Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden …” ist der Titel der Dokumentation, deren erste Folge “Für´n Appel und ´n Ei” heute zu sehen ist. Die zweite Folge heißt “Gesunde Härte” und wird am 15.5. gesendet.

Das Lexikon der Fußballirrtümer – ein Vorgeschmack

Dieser Mann hat eine Mission, und seine zukünftigen Verbündeten sind wir alle. Wir, deren Gespräche sich irgendwann immer um Fußball drehen. Wir, die süchtig nach Spielberichten sind. Wir, die es immer besser wissen als die Trainer unserer Mannschaften. Wir, die immer erklären können, warum unser Verein dieses Mal schon wieder verloren hat.

Einst hat der Sportwissenschaftler Roland Loy die “ran”-Datenbank aufgebaut. Das ist so lange her, dass die jüngeren Fußballfans schon wieder nur noch die “Sportschau” kennen. Heute berät Roland Loy in Sachen Fußball allerorten und gebärdet sich mit dem “Lexikon der Fußballirrtümer” als Aufklärer im Kampf gegen Ignoranz und Selbstüberschätzung, jene zwei Grundhaltungen, die an den Rändern von Fußballplätzen weltweit anzutreffen sind – bei Trainern, Spielern und Offiziellen, bei Journalisten und den Fans gleichermaßen. Roland Loys Waffen sind Zahlen, und seine Botschaft lautet, nichts Genaues weiß man nicht. Nur eins ist sicher, Roland Loys über Jahre gesammelten Daten beweisen, die meisten Aussagen über Fußball sind falsch.

Bei Roland Loy hört sich das dann immer wieder etwas komplizierter und ungelenker an:

Aufgrund der Vielschichtigkeit des Fußballspiels steht auch die (Sport-)Wissenschaft vor multiplen Problemen, wenn es darum geht die Zusammenhänge in dieser Sportart objektiv, exakt und hinreichend zuverlässig zu entschlüsseln (so liegen beispielsweise bezüglich, der, seitens der Praxisvertreter viel gestellten, Frage hinsichtlich der den Spielerfolg bestimmenden Faktoren bislang so gut wie keine Erkenntnisse vor).

Dann ist es natürlich nur empörend, wenn diese “Praxisvertreter” das Gegenteil behaupten:

Vertreter der Praxis behaupten einerseits irgendwelche Dinge, von denen sie keinerlei sichere Kenntnis haben, erzeugen dabei gegenüber der Öffentlichkeit (die größtenteils gar nicht merkt, dass sie hinters Licht geführt wird) den Eindruck, ganz viel über den Fußball zu wissen und ganz viel Weisheit hinsichtlich dieser Sportart gepachtet zu haben, gehen andererseits aber das Risiko ein, mit ihren Aussagen gravierendsten Irrtümern aufzusitzen und nun durch die Wissenschaft ob ihres Nichtwissens und der Weitergabe unzutreffender Informationen – der – ich will nicht von “Scharlatanerie” sprechen, aber zumindest von (leichtfertiger) Verbreitung von “Halb-” beziehungsweise “Unwahrheiten – überführt zu werden.

Irgendwas verstanden?

Ich frage mich, was den Verlag bewogen hat, den Datensammler Robert Loy als Autor auf diese Weise ins offene Messer hinein laufen zu lassen. Hat es da irgendein Lektorat gegeben? Hat es da irgendeine vorsichtige Andeutung dazu gegeben, dass man bei aller Achtung vor dem Datenmaterial und den Ergebnissen des Wissenschaftlers auf diese Weise kein Buch schreiben kann. Roland Loys Stil erschwert das Verständnis einfachster Sachverhalte auf eine Weise, wie ich es noch nie in einem Buch gesehen habe, das sich an ein breites Publikum richtet.

Dabei schreibt Roland Loy keineswegs unverständlich, weil seine Sprache zu wissenschaftlich ist, sondern weil er grundlegende Regeln zum Satzbau eines verständlichen Schreibens anscheinend nicht kennt und weil diesem Schreiben zudem ein Ringen um Anerkennung innewohnt. In diesem Ringen um Anerkennung unterbricht er den eigenen Gedanken unentwegt mit Zitaten, sei es um jemanden zu widerlegen, sei es um Beistand aus dem klassischen Bildungskanon herbeizurufen. Da erhöht Roland Loy seinen aufklärerischen Gestus durch Worte Georg Christoph Lichtenbergs, des Aphoristikers der deutschen Klassik. Da wird Paulo Coelho, der brasilianischen Erfolgsschriftsteller in Sachen lifestylekompatible Sinnstiftung, im Zitat von Olli Kahn zitiert. Ein Doppelschlag, vielleicht weil Loy den Zahlen Leben einhauchen will? Ich weiß es nicht.

Manchmal hatte ich das Gefühl, Roland Loy sehnt sich bei allem Erfolg mit seinen Statistiken nach etwas anderem, was ihm der Fußball bislang nicht gegeben hat und das er mit diesem Buch nun zu erhaschen hofft. Vergeblich, auf jeden Fall. Seine Haltung beim Schreiben steckt voller Widersprüche. Da schreibt er ein Kapitel zur Einleitung und behauptet nicht lehrmeisterhaft sein zu wollen. Gleichzeitig führt er auf fast jeder Seite eine Fußballgröße an, die eine durch seine Zahlen nicht belegbare Aussage zum Fußballspiel macht. Wenn man einem Menschen Fehler nachweist und dabei anklingen lässt, ich weiß es aber besser, dann wirkt das lehrmeisterhaft, daran kommt auch Roland Loy nicht vorbei. Außerdem behauptet er, es stände nicht in seiner Absicht, sich mit seinen Aussagen dem  Fußball gegenüber wichtig machen zu wollen. Doch was ist diese gespreizte Schau von Zitaten? Warum all diese Geistesgrößen, die ihm schon beigepflichtet haben, als er noch gar nicht auf der Welt war? Was bedeuten diese unzähligen Verweise auf Fußballgrößen? Wie Roland Loy das Thema seines Leben anpackt, macht es schwer, seine Anmerkungen im Einleitungskapitel zu glauben. Man braucht also ein dickes Fell, um die interessanten Momente seines Wissens aus dem Buch herauszupicken. Denn das bleibt unbenommen am “Lexikon der Fußballirrtümer”, so einfach ist das nicht mit dem Fußball. Als Gewissheiten geäußerte Erklärungen für Erfolg und Misserfolg von Spielweisen und Taktiken sind meist nicht mehr als eine Vermutung. Flügelspiel etwa führt nicht öfter zu einem Tor als das Spiel durch die Mitte. Roland Loys Statistiken beweisen es.

Roland Loy: Das Lexikon der Fußballirrtümer. C. Bertelmann, München o. J.
€ 16,00.

Brillantes Fußballbuch: “Oranje brillant”

Für uns aus dem Ruhrgebiet liegt Holland ja direkt um die Ecke und der Nordseeurlaub gehörte zumindest früher zur Kindheit wie Zahnwechsel und Einschulung. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher, ob sich das noch alle Familien leisten können. Aber das führt hier zu weit. Mir geht es um ein Buch, das ein absolutes Muss für jeden Fußballfan ist und das für uns Ruhrgebietler außerdem manches Wiedererkennen der netten Nachbarsleute von nebenan mit sich bringt. Der Brite David Winner hat mit “Oranje brillant” ein Buch über den holländischen Fußball ab Ende der 60er geschrieben. Gleichzeitig ist das eine Kulturstudie über die Niederlande. Außerdem steckt da ein Erinnerungsbuch drin für alle, die in den 70ern mit Ajax-Trikots rumgerannt sind. Was schon ganz was besonderes war, wenn ich mich an die Klassenspiele im Meidericher Stadtpark erinnere. Mit “Oranje brillant” kauft man für wenig Geld ganz viel Buch. Eine ausführlichere Besprechung findet sich hier.

David Winner: Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 363 Seiten. € 7,95


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