Archiv der Kategorie 'Fußball und Kultur'

Stig Töfting will im Polargebiet Fußball spielen

Morgen gibt es hier eine Besprechung der Fußballerbiografie  „Unhaltbar“ des „Welttorhüters“ Lutz Pfannenstiel. Eine Randnotiz des Buches soll euch aber schon heute nicht vorenthalten werden. Pfannenstiel hatte die Idee zu einem ungewöhnlichen Fußballspiel, um damit medienwirksam für den Klimaschutz zu werben. Das Projekt nennt er „Global Goal“. Zunächst war von ihm geplant, in der Antarktis ehemalige und aktuelle Fußballstars  in einem Benefizspiel aufeinander treffen zu lassen. Inzwischen wird das Projekt von vielen Fußballern unterstützt und andere mögliche Spielorte sind hinzugekommen.

Einen dieser Fußballstars, die Lutz Pfannenstiel eine Zusage für das Benefizspiel gegeben haben, konnten wir von 1997 bis 2000 auch in Duisburg spielen sehen: Stig Töfting. Töfting gehört für mich zu den erinnerungswürdigsten Spielern der MSV-Geschichte, und alleine der Abstieg des MSV in der Saison 1999/2000 und Töftings damit verbundener Vereinswechsel verhinderte,  dass sein Name in Duisburg heute in einem Atemzug mit den Helden der 70er Jahre genannt wird. Mit seiner körperbetonten Spielweise im Mittelfeld und mit dem wegen seines bulligen Körpers sehr typischen, dynamischen Laufstils, mit seiner Einsatzbereitschaft und seiner emotionalen Verbundenheit mit dem Publikum gab es jedenfalls alle Zutaten zur Legendenbildung. Die drei Spielzeiten in Duisburg waren dazu einfach nur eine zu kurze Zeit.

Football against the enemy – Simon Kuper

In künstlich aufgeregten Zeiten wie diesen, bin ich es schnell leid, mich mit so etwas Unbedeutenden wie der Zukunft von Peter Neururer zu beschäftigen. Jeder weitere Gedanke daran scheint mir verschwendete Lebenszeit, und zwar nicht weil mir das Schicksal des MSV Duisburg egal wäre, sondern weil ich nicht das Gefühl habe, Peter Neururer spielt mit offenen Karten. In solchen künstlich aufgeregten Zeiten halte ich es immer für eine gute Idee, sich dem Zeitlosen zu widmen, nämlich dem sehr interessanten, überaus klugen und unterhaltsam geschriebenen, kurzum dem äußerst gelungenen Fußballbuch von Simon Kuper „Football against the enemy“.

Simon Kuper ist ein 1969  geborener Sportjournalist mit britischer Staatsangehörigkeit, dessen Biografie ihn genau genommen zu einem Vorzeige-Europäer macht. In Uganda wurde er als Sohn südafrikanischer Eltern geboren. Die Familie scheint holländische Vorfahren gehabt zu haben, so wuchs Simon Kuper ab dem siebten Lebensjahr in den Niederlanden auf und lebt nunmehr in Frankreich. Das nenne ich multikulturell und weltoffen.

Das mag mit ein Grund dafür sein, dass Simon Kupers Interesse für den Fußball sich auf keine Region beschränkt. Fußball wird überall auf der Welt gespielt und überall sind interessante Geschichten rund um den Fußball zu finden. Kuper war knapp über 20, als er Anfang der 90er Jahre neun Monate durch die Welt reiste und dabei 22 Länder besuchte, einzig mit dem Interesse mehr über den Fußball der jeweiligen Region herauszufinden. Da ging es dann um den Fußball in einer Stadt ebenso wie um den Fußball einer Nation. Als Sportjournalist war er damals noch unerfahren und seine Unsicherheiten dieser Zeit fließen manchmal als humorige Randnotiz in diese spezielle Textmischung aus Essay und Reportage mit ein.

Die Texte dieser Zeit sind keineswegs überholt, sondern zeitlos, weil sie in immer neuen Perspektiven das Funktionärswort Lügen strafen, beim Fußball ginge es immer nur um den Sport. Fußball kann ein Projekt sein, mit der eine Gesellschaft versucht sich zu finden wie in Südafrika oder zu stabilisieren wie in Argentinien. Im Fußball können Politik und Kriminalität zueinander finden dank hoher Verdienstmöglichkeiten mittels Menschenhandel vulgo Vereinswechsel mit Ablösesumme wie in der Ukraine Anfang der 90er. Im Fußball können religiöse Konflikte ihre Fortsetzung finden wie bei Celtic und den Rangers in Glasgow. Kuper erzählt aber auch von einem Fan-Dasein, das die DDR als staatsgefährdend bewertete oder er findet weitere Mosaiksteinchen in der langen Kulturgeschichte der Fußballfeindschaft zwischen den Niederlanden und Deutschland.

Kupers Texte sind auch deshalb zeitlos, weil er die einzelnen Anstöße für seine Geschichten rund um den Fußball immer mit kulturgeschichtlichen und historischen Hintergründen erhellt. Zudem besitzt er einen scharfen Blick für typische Momente des Fußballs.  Was er erzählt, kann an einem anderen Ort in dieser Welt ähnlich geschehen, natürlich regional eingefärbt.  Kuper vergisst nie, dass es im Fußball immer auch um das Gewinnen geht, um das Mitfiebern der Zuschauer und um das, was den Fan am Fußball bewegt. Doch eines erfährt man durch ihn auf unterhaltsame Weise auch, Fußball ist immer mehr als nur dieser Sport. Manchmal verdeckt, manchmal ganz offensichtlich.

Simon Kuper: Football against the enemy. Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009. Aus dem Englischen von Markus Montz. 379 Seiten. € 16,90 (Original: Football against the enemy, Orion Publishing Group, London)

Ist Fußball im Pay-TV zu teuer geworden?

Wenn ich mir ein Fußballspiel ansehe, dann fast ausschließlich in einem Stadion. An Pay-TV habe ich deshalb noch nie gedacht, hörte aber neulich nicht nur von einem Freund von dem deutlich gestiegenen Preis für den nun durch Sky Deutschland angebotenen Bundesliga-Fußball, sondern las auch von Verbrauchertriumphen gegenüber dem neuen Fußballrechteverwerter. Deshalb will ich zumindest auf diesen zeitgemäßen Versuch von Verbraucherorganisation hinweisen, damit alle, die es angeht, sich selbst eine Meinung dazu bilden können. Auf der Seite Wir wollen nur Fußball! ist eine Petition verfasst, die man namentlich unterstützen kann.



Verbraucherorganisation ist das eine, das andere sind die dort formulierten sozialen Zusammenhänge von Fußball, Fernsehen und Kosten für die Zuschauer, die der Organisation der Pay-TV-Nutzer eine sinnstiftende Richtung geben. Ich verstehe, dass es zunächst den Anschein haben kann, die Petition beinhalte auch so etwas wie eine sozialpolitische Komponente. Je länger ich aber drüber nachdenke, desto stärker festigt sich meine Meinung, diese höheren Weihen von sozialverträglichen Kosten für die Übertragung von Fußball macht die Petition eher angreifbar als dass die Notwendigkeit von geringeren Pay-TV-Kosten einsehbar wird. Ich kann das in der Kürze jetzt noch gar nicht richtig begründen. Ich habe aber den Eindruck, eigentlich reicht es einfach zu sagen: „Euer Angebot ist zu teuer, und es passt für uns nicht.“ Dafür gibt es nämlich ein sehr gutes Argument, das die  Initiatoren der Petition ein wenig untergehen lassen. Schließlich kauft man mit dem Fußball ganz viel anderen TV-Kram, den man dann doch nicht sehen will.

Der Wolfgang Clement vom FC Schalke 04

Wo die SPD mangels wöchentlicher Heimspiele sofort mit einem Ausschlussverfahren aufwarten musste, langt bei einem Fußballverein wie dem FC Schalke 04 auch erst einmal der Verlust der Ehrenkarte samt Parkberechtigung. Irgendwann ärgern  sie einfach zu sehr, diese älteren Männer, die es immer noch besser wissen wollen und ihren Mund nie halten können, wenn ein Journalist gerade vorbei läuft. Diese älteren Männer kennen eben nur zu genau die richtigen Worte und Zeitpunkte, um öffentlich gehört zu werden. Was ihren Nachfolgern im Amt die tägliche Arbeit nicht gerade erleichtert.

Rudi Assauer muss nun also zwar nicht wie jedermann in die Arena gehen, aber doch ohne Anerkennung seiner für Schalke 04  einst geleisteten Arbeit. Im Königsblog ist darüber gestern eine kleine Diskussion entstanden, wie dieser Entzug der Ehrenkarte Assauers zu bewerten ist. Ich habe das gelesen und meine eigene Meinung machte eine ähnliche Bewegung wie die von mir gelesenen Beiträge. Am Ende habe ich mich dann gefragt, warum ich zunächst Torsten Wieland recht gab, der diesen Entzug der Ehrenkarte für unsouverän hielt und ich schließlich auch mit gleicher Entschiedenheit den Befürwortern des Entzugs folgen konnte, die meinten, bei allen Verdiensten darf niemand den Verein derart mit Kritik überziehen, wie es Assauer ständig machte.

Ich glaube nun, in meiner eigenen Unentschiedenheit offenbart sich das Doppelgesichtige des modernen Profifußballs. Traditionen alten Vereinslebens sind im modernen Fußball trotz aller offensichtlichen Veränderungen der Vereine hin zu Wirtschaftsunternehmen weiterhin lebendig. Mehr noch, auf Traditionen muss in den meisten Vereinen Bezug genommen werden, damit sie als Wirtschaftsunternehmen überhaupt erfolgreich sein können. Denn Fußball ist keine unterhaltsame Freizeitgestaltung an sich, sobald der Ball nicht von den allerbesten Spielern kontrolliert wird. Die Attraktivität des Fußball-Angebots eines Vereins muss also meist auf andere Quellen zurückgreifen. Natürlich ist so eine Quelle die Frage nach Sieg oder Niederlage. Auf dieser Ebene geht es dann auch um die Bedeutung des Vereins, und die lässt sich einfacher herstellen, indem auf die Tradition zurückgegriffen wird. Da spielt dann das öffentliches Reden über die Bedeutung des Vereins ebenso eine Rolle wie Gesten der Verbundenheit mit Fans bei den Akteuren auf Vereinsseite.

Wenn diese Formen von Tradition aufgegriffen werden, wissen Fans um die mögliche Scheinhaftigkeit eines solchen Redens. Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach genau solchen Stimmen. Assauers Ehrenkarte gehört in die Rubrik Vereinstradition, Sparte Umgang mit verdienten Mitgliedern. Interessanter Weise enthüllt die Meldung im RevierSport eine zweite mögliche Deutung des Geschehens, die das Wirtschaftsunternehmen Schalke 04 wieder in den Blick rückt: „Im Mai diesen Jahres endete wohl die letzte vertragliche Verpflichtung zwischen Assauer und den „Knappen”, die es nun bei der Ehrenkarten-Vergabe offensichtlich ganz knapp halten.“ Selbst in diesem Vorgang um den Entzug der Ehrenkarte vermischen sich also die Beweggründe des Handelns. Vielleicht handelt der Verein einfach nur als Unternehmen, das Kosten einsparen will? Fans reden darüber natürlich anders.

Rudi Assauer selbst, so meine ich sicher, würde sich bestimmt mit seinem  Reden über den FC Schalke 04 ganz und gar der Tradition alten Vereinslebens angehörig fühlen, eines Vereinslebens, das auch im Breitensport übrigens seit einiger Zeit nicht mehr sehr lebendig ist. Solche alten Männer wie Rudi Assauer kannten wir in fast allen Vereinen. Dort saßen sie bei den Sommerfesten an einem Tisch ein wenig abseits. Sie rauchten, tranken ihr Bier und erzählten von alten Zeiten. Und wenn jene in der Runde, die es immer noch besser wissen wollten, lauter wurden, unterbrachen sie die Weiseren ihrer Vereinskollegen mit der Bestellung eines weiteren Bieres. Das verhinderte auf jeden Fall solche Mäkeleien, die im Unterhaltungsbetrieb Profifußball Teil des Alltags wurden, weil sie für die Medien umsatzfördernd sind.

Und wenn ich als neutraler Beobachter nun endgültig entscheiden müsste, hätte ich von Rudi Assauer die Ehrenkarte auch zurück gefordert.

Ein Urlaubsfoto in Sachen Fußball

Die Saison 2009/2010 hat mit dem Spiel des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt heute nun auch für mich wirklich begonnen. Alles andere war bislang Vorspiel. Meine Frage nach einer Mitfahrgelegenheit hat sich als zu kurzfristig erwiesen. Das passt zum für mich sehr unvorhersehbaren Verlauf der Sommerferien, an deren Ende ich nun ohne Saisonvorbereitung mit dem Schreiben starte. Dabei stelle ich fest, von jetzt auf gleich in den Text zum Fußball zu finden, erweist sich als schwierig. Auch meine Gedanken brauchen – wie anscheinend die Abwehr des MSV Duisburg – noch mehr Abstimmung. Ich muss mich an den Liga-Alltag erst gewöhnen und werde deshalb zum heutigen Sieg des Vereins aller Vereine morgen meinen Jubel rausschreiben. Heute ziehe ich einen Text zum Aufwärmen vor. Und was bietet sich da mehr an als eine kleine Spielerei am Rand des Fußballfelds, eine kurze Notiz zu einem Urlaubsfoto.

Im Südharz befindet sich in Sangerhausen das Europa-Rosarium, das sich rühmt die weltweit größte Rosensammlung zu besitzen. Was macht man im Harz außer auf den Brocken zu wandern und auf Sommerrodelbahnen dem Vordermann nicht zu nahe zu kommen? Keinesfalls in ein Rosarium gehen, dachte ich. Mein Sohn war da anderer Meinung. Was uninformierte Menschen nur deshalb erstaunt, weil sie nicht wissen, was Rekorde in seinem Freundeskreis gerade bedeuten.  Wer da nach den Ferien von etwas weltweit Größtem erzählen kann, dem wird lange zugehört. So werfe ich heute dank meines Sohnes einmal die Frage auf, wer wohl der letzte verdiente Nationalspieler sein könnte, nach dem jemand eine Rose benennt.

Denn die erste Rose, die ich in Sangerhausen näher betrachtete, war folgende:

2009-07-28 Rose Uwe Seeler Web

Wer nun weiß, dass eine Rose den Namen Uwe Seelers trägt, wird leicht auf den zweiten Fußballer im Rosennamen kommen. Die Fritz-Walter-Rose habe ich in Sangerhausen allerdings nicht gesehen. So weit ich zu Hause beim Googeln fündig wurde, sind  weder nach Franz Beckenbauer noch Rudi Völler Rosen benannt worden. Das sind die beiden einzigen Kandidaten, die mir als verdiente deutsche Fußballer in den Sinn kommen, um einer neu gezüchteten Rose einen Namen zu geben. Wenn sich nun schon für die Vetreter dieser beiden Fußballer-Generationen kein Züchter zur Namensgebung bereit fand, wer kann es dann noch werden? Eine Michael-Ballack-Rose nach dessen Karriere-Ende kann ich mir jedenfalls überhaupt nicht mehr vorstellen. Da haben sich die Welten von Rosenzüchtern und Fußballern doch seit den 70er Jahren sehr weit voneinander entfernt. Vorausgesetzt, mein Referenzwerk „Welt der Rosen“ hat da keine Rosennamenlücken.

Caiuby-Nachrichten lindern Schwindel im Kopf

Seitdem ich vom Bemühen um Caiuby Francisco da Silva gelesen habe, ist das Fenster meiner Wohnung geöffnet.  So ein Mann weckt Hoffnungen. Ich bin dann immer mal wieder am Fenster vorbei gegangen, um einen Blick hinaus zu werfen – aus sicherem Abstand. Auf keinen Fall wollte ich es mir auf der Fensterbank bequem machen, gar hinauslehnen, um etwas besser erkennen zu können. Wie oft bin ich dabei schon fast rausgefallen, wenn der MSV Duisburg an meinem Fenster beachtenswerte Fußballspieler vorbei ziehen ließ. Aber nach dieser Nachricht bleibe ich allmählich jetzt stehen, auch wenn ich kurz danach noch das hier bei „Der Westen“ las. Doch schließlich melden die beteiligten Vereine auf ihren Seiten jeweils auch Vollzug. Der MSV schränkt im Gegensatz zum VfL Wolfsburg noch etwas ein. Richtig bequem mache ich es mir deshalb erst nach dem medizinischen Test. Hoffentlich.

Angesichts des letzten Rests Unsicherheit erfasst mich vor dem Fenster für einen winzigen Moment zuweilen ein leichter Schwindel. Es handelt sich dabei um eine Zivilisationserscheinung. Ich will diesen Schwindel nicht Erkrankung nennen, sonst stehen die zu Wellness-Anbietern werdendende Ärzte schon vor meiner Tür und versprechen gegen ein leider selbst zu zahlendes  Honorar die vielleicht doch einmal bedrohlich werdende gesundheitliche Beeinträchtigung zu beseitigen. Sie müssen es selbst wissen, höre ich schon und weiß nicht mehr, ob die Ärzte dabei meine Gesundheit im Blick haben oder ihren Umsatz. Und schuld sind auch  die Verhältnisse im modernen Fußball. Denn wie das Beispiel VfB Stuttgart und Klas-Jan Huntelaar zeigt, werden nicht nur die Fans vom MSV Duisburg bei Verhandlungen um einen neuen Spielern in ihren Hoffnungen hin und her geworfen. Alleine die verhandelten Summen machen einen Unterschied und natürlich das Niveau des Spiels, auf das sich der umworbene Spieler einlassen soll. Der Schwindel des Fans bleibt gleich.

Ben-Hatira weiß nichts, doch ihm wird geholfen

Oft bevorzugen wir Menschen ein schnelles Urteil. Das ist ein Urinstinkt. So ein schnelles Urteil war einmal verdammt hilfreich, um jene einzige  Entscheidung zu treffen, die nötig war, um nicht der nächsten Raubkatze das Tagesmahl abzugeben. Andererseits ist das Leben seitdem ein wenig komplizierter geworden, heute heißt das nicht mehr bei dem einen deutlich erkennbaren Signal zu flüchten, sondern eigene Hoffnungen für die Zukunft, abgeschätzte Möglichkeiten zur Verwirklichung der Hoffnungen und die Bewertungen von vielen anderen Menschen zur Situation im Besonderen und dem Leben im Allgemeinen zueinander in Bezug zu setzen. Deshalb kann es schon mal sein, dass ein Änis Ben-Hatira an dem einen Tag nicht glaubt, eine ganze Saison beim Zweitliga-Verein MSV Duisburg passten zu seinen hochfliegenden Zukunftsplänene und er am nächsten Tag denkt, es könne ihn vielleicht doch weiterbringen in der Zweiten Liga mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Spielzeit zu erhalten als in irgendeinem Verein der Ersten Liga. Er steht also vor der Frage, tausche ich eine gewisse Sicherheit gegen ein unkalkurierbares Risiko? Er steht vor der Frage, bin ich gut genug, dieses Risiko auf mich zu nehmen? Er steht vielleicht auch vor der Frage, was macht das für einen Eindruck, wenn ich den scheinbar leichteren Weg in Duisburg gehe als mich der stärkeren Konkurrenz in einem Erstliga-Verein zu stellen? So viele Einflussgrößen bei einer Entscheidung, einem Urteil! In so einem Fall von Entscheidungsstarre ist es immer gut, wenn Einflüsse von außen die Sache voranbringen.

Der Fressfeind als Entscheidungszwang von einst erweist sich heute für Änis Ben-Hatira als die sportliche Führung des MSV Duisburg. Und einmal mehr überzeugt mich die Zusammenarbeit von Peter Neururer und Bruno Hübner – in diesem Fall  im Umgang mit der Personalie Änis Ben-Hatira. Es ist ihr Zusammenspiel, das einem Menschen wie Änis Ben-Hatira Orientierung bietet und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen braucht er nie zu grübeln, was für Menschen Peter Neururer und Bruno Hübner sind und welche Motive sie bewegen. Er wird anhand des Ultimatums von Peter Neururer sofort erkennen, das ist der harte Hund, der um meine Fähigkeiten weiß, der mir aber auch Grenzen setzt. Peter Neururer gibt den „bösen Cop“ als Teil der sportlichen Leitung. Änis Ben-Hatira kann aber gleichzeitig erkennen, bei Bruno Hübner findet er Verständnis und Zuwendung. Er steht für die Nestwärme und die Heimat. Bruno Hübner gibt den guten Cop. So kann Änis Ben-Hatira über die Menschen der sportlichen Leitung schnelle Urteile fällen, weil sie die Interessenlagen des MSV Duisburg in der komplexen Entscheidungssituation unter sich aufteilen. Gleichzeitig geben aber beide zusammen Änis Ben-Hatira die notwendige Orientierung, sein Urteil über die Zukunft beim MSV zu fällen.

Peter Neururer und Bruno Hübner ergänzen sich in ihrer Arbeit perfekt. Das steht nicht im Widerspruch zu den Distanzierungen Peter Neururers, die es ja auch gegeben hat. Manchmal gibt es auch in einem gut zusammen arbeitenden Team Dinge, die nicht jeder tragen will. Ich merke, das wird mir hier angesichts so häufiger heftiger Kritik an Bruno Hübner zu einer kleinen Solidaritätsadresse für ihn. Wenn ich lese, wie er im RevierSport-Interview seine Arbeit erklärt, sehe ich planvolles Handeln und nachvollziehbare Gründe für seine Aktivitäten. Die Grenzen, in denen er arbeitet, hat er nicht zu verantworten. Deshalb kann es eigentlich nur heißen, lasst Bruno Hübner mit der Presse sprechen, dann verstehen wir, was beim MSV zumindest geschehen soll.

Fußballer am Theater

Dass Fußballer sich mit Haut und Haaren einem Verein verschrieben, das gäbe es fast nicht mehr. Es würden schon bei den ganz jungen Sonderbedingungen ausgehandelt. Die Situation beträfe aber alle Vereine, sogar den FC Bayern München, der ja nun wirklich in Geld schwimme.

Das, so meine ich, hat gestern Karin Beier, die Intendantin des Kölner Schauspielhauses, in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger gesagt. In dem Interview war sie auf die Perspektiven ihrer Arbeit zu sprechen gekommen. Da ging es um sie überraschende Publikumsbegeisterung, Probleme durch den anstehenden Neubau des Schauspielhauses, aber auch um allgemeine Entwicklungen in der Theaterlandschaft und das Verhältnis zu den Schauspielern. Aber wieso hat sie denn dann über Fußballer geredet?

Quatsch, das waren natürlich gar nicht Fußballer. Und ich begann gerade schon zu denken, mit ihren Bemerkungen hinkt sie der Zeit aber ganz schön hinterher. Damit keine Missverständnisse aufkommen, hier das Originalzitat:

Bei unserem vorhergehenden Gespräch bedauerten Sie, dass so etwas wie eine Ensemblebildung kaum noch stattfindet.

BEIER: Dass Schauspieler sich mit Haut und Haaren einem Theater verschreiben, das gibt es fast nicht mehr. Es werden schon bei den ganz jungen Sonderbedingungen ausgehandelt. Die Situation betrifft aber alle Bühnen, sogar das Burgtheater, das ja nun wirklich in Geld schwimmt. Ich verstehe es, aber ich finde es schade.

Einige Ihrer Schauspieler sind bereits an größere Häuser gewechselt.

BEIER: Da guckt einfach jeder für sich nach dem Besten. Ich versuche damit so umzugehen, dass ich mich nicht persönlich gekränkt fühle. Das ist mitunter nicht leicht. Man hat ja diesen Menschen auch eine Chance gegeben, sie groß gemacht. Aber das wird immer wieder passieren. Deshalb muss man auch eine gewissen Distanz halten. Was man so gemeinhin Professionalität nennt.

Kölner Stadt-Anzeiger, Nr. 156, 9. Juli 2009

Mit den Bindungen in unserer Gegenwart ist das also so eine Sache. Interessant und natürlich auch schon oft beredet und beleuchtet ist jedenfalls der Widerspruch zwischen dem tatsächlichen Verhalten und dem, was als Sehnsucht der Menschen immer wieder zum Ausdruck kommt. Da zeigt man sich im einen Augenblick flexibel und sucht die Chance zum nächsten Karriereschritt. Im nächsten Moment, eher als Konsument möchte man auf Kontinuität vertrauen, sucht man das Ideal der Dauerhaftigkeit. Da geht es um innere Bindung, die das Fortkommen hemmt und diesen Widerspruch tragen wir in uns selbst. Und schon gehen die wildesten Gedanken wieder durcheinander von Richard Sennets Kapitalismuskritik mit dem Blick auf die heute von Arbeitnehmern geforderte Flexibiliät bis hin zur Frage nach den persönlichen Werten.

Was mich am FC Bayern München erstaunt

Wenn ich in München nach Ausflugszielen für junge, hippe Städtetouristen suche, komme ich am FC Bayern München nicht vorbei. Denke ich zumindest angesichts des Unterhaltungswerts von Fußball für diese Gesellschaft und des Erfolgs des Vereins. Ganz selbstverständlich bin ich also davon ausgegangen, dass der FC Bayern München all seinen überall in Deutschland wohnenden Fans während ihres München-Aufenthalts Gelegenheit gibt, die Geschichte und vor allem auch die Pokale dieses Vereins in einer entsprechend aufbereiteten Ausstellung bestaunen zu können. Dem ist nicht so. Es gibt kein Vereinsmuseum. Die Pokale stehen in der Geschäftsstelle. Da kann ein Blick drauf geworfen werden, wenn man mal beim öffentlichen Training vorbeischaut. Aber Vereinsgeschichte? Nichts davon. Merkwürdig. Dabei sind sie doch sonst immer ganz vorne dabei gewesen in der Entdeckung möglicher Geschäftsfelder über den eigentlichen Sport hinaus. Zumal ich mit Uli Hoeneß gerade dort jemanden erlebe, dem traditionelle Werte nicht egal sind. Zu diesen traditionellen Werten gehört doch aber auch das Bewusstsein für die Vergangenheit.

Sandro Wagners Kopfballspiel – Ich will´s wissen

Weil bei der U-21-Europameistermeisterschaft zurzeit drei Spieler im Kader der deutschen Nationalmannschaft  stehen, die in der letzten Saison beim MSV Duisburg spielten, blicken die Öffentlichkeitsarbeiter beim Verein aller Vereine gerne auch mal nach Schweden. Ein wenig Glanz der Auswahlmannschaft könnte ja vielleicht die Schwierigkeiten im Alltag überstrahlen. So richtig zum Zug kommt von den Duisburger Spielern allerdings niemand, nur Änis Ben-Hatira hat Spielzeit erhalten. Von ihm heißt es in Teilen der überregionalen Sportpresse übrigens auch, er sei ein Spieler des Hamburger Sportvereins. Da sollten sich die Sportjournalisten vielleicht an die hoffentlich vorhandene rudimentäre juristische Bildung erinnern und für ihre Kurzinfo den Unterschied zwischen Eigentümer und Besitzer hervorkramen. Fünf Tage noch ist der MSV Duisburg Besitzer von Änis Ben-Hatira, obgleich der Hamburger Sportverein in einem Eigentumsverhältnis zu dem Spieler steht. Wenn im gegenwärtigen Fußball Spieler von ihrem Stammverein mal hierhin, mal dorthin geschickt werden, „um Erfahrungen zu sammeln“, ist es vielleicht sinnvoll, die Berichterstattung um diese zusätzliche Feinheit des Rechtsverhältnisses bei Spielerverträgen zu erweitern.

Ich komme aber ganz vom Thema ab, denn eigentlich sprang mir ein Satz in diesem gestrigen Kurzbericht ins Auge, der in so deutlichem Widerspruch zu meiner eigenen Wahrnehmung steht, dass ich um Hilfe bitte:

Der 1,94 Meter große Wagner, zu dessen Stärken unter anderem das Kopfballspiel zählt, passt momentan nicht ins Konzept.

Habe ich mich da etwa vor kurzem zu weit aus dem Fenster gelehnt? Fußball ist ja ein komplexes Spiel und wie Roland Loy in seinem Statistikbuch betonte, könne eigentlich kein Zuschauer eines Fußballsspiels die Leistungen der Spieler korrekt bewerten. Niemand habe elf Spieler gleichzeitig im Blick. Zur korrekten Leistungsbeurteilung brauche es Datenerhebungen, wie er sie mit seinen Helfern vollzöge. Ich habe Sandro Wagner in den Spielen des MSV Duisburg trotz seiner Größe bislang nicht als starken Kopfballspieler erlebt. Seht ihr das anders? Vielleicht kann man so eine Leistungsbewertung ja auch mit einer Meinungsumfrage schaffen. Ich bin immer dazu bereit, falsche Meinungen zu korrigieren und hinzuzulernen. Ich will´s wirklich wissen.

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