Archiv der Kategorie 'Historie'

Der deutsche Voetbaltrainer Fritz Korbach

Ich kannte Fritz Korbach nicht. Ich kenne aber Heerenveen. Über Jahre hatte ich immer wieder vor, mir bei einem Aufenthalt am nördlichen Ijsselmeer ein Spiel vom sc Heerenveen anzusehen. Geklappt hat das nie. Diesen sc, der die Abkürzung für Sportclub im Clubnamen klein geschrieben wissen will, hat Fritz Korbach  nach langer Zweitligazeit in der Saison 1989/90 wieder in die Eredivisie geführt. Heerenveen war eine seiner vielen Trainerstationen und nicht der einzige Ort, wo ihm mit einem Verein der Aufstieg gelang. Fritz Korbach wurde verpflichtet, wenn es schlecht lief. Regelmäßig gelang es ihm dann, mit seinen Mannschaften den sportlichen Erfolg zurück zu holen. Die Geschichte des niederländischen Fußballs lässt sich nicht ohne den Fritz-Korbach-Effekt schreiben. Wer weiterklickt zur niederländischen Wikipedia, findet diesen im Artikel unter “overige” vermerkt. Sollte Peter Neururer das mitbekommen, kommt er ja vielleicht auf die Idee, den niederländischen Fußball zum Vorbild zu nehmen. Der passende Name für den entsprechenden Effekt in der deutschen Fußballgeschichte fiele ihm mit Sicherheit schnell ein.

Der 2011 gestorbene Fritz Korbach wurde 1945 in Deutschland geboren und hat seine Staatsangehörigkeit nie geändert. Für Freunde esoterischer  Sinnfindung liefert also auch der Fußball Beweise für das Walten ewiger Gleichgewichtsgesetze. Schließlich blieb der Niederländer Willy Lippens in Deutschland. Die folgende kurze Reportage zeigt Fritz Korbach im Jahr 1997 bei der Suche nach dem Ort seiner Kindheit in Deutschland. Ich finde die Reportage so interessant, weil sie grundlegende Fragen zur Identität berührt. Ein anderer möglicher Lebensweg von Fritz Korbach wird immer wieder erkennbar. Die starre Zuschreibung Nationalität löst sich auf. Der Europa-Gedanke wird lebendig.

Wer noch ein wenig über Fritz Korbach erfahren möchte, hier eine Würdigung aus Heerenveen, auch als Erinnerung an den Aufstieg seinerzeit, der zur lang anhaltenden Erstliga-Zugehörigkeit des sc führte. Allerdings auf Niederländisch.

Neue Erinnerungen für das Fangedächtnis: Meiderich – ich – und der MSV

Weil ich weiß, dass der Zebrastreifenblog doch mehr Leser hat als drüben das Fangedächtnis”, stelle ich auch hier online, was Sigi für das “Fangedächtnis des MSV Duisburg” geschrieben hat .

Sigi (*1954)

Mittlerweile 58 Jahre, seit Mitte der 80er Jahre eingefleischter FC St. Pauli-Fan, war meine erste große Fußball-Liebe der Meidericher SV! Geboren in Hamborn und ab 1957 in Untermeiderich aufgewachsen war der Weg zum MSV fast zwangsläufig.

Ich kickte mit meinen Kumpels meist zwischen den damals noch reichlich vorhandenen Trümmergrundstücken oder knallte die Pille ständig gegen irgendwelche Garagentore.
Der Meidericher Stadtpark mit seiner großen Spielwiese war grundsätzlich für Ballspiele gesperrt und wenn sich jemand über das Verbot des Parkwächters hinwegsetzte, waren die Jungs meist viel älter als ich und meine Freunde. In den Schulpausen wurde auf dem schönen Schulhof der Dislichstraße meist mit einem kleinen Tennisball gekickt. Die Tore wurden mit großen Papierkörben markiert.

Irgendwann reichte mir das Kicken auf der Straße nicht und mein Vater kaufte mir richtige Fußballschuhe bei einem Schuster, der sein Geschäft “Unter den Ulmen” hatte. Dann ging es 1963 im Sommer zum MSV in die Westender Straße. So viel ich weiß, war zu der Zeit die D-Jugend noch die jüngste Mannschaft, in der ich mit meinen 8 Jahren zuerst spielte.

Umgezogen wurde sich in wirklichen Umkleidebaracken, die auf der Höhe der jetzigen Schulturnhalle standen. Dort und auf dem Gelände der jetzigen Schule gab es noch einen Fußballplatz, der meist nur an den Rändern ein wenig Rasen aufwies. Hier trainierte uns ab und zu auch Werner Lotz aus der 1. Mannschaft.

Nach dem 2. oder 3. Training kam dann der große Moment: Der Trainer sagte mir, dass ich bei Sport Thielen in der Meidericher Bahnhofstraße mir ein Zebra-Trikot kaufen sollte und dann damit zu unserem ersten Punktspiel zu erscheinen hätte.

Es muss sehr heiß gewesen sein an dem Tag. Jedenfalls bin ich mit angezogenem Trikot und Fußballschuhen, also mit kompletter Fußballmontur, in den Bus gestiegen und zum Spielertreffpunkt gefahren. Der Trainer und die anderen Mitspieler waren ziemlich verwundert, dass ich schon komplett spielfähig angezogen dort so auftauchte. Ich hatte auch sonst nichts da. Umziehklamotten, Duschzeug, Essen und Trinken: Fehlanzeige.

Das Spiel ging dann 0:0 aus  – ich glaube gegen Duisburg 08 -,  und ich traf in meinem allerersten Punktspiel den Pfosten. So ein Mist.

Im Herbst 1963 sollte aber ein absoluter Höhepunkt auf mich warten: Ballholer im Wedau-Stadion beim Spiel: Meidericher SV gegen den großen Hamburger SV. Ich betrat erstmals den heiligen Rasen an der Wedau! Das Stadion kam mir bombastisch groß vor. Ich glaube bei dem Spiel waren ca. 40.000 Zuschauer, die mächtig Krach machten. Ich stand mit einigen Jungs aus meiner Mannschaft in der 2. Halbzeit direkt hinter dem Hamburger Tor auf der Aschenbahn. Ein super Platz: Wir konnten in kurzer Zeit 4 Tore unseres MSV bejubeln! Außerdem warfen wir kleine Steine und Sand von der Aschenbahn von hinten durch das Tornetz auf den Torhüter Schnorr vom HSV, um ihn abzulenken.

Danach versuchte ich im Training teilweise besonders schlecht zu spielen, um wieder als Balljunge für ein Bundesligaspiel im Wedau-Stadion eingeteilt zu werden. Denn früher ging die Einteilung so: Die Guten spielten am Samstag die D-Jugendspiele und die Schlechten waren die Balljungen an der Wedau.

Bewegte Bilder von Eintracht Braunschweig aus dem Jahr 1981 lohnen auch wegen des Voodoo-Zaubers

Jedes Mal, wenn Eintracht Braunschweig als nächster Gegner des MSV Duisburg ansteht, denke ich eigentlich fast immer sofort auch kurz an Ronald Worm. Das wird vielen Fans des MSV so gehen, die ihn in den 1970er Jahren in Duisburg erlebt haben. Für zwei Vereine hat “Ronnie” Worm gespielt, für den MSV Duisburg und für Eintracht Braunschweig. Im Netz sind nicht viele Bilder von ihm in Aktion zu finden.

Da müssen wir statt der blau-weißen Streifen mit dem Jägermeister-Emblem Vorlieb nehmen, wenn wir eins seiner Tore sehen wollen. Ab Minute 2.06 steht Ronald Worm für kurze Zeit im Blickpunkt. Vor der Saison 1979/1980 war er für die damals sehr hohe Ablösesumme von 1 Millionen D-Mark zu Eintracht Braunschweig gewechselt.

Eigentlich müsste jetzt ein Portrait her von dem Spieler, der zu den besten Stürmern zählt, die der MSV Duisburg hatte. Dieses Portrait wird heute nicht geschrieben, stattdessen nur ein paar Stichworte zu seiner Spielerkarriere: Er wuchs in Meiderich auf, wurde mit dem MSV Duisburg  Deutscher A-Jugend-Meister und debütierte als 19jähriger während der Saison 1971/72 im Februar in der Bundesligamannschaft des MSV. Zum Ende der Saison war er Stammspieler. Was in den folgenden Spielzeiten höchstens verletzungsbedingt  gefährdet war. Wahrscheinlich gehört er zu den deutschen Fußballspielern mit der umfangreichsten Nationalmannschaftskarriere, wenn die Berufung in möglichst viele der vorhandenen Mannschaften der Maßstab ist. In drei Jugendnationalmannschaften, in den damals noch vorhandenen Amateur- und B-Nationalmannschaften sowie in der A-Nationalmannschaft kam er zum Einsatz.

Es versteht sich beim Blick auf das kommende Spiel gegen Eintracht Braunschweig, dass für die Bewegtbilder von Ronald Wom heute nur ein Spiel in Frage kommt, das trotz des einen Tores von ihm mit 1:3 verloren ging. Ein wenig Voodoo muß heute sein. Bayern München dient mir da als Nadel für den Plüschlöwen der Eintracht. Und die Randgeschichte über den bei Bayern München unzufriedenen Kalle del Haye gibt es als Bonus dazu. Wir sehen die Schwierigkeiten der Trainer in München ändern sich über die Zeiten nicht sehr.

Ein Ben-Hatira bleibt ein Ben-Hatira

Wenn Zeitungen Fußballer zitieren, bin ich meist vorsichtig und glaube nicht unbedingt, was da als O-Ton geschrieben wird. In dem Fall aber bin ich geneigt,  kein Wort von dem anzuzweifeln, was Änis Ben-Hatira der Berliner Morgenpost gesagt haben soll. In dem Vorbericht zum Spiel des MSV Duisburg gegen Hertha BSC heute Abend wird natürlich kurz auf die beiden Spieler der Berliner ein besonderer Blick geworfen, die vor einiger Zeit beim MSV Duisburg gespielt haben.

Als ich Änis Ben-Hatira im O-Ton las, war ich doch dankbar, dass da einer meine Bilder  der Vergangenheit korrigierte und mich an diese wunderbare Zeit mit ihm in Duisburg erinnerte. So ein versöhnlicher Blick auf die Vergangenheit fühlt sich auch einfach besser an. Mir fiel ja als erstes die Unzufriedenheit mit seinem oft blasierten Auftreten zu Beginn seines Auflaufens für die Zebras ein. Und bei seinem zweiten Engagement erinnere ich mich auch an längere Schattenphasen nach seinen lichten Momenten auf dem Spielfeld. Aber anscheinend war alles doch ganz anders, und ich war gerade immer ein Bier holen, wenn alle vor Begeisterung über ihn von Sinnen waren und unsere jungen weiblichen Zebrafans kreischend in Ohnmacht fielen, sobald er sich an der Eckfahne festdribbelte. Gut, dass er meine Erinnerung korrigiert: “Ich habe mich da mit den Fans richtig gut verstanden und wurde auch schnell Publikumsliebling”, so erzählt Änis Ben-Hatira. Und wenn er es mir noch dreimal erzählt, vergesse ich vielleicht all den anderen Kram endgültig ganz.

Sandro Wagner erinnert sich übrigens auf dieselbe Weise an seine Zeit beim MSV wie ich. Das wäre doch verdammt anstrengend  gewesen, auch das noch über den Haufen zu werfen. Doch “Zeit mit Höhen und Tiefen” umschreibt meine Erinnerungen an ihn, wenn auch die recht allgemeine Form mir sehr viel Gestaltungsspielraum lässt.

Während meiner Spielvorbereitung habe ich mir zudem am Wochenende ein Bild von meinem Sommer-Zweitverein des letzten Jahres gemacht. In Brighton fliegen die Seemöwen im Moment sehr viel kunstvoller als unsere Zebras traben. Brighton and Hove Albion FC, in England auch “The Seagulls” genannt, stehen nach acht Spieltagen ganz oben in Liga 2. Dennoch haben sie gerade das Spiel dieses achten Spieltages gegen Birmingham City mit 0:1 verloren,. Was ich nur deshalb erwähne, weil die Mannschaft mit ihren blau-weiß längstgestreiften Trikots mir eine Ahnung davon gegeben hat, wie Hertha BSC heute Abend vom Platz schleichen könnte. Es war schon die richtige Anmutung. Nun müssen Taten folgen. Über die Linie “geprügelte” Bälle sähe ich dann auch gern und was anderes mag ich mir gar nicht erst vorstellen.

Dann könnten wir im Stadion unserem alten Publikumsliebling Ben-Hatira vielleicht zeigen, dass er damals vielleicht doch was missverstanden hat, als jemand ihm über den Zaun zugerufen hat, er solle dem verlorenen Ball hintergehen. Aber wie ich ihn so kenne, wird er selbst solch möglichen Jubel irgendwie auf sich beziehen. Publikumsliebling halt, dem die Massen zu Füßen liegen, so wie damals als er am Fernseher saß und sogar in Glasgow alle nur für ihn gesungen haben. Unglaublich! Mancher wird´s schon kennen, aber diesen eigentlichen Anlass des anhaltend Celtic-Rock-Gesangs nicht gewusst haben.

Celtic was rocking. Ich hoffe, dass wir es den Celtic-Fans heute Abend wenigsten ein ganz klein wenig gleich tun können. Quergestreift sind sie ja schon mal, da bei Celtic.

Hier diese legendären Minuten in einem TV-Ausschnitt

Das Ganze aus Zuschauerperspektive

Und wer zum Zeitvertreib bis heute Abend den Spielericht sehen möchte, bitte schön!

Einzelne Ergebnisse in eine Serie verwandeln

Beim 1. FC Kaiserslautern hofft man im Spiel gegen den MSV Duisburg am Sonntag darauf, sich endlich einmal wieder über einen Sieg freuen zu können. Fast ein Jahr hat die Mannschaft kein Heimspiel mehr gewonnen. Man könnte nun vorschnell denken, gerne leistet der MSV Duisburg in solchen Fällen Aufbauhilfe. Doch in dem Fall ist die Ausgangslage nicht so eindeutig. Die Mannschaft von Kaiserslautern ist eigentlich zu stark, um auf die großzügige Hilfe von den Zebras rechnen zu können. Die Aufbauhilfe wird, so weit ich erinner, vor allem dann gewährt, wenn der Verzicht auf Punkte eine wirklich barmherzige Geste ist; wenn vor dem Spiel die Chancen zumindest gleich verteilt sind.

Auf welchem Leistungsniveau sich die Mannschaft im Moment befindet, wissen wir aber nicht genau. Es wurde berichtet, dass neue Besen gut gekehrt haben und somit die Voraussetzungen für das Spiel nicht schlecht sind. Die Mannschaft wird viel Unterstützung erhalten, der Aufbruch wird von vielen Zuschauern aus Duisburg begleitet. Da verhilft es vielleicht zu noch mehr Zuversicht, wenn wir uns daran erinnern, Siege in Kaisesrslautern sind nicht unwahrscheinlich.

In der ersten Saison nach dem letzten Abstieg gab es vor dem Auswärtsspiel am 17. Mai 2009 endgültig keine Hoffnung mehr auf den sofortigen Wiederaufstieg. Der 1. FC Kaiserslautern hingegen musste gewinnen, um eine Minimalchance zu wahren. Das turbulente Spiel endete mit einem 5:3-Sieg der Zebras.

Zwei Jahre zuvor, in der Aufstiegssaison gewann die Mannschaft am 2. April mit 3:0. Dieser Sieg gibt mir die Gelegenheit, auch an Mihai Tararache zu erinnern. Er verwandelte einen Elfmeter zur 1:0-Führung. Die Bilder offenbaren nicht nur Jubel und etwas schemenhafte Spieler, sondern im Vergleich zu heutigen Bildern auch den rasanten technischen Fortschritt. Fünf Jahre später lassen die Clips heute auf dem Spielfeld deutlich mehr erkennen.

Mihai Tararache, wurde von Milan Sasic – man kann es nicht anders sagen – mit Ansage demontiert. Der Trainer wusste, dass Tararache keinen sehr guten spielerischen Argumente mehr auf seiner Seite hatte. Und dann setzte er ihn in jenem Spiel, das zu Tararaches letztem für den MSV Duisburg wurde, als Linksverteidiger ein. Doch ich verlange auch nicht von einem Gitaristen er muss fehlerlos auf der Geige spielen können, nur weil beides ein Saiteninstrument ist. Tarache war für diese Position durch nichts anderes qualifiziert als durch seine große Erfahrung als Fußballer. Er war nicht mehr schnell genug. Er war ein Notbehelf, und Sasic verlangte mehr. Der Abschied von Tararache ist dem MSV Duisburg vollends misslungen. Ein Spieler, auf dessen Spiel- und Nervenstärke sich der Verein über Jahre verlassen konnte, hätte mehr gewürdigt werden müssen. Natürlich ist das Vergangenheit.

Vielleicht gelingt es aber durch die Erinnerung an den mit ihm errungenen Erfolg, die noch so uneindeutig wirkenden Ergebnisse der Auswärtsspiele in Kaiserslautern  endlich in eine Serie zu verwandeln. Angstgegner MSV Duisburg – wenn es in Kaiserslautern demnächst so hieße, ich hätte nichts dagegen.

Programmhinweis: Tom meets Zizou – kein Sommermärchen, WDR 22.30 Uhr

Es war die Sommerpause nach der  Saison 2005/2006. Ein Abstieg war wieder mal zu verkraften gewesen. Beim MSV Duisburg, aber auch beim 1. FC Köln, der wie der Mitabsteiger sofort wieder zurück wollte in die Bundesliga. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie deshalb in Köln die Verpflichtung von Thomas Broich als ein hoffnungsvolles Zeichen dafür angesehen wurde, dass die Wirklichkeit dem Vorhaben folgen werde.

Thomas Broich kam von Borussia Mönchengladbach nicht von der Bank. Auch wenn seine Leistung nicht durchweg den Erwartungen vom Beginn seiner Karriere entsprach, er spielte öfter von Anfang an, als dass er eingewechselt wurde. Eingesetzt wurde er in fast jedem Spiel der vorangegangenen Saison. Zu Borussia Mönchengladbach war er wegen seiner überragenden technischen Qualitäten gekommen, auf die nun der FC und seine Fans hofften. Die Hoffnungen erfüllten sich nur mit Einschränkungen. Der FC brauchte ein Jahr länger als der MSV für den Wiederaufstieg, und auch Thomas Broich blieb mit seinen Leistungen nicht ununmstritten.

Heute Abend lässt sich im WDR um 22.30 Uhr mit dem Dokumentarfilm “Tom meets Zizou – kein Sommermärchen” auch dieser Teil von Thomas Broichs Karriere in den Blick nehmen. Von 2003 an begleitete der Filmemacher Aljoscha Pause den Fußballer acht Jahre auf seinem Berufsweg. Im letzten Jahr lief der Film in einer 135minütigen Fassung auf Festivals und kurz in den Kinos. Schon damals wurde er von der Kritik gefeiert nicht nur als überzeugendes Portrait eines reflektiierten Fußballers,  der im Mannschaftssport seine Individualität behaupten wollte und will. Das Portrait wurde zum Blick hinter die Kulissen des Unterhaltungsbetriebs. Die TV-Fassung hat nun die formatbedingten 90 Minuten, was man auch als Anregung nehmen kann, die DVD des Films zu erstehen.

Hier geht es zum Wikipedia-Eintrag des Films. Ein weiterer Klick führt zur Seite von Tom meets Zizou – kein Sommermärchen. Und hier folgen sechs Trailer zum Film als Vorgeschmack im Zusammenschnitt:

Mit Standards mein Versprechen einlösen – DFB-Pokal 1981: MSV – 1. FC Köln

Bevor gleich in Halle das Pokalspiel angepfiffen wird, will ich mit gutem Beispiel vorangehen und mein Versprechen einlösen, damit die Mannschaft es mir mit dem ihren gleichtun kann. Bei knapper Zeit greife ich da auf einen Standard zurück. Wenn gar nichts geht, sollte zumindest das Erfolg versprechen. Auch das könnte den Zebras in Halle vielleicht Vorbild sein. Die Standardsituation für mich ist der Blick in die MSV-Vergangenheit. Und da bietet sich vor einem Pokalspiel natürlich die Pokalgeschichte an. Vor 21 31 Jahren spielte der MSV zu Hause  in der ersten Runde gegen den favorisierten sowie gemäß Reportereindruck “rheinisch-lässig” aufspielenden 1. FC Köln und gewann. In der nächsten Runde wurde noch der Amateurligist FK Pirmansens mit 3:0 besiegt. Die 1:2-Niederlage im Heimspiel gegen den Karlsruher SC bedeutete das Aus in der dritten Runde. MSV und KSC waren damals Bundesligisten, was heute für die jüngeren Leser hier vielleicht noch erwähnt werden muss. Den Rest machen nun zur weiteren Einstimmung aufs Pokalspiel die bewegten Bilder aus dem Bericht des Aktuellen Sportstudios.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 4: MSV-Fan sein, gestern und heute

Nach der Veröffentlichung von “111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss” nahm Manfred “Manni” Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das “Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg”, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Im heutigen letzten Teil der Erinnerungen von Manfred Wiegandt geht es um sein Erweckungserlebnis im Stadion und deren Folgen bis heute – trotz der inzwischen gewachsenen räumlichen Distanz zu Spielorten des Verein seiner und unserer  Zuneigung. Wir erinnern uns, im Folgenden ist zunächst die Bundesliga-Saison 1970/71 gemeint.

Zu meiner Zeit – Teil 4 –

von Manfred Wiegandt

Am letzten Spieltag der Saison dann beim Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München waren die Bayern im brechend vollen Wedau-Stadion zu Gast. Da waren weit mehr als 40.000 Zuschauer drin. Manche hingen in den Bäumen, um etwas sehen zu können. Dies war mein zweites MSV-Spiel, das ich im Stadion sah. Ich hatte ein Schülerticket zum Preis von 1 DM beim Kassierer in der Vereinsgaststätte Worm ergattert. Der MSV gewann 2:0 (zweimal Budde in der zweiten Halbzeit). Obwohl es für den MSV um nichts mehr ging, wurde der Platz damals zweimal von den Fans gestürmt, ohne dass die Bayern-Spieler sich in die Hose machten wie – angeblich – letztens die Herthaner. Borussia Mönchengladbach wurde Meister – verdientermaßen. Dieses Spiel begeisterte mich so, dass ich in der nächsten Saison alle Heimspiele des MSV sah und nur fünf Auswärtsspiele verpasste, darunter das im relativ nahe gelegenen Schalke. Zu den weiten Auswärtsspielen in Bremen, Frankfurt, Stuttgart und Braunschweig schwänzte ich damals sogar mit Wissen meiner Eltern gleich viermal in einem Schuljahr den samstäglichen Unterricht. Ich hatte mir das Würmli-Ticket bei der Bahn (Kinder aus kinderreichen Familien fuhren damals zum halben Preis), die Eintrittskarte und die obligatorische Bratwurst dadurch erspart, dass ich meiner Mutter im Haushalt half, wobei ich mir fürs Abwaschen zehn und fürs Einkaufen zwanzig Pfennig anschreiben konnte. Meine Mutter brauchte in dieser Zeit nie lange um Hilfe zu betteln. Beim ersten Heimspiel des MSV in der Saison 1971/72 gegen den BVB hoffte ich auf ein Unentschieden, weil mein Herz noch etwas an Dortmund hing. Beim Rückspiel in der Kampfbahn Rote Erde war ich dann ganz Meidericher und freute mich über den für lange Zeit einzigen Auswärtssieg der Zebras in Dortmund.

Obwohl ich mit Leib und Seele MSV-Fan war, besaß ich damals aber weder Schal noch Trikot und eigentlich überhaupt keine Fan-Utensilien. Von den bekloppten und betrunkenen Fans hielt ich mich, soweit es ging, fern. In Dortmund mussten wir uns gegenüber den berüchtigten Borussen-Fans auf dem Weg zum Stadion als BVB’ler verstellen, weil wir Angst hatten, verhauen zu werden. Gegen Schalke musste mein kleiner Bruder sogar einmal im eigenen Stadion die Fahne einrollen, weil die Schalker Hooligans über die Zäune in den Duisburger Fanbereich kamen, als deren Niederlage fest stand. Im Wedau-Stadion hatte ich meinen Stammplatz auf halber Höhe auf der Geraden neben dem Marathontor auf der Nordkurvenseite, der Fan-Kurve. Es kamen immer die gleichen Leute; man kannte sich. Meist kam man eine Stunde vor Spielbeginn. Wenn Bayern, Schalke oder Gladbach gastierten, auch mal bis zu zwei Stunden vor Anpfiff. Die Jugendkarten (2 Mark) gab es nicht im Vorverkauf und man musste oft früh genug an der Stadionkasse sein, um sie rechtzeitig zu bekommen. In der Saison 1971/72 gab es bei jedem Heimspiel ein Preisausschreiben in der Stadionzeitung, bei dem Haupttribünenkarten zu gewinnen waren. Ich habe in der Saison gleich dreimal gewonnen und dann auch meinen kleinen Bruder mit auf die Tribüne nehmen können, die bei den meisten Spielen nicht komplett gefüllt war. Ich habe ihn auch mit zu den West-Auswärtsspielen genommen, z. B. nach Oberhausen oder Bochum, wo das Spiel fast wegen Dunkelheit abgebrochen werden musste, was wir erhofften, nachdem Klaus “Caesar” Wunder vom Platz gestellt worden war. Auf der Zugrückreise von Mönchengladbach (0:3) blieb mein Bruder nicht immer an meiner Seite. Als er zu mir zurück kam, berichtete er, dass die Fans Sitze aus dem Fenster würfen. Danach bekamen MSV-Fans für längere Zeit keine vergünstigten Bahnkarten mehr.

Ich hatte eine Cousine in meinem Alter, die in Hattingen wohnte und sich immer freute, wenn ihre drei Cousins zu Besuch kamen. Dann hatte sie endlich geeignete Partner zum Bolzen. Sie hatte nur einen Fehler; sie war Bayern-Fan. Einmal luden wir sie nach Duisburg ein, als Bayern bei uns gastierte. Es war eines der ersten großen Bundesligaspiele des damals erst 17-jährigen Ronnie Worm. Die Zebras wuchsen mal wieder, wie so oft gegen Bayern, über sich hinaus und gewannen 3:0. Alle Treffer fielen in den letzten zwanzig Minuten. Worm erzielte zwei Tore; beim zweiten nahm er den Ball am Strafraum mit der Hacke, hob ihn über einen gewissen Weltklassespieler namens Beckenbauer hinweg und schoss volley gegen den machtlosen Weltklassetorwart Maier zum 3:0-Endstand ein. Mein Lieblingsspieler beim MSV und mein großes Vorbild war indes Bernard Dietz, zumal ich selbst meist Außenverteidiger spielte. Das größte Spiel war natürlich der 6:3-Sieg unter Flutlicht gegen die Bayern, bei dem Dietz vier Tore – sein Gegenspieler ein gewisser Rummenigge – schoss (kicker-Schlagzeile: „MSV Dietzburg gegen Bayern München 6:3“). Auf Ennatz war stets Verlass. Nur einmal habe ich miterlebt, wie er trotz aller Anstrengungen regelrecht an die Wand gespielt wurde. In der Saison 1977/78 kam der hoch gelobte englische Star Kevin Keegan zum HSV und musste sich im ersten Saisonspiel beim MSV von Ennatz den Schneid abkaufen lassen. Beim Rückspiel im Januar – ich war zu der Zeit beim Bund in Schleswig-Holstein und konnte so das Spiel im Volkspark-Stadion besuchen – war es dann aber genau umgekehrt und Keegan spielte Bernhard Dietz regelrecht schwindelig. Irgendwie beeindruckt war ich auch von Eisenfuß Detlef Pirsig, der immer mit herunter gekrempelten Stutzen spielte, aber beinhart zur Sache ging. Ich habe die herunter gekrempelten Stutzen und sein Reingrätschen dann beim Bolzen kopiert; anders als Detlef war ich aber immer fair. Meist foulte Pirsig nämlich seinen Gegenspieler, den Mittelstürmer, in einem der ersten Duelle des Spiels so hart, dass dieser nachher vor Angst nichts mehr auf die Reihe brachte. Er kassierte fast in jedem Spiel eine gelbe Karte. Da es aber noch keine Sperre nach fünf Gelben gab, konnte er sein Unwesen von Spiel zu Spiel weiter treiben. In einem Spiel – so erinnere ich mich – foulte er gleich zwei durchgebrochene Spieler auf einmal, einen mit den Füßen, den anderen mit den Händen, sozusagen Doppel-Notbremse. Rote Karte für Notbremsen sollten jedoch erst viele, viele Jahre später eingeführt werden. Überhaupt trieb es Detlef nie so weit, dass er Rot bekam. Einmal erwischte es ihn dann aber doch – in Mönchengladbach. Er hatte schon Gelb gesehen und flog dann vom Platz, als er den Ball mit der Hand spielte. Was für eine Ironie! Da holzt jemand jahrelang die gesamte Bundesliga weg und erhält seinen ersten Platzverweis für ein Handspiel! Er bekam auch nur zwei Spiele Sperre, weil er vorher immer so fair gewesen war, sprich: noch nie vom Platz gestellt worden war.

Wenn ich daran denke, kann ich ohne Umschweife sagen, dass Alles um den Fußball für mich zu den schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen gehört. Es gibt so viel, über das man noch heute Schmunzeln kann. Inzwischen lebe ich schon seit langem in den USA, aber wenn ich zu Hause in Duisburg anrufe, ist eines der Themen immer noch der MSV. In meine Zeit am MPG fiel auch das Pokalendspiel in Hannover gegen Frankfurt 1975 (0:1, Tor im Platzregen durch Körbel). Ich war natürlich da; im Zug habe ich Mathe für die Schule gepaukt. Das Finale 1998 gegen Bayern in Berlin habe ich verpasst. Mein Schwager schickte mir ein Video, da es damals noch keine Möglichkeit gab, die deutschen Fußballpiele in den USA zu sehen. Den entscheidenden Nicht-Platzverweis für Tarnat halte ich immer noch für eine der übelsten Schiedsrichter-Fehlentscheidungen. Als die Zebras 2011 erneut das Finale erreichten, kam ich von Neuengland eingeflogen. Die erste Viertelstunde des Spiels war ja auch sportlich noch ganz okay, die Atmosphäre in der Stadt insgesamt phänomenal. Ich teilte die Tickets, die ich bekommen hatte, u. a. mit meinem „kleinen“ Bruder und mit meiner Cousine und meinem Cousin aus Hattingen, obwohl sie Schalke-Fans waren, für meine Cousine als ehemaliger Bayern-Fan ja schon ein kleiner Fortschritt. Radio Duisburg hatte sogar ein Live-Interview mit mir aus dem Fan-Quartier, weil ich von so weit her gekommen war. Danach sprach mich ein Fan an, der mir sagte, er komme von noch weiter her, nämlich aus Australien. Er war in Beeck aufgewachsen und hatte im gleichen Jahr wie ich Abi gemacht, allerdings an einem anderen Gymnasium, ich glaube Mannesmann. Wahrscheinlich haben wir in der Schulmannschaft gegeneinander gespielt. Als ich ihn beim Abschied fragte, wie er heiße, sagte er: Manfred. – Toller Name! So heiße ich auch.

Und den nun auch ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.

Teil 2 findet sich hier.

Teil 3 findet sich hier.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 3: Fußballweltmeisterschaften und Tipp-Kick –

Nach der Veröffentlichung von “111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss” nahm Manfred “Manni” Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das “Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg”, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Heute geht es ums Fanwerden, zwei Fußballweltmeisterschaften, das Tipp-Kick-Spiel und Fritz Walter, der Anekdoten erzählt, während ein Jugendlicher unter vielen Männern sich ein Pils greift.


Zu meiner Zeit – Teil 3 –

von Manfred Wiegandt

Das erste Mal, dass ich etwas vom Profi-Fußball hörte, muss wohl in der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 gewesen sein. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir sagte, dass Köln Tabellenführer sei, Meiderich sei Zweiter und Borussia Dortmund Dritter. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es schon lustig, dass es für mich gar nichts besonderes war, dass Meiderich, also der Stadtteil, in dem wir wohnten, eines der besten Teams hatte. Ich kannte die Vereinsanlage des MSV wohl noch gar nicht richtig, obwohl sie nur etwa tausende Meter von unserem Haus entfernt war. Mehr beeindruckte mich der Name der Dortmunder. Ich glaube, ich assoziierte Borussia damals mit Russen. Als ich dann etwa zur gleichen Zeit anfing, in meiner Freizeit, also jeden Nachmittag und samstags den ganzen Tag (sonntags durften wir uns nie schmutzig machen), Fußball zu spielen, war das Fernsehen noch nicht so wichtig.

Im Prinzip gab es für uns „Ullige“, was Fußball betrifft, ja ohnehin nur die samstägliche Sportschau mit Ernst Huberty, Dieter Adler oder Adolf Furler (das ZDF-Sportstudio war zu spät), vielleicht mal ein Länderspiel, das übertragen wurde. Probleme gab es bei uns zu Hause, als die Serie Daktari aufkam, die im ZDF zur gleichen Zeit wie die Sportschau im Ersten ausgestrahlt wurde. Meine Brüder und ich wollten Sportschau sehen, aber meine kleine Schwester den schielenden Löwen Clarence und den Affen Cheetah. Es gab regelmäßig riesigen Krach und viel Geschrei. Unfairer Weise entschieden meine Eltern, dass eine Woche Sportschau, die andere Daktari geguckt würde. Von wegen Gleichberechtigung! Meine Schwester hatte genauso viel Gewicht wie ihre drei Brüder zusammen. Am Ende bekamen wir einen kleinen Fernseher, auf dem wir die Sportschau gucken durften, wenn auf dem großen Daktari angesagt war. Leider war der Empfang immer so schlecht, dass es absolut keinen Spaß machte.

Das erste Mal ins Wedau-Stadion kam ich in der Saison 1965/66, als mich der Vater eines Klassenkameraden mitnahm. Wir standen in der Kurve; ich konnte kaum etwas sehen. Ich erinnere mich nur, dass ich Peter Kunter, den Torwart von Eintracht Frankfurt, erkennen konnte. Das Spiel endete 0:0, und ich war vorerst nicht interessiert an einem weiteren Stadion-Besuch.

Das erste Länderspiel im Fernsehen, an das ich mich erinnern kann, war ein Freundschaftsspiel gegen Italien (1:1) im März 1965. Das Datum hätte ich nicht mehr gewusst; ich habe es im kicker-Almanach nachgeschlagen. Wahrscheinlich habe ich das Spiel noch deshalb in Erinnerung, weil der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Torhüter ein Meidericher war: Manfred Manglitz. Leider wurde ich erst MSV-Fan, als er schon nicht mehr in Duisburg spielte, und habe daher seine regelmäßigen Eskapaden im Stadion verpasst. Lebhaft in Erinnerung habe ich noch, wie ich an einem Samstag Nachmittag schmutzig und verschwitzt vom Bolzplatz auf der Stolzestraße nach Hause kam und ein neuer Fernseher im Wohnzimmer stand, schwarz-weiß natürlich; Farbe gab es erst 1972 bei der Olympiade in München. Es lief die Sportschau mit den Aufstiegsspielen zur Bundesliga. Mönchengladbach, auch für mich so ein komischer Name damals, servierte gerade Wormatia Worms mit 5:1 ab. Der Gladbacher Spieler Netzer blieb mir wegen seines ungewöhnlichen Namens gleich im Gedächtnis. Das erste Länderspiel, bei dem ich so richtig mit Leib und Seele am Fernseher hing, war das entscheidende Qualifikationsspiel zur WM 1966 in Stockholm gegen Schweden, das die deutsche Mannschaft – auch Dank eines Treffers des Meiderichers Eia Krämer – mit 2:1 gewann. Die WM in England habe ich dann als Neunjähriger intensiv miterlebt. Ich hatte ein kleines Heftchen, das vom World Cup Willy, dem WM-Maskottchen, geschmückt war und in dem ich alle Ergebnisse fein säuberlich notierte. Ich weiß noch wie heute, dass die Urus im Eröffnungsspiel gegen England, das ich trotz des 0:0 äußert aufregend fand, mit Schuhen spielten, die eine weiße oder zumindest helle Sohle hatten. Dann das 5:0 unserer Mannschaft gegen die Schweiz und Emmas Traumtor aus unmöglich spitzem Winkel gegen Spanien („mit der linken Klebe“), die uruguayische Ohrfeige gegen Uwe Seeler im Viertelfinale, last not least das Endspiel. Ich weiß noch, dass ich am Anfang allein vor dem Fernseher hockte und meinen Vater über das 1:0 von Haller informierte. Da ich damals gerne Torhüter spielte, sind mir besonders einige von ihnen im Gedächtnis geblieben: Hans Tilkowski natürlich, der legendäre Lew Jaschin oder auch Gordon Banks. Ich habe immer versucht, sie zu imitieren, mich in die Ecken zu „fletschen“, wie wir es nannten, um die Fingerspitzen noch an den Ball zu kriegen. Bei der WM in Mexiko, als ich schon nicht mehr Torwart spielte, waren meine Torwarthelden Kawasaschwili aus der Sowjetunion und Mazurkiewicz aus Uruguay. Mein Lieblingsspieler bei der WM in England war Siggi Held, in Mexiko, weil es eher meiner Position entsprach, dann Karl-Heinz Schnellinger, von dem ich auch einen kicker-Starschnitt über meinem Bett hängen hatte.

Ach ja, kicker-Leser wurde ich durch einen Ferienaufenthalt auf einem Bauernhof im Bayerischen Wald, als ich zehn war. Der Sohn des Bauern, der aufs Gymnasium ging, zog sich montags immer auf sein Zimmer zurück, um den kicker zu „studieren“. Die Zeitschrift erschien damals kurz vor dem Zusammenschluss mit dem Sportmagazin noch in einem riesigen DIN A 3-Format. Obwohl sie keineswegs billig war für einen Schuljungen, kaufte ich das kicker-sportmagazin, wie die Zeitschrift nach dem Zusammenschluss hieß, jede Woche sowohl am Montag als auch am Donnerstag. Ich hatte für die ersten Jahre sogar Sammelmappen mit den Heften über die Olympiade 1968 und dann auch die WM 1970 in Mexiko. Weil der Platz in unserem Keller eng wurde, haben meine Eltern – ihre wohl größte Sünde gegenüber ihrem Sohn – diese aber irgendwann zusammen mit meinen Bundesliga-Alben weg gegeben. Ich würde einiges dafür geben, besonders die Alben noch zu besitzen.

Meine zwei nicht wesentlich jüngeren Brüder und ich bolzten bei Regen zum Leidwesen meiner Mutter sogar in unserer kleinen Wohnung mit einem Tennisball. Es muss im ganzen Haus zu hören gewesen sein. Manchmal musste sogar meine kleine Schwester mitspielen. Sie trat meinen Brüdern in die Schienbeine und ich schoss die Tore. Unser Wohnungsflur, in dem wir spielten, war schmal. Die Schlafzimmertür auf der einen Seite war ein Tor, die kleine Lücke zwischen den Beinen des Schuhschränkchens unter dem großen Spiegel das andere Tor. Unerklärlicher Weise ging der Spiegel aber nie kaputt, anders als eines der Kirchenfenster der evangelischen Kirche Auf dem Damm, auf deren Kirchplatz ein, zwei Klassenkameraden und ich stets den Nachhause-Weg vom MPG durch ein Spielchen verlängerten. Zu Hause haben wir oft stundenlang Tipp-Kick gespielt. Wir spielten die ganzen Europa-Pokale, den DFB-Pokal, die Bundesliga und sogar den Liga-Pokal durch. Damals waren wir Meister im Tipp-Kick und konnten manchmal sogar Ecken direkt verwandeln. Jeder Ball wurde angeschnibbelt, um eine größere Wahrscheinlichkeit zu haben, dass er auf der eigenen Farbe blieb. Die Spiele mit meinen Brüdern waren so torreich, dass die Resultate eher wie Handballergebnisse erschienen, was wir natürlich nicht mochten, weil es für Fußball eben nicht realistisch wirkte. Deshalb verkürzten wir die eigentliche Spielzeit von 2×10 zunächst auf 2×5 und dann sogar auf 2×3 Minuten, und dennoch gab es oft genug ein 6:5 oder 5:5. Ich als Ältester hatte den MSV als erste Mannschaft, und so kam es, dass die Zebras die Tabelle anführten – ohne einen einzigen Punktverlust auswärts. Zu Hause verlor ich gegen den HSV und musste mich ausgerechnet gegen RWO (meinen kleinen Bruder) mit einem 0:0 zufrieden geben. Ich habe die Kladde mit den Spielergebnissen heute noch. Leider gab es immer viel Nachholspiele, weil mein kleiner Bruder nicht verlieren konnten und daher manchmal die Spieler oder gar das gesamte Spielfeld ins Zimmer warf und nicht weiter machte, angeblich weil der Schiri – das war dann immer der Dritte im Bunde, und wir brauchten immer einen Schiri, wenn er mitspielte – angeblich zu Unrecht auf Tor gegen ihn erkannt hatte. Als wir klein waren, hatten wir alle eine Lieblingsmannschaft; mein kleiner Bruder war für Köln und weinte immer bitterlich, wenn der FC verlor. Wir hatten auch Lieblingstiere und Lieblingsfarben, jeder seine eigenen.

Nicht zu vergessen ist auch das Fußballbilder-Sammeln und vor allem -Tauschen. Meine Freunde in der Nachbarschaft und ich gaben die letzten Groschen für Fußballbilder-Tütchen aus. Am Kiosk beim dicken Koellken an der Meidericher Post konnte man dann für einen höheren Preis von 10 Pfennig sogar einzelne Bilder aus einem Packen aussuchen. Bei der WM 1966 in England gab Aral ein Fußball-Album heraus. Beim Tanken bekam man immer ein postkartengroßes Bild eines Spielers. Obwohl wir damals noch kein Auto hatten, habe ich trotzdem fast das ganze Album voll bekommen. Ich besitze es noch heute. Bei der WM in Mexiko waren dann Shell-Münzen mit den Portraits der deutschen Spieler der große Hit. Wir spielten immer „Latzen“ mit ihnen (die Münzen möglichst nahe an eine Mauer werfen; wer mit seiner am Nächsten an die Mauer kommt, gewinnt alle anderen gelatzten Münzen). Nach meiner Kommunion war ich Messdiener in der Mittelmeidericher St. Michael-Kirche. Wir hatten eine Messdiener-Mannschaft, in der sogar der Kaplan mitspielte. Ein Jahr lang war ich bei den Pfadfindern, genauer gesagt Wölflingen, bei Maria Königin an der Westender Straße, also unweit des MSV-Geländes. Mein Pfadfindername war Scharfzahn, der Seehund, mein nächstjüngerer Bruder war Rama, der Büffel, und mein kleiner Bruder Mogli, der Frosch. Warum Mogli ein Frosch war, weiß ich beim besten Willen nicht. Das Einzige, was mich dabei wirklich reizte, war, dass wir meist Fußball auf dem Rasen um die Kirche spielten.

Im Verein spielte ich eigentlich nie. Das heißt, mit sechzehn habe ich eine Weile beim MSV in der B-Jugend mittrainiert und zwei Freundschaftsspiele in der B-2 absolviert. Das erste lief ganz gut für mich. Ich wurde in Mündelheim als Außenverteidiger eingesetzt. Der Platz war in einer komischen Grube und hatte den gefährlichsten Schotter, den man sich vorstellen konnte. Ich schlug mir das Knie auf und hatte für eine Woche eine schrecklich eiternde Wunde. Die Narbe ist noch heute sichtbar. Das zweite Spiel war in Rheinhausen und ich stellte mich absolut dämlich an und war so frustriert, dass ich das Vereinsspiel sein ließ. Stattdessen wendete ich mich dem Tischtennis zu. Die Stadt hatte es arrangiert, dass Jugendliche, ohne Vereinsmitglied zu sein, in örtlichen Sportvereinen mittrainieren konnten, um einen Eindruck von dem jeweiligen Sport zu bekommen. Neben der Vereinsanlage des MSV war der Meidericher TTC 47 (in dem Gebäude ist heute der Zebra-Shop und war früher auch die MSV-Geschäftsstelle), der damals fünf Jahre hintereinander Deutscher Mannschaftsvizemeister wurde, meist hinter Borussia Düsseldorf, wo der mehrfache Deutsche Einzel-Meister und sogar Vizeweltmeister Eberhard Schöler spielte. Auch der MTTC brachte einige hervorragende Spieler hervor, u. a. Hanno Deutz und Peter Engel, der 1975 sogar das Ranglistenturnier des deutschen Tischtennisbundes gewann. Zusammen wurden beide 1972 mit dem MTTC 47 deutscher Mannschaftspokalsieger. Hans-Jürgen Oploh war zwei Klassen höher als ich am MPG und war bereits als 16-Jähriger Stammspieler im Bundesliga-Team der Meidericher. Zum Teil wurden die wichtigen Bundesligaspiele und Europapokalbegegnungen in unserer Turnhalle ausgetragen, wofür wir oftmals Freikarten bekamen und dann Tischtennis auf höchstem Niveau sehen konnten. Ich selbst war zwar gut genug als Sparrings-Partner für die anderen Jugend-Spieler. Da ich wie Eberhard Schöler ein ausgesprochener Defensiv-Spieler war und mehrere Meter hinter der Platte stehend die Schmetterbälle meiner Gegner zurück brachte, machte es den Top Spin-Spezialisten Spaß, ihre Fähigkeiten bei mir auszutoben. Letztlich zog ich bei diesen Vergleichen trotz großer Hartnäckigkeit aber stets den Kürzeren und brachte es daher nicht sehr weit.

Mein Vater war kein großer Fußball-Kenner und ging nicht auf den Fußballplatz. Aber die Länderspiele hat er immer mit uns angeguckt. Die Nacht-Spiele bei der WM in Mexiko, die wir zusammen mit einem Gast von den Philippinen, den ein Freund meines Vaters mitgebracht hatte, ansahen, war dabei wohl das beeindruckendste Erlebnis. Erst das England-Spiel mit der seitens der Engländer verfrühten Auswechslung von Bobby Charlton und dem Hinterkopf-Tor von Uwe Seeler. Dann noch eine Steigerung der Dramatik beim Halbfinalspiel gegen Italien, dem Jahrhundert-Spiel. Erst schießt Boninsenga, den alle Deutschen im Jahr darauf wegen seiner Schauspielerei beim legendären Dosenwurf während des 7:1 von Mönchengladbach gegen Inter und auch wegen seines Fouls gegen Lugi Müller kurz vor Ende des Wiederholungsspieles, bei dem er dem Gladbacher das Schien- und Wadenbein brach, intensivst zu lieben begannen, das frühe 1:0 für die Azzurri, die daraufhin für eine gute Stunde Beton anmischen, und dann erzielt ausgerechnet der italienische Legionär Schnellinger in der Nachspielzeit das 1:1. In der Verlängerung überschlugen sich dann die Ereignisse. Was haben wir über den Schiri geflucht! Auch der Filipino, der wohl vorher noch nie ein Fußball-Spiel gesehen hatte, fieberte mit uns bis tief in die Nacht mit und war am Ende des Spiels genauso enttäuscht wie wir.

Aus der Saison 1970/71 kann ich eine besondere Anekdote erzählen: Noch bevor ich anfing, regelmäßig zum MSV zu gehen, war ich – wie erwähnt – begeisterter kicker-Leser. In der Tat war zu dem Zeitpunkt mein Lieblingsverein noch Borussia Dortmund, geschürt durch die Fernseherlebnisse um deren Gewinn des Europapokals 1966. In dieser Bundesliga-Skandalsaison (Canellas, Torbruch in Mönchengladbach) veranstaltete der kicker zusammen mit der Schlegel-Brauerei Bochum ein Preisausschreiben: „Wählen Sie den mannschaftsdienlichsten Spieler der Bundesliga“. Fünfzig Einsender konnten den Besuch eines Bundesliga-Spiels in Begleitung von Fritz Walter gewinnen. Ich schickte meinen Vorschlag – Jürgen Grabowski – ein und gewann. So konnte ich einen Samstag nach Bochum fahren, von wo ein Bus die Gewinner und Fritz Walter in die Glückauf-Kampfbahn nach Schalke brachte. Wir sahen das Spiel Schalke–Offenbach. Offenbach gewann überraschend 2:1. Wie sich später rausstellte, war das Spiel verschoben worden. Danach ging es zurück in die Bahnhofs-Gaststätte nach Bochum, wo uns Fritz Walter Schwänke aus seinem Leben erzählte und an jeden ein handsigniertes Buch ausgab. Da es ja auch eine Veranstaltung der Brauerei war, gingen die Kellner mit Tabletts voller gefüllter Pils-Gläser herum. Ich war damals vierzehn und der einzige Minderjährige unter den Anwesenden. Aber außer einem Schmunzeln – wohl auch von Fritz Walter – gab es keine Reaktion darauf, dass ich auch zugriff und mir das kühle Blonde gönnte.

Fortsetzung folgt. Und den schon mal ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.

Teil 2 findet sich hier.

Das Fangedächtnis des MSV Duisburg – Zu meiner Zeit. Teil 2: Alltag in Meiderich –

Nach der Veröffentlichung von “111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss” nahm Manfred “Manni” Wiegandt, ein alter Meidericher, heute in den USA lebend, Kontakt mit mir auf. Wir besuchten dieselbe Schule. Auch wenn er ein paar Klassen über mir war, kamen wir in dem Mail-hin-und-her ins Erinnern. So fragte ich ihn, ob ich diese Erinnerungen zusammenfassen könnte. Tatsächlich waren die Mails dann nur der Anfang eines neuen, sehr umfangreichen Beitrags für das “Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg”, den Manfred Wiegandt schrieb. Er ist so lang gewordne, dass ich ihn in mehreren Teilen veröffentliche.

Heute geht es weniger um den MSV Duisburg als um den Alltag eines Kindes in Meiderich Mitte bis Ende der 1960er Jahre.

Zu meiner Zeit – Teil 2 –

von Manfred Wiegandt

Der Platz an der Stolzestraße war ein kleiner Ascheplatz. Wenn man richtig Fußball spielen wollte, musste man etwas weiter, an die Borkhofer Straße, gehen, zum „Acker 17“. Später musste der Platz dort dem inzwischen wieder abgerissenen Meidericher Hallenbad weichen; heute gehört der Bereich zum Vereinsgelände des MSV. Das war ein Fußballplatz mit richtigen Dimensionen und richtigen Toren. Dennoch spielten dort meist viele Kinder in verschiedenen Spielen und steckten sich Tore mit Stöcken oder Kleidungsstücken ab. Der große Vorteil hier war, dass es kein Hartplatz, sondern so etwas wie Rasen-, besser (abgetretener) Grasplatz war. Ich erinnere mich noch genau, dass in dem Bereich hinter dem zur Straße gelegenen Tor große Brennnessel-Flächen waren, aus denen der Ball häufig herausgeholt werden musste. Als ich kleiner war, ging ich seltener dorthin. Es war weiter weg von zu Hause, und ich hatte kein geeignetes Fahrrad. Obwohl – in der Grundschule bis in die ersten Jahre des Gymnasiums war bei uns das Rollerfahren noch „in“. Wir waren mit unseren Rollern, deren Reifen knallhart aufgepumpt waren, oft schneller als jeder gleichaltrige Fahrradfahrer. Ich weiß noch, wie ich mit meinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder – ich kann höchstens acht oder neun gewesen sein – auf Pantoffeln an der damaligen Straßenbahnlinie 9 entlang durch die Ruhraue und durch Duissern in die Duisburger Innenstadt rollerte und dann über Ruhrort und das Hafengebiet am Meidericher Stadtpark vorbei zurück kam. Unserer Mutter hatten wir zum Glück nichts davon gesagt. War ohnehin eine ganze spontane Idee gewesen. Wir wagten uns damals auch deshalb nicht oft zum Acker 17, weil wir dabei an der Ecke Gerrickstraße/Borkhofer Straße vorbei mussten. Dort gab es einige berüchtigte Häuser innerhalb eines Häuserblocks, den man durch einen Torbogen erreichte. Lief man auf dem Weg zum Acker 17 an dieser Ecke den falschen Jungen in die Arme, konnte man sich auf eine Abreibung gefasst machen. Vieles war dabei auch mehr Gerücht als Wahrheit, denn ich hatte zwei Klassenkameraden dort, mit denen ich befreundet war und mit denen ich – natürlich – Fußball spielte. Verkloppt wurde ich dabei nie.

Das ist für mich so charakteristisch für die damalige Zeit: wie uns der Fußball in jeder Hinsicht geprägt hat. In meinen Erinnerungen war das Bolzen die Hauptfreizeitbeschäftigung, quasi überall, wo man es tun konnte – und manchmal gar nicht durfte. Im Meidericher Stadtpark z.B. wurden wir regelmäßig vom Parkwächter, der auf einem Fahrrad mit einem Schäferhund patroullierte, von den Wiesen vertrieben. Aber auf „Rasen“ zu spielen, lockte uns so sehr, dass wir immer wieder kamen. Fußball war immer da, auch in der Schule. In den Freistunden veranstalteten wir auf  dem Handballplatz vor der Turnhalle immer Klassenspiele. Ich spielte auch in der Schulmannschaft, zusammen mit einigen weit besseren Schülern, zum Beispiel mit Uwe Hansel, der von der A-Jugend des MSV unter Quinkert zu Uerdingen wechselte und dort einige BL-Spiele und eine ganze reihe Zweitligaspiele absolvierte. Da ich ausgerechnet am letzten Tag des Jahres geboren war und die Altersgrenzen für Schulmannschaften sich anders als im Vereinssport nach dem Geburtsjahr richteten, schied ich immer ein Jahr zu früh aus der entsprechenden Mannschaft aus. Auf dem jährlichen Schulsportfest, das damals noch im Schwelgern-Stadion in Hamborn statt fand, war der Höhepunkt jedes Mal das abschließende Spiel Lehrer gegen Schüler des Abiturjahrgangs.

Schwer fällt es mir zu sagen, wann ich mich zum ersten Mal für Fußball zu interessieren begann. Es muss nach dem Umzug unserer Familie von Untermeiderich (St.-Vither-Straße) nach Mittelmeiderich in eine Neubauwohnung im sozialen Wohnungsbau auf der Bürgermeister-Pütz-Straße (an der Ecke gegenüber der Stolzeschule) gewesen sein. Ich war damals vier – genauer gesagt viereinhalb. Das war sehr wichtig, wie überhaupt jeder Tag, den man älter als ein anderes Kind war, enorme Bedeutung hatte. Wir hatten dort einen Innenhof, auf dem die Wäsche aufgehängt wurde und auf dem die etwa ein gutes Dutzend Kinder spielen konnten. Nicht viel freie Fläche, fast nur Beton, aber die Teppichstangen waren natürlich ideale Tore, wie auf allen Nachbarhöfen, auf denen man sich zum Bolzen herum trieb. Leider war das Fußballspielen verboten, wenn Wäsche hing, und das was sehr oft der Fall. Intensiver erinnere ich mich noch an das Fußballspielen auf einem kleinen Schulparkplatz auf der Stolzestraße, der nach Schulschluss meist frei war. Wir markierten an einer Wand mit Kreide ein Tor und spielten dann auf ein Tor bis zehn. Der Torwart warf den Ball immer unparteiisch über den Rücken ab. Ich war damals einer der Torschützenkönige und erzielte meist mehr als die Hälfte der zum Sieg erforderlichen Treffer. Wenn der Parkplatz ganz frei war, wurde dann auch richtig auf zwei Tore gespielt. Ein anderer verbotener Platz war ein Stück Rasenfläche neben der FINA-Tankstelle gegenüber unserem Haus. Der Tankwart war jedoch ein recht miesepetriger Typ, der uns regelmäßig vertrieb. Im Sommer allerdings, wenn die Tankstelle am Abend geschlossen war, wir Ferien hatten und es noch bis nach zehn Uhr hell war, konnten wir dort ohne diese Interventionen bis spät abends „auf Rasen“ bolzen. Das Allergrößte war für uns, wenn wir den heiligen Rasen an der Westender Straße betreten und dort auf die richtigen Tore mit Netzen schießen konnten. Das Vergnügen dauerte aber nie sehr lange, da der MSV-Platzwart sehr aufmerksam war und keinen Unbefugten auf dem grünen Teppich duldete. Oft genug haben wir auch den Profis beim Training zugesehen: da war man in unmittelbarer Nähe von Ruuudi Seliger, dem holländischen Friseur Kees Bregman oder auch Kuddel Jara oder Flieger Gerhard Heinze und wie sie alle hießen.

Unsere Ausrüstung war damals noch bei Weitem nicht so elegant wie bei den heutigen Jung-Fußballern. Ich weiß gar nicht, wie alt ich war, als ich meine ersten Fußballschuhe bekam. Ich weiß nur, dass sie „Adidas Argentina“ hießen; der populärste Schuh war damals wohl „Adidas Uwe“. Später trug ich dann meist Puma-Schuhe, weil ich sie bequemer fand. Vielleicht auch, weil der MSV und Gladbach mit Puma ausgerüstet waren. Wir spielten meist auf Hartplätzen und daher wären Nockenschuhe oder auch nur einfache Sportschuhe eigentlich das Beste gewesen. Stattdessen war aber jeder bestrebt, Schuhe mit Schraubstollen zu bekommen. Das machte einen mehr professionellen Eindruck. Richtige Trikots hatten wir in der Regel auch nicht. Es war sogar recht schwierig für jemanden, der nicht im Verein spielte, einfach ein Trikot seiner Wahl zu kaufen. Eigentlich war das einzige Trikot, das man sah, das Zebratrikot. Dann raunten die anderen Jungen gleich: „Der spielt im Verein.“ Und man hatte gleich mächtig Respekt. Ein Freund von mir tauchte eines Tages auf dem Bolzplatz mit einem gelb-schwarzen Trikot auf und wir waren alle beeindruckt, einen Dortmund-Fan zu sehen. Doch dann offenbarte er, dass dies ein Trikot von Hamborn 07 sei, was ihm den Spott aller Anderen eintrug, obwohl Hamborn 07 damals noch in der Regionalliga West und damit zweitklassig war. Als Torhüter wollte man gerne Knieschoner haben, die auf den Hartplätzen sehr hilfreich waren. Ich glaube, dass ich aber nie welche bekam, obwohl ich als Pimpf gerne im Tor stand. Da mein Geburtstag Silvester und damit nur eine Woche nach Heilig Abend war, musste ich meine Fußball-Ausrüstungs-Wünsche auf das Ende des Jahres konzentrieren. Danach gab es nichts mehr. Ich ging dann meist zu dem kleinen Sportgeschäft Thielen auf der Bahnhofstraße in Meiderich. Der Sohn war in meiner Parallelklasse. Wichtig waren natürlich die Bälle, aber solche aus Leder waren teuer, und so haben wir anfangs meist mit irgendwelchen Plastikbällen gespielt, die dann natürlich regelmäßig, z.B. durch die Dornen hinter dem Tor, kaputt gingen. Ich hatte meinen  ersten guten Lederball erst, als ich schon studierte. Mein kleiner Bruder besaß einmal einen Basketball, der zwar unheimlich aufstolzte, wie wir sagten, aber recht haltbar war. Eines Tages nahmen ihm zwei Zwillinge den Ball weg, und er kam nach Hause. Meine Mutter schickte mich los, den Ball von den Jungen zurück zu holen. Die Zwillinge waren zwar ein wenig jünger als ich, aber dafür einen Kopf größer. Zum Glück hatten sie noch mehr Schiss vor mir als ich vor ihnen und der Ball kam nach einer Weile zurück. Bald darauf nahmen einige junge Arbeiter meinem Bruder den Ball in ihrer Mittagspause weg und spielten so lange, bis er schließlich kaputt war.

Fortsetzung folgt. Und den schon mal ins Fan-Gedächtnis!

Teil 1 findet sich hier.


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