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Kosta auf den Zaun

So hat sich Branimir Bajic seinen Anteil am 3:2-Sieg des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn mit Sicherheit nicht vorgestellt. Er hätte wahrscheinlich gerne den wie üblich souverän geschossenen Elfmeter erwähnt wissen wollen. Eine rote Karte aber als selbstloses Opfer für eine bessere Mannschaftsleistung? Das stand bestimmt nicht auf dem Plan. Als er vom Spielfeld ging, überwog noch der Ärger über die Schiedsrichterentscheidung. Da war noch nicht abzusehen, wie sehr sich die Mannschaft vom MSV Duisburg die weitere Spielzeit von knapp 20 Minuten steigerte. Es wurde noch einmal intensiv um jeden offenen Ball gekämpft. Meter um Meter wurden gelaufen. Kombinationen gelangen. Es war all das zu sehen, was zu Beginn der zweiten Halbzeit sich mehr und mehr andeutete und in der ersten Halbzeit kaum vorhanden war.

Es war ein unterhaltsames letztes Spiel der Saison, in dem der SC Paderborn sich zunächst als die kombinationssicherere Mannschaft erwies und sehr früh den Spielaufbau des MSV Duisburg zu stören begann. Wenn fast die gesamte Mannschaft des SC Paderborn in die gegnerische Spielhälfte rückt,  gibt es schon auf Höhe des Strafraums nur wenig  Raum und Ruhe, den Ball sicher dem Mitspieler zuzupassen. Halblange und lange Bälle boten Lösungen für das Problem, obgleich auch die Versuche geordnet nach vorne zu kommen nie eingestellt wurden. So kamen die Chancen des MSV Duisburg nach nur wenigen Ballkontakten zustande, während der SC Paderborn sich kontinuierlich, Mann für Mann durch die Duisburger Defensive spielte. Mit dem Führungstreffer konnte Timo Perthel noch einmal seine Qualität als Distanzschütze beweisen. Das hatte im Hinspiel schon geklappt. Sicherheit gab diese Führung aber nicht, und der Ausgleich schien nur eine Frage der Zeit zu sein.

Auf der linken Abwehrseite scheint es Abstimmungsschwierigkeiten gegeben zu haben. Immer mal wieder hatte Andreas Ibertsberger zwei Paderborner Spieler gegen sich. Dementsprechend konnte er nicht alles richtig machen. Das war aber meiner Meinung nach weniger seinem Stellungsspiel geschuldet als mangelnder Zuordnung auf der gesamten linken Seite beim schnellen Paderborner Kombinationsspiel. Seine Auswechlung war deshalb wohl mehr durch die Platzwunde am Kopf verursacht als durch seine Leistung.

Die zweite Halbzeit begann der MSV Duisburg energischer. Der Druck auf das Paderborner Tor wurde größer, und das Kombinationsspiel der Paderborner konnte sich nicht mehr so eindrucksvoll entfalten. Dennoch erhielt der MSV Duisburg seine Chancen eher durch die steilen Bälle in die Spitze. Einen dieser Bälle erlief sich Daniel Brosinski, der beim Abschluss im Strafraum gefoult wurde. Branimir Bajic als Standardschütze trat zum Elfmeter an und traf. Der erneute Ausgleich fiel durch einen sehr gut geschossenen Freistoß von Mario Vrancic. Beide Mannschaften wollten dieses Spiel weiterhin gewinnen. So wurden die Räume beim Hin und Her offener. Während die Paderborner ihre Kombinationssicherheit etwas einbüßten, gewannen die Zebras sie hinzu.

Sören Brandy war für mich der Spieler dieses Spiels, nicht nur weil ihm das Siegtor dann aus spitzem Winkel beeindruckend cool gelang. In diesem Spiel zeigte er noch einmal alle seine Qualitäten, die ihn für den MSV Duisburg so wichtig machen. Er läuft ungemein viel, schafft Lücken und stößt selbst in freie Räume. Er hat ein Auge für die Entwicklung von Spielsituationen. Das macht seinen Kampf um den Ball so effektiv. Dabei verfügt er über eine gute Technik, und in der Rückrunde ist seine Spielweise zudem offener geworden. Er sucht öfter das Abspiel, was natürlich auch dank das besseren Eingespieltsein der Mannschaft gelingt.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel bedankt sich Kosta Runjaic bei allen, die mitgezittert haben in dieser Saison. Wieviel Zeit er sich für die Dankesworte nimmt, weist für mich auf die Zukunft dieses Vereins. Kosta Runjaic denkt in größeren Zusammenhängen. Er sieht nicht nur die sportliche Leistung seiner Mannschaft, sondern er weiß, wie diese sportliche Leistung auch von äußeren Einflüssen wie dem Umfeld des Vereins abhängig ist. In seinen Worten lässt sich erkennen, dass er ebenso weiß, jemand muss sich für die gute Stimmung rund um den Verein einsetzen. Dieser Trainer ist ein Glücksgriff für den MSV Duisburg gewesen. Ich hoffe sehr, dass er noch einige Zeit in Duisburg bleibt und beim MSV weitere Beweise für die Qualität seiner Arbeit abliefert.

Neben der Pressekonferenz sind zudem die Stimmen von Sören Brandy, Goran Sukalo, Timo Perthel, Daniel Brosinski, Julian Koch und Srdjan Baljak zu hören. Über Srdjan Baljak hätte ich natürlich gerne die wunderbare Geschichte von seinem letzten Tor der Saison geschrieben. Einmal blitzte diese Möglichkeit auf, als Daniel Brosinski auf das Tor zog und vielleicht hätte abspielen können. Aber es war ja Daniel Brosinski. Und Ruhmestaten herbeischreiben, das braucht Srdjan Baljak nicht. Auch wenn er souverän kurz vor Ende des Spiels noch einen Eckball für den MSV Duisburg herausgeholt hat. So etwas als besondere Leistung zu erwähnen, wirkt doch übertrieben. Dafür hat der MSV Duisburg diesem Spieler viel zu viel zu verdanken. Der Abschied von ihm schmerzt. Alles Gute, Srdjan Baljak!

Der Spielbericht bei Sky mit einem Klick weiter.

Erledigen, was getan werden muss

Wir hoffen natürlich immer auf das Beste im Spiel des MSV Duisburg und müssen dann im Moment feststellen, besser als “in Ordnung” geht es  nicht. Allerdings lässt sich das das torlose Unentschieden gegen den FC St. Pauli auch mit viel freundlicheren Worten bewerten. Die Mannschaft vom MSV Duisburg geht unter Kosta Runjaic zum ersten Mal durch ein Leistungstief und verliert dennoch nicht. Zudem zeigte sie  gegenüber den letzten beiden Spielen eine verbesserte Leistung, obwohl neben Sören Brandy auch noch Ranisav Jovanović ausfiel. Dem Journalistentrio von WAZ/NRZ ist zuzustimmen, wenn sie in ihrem Spielbericht Jovanovics Anteil an der erfolgreichen Rückrunde des MSV Duisburg hervorheben. Ohne ihn fehlte in der Offensive der durchsetzungsstarke Spieler zum Anspiel. Srdjan Baljak und Maurice Exslager mühten sich und blieben dennoch wirkungslos.

Auf Seiten vom FC St. Pauli war es allerdings nicht besser, wenn der Ball kontrolliert im Kurzpassspiel oder mit halblangen Blällen nach vorne gebracht werden sollte. Der letzte, dann steiler gespielte Pass ging bei beiden Mannschaften immer wieder in die Leere oder landete jeweils beim Gegner. Angesichts der Fehlpassmenge dürfen wir aber eben nicht vergessen, die Zebras gaben nicht auf, sich im kontrollierten Spiel zu versuchen. So kam es in einer – insgesamt zwar weniger aufregenden -  zweiten Halbzeit dennoch zu zwei Chancen aus dem Spiel heraus. Keine Stockfehler in der Pauli-Defensive waren dafür verantwortlich, sondern alleine diese vereinzelt gelungenen Spielzüge. Es überraschte nicht, an einem dieser Spielzüge Kevin Wolze beteiligt war. Gestern bestätigte er mit einer sehr guten Leistung die Vertragsverlängerung mit ihm. Diese ausdauernden Versuche die Grundstruktur des Zusammenspiels zu bewahren sind der Grund, warum ich trotz der vielen Fehlpässe ohne ein Gefühl der Enttäuschung aus dem Stadion gegangen bin.

Beim Thema Vertrag, fällt mir zudem auch noch Dustin Bomheuer ein, der sich bei einem hohen Ball der Paulianer völlig verschätzte und anschließend Branimir Bajic danken konnte für dessen Rettungsgrätsche gegen den alleine aufs Tor zulaufenden Paulianer. Der Sprint von Bajic zurück vor der Grätsche beeindruckte nicht minder. Dustin Bomheuer wirkte nicht nur in dieser Situation leicht verunsichert und so klar vorgezeichnet wie bei André Hoffmann scheint mir sein Weg in die Bundesliga noch nicht zu sein.

Vor allem in der ersten Halbzeit schienen Tore für beide Mannschaften jederzeit möglich zu sein. Nicht durch den kontrollierten Aufbau, sondern durch freie Bälle im Mittelfeld, die hin und her titschten, aufsprangen und wenig geplant bei einem Spieler landeten, der dann freien Raum vor sich sah. Oder Fehler passierten eben. So ergaben sich einige Chancen auf beiden Seiten. Dann ging es knapp neben das Tor bei den Versuchen der Zebras und auf der Gegenseite wehrte Felix Wiedwald jeden Ball auf sein Tor ab.

Damit der MSV Duisburg noch den einstelligen Tabellenplatz erreicht, muss sich die Mannschaft gegen Union Berlin noch mehr verbessern. Nehmen wir es als Zeichen für unsere Zuversicht, dass der SC Paderborn zwei Spieltage vor Saisonende noch den Trainer entlässt. Wahrscheinlich aus Sorge vor den im letzten Spiel dann endgültig wieder auftrumpfenden Zebras. Die Saison könnte also noch vor heimischen Publikum mit einer sehr guten Leistung zu Ende gehen.

Kleine Randbemerkung noch zu  dem in Mode gekommenen Versuch, sich bei Eckbällen die Hockey-Eckenregelung zum Vorbild zu nehmen. Anscheinend gibt es eine Spieler-Bewegung, die auf die Verlegung von Eckbällen hin zur Strafraumgrenze  drängt. Wir in Duisburg sind auf Seiten der Traditionalisten und haben schon mehrmals protestiert gegen diese Versuche die Ecken-Regel aufzuweichen. Gestern endlich fanden wir im Schiedsrichter Robert Kempter einen offiziellen Unterstützer unseres Protestes. Vor Ausführung der ersten Ecke von St. Pauli hatte  sich der ausführende Spieler um keine Kreidemarkierung gekümmert. Weit außerhalb des vorgesehenen Viertelkreises lag auf provozierende Weise der Ball. Aber Robert Kempter nahm die Hinweise aus dem Publikum nach nur kurzer Irritation auf und unterband den Pauli-Versuch, die Ecken-Regel zu ignorieren. Ob so ein vorbildhaftes Zusammenwirken nicht auch andere strittige Situationen  klären könnte? Wie oft haben wir hinter dem Tor doch einen besseren Blick auf das Foulspiel etwa innerhalb des Strafraums.

Ohne Schiri-Hilfe siegen wir uns zum erst einmal Nichtaussprechbaren

Aller guten Dinge sind drei. Deshalb werde ich auch nach diesem Heimspiel des MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus ein paar Worte zum Schiedsrichter schreiben. Aber nicht, weil das schon nach dem Abpfiff am Freitag  auf der Hand lag, sondern weil Ranisav Jovanović nicht nur ein großartiges Spiel gemacht hat, er hatte da was zum “Schiri” zu sagen. Dazu später. 2:1 gewonnen! Das war der Sieg, der schon sicher stellt, was ich aus altem Aberglaube noch nicht ausspreche. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Siege.

Eigentlich fasst mein Gefühl in der Zeit nach dem Anschlusstreffer des FC Energie Cottbus kurz vor dem Schlusspfiff den Charakter dieses Heimspiels vom MSV Duisburg am besten zusammen. Da gab es so eine merkwürdige Mischung aus fast sorgloser Gelassenheit kombiniert mit Panickattacken und Vorfreude in mir. Das war schon in der ersten Halbzeit so, weil das Spiel selbst wenig Anlass bot, intensiv dabei zu sein. Wäre dieses Spiel ein TV-Film gewesen, hätte ich schnell zum Buch gegriffen, am PC was nachgeschaut und höchstens bei spannungsgeladener Musik oder Dialogfetzen hingeschaut. Was Cottbus kann, war hin und wieder in der Zone etwa 5 Meter vor dem Strafraum zu sehen. Da wurde schnell im Doppelpass gespielt. Spieler kreuzten und standen für Momente frei, doch der entscheidende Pass in den Strafraum gelang nie. Nur zu Beginn sah dieses schnelle Spiel etwas bedrohlich aus, der MSV hielt dagegen und schnell war Cottbus nicht mehr so mutig wie zu Beginn. Der MSV schaffte zudem immer wieder in Einzelsituationen Druck auf das Cottbusser Tor.

Die Sorge über das Fehlen von Goran Sukalo waren also unbegründet. Dass Julian Koch pausieren musste, hielt ich sogar für eine passende  Notwendigkeit. Angesichts seiner Geschichte beim MSV fällt so ein Satz schwer, aber in den letzten Spielen hakte es bei seinem Auftritt immer mehr. Das Rochieren auf den Positionen und die Hereinnahme von Tanju Öztürk sowie Andreas Ibertsberger schwächten das Spiel des MSV Duisburg also überhaupt nicht. In so einem Spiel fällt dann ein Tor nicht aus einem kontinuierlichen Fluss heraus, sondern jede Situation durch einzelne Spieler mit Zug zum Tor kann die große Chance ergeben. Ranisav Jovanović gehört im Moment zu den Leistungsträgern dieser Mannschaft. Das zeigt nicht nur sein Tor nach dem grandiosen Lauf mit Ball über den halben Platz. Wie er in der zweiten Halbzeit immer wieder hohe Bälle gegen manchmal drei Gegenspieler angenommen hat und sie je nach Spielsituation nahezu jedes Mal variabel und sicher verarbeitete, war sehr beeindruckend.

In der zweiten Halbzeit intensivierte Cottbus das Spiel, aber der MSV zog sich keineswegs zurück. Die Mannschaft spielte weiterhin nach vorne, was das Spiel über eine längere Strecke in ein wildes und ungestüm wirkendes Hin und Her verwandelte. Was soll ein ruhiger, sicherer Spielaufbau aus der Defensive, wenn vorne mit Maurice Exslager und Jovanovic zwei Stümer stehen, von denen der eine wegen seiner Schnelligkeit und der andere wegen seiner Lufthoheit die wild nach vorne gekloppten Bälle erobern kann? Missversteht mich nicht, ich glaube, das war das richtige Rezept, um die Pressing-Versuche der Cottbusser ins Leere laufen zu lassen. Das war die beste Lösung für die vorhandenen Möglichkeiten.

Ein typischer Exslager-Sprint brachte ihn in den Strafraum, wo das stochernde Bein des Gegenspielers auch ein Geschenk war. Ich erinnere mich jedenfalls mehr an meine Gelassenheit als an die spannungsvolle Vorfreude auf ein Tor. Sprich: An der Stelle im Strafraum schien mir Exe noch gar nicht so torgefährlich gewesen zu sein. Exe fiel, der Schiedsrichter pfiff und als Branimir Bajic den Ball zum Elfmeter an sich nahm, wurde meine Hoffnung auf das Tor schon größer. Diese 2:0-Führung schien alles sicher zu machen, doch was wären wir MSV-Fans ohne die gewohnten Zitterminuten am Ende. Der Anschlusstreffer fiel, und die letzten 6 oder sieben Minuten – wieviel waren es? – wurden noch einmal zum zähen Ringen. Da versuchte die Zebras sich in eine gestreifte Mauer zu verwandeln, und die Cottbusser schossen nicht drüber sondern mit aller Macht immer gegen die Mauer. Lücken entstanden so nicht. Mörtel und Mauerteile erwiesen sich als stabil.

So lässt sich nun immer wieder mal an die nächste Saison denken, das Nichtaussprechbare kommt mir bildhaft in den Sinn. Und was die Bilder angeht, so war der dpa-Fotograf im richtigen Moment am richtigen Platz. Auch die Rheinische Post hat für den Artikel über das Spiel  das wunderbare Gruppenfoto  von Tanju Öztürk, Sören Brandy, Maurice Exslager und Ranisav Jovanović übernommen, als die vier ein Gemälde nachgestellt haben. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Epoche sie im Sinn hatten. Männergruppen mit Blick in die Ferne, das sind – so meine ich – Szenen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Kunsthistoriker unter euch werden´s besser wissen.

Fehlt noch der Schiedsrichter, und damit zur Pressekonferenz nach dem Spiel sowie den O-Tönen von Maurice Exslager und Sören Brandy sowie Ranisav Jovanović. “Rani” ist es, der die stehende Redewendung des Fußballs “der Schiri war heute nicht der Grund, dass wir heute” in einem überraschenderen Bedeutungszusammenhang verwendet. Der “Schiri” hieß Benjamin Cortus und wird wahrscheinlich erleichtert aufseufzen, wenn er die Worte von “Rani” hört. Ob der DFB überall seine Ohren hat und nun sämtliche zurück liegenden Siege des MSV  in blindem Aktionismus überprüfen wird? Wir leben schließlich in Zeiten, in denen Funktionäre versprechen allem nachzugehen.

Tanju Öztürk ist doch kein australischer Schwimmer?!

Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass Tanju Öztürk tatsächlich nicht der australische Leistungsschwimmer ist, den wir bislang noch nie in ihm erkannt haben. Sonst habe ich einen Fehler gemacht. Tanju Öztürk hat nämlich nach seiner Einwechslung gegen den 1. FC Kaiserslautern gut gespielt. Defensiv war er sofort präsent, nach vorne brachte er durch sichere Ballmitnahmen im Lauf viel Dynamik. Das sah alles sehr schön aus. Deshalb mache ich mir auch um das Spiel gegen den VfL Bochum heute Abend auf seiner Position wenig Sorgen. Als  kleiner Unsicherheitsfaktor bleiben die 90 Minuten gesamte Spielzeit als Aufforderung zur Konstanz an ihn, und deshalb dachte ich an ein paar positive Signale am Spieltag. Und nun kommen mir die australischen Leistungsschwimmer dazwischen.

Diese austalischen Leistungsschwimmer schieben uns Fans nämlich die Verantwortung für Medienkompetenz zu, zumindest solange bis so ein Aussie selbst damit klar kommt, dass er über Facebook und Twitter im direkten Austausch mit all denen ist, die etwas von ihm erwarten. Und das ist mehr als eine Antwort auf ein Posting. Das ist der Sieg im Wettkampf. Leider konnten australischen Schwimmer bei den Olympischen Spielen letztes Jahr diese Erwartung nur unzureichend erfüllen. Der australische Schwimmverband rätselte warum und ging die Frage wissenschaftlich an. Gestern griffen die deutschen Medien die Meldung über das Ergebnis dieser Studie auf. Und wer ist wieder schuld? Die sozialen Netzwerke!  “Erfolglos wegen Facebook und Twitter” titelte gestern die Süddeutsche Zeitung.  Rumms, da haben wir den Salat. Zusammengefasst heißt es in der Studie, über die sozialen Netzwerke wird der Fan als Fan echter und gegenwärtiger. Die Athleten lassen Kommentare näher an sich heran, glauben, was erst Hoffnung ist und verlieren die Wettkampfkonzentration. Der Mensch ist eben ein soziales Tier, das sich den Bindungsangeboten im Netz nicht immer ohne Anstrengung entziehen kann.

Schon stellt sich für mich als Fußballfan die Frage, wie sensibel ich mit den Spielern meiner Mannschaft kommunizieren muss, damit sie erfolgreich sein können. Ein plumper Kommentar bei Facebook wie, ihr seid toll, ihr schafft das, so was könnte nach hinten losgehen. Müssen wir uns also jetzt mit den Spielerpersönlichkeiten genauer beschäftigen? Grundsätzlich gilt ja, Lob, allerdings nicht übertrieben, bei gleichzeitiger Fehlertoleranz kommt pädägogisch gut. Aber es gibt ja auch die egozentrischen Narzissten unter den Fußballern, die einen Anschiss, auch von Fans, hin und wieder gut vertragen können. Und wie ist Tanju Öztürk so drauf? Was für Fragen! Und alles nur, weil ich vorhin mal schnell beim Facebook-Tanju-Öztürk “Gefällt mir” angeklickt habe. Ich weiß nicht mal, ob er wirklich für die Seite verantwortlich ist. “Gefällt mir nicht mehr”, geht aber auch nicht mehr. Das ist ja nicht das Wiederherstellen von Neutralität. Da  steckt schließlich auch eine Botschaft drin. Dabei ging es nur um das Glück im Spiel gegen den VfL Bochum heute. Hätten die australischen Schwimmer nicht mal ein paar mehr Medaillen holen können.

Eines allerdings beruhigt meine Zweifel. Tanju Öztürk ist in Köln aufgewachsen. Bei mir um die Ecke hat er seine ersten Fußballspiele gemacht, und was so ein richtiger Kölner ist, der wird doch hoffentlich die kölsche Gelassenheit gegenüber dem Leben genügend verinnerlicht haben. Et hät noch emmer joot jejange! Wer das weiß, nimmt Kommentare bei Facebook weniger schwer und spielt gegen den VfL Bochum trotz vorzeitigem Lob unbelastet auf. So kann ich mir direkt ein wenig mehr Gedanken darüber machen, wer denn die Tore für den MSV Duisburg erzielen soll. Wenn ich bei der WAZ  lese, dass Maurice Exslagers Torschüsse beim Training sich nicht sonderlich von seinem einen gegen den 1. FC Kaiserslautern unterschieden haben, müssen wir doch an Alternativen in der Mannschaft denken. Branimir Bajic wäre mal wieder an der Reihe. Ein Tor von ihm nach einer Ecke zum 1:0-Sieg nehme ich auf jeden Fall auch.

Kein Spiel zum Streiten

Zufriedenheit allerorten, gepaart mit ganz leisem Bedauern über vergebene späte Torchancen, was immer wieder schnell weggewischt wird. So fühlt die MSV-Welt nach dem torlosen Unentschieden in Dresden. Die Leistung der Mannschaft stimmt zuversichtlich, auch wenn ich jetzt mal die Harmonie ein wenig stören möchte. Diese Querschläger und Verlegenheitskerzen, mit denen  hin und wieder in der zweiten Halbzeit die Dresdner Angriffe unterbunden wurden, haben mich jedes Mal aufgeregt. Auch ein blindes Huhn findet bei so viel Körner Hinlegen gelegentlich eins.

Andererseits bin ich auch dankbar für diese Anspannung. Ich hatte da so meine Befürchtungen. Ihr kennt das vielleicht? Du fühlst dich merkwürdig leer, wenn du daran denkst, was du magst.  Nichts schwingt dann in dir. Ist irgendwas geschehen und du willst es dir nicht eingestehen? Du weißt selbst nicht was. Doch du fühlst nichts, wo du sonst so bewegt bist. Du machst weiter wie gewohnt, willst es auch nicht wahrhaben und dann …

Dann war sofort alles so wie immer. Keine Ahnung, was das war. Manchmal hilft es eben, einfach weiterzumachen. Jeder Angriff Richtung Dresdner Tor ließ mich hoffen, wenn auch bis auf den Beginn und die letzten Minuten solche Hoffnungen  nicht lange anhielten. Fast allen Angriffen Richtung Duisburger Tor sah ich eigentlich recht entspannt entgegen bis eben zu jenen Momenten, in denen da der Ball wild hoch in die Luft geschossen wurde. In den letzten zehn Minuten war den Dresdnern die Angst vor einer Niederlage anzumerken. Und natürlich wäre dieses Siegtor kurz vor Schluss durch Goran Sukalo oder Ranisav Jovanović großartig gewesen.  Zunächst dachte ich sogar, das wäre ungerecht gewesen, aber mit etwas Abstand hätte ich dieses Tor als Ergebnis des besser organisierten Spiels der Zebras und des längeren Atems angesehen.

Es sollte nicht sein. Karnevalssamstag nun gegen den TSV 1860 München, ohne die gelbgesperrten Goran Sukalo und Branimir Bajic. Trotz dieses Handicaps bleibe ich nach dem Spiel gegen Dresden sehr viel gelassener, als es im Herbst letzten Jahres noch der Fall gewesen wäre.

Die Pressekonferenz und Stimmen von Benjamin Kern, Ranisav Jovanović und Julian Koch nach dem Spiel:

Der Nachbericht vom MDR mit einigen Pacult-O-Tönen und launigem Kommentar aus Dresdner Perspektive findet sich mit einem Klick weiter bei youtube.

Bilder vom Spiel in einem etwa 13minütigen Zusammenschnitt von einer Hintertorkamera ebenfalls dort mit einem Klick weiter.

Der durchschnittliche Nachteil einer roten Karte

Die rote Karte gegen Branimir Bajic gibt mir Gelegenheit, einmal auf Metin Tolan zu verweisen. Wahrscheinlich kennen einige von euch den Professor für Experimentelle Physik an der Technischen Universität Dortmund noch aus der Zeit, als er für die WAZ in einem heute nicht mehr online vorhandenen Blog dem Fußball mit physikalischen Methoden auf den Grund ging. Daraus entstand sein bei Piper erschienenes Buch: “So werden wir Weltmeister: Die Physik des Fußballspiels” zu dem er nach dessen Erscheinen in der ZEIT ein Interview gab.

Uns interessiert also heute die von ihm beantwortete Frage, wie sehr wird eine Mannschaft geschwächt, wenn sie einen Spieler duch eine rote Karte verliert? Metin Tolan teilte bei seinem mathematischen Ansatz zur Antwort das Spielfeld in zwanzig für die Feldspieler gleich große Teile und berechnete, wieviel mehr die Spieler einer Mannschaft mit nunmehr neun Feldspielern laufen müssten, um die Grenzen ihrer jeweiligen Aktionsfläche zu erreichen. Er kam auf eine um fünf Prozent höhere Geschwindigkeit eines jeden, um die Fläche abzudecken, die normalerweise zehn Spieler einnehmen. Intuitiv wären mehr Laufleistung zu erwarten. Denn man könnte annehmen, 100 Prozent fehlende Leistung eines Spielers müsste sich auf 9 restliche Spieler verteilen. Die Mannschaft wird also weniger geschwächt, als es im ersten Moment wirkt. Die Mathematiker unter euch können seinen von vielen Formeln gestützten Erklärungsansatz in Welt der Physik detailliert nachlesen. 

Einen Schritt weiter ging er mit der Bewertung der Spielsituation, in der die rote Karte gezogen wurde. So ergibt sich eine statistische Prognose. Dennoch ist die Prognose, ob sich eine rote Karte lohnt,  trotz vieler Zahlen und Formeln natürlich viel spekulativer, weil die Einflussgrößen noch vielfältiger sind.  Bei Spiegel online wurde einmal versucht, die komplexen Berechnungen halbwegs verständlich aufzudröseln. Wann lohnt sich also eine Notbremse?

Und in Köln? Hat sich die rote Karte gelohnt? Hätte Sascha Bigalke den Ball ins Tor gesetzt, wenn Branimir Bajic ihn nicht am Arm gehalten hätte? Vielleicht hätte der heraus laufende Felix Wiedwald ihn irritiert? So abschlussschwach wie sie waren. Aber die Abschlussschwäche konnten sie überhaupt erst nach der roten Karte beweisen. Vorher sind sie nicht einmal vor das Duisburger Tor gekommen. Wäre die Konzentration in der Defensive aber mit zehn Feldspielern genauso hoch gewesen wie mit der vollzähligen Mannschaft? Hätten die Zebras zu elft ihre Konter mit noch einem Spieler mehr laufen können? So viele Fragen. So viel Spekulation. Ich glaube jedenfalls, die rote Karte hat sich gelohnt. Rein intuitiv, ohne Berechnung. Und wegen viel “Siechjeföhl” beim Unentschieden.

Auch ohne Tore fühlt sich das nach Sieg an

Im Moment fällt mir kein torloses Unentschieden ein, dass ich derart bejubelt habe wie dieses am Freitagabend gegen den 1. FC Köln. Nachdem der MSV Duisburg ab der 21. Minute nur mit zehn Mann spielte, fühlte sich das Ergebnis nach einem Sieg an. Das ging den meisten in der begeisterten Gästekurve so, aber auch den Spielern, wenn man sich weiter unten anhört, was Julian Koch gesagt hat. Die letzten Minuten hatten es aber auch in sich. Zweimal ging der Ball an die Latte des Duisburger Tores, nach einem Freistoß und nach einer Ecke, und einmal hatten wir gefühlte Ewigkeiten Zeit bei einem wilden Getümmel im Strafraum den jeweils nächsten drohenden Schussversuch der Kölner im Netz einschlagen zu sehen. Doch immer wieder warf sich ein weiterer Duisburger Spieler vor den Ball, bis schließlich der Gewaltschuss nicht mehr zu verhindern war. Aus vielleicht sieben Metern Entfernung knallte der Ball rechts neben das Tor in die Bande. Aufatmen.

Dabei war die Kölner Mannschaft über das Spiel hin gesehen harmlos, verunsichert und ohne Mittel, den Zebras gefährlich zu werden.  Aus Zebra-Sicht  wäre es nach dem Überstehen dieser wenigen wirklich gefährlichen Minuten sogar fast zur perfekten Dramaturgie des Spiels gekommen. Einen ersten Ansatz zum Konter konnten die Kölner gerade noch verhindern, nachdem auf Höhe der Mittellinie der eingewechselte Zvonko Pamic den Ball  einem erneut zögerlichen Kölner Spieler den Ball abgenommen hatte. Doch nach der nächsten Balleroberung  wurde Srdjan Baljak steil geschickt. Aus unserer Perspektive von der Westtribüne auf Höhe des Kölner Strafraums war aber schon nach der Ballannahme zu sehen, dass er nicht in idealer Linie aufs Tor würde schießen können. So hielt sich meine Hoffnung in Grenzen. Vielleicht war ich aber auch nur  zu sehr mitgenommen von den Chancen der Kölner Mannschaft und der Nachricht von vier Minuten Nachspielzeit.

Bis zur 80. Minute hielten sich meine Sorgen aber in Grenzen. Wir sahen eine Kölner Mannschaft, die sehr an den MSV der Heimspiele erinnerte. Es fehlte den Kölnern an Dynamik und Ballsicherheit, um eine die meiste Zeit perfekt verteidigende Mannschaft der Zebras zu überwinden. Alleine Sascha Bigalke zeigte in vergeblichen Einzelaktionen Zug zum Tor. Einzelaktionen bestimmten auch die Entlastungsangriffe beim MSV Duisburg. Vor dem Halbzeitpfiff setzte sich Daniel Brosinski auf der rechten Seite wunderbar durch, doch kam in der Mitte kein Spieler rechtzeitig in den Rückraum, wohin der entscheidende Pass hätte gespielt werden müssen. Sören Brandy versuchte sich unermüdlich, aber vergeblich in langen Sprints mit dem Ball. Auch ihm fehlte die Anspielstation. Das Provozieren eines Foulspiel gelang ihm gar nicht. Ich möchte darauf wetten, dass er beim Schiedsrichter recht bald schon in der Schublade “lässt sich fallen” lag und unklare Situationen nicht mehr für ihn gepfiffen wurden. Mich beruhigte zudem, dass Antonio da Silva  im Mittelfeld gegen die Überzahl pressender Kölner den Ball behauptete und dann den Pass in den freien Raum spielen konnte. So mussten die Kölner vorsichtiger werden bei ihrem frühen Angreifen, konnten nicht mehr so offensiv auf den Ball gehen.

Julian Koch wurde nun das zweite Mal eingewechselt, und erneut war im Ansatz zu sehen, welche Dynamik er dem Spiel des MSV Duisburg verleihen kann. Schon jetzt, wo er natürlich noch etwas langsamer wirkt als in seiner ersten Saison bei uns, schon jetzt besitzt sein Antritt jene Grundschnelligkeit, dass er mit dem Ball am Fuß sicher in die Lücken der Abwehrreihen stoßen kann, um anschließend den entstandenen Freiraum zu nutzen. Er hat dann das Auge für den Pass. Für den ganz langen Sprint braucht er noch etwas Zeit. Noch sorgt mich zudem jeder seiner langen Schritte bei den Balleroberungen in der Defensive. Das ist sein Spiel schon früher gewesen. Aber es ist auch genau dieses Spiel, das zu seiner schweren Verletzung geführt hat. Dann denke ich und hoffe, er wird sehr genau lernen, wann dieser lange Schritt einfach zu risikoreich ist. Felix Wiedwald braucht übrigens nicht nur wegen der vor allem durch ihn verschuldeten roten Karte für Branimir Bajic zusätzliche Trainingseinheiten im weiten Abschlag beziehungsweise Passen.

In diesem Spiel das torlose Unentschieden gehalten zu haben, wird die Mannschaft weiter zusammenschweißen. Dieses Spiel gibt uns Zuschauern aber auch eine Lektion, weil die spielerische Qualität vom 1. FC Köln, wie erwartet, nicht besser war als die des MSV Duisburg. Das Kölner Publikum war unzufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft und pfiff sie schon zu Beginn der Halbzeitpause aus, ganz zu schweigen von der Verabschiedung nach dem Spiel. Mich freute diese Unmutsbekundung, weil ich hoffte, sie könnte die Kölner Mannschaft noch mehr verunsichern. Diese Mannschaft bemühte sich. Sie bemühte sich so, wie es der MSV Duisburg in seinen Heimspielen auch immer tat. In solchen Spielen hat es die verteidigende Mannschaft einfach leichter, die Zuschauer  zu begeistern. Sie braucht nichts mehr zu tun, als sich der angreifenden Mannschaft mit Leidenschaft entgegen zu stellen. Die angreifende Mannschaft braucht spielerische Lösungen, um diese Defensive zu überwinden. Die Leidenschaft der angreifenden Mannschaft kann meist nur unsichtbar bleiben. Spieler etwa, die steil laufen und nicht angespielt werden, wirken nicht stimmungshebend. Obwohl sie sich bei ihrem Lauf anstregen, also Leidenschaft zeigen.

Deshalb war ich auch nicht glücklich über diese in der Öffentlichkeit kolportierte Brandrede von Ivica Grlic vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln. Es ginge jetzt nur um drei Buchstaben, oder was hat er nochmals gesagt? So etwas geht in Heimspielen nach hinten los, weil es einen ungerechten Vorwurf befördert, eine Stimmung befeuert, die die Mannschaft nur weiter verunsichert. Noch einmal, im Spiel nach vorne sind Mannschaften wie der MSV Duisburg und, wie wir gesehen haben, der 1. FC Köln nicht präzise genug, um leidenschaftliche Eindrücke zu hinterlassen. Um in der Offensive ein Bild von Leidenschaft zu wecken, braucht es Schnelligkeit und Dynamik. Bei engen Räumen auf dem Spielfeld sind dazu große Präzision im Zusammenspiel und sehr gute technische Fähigkeiten nötig. Beides ist beim MSV Duisburg nicht stabil vorhanden. Was nicht bedeutet, dass ein Spiel sich nicht dahin entwickeln kann. Aber die Stimmung trägt dazu mit bei. Deshalb wäre das Duisburger Publikum gut beraten, es nicht dem Kölner Publikum gleich zu tun und die immer mögliche Enttäuschung gegen die Mannschaft zu richten. Man braucht sie nicht zu  bejubeln, wenn sie schlecht spielen. Der Vorwurf mangelndens Einsatzes ist bislang aber durchweg ungerecht. Das Spiel gegen den FC Erzgebirge Aue wird, so meine ich, deshalb nicht nur zur Prüfung für die Mannschaft. Auch wir Zuschauer können uns wieder beweisen.

Und nun noch die Stimmen zum Spiel von Felix Wiedwald, André Hoffmann und Julian Koch.

Gewinnen ohne Ball im Spiel klappt selten, Herr Aussem

Wenn im Verein Spieler, Trainer und Verantwortliche den Blick schon wieder nach vorne richten, zum Spiel gegen Eintracht Braunschweig, dürfen wir Zuschauer uns noch immer freuen. Wir dürfen sogar diese Freude über den 2:0-Sieg gegen Alemannia Aachen schon mit Vorfreude auf den Klassenerhalt mischen. Wir dürfen uns Hoffnung machen, die Saison mit einem Mittefeldplatz abzuschließen, und wer sogar zum Ende der Saison noch zu den Sternen greifen will, darf von einem 9. Platz träumen. Wenn alles besonders gut läuft, ist diese Endplatzierung möglich. Mich beruhigt aber auch diese Stimmung im Verein, diese Konzentration auf das nächste Spiel und dieses Gegensteuern gegen überhitzte Gefühle, was dann heißt, ganz gesichert gegen den Abstieg ist der MSV Duisburg noch nicht. Diese Haltung macht Hoffnung auf die Zukunft, genauso wie die Leistung der Mannschaft, nun zum Ende der Saison hin. Denn so viel Wechsel wird es da nicht geben.

In der Nachberichterstattung zum Spiel erstaunt mich aber, wie uneingeschränkt Alemannia Aachen als gleichwertiger Gegner beschrieben wird. Was war denn das für eine Leistung dieser Mannschaft in der ersten Halbzeit? Anscheinend bestimmen Alemannias zwei Großchancen der zweiten Halbzeit jeglichen Eindruck vom Spiel. Diese zwei Chancen waren aber nicht erspielt, sondern sie waren Geschenke des MSV Duisburg. Wenn ich im Kicker lese, die Mannschaften seien sich auf Augenhöhe begegnet, kann ich nur sagen, da hätten die Spieler der Alemannia permanent ein Fußbänkchen mit sich herumtragen müssen. Da trifft bei DerWesten für die erste Halbzeit das Wort vom “Stillhalteabkommen” schon eher. Obgleich die Bemühungen vom MSV Duisburg, ein Tor zu erzielen, deutlich zu erkennen waren. Mich beruhigte es eher, dass die Zebras nicht mit aller Macht nach vorne stürmten, sondern geduldig versuchten Lücken in dieser vollkommen zurückgezogen spielenden Aachener Mannschaft zu finden. Um erfolgreich zu sein, gab es aber zu wenig Bewegung in der Mannschaft, zu wenig Pressing nach Ballverlusten. Aber wahrscheinlich schafft gerade dieses Mehr an Bewegung aller Spieler die Fehler, auf die Aachens Mannschaft einfach nur gehofft hat. In der zweiten Halbzeit war das erkennbar. Da spielten die Zebras mit mehr Biss, versuchten das Spiel mehr nach vorne zu verlagern und schon wurde das Spiel in der Defensive fehleranfälliger.

Aachens Taktik in der ersten Halbzeit schloss die Spielzeitreduzierung mit ein. Nach dem Motto, wenn der Ball nicht im Spiel ist, kann kein Gegentor fallen, wälzten sich die Aachener Spieler auf dem Boden und schleppten sich nach minutenlanger Behandlung zur Seitenauslinie. Jede Bewegung von Aachener Spielern bei einer Spielunterbrechung war eine Bewegung in Zeitlupe. Sechs bis sieben Minuten weniger Spielzeit wurden auf diese Weise mindestens geschafft. Der Unmut im Duisburger Publikum nach dem nicht gegeben Abseitstor kurz vor der Pause war auch deshalb so groß, weil zuvor die Aachener Spieler jede Möglichkeit genutzt hatten, das Spiel länger zu unterbrechen. Das Selbsttor schien nicht nur mir die gerechte Strafe für dieses nervige Mittel im Abstiegskampf. Das Bestrafen wurde dann auf die zweite Halbzeit verschoben.

Felix Wiedwald muss man als ersten nennen, der diesen Sieg ermöglichte. Er hielt zweimal das Unentschieden, als David Odonkor alleine auf ihn zustürmte. Wie lange bleibt dieser Torwart stehen? Wie klein macht er das Tor für einen Stürmer, der nichts anderes kann, als geradeaus zu laufen. Großartig! Hinzu kommt eine immer sichere Strafraumbeherrschung, bei Ecken Mut ins Getümmel zu springen, und er strahlt jederzeit Präsenz aus. Alleine an den Abschlägen muss weiter gearbeitet werden, doch selbst die kommen immer genauer dorthin, wo sie landen sollen.

Natürlich gelang dieser Sieg nur als Mannschaftsleistung. Dennoch gibt es Schlaglichter, Branimir Bajic trifft eines. Als grätschender Retter im Strafraum vor einem einschussbereiten Aachener Spieler und als weiterhin torgefährlicher Strafraumspieler nach Ecken. Ein anderes erhellt die Einzelaktion von Maurice Exslager vor dem Führungstreffer. Es zeichnete sich ab, dass zur Überwindung der dichten Abwehrreihe der Aachener Einzelaktionen von Spielern unerlässlich waren. Maurice Exslager war bis dahin noch nicht sehr erfolgreich gewesen, und nun erhielt er den Ball auf dem rechten Flügel, versuchte es erneut und dieses Mal gelang es. Haken schlagend, fand er die Lücke zwischen drei Spielern, war vollkommen frei vor dem Tor, in ungünstiger Schussposition, hatte aber die Übersicht in den Rückraum zu spielen, wo Daniel Brosinski zu aller Duisburger Erleichterung den Ball ins Tor einschieben konnte. Das Tor gehört zu großen Teilen Maurice Exslager, der zu dem Zeitpunkt in Momenten ohne Ball schon müde wirkte, aufgerieben vom unentwegten Wühlen und Arbeiten bei Angriffsversuchen. Dieses Tor puschte ihn, und sobald der Ball in seiner Nähe war, wirkte er so, als hätte das Spiel gerade begonnen. Deshalb auch nahm er nur wenig später einen halblangen Pass in den Strafraum auf, schoss sofort, wurde abgeblockt und holte sich den Ball augenblicklich noch einmal, um Jürgen Gjasula in der zweiten Angriffswelle zuzupassen. Das 2:0 fiel. Der Sack war zu. Natürlich ging es den Aachener Spielern nun nicht schnell genug. Zeit ist schon ein komisches Ding in so einem Fußballspiel. Lässt sich nicht immer so bändigen, wie man es braucht.

Wer gibt dem Freitag einen Namen und dem MSV die Punkte?

Veilchendienstag, Rosenmontag, Tulpensonntag, Nelkensamstag. Und der Freitag? Dieser bedauerliche Tag zwischen Weiberfastnacht und dem blumigen Rest hat keinen besonderen Namen. Was soll so ein Freitag denn nun nur machen? Erst wusste er nicht so recht, ob er fürs Karnevalfeiern geeignet ist, dann strengt er sich seit einiger Zeit an, um zu den tollen Tagen dazu zu gehören und gibt seine Zeit, damit die Menschen in Kneipen feiern können. Den besonderen Namen als Lohn bekommt er aber nicht.

Da geht es dem Freitag nicht anders als dem MSV Duisburg in der Zweiten Liga am selben Tag. Die Mannschaft des MSV wusste im Spiel gegen den FC St. Pauli erst einmal auch nicht so recht, was sie machen sollte. Eine Halbzeit lang wurde da hin und her überlegt, während das Spiel schon lief und die Spieler ja irgendwie auch dabei sein mussten. So bemühten sich die Spieler mit der Geschwindigkeit der Mannschaft aus Hamburg Schritt zu halten, auch wenn sie den Eindruck machten, als hätten sie gehörigen Respekt vor dieser Geschwindigkeit des gegnerischen Umschaltens zwischen Verteidigung und Angriff.

Dabei hätten sie mit ein wenig Ruhe erkennen können, gerade die eigene Langsamkeit in den Versuchen den Ball nach vorne zu bringen, erleichterte diese Geschwindigkeit. Sie hätten vielleicht auch noch gesehen, viel mehr als diese Geschwindigkeit war da nicht. Am Ende war der FC St. Pauli für sich selbst zu schnell in seinen Angriffsbemühungen. Vor dem Tor des MSV Duisburg liefen sie nämlich alle ganz schnell am Ball vorbei. Da brauchte es  schon mehr Ruhe im Spiel des FC St. Pauli, um das eine entscheidende Tor zu erzielen.  Der FC St. Pauli nutzte die absolute Bewegungslosigkeit eines ruhenden Balles zur gezielten Flanke in den Strafraum. In dieser ersten Halbzeit konnten wir also nicht einen Moment auf Gegenwehr und Ausgleich hoffen. Einmal mehr sah das Bemühen der Mannschaft hilflos aus.

Das Publikum zeigte sich in Teilen aber ebenso hilflos wie die Mannschaft in dieser ersten Halbzeit. Halbherzig machte sich da die Verzweifelung über das erfolglose Spiel im “Wir wollen euch kämpfen sehen” Luft.  Das wurde mehrmals angestimmt, ohne große Resonanz, aber für Momente halblbaut genug. Dieses “Wir wollen euch kämpfen sehen” war der Emil-Jula-Sprint des Fangesangs, die  Daniel-Brosinski-Flanke und die Bajic-oder-Soares-Spieleröffnung, allesamt bemühten sie sich, und die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen war voraussehbar.

Mangelnden Einsatz kann man den Spielern vom MSV Duisburg wirklich nicht vorwerfen. Sie kämpfen, sie versuchen sich einzusetzen. Das Problem der ersten Halbzeit war nur, dass sie nicht so recht wussten, wie sehr sie ihren spielerischen Möglichkeiten vertrauen konnten. Das Problem der zweiten Halbzeit dagegen war erneut der harmlose Sturm. In dieser zweiten Halbzeit kam das Spiel der Mannschaft endlich ins Laufen. Endlich zeigte auch der MSV schnellere Spielzüge, endlich bewegte sich die Mannschaft nicht nur auf geraden Bahnen in der gegnerischen Hälfte. Es wurde gekreuzt, auch auf kurzen Strecken steil gegangen und der aufgenommene lange Ball wurde per Doppelpass verwertet. Der Abschluss war einmal mehr nicht vorhanden. In so einem Spiel fällt ein Ausgleich dann mehr zufällig. Ich bleibe dabei, es gibt keine Wahrscheinlichkeit der Voraussage, wie diese Mannschaft spielt. Alles ist möglich.

Entscheidende Positionen im Spiel besetzen Spieler, die sich ihrer Fähigkeiten zu unsicher sind. Sie brauchen den Lauf des Spiels. Baut der sich auf, wird alles gut. Gibt es den nicht, lastet die Gefahr der Niederlage immer schwerer auf deren Schultern. Es ist mehr als ein billiger Scherz, sich Gedanken über die Frisur von Daniel Brosinski zu machen. Das hat sehr viel mit der Psyche eines Menschen zu tun. Wir kennen die Geschichten von der anderen Frisur, mit der Menschen Wendepunkte ihres Lebens äußerlich unterstreichen. Ohne Haare war Daniel Brosinski ein selbstsicherer Fußballspieler. Das ist nur ein Hinweis, was alles zu den instabilen Leistungen dieser Mannschaft beiträgt.

Die Gefahr erkennen, ohne zu erstarren. Darum wird es für diese Mannschaft in den nächsten Spielen gehen. Deshalb lohnt die Unbeschwertheit der Gegenwart, wie sie die Karnevalsgröße Jupp Schmitz mit kölscher Jelassenheit und ebensolchem Zungenschlag empfahl. Schließlich steht der MSV Duisburg zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz: “Wer weiß, was morgen  noch alles uns blüht? Wer weiß, wie lange das Lämpschen (!) noch glüht? Komm lass die Sorgen, was immer auch geschieht. Denn wer weiß, was morgen noch alles uns blüht?” Man weiß es eben nicht. Der Abstieg muss nicht dabei sein.

Nur ein wenig “egal wie” gesiegt

Einen Spieltag lang hat sich der MSV Duisburg wieder auf dem 16. Tabellenplatz befunden, dem Relegationsplatz. Wenn ich meine eigene Haltung dazu genauer in den Blick nehme, ahne ich, wie es einigen Fußballern des MSV Duisburg gehen muss. Diese Fußballer sind mit Hoffnung auf größere Erfolge nach Duisburg gekommen und müssen sich nun damit beschäftigen, andere Ziele zu verfolgen. Ich muss mich immer wieder zur Ordnung rufen. Schnell schleicht sich ein: Eigentlich sind wir ja besser. Ich bemerke eine sich gerne einstellende, grundlose Sorglosigkeit. Ich schaffe mir mit dem Verein meiner Zuneigung das gesicherte Mittelfeld selbst und muss mich dann ermahnen, die Wirklichkeit im Kopf zu behalten.

Um so besser, dass sich gestern durch den Sieg des MSV Duisburg gegen Eintracht Braunschweig inneres Bild und Wirklichkeit angenähert haben. Erneut haben die Spieler gezeigt, sie wissen, worum es geht. Eigentlich gab es diese Bereitschaft zur bedingungslosen Anstrengung, bereits im Spiel gegen den SC Paderborn, als Milan Sasic noch Trainer war. Mit Oliver Reck aber ist das Selbstvertrauen aller Spieler zurück gekommen, und der Mut von allen ist wieder spürbar. Dieser Wandel der Einstellung ist ohne Frage Oliver Reck zu verdanken.

Welch ängstlicher Spieler wurde etwa Daniel Brosinski unter Milan Sasic immer wieder. Seine Laufwege vermittelten oft den Eindruck, das Sprinten ist allein ein Zeichen für die Bank. Es schien zu verkünden, ich setze mich so sehr ein, wie ich nur kann, aber bitte spielt mich nicht an.  Unter Oliver Reck lebt Daniel Brosinski auf. Nicht seine zwei Tore gestern machen dieses Urteil möglich, sondern seine dauerhaft vorhandene Bereitschaft, sich auch auf ungewohntem Weg für den Pass anzubieten und im Spiel etwas zu riskieren.

Egal wie, so sagte Oliver Reck, solle gewonnen werden. Es wurde nur ein wenig egal wie. Schon lange fühlte ich mich nicht mehr so zufrieden wie nach der ersten Halbzeit. Eine Führung mit zwei Toren Unterschied. Das war das glückliche, frühe 1:0, bei dem Daniel Brosinskis Kopf nach Emil Julas scharfer Reingabe dem Ball im Weg war, so dass er nicht anders konnte als zu köpfen. Da war dann das zweite Tor von Daniel Brosinski, nachdem er einen von Emil Jula lang geschlagenen Ball  aus der Luft heraus annimmt, ihn dabei über den Torwart hebt und anschließend ins leere Tor einköpfen kann. Und in diesen ersten 45 Minuten kaum Gefahr für das Duisburger Tor durch die Eintracht.

Dieses “egal wie” zeigte sich dann vor allem in der zweiten Halbzeit, als die Braunschweiger druckvoller spielten. Doch entweder blieb die Eintracht beim letzten Pass zu harmlos, oder der Abschluss geriet zu ungenau. Eine Ausnahme gab es. Felix Wiedwald parierte den Kopfball. Felix Wiedwald stand an Stelle von Florian Fromlowitz im Tor. Was dieser wohl nicht erwartet hatte und nur schwer ertragen konnte. Er sah sich “mental” nicht dazu in der Lage, ins Stadion zu kommen. Florian Fromlowitz gehört mit Sicherheit zu den Spielern, die sich ganz andere Vorstellung vom Verlauf der Saison gemacht haben. Nach den Patzern in den letzten Spielen ist die Entscheidung von Oliver Reck nachzuvollziehen. Für Felix Wiedwald war es aber auch ein angenehmes Spiel, um zu debütieren. Die Braunschweiger stellten ihn auf die Probe, ohne ihm alles abzuverlangen.

An Abschlag und Abwurf allerdings sollte er noch stark arbeiten. Die Braunschweiger nahmen seine Bälle oft dankbar auf. Vielleicht wollte er aber auch nur seinen Kollegen Bollmann und Bajic nicht nachstehen. Wobei mir Bajics Fehlpässe als so leichtfertig erscheinen, dass ich sogar schon vermutet habe, ihnen lägen grandiose Spielideen zugrunde, die seine Mitspieler nur noch nicht erkennen können.

Nach den Fehlpässen im Spielaufbau wurde dem Ball sofort im Mannschaftsverband wieder hinterher gegangen. Da war das “egal wie” der bedingungslose Einsatz um die Kontrolle des Spiels. Dieses “egal wie” wurde aber nicht zu dem berühmten “dreckigen” Spiel. Dieses “egal wie” war nur das Wissen, wir müssen rennen und rennen und rennen. Wie es zu den leichtfertig wirkenden Fehlern kommt, ist nicht so genau auszumachen. Liegt es an mangelnde Abstimmung oder am unzureichenden Spielvermögen einzelner Spieler? In Aachen sah der Spielaufbau jedenfalls besser aus. Trotz der Zwei-Tore-Führung zweifelte ich noch lange am Sieg, und erst nach dem Tor von Zvonko Pamic verschwanden diese Zweifel. In diesem Spiel gegen Eintracht Braunschweig zählt nicht nur das Ergebnis. Es war nur ein wenig “egal wie” gesiegt. Weil der Sieg gerade trotz der Fehler in der zweiten Halbzeit so deutlich wurde, macht er mich sicher, es wird nicht mehr lange dauern, bis mein inneres Bild und die Wirklichkeit endgültig wieder übereinstimmen.


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