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Die Mannschaft wieder einen

Während Marco Röhling neun einsilbige Wörter sagt, deren genauen Sinn sich mir erst mit dem zehnten und elften Wort erschließt, habe ich erstaunlich viele Gedanken gleichzeitig. Erst um die zwanzigste Minute herum bin ich zum Webradio von Radio DU gekommen und das erste, was ich hörte, war folgendes: „Und schob den Ball ein zum eins zu null …“ Nicht zu erkennen war in diesem Moment für mich, wer da nun führte. Normalerweise stelle ich das inzwischen an der Stimmlage von Marco Röhling recht schnell fest. Dieses Mal nicht, so neutral sprach Marco Röhling diesen Satz.

In dem Moment fanden Gedanken Worte in meinem Kopf, sie versanken, andere tauchten auf und stürzten augenblicklich wieder ab, übrig gebliebene vermischten sich mit anderen Gedanken und schufen einen Moment des unentschiedenen Stillstands, in dem alles möglich wurde. Das dauerte vielleicht ein bis zwei Sekunden, und in dieser kurzen Zeit hatte ich einerseits die Ahnung aller Gefühle, die dieser Verein in mir immer wieder weckt. Bange Hoffnung, die die Freude ahnen lässt, gefolgt von dem Absturz in Sorge und Enttäuschung. Andererseits hatte auch sofort das Denken über diesen Zustand begonnen. War ich doch kein direkter Beobachter des Spiels. Das Medium der Sportreportage gewährte mir Distanz.

Dieser Zustand eines blitzartigen Nebeneinanders von Gefühl und Rationalität war aber nur deshalb möglich, weil der MSV Duisburg zurzeit selbst nicht weiß, wo er steht. Immer noch wollen wir nach Aussage von Walter Hellmich auf der Pressekonferenz zur Entlassung von Peter Neururer alles tun, um ganz oben mitzuspielen. Wenn Bruno Hübner zu der Frage Stellung nimmt, was die Entlassung bringt, klingt das vorsichtiger. Da wollen wir bis zur Rückrunde alles tun, um zu sehen, was noch möglich ist. Ich hoffe, wir hören bei den beiden nur die Belege für deren unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie werden dieselben Ziele haben. Wenn man aber an die Leistung der Mannschaft denkt, ist nichts vorhersehbar in einem Spiel wie dem gegen TuS Koblenz.

Dann hörte ich Marco Röhling sagen: „… für den MSV Duisburg und diese Führung hat immer noch Bestand nach inzwischen 21 Minuten.“ Das klang gut. Ich war eher still zufrieden, als dass ich mich laut freute. Schon in normalen Zeiten wäre dieses Spiel gegen TuS Koblenz ein Pflichtsieg gewesen, gestern war es immer noch ein Pflichtsieg, ohne dass ich wirklich daran glauben konnte. Denn, wie gesagt, erwartbar ist im Moment nichts.

Doch ich hörte gestern und lese heute bei „Der Westen“ und im „Kicker“ von einem „klaren Sieg“ und einer „ansprechenden Leistung“. Das viel beschworene  Potenzial der Mannschaft hat sich anscheinend deutlich gezeigt. Natürlich ist dieser Sieg nicht das Ergebnis der Entlassung von Peter Neururer. Das ist die Geschichte, die in einer kurzen Zeitungsmeldung am einfachsten zu erzählen ist. Dennoch zeigt sich, und zwar nach dem Spiel im Interview mit Christian Tiffert, die Entlassung war richtig.

Christian Tiffert erweist sich in dieser Saison nicht nur auf dem Spielfeld als Stütze dieser Mannschaft. Auch wenn er Stellung nimmt zu den spielerischen Leistungen der Mannschaft, sagt er entscheidende Sätze im richtigen Ton. Im Podcast von Radio DU geht es da mehr um die Einordnung des Sieges, im Interview nach dem Spielbericht von Sky gibt er bei Minute 3:45 aber auch noch einen Einblick in die Stimmungslage der Mannschaft. Christian Tiffert sieht für die Stimmung innerhalb der Mannschaft Verbesserungsbedarf. Stimmung hat etwas mit Zusammenhalt zu tun, und der ist Voraussetzung, um Krisen zu überstehen. Die Bewertung der Entlassung Peter Neururers überlässt er allerdings anderen.

Mir, zum Beispiel: Betrachte ich, wie Peter Neururer mit den Problemen dieser Mannschaft seit Anfang dieses Jahres immer wieder umgegangen ist, dann weiß ich sicher, egal wie gut sein Fußballverstand sein sollte, ihm fehlen geeignete Mittel zur Menschenführung. Er hätte dieser Gruppe von Spielern mit unterschiedlichen Interessen nicht mehr zur Einheit verhelfen können. Da steht sein Umgang mit der Personalie Ben-Hatira vor. Zudem wirkt die Drohung mit seiner Kündigung als Hemmschuh. Hinzu kommt noch sein populistisches öffentliches Auftreten, bei dem er immer wieder zwischen den Extremen schwankte. Einerseits nahm er Spieler gegen jede Kritik von außen in Schutz, andererseits distanzierte er sich grundsätzlich nach dem völligen Versagen von der Mannschaft. Wie soll so jemand integrierend auf die Gruppe einwirken? Derjenige, der integrierend wirken möchte, braucht das Vertrauen aller Gruppenmitglieder. Ich glaube nicht, dass dieses Vertrauen noch gegeben war. Darum wird es einem neuen Trainer vor allem gehen müssen, die Mannschaft wieder zu einen. Dann kann sie das legendäre spielerische Potenzial vielleicht bis zum Ende der Saison häufiger abrufen, als es bislang der Fall war.

Ist Iggy Pop in Wirklichkeit Bruno Hübner?

Pop. Iggy 2_c_XavierMartin-honorarfrei_bei_Namensnennung, WEBJedes Mal, wenn ich dieses Pressefoto von Iggy Pop sehe, denke ich kurz, trägt Bruno Hübner, der Sportdirektor vom MSV Duisburg, eigentlich auch hin und wieder blonde Perücken? Oder hat er enge Verwandtschaft in den USA? Das ist nun keine vorgeschobene Begründung, um ein Kulturthema im Fußballblog unterzubekommen.  Samstag habe ich von diesem Iggy Pop im Duisburger Landschaftspark
© Xavier Martin                ein großartiges Konzert gesehen. Manchmal muss man es den Duisburgern ja laut sagen, welch besonderen Ereignisse in ihrer Stadt geschehen. Über dieses Konzert könnte natürlich ausschließlich als Musikereignis geredet werden, doch dieser Mann, 62 Jahre alt, macht aus seinem gesamten Auftreten große Kunst. Dieser Mann zeigt sich ganz und gar, und das nicht nur mit seiner Musik. In der Bildenden Kunst  heißt das dann Performance oder Aktionskunst und wird mit den Weihezeichen der Hochkultur versehen. Andererseits, wenn Iggy Pop im Rahmen der RuhrTriennale auftritt, ist er, was die Hochkultur angeht, auch schon ganz weit vorgedrungen.  Nach diesem Konzert finde ich es jedenfalls schade, dass an den letztlich zu gewagten Vermutungen von Johann Caspar Lavater über den Zusammenhang von Persönlichkeit und Physiognomie nicht doch was dran ist. Mit so einer Theorie der Physiognomik im Rücken könnte das Konzert mit Iggy Pop uns MSV-Fans eine Menge geben.  Bruno Hübner leistet gute Arbeit, der Meinung bin ich schon. Doch die Sicherheit wäre groß, dass Bruno Hübner mit dem MSV etwas ganz Besonderes gelingen wird. Ein Mann, der Iggy Pop im Aussehen ähnelt, besäße auch viele von dessen Eigenschaften, die Bruno Hübner bei seinen Aufgaben als Sportdirektor zu einem ganz Großen machten. Er müsste dazu ja nicht gleich zu Vertragsverhandlungen mit nacktem Oberkörper erscheinen oder gar während Interviews die vorgehaltenen Mikros plötzlich mit alter Rocker-Geste durch die Luft wirbeln.

Bruno Hübner – Sportdirektor

Das war letzte Woche in der Nachberichterstattung über den Heimsieg des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf die große Randgeschichte: Bruno Hübner wird vor dem Spiel zum Interview mit Pfiffen empfangen und wenige Minuten später mit Beifall überhäuft. Die Pfiffe galten wahrscheinlich vor allem dem Verkauf von Dorge Kouemaha und der Beifall den beiden Ausleih-Verpflichtungen Sören Larsen und Änis Ben-Hatira. Hat diese Reaktion des Publikums irgendeine Aussagekraft zum Wert von Bruno Hübners Arbeit, die über den Moment hinausgeht? Das gehört also auch zur Qualifikation eines Sportdirektors im Profifußball, emotionale Stabilität gegenüber dem Wankelmut eines Massenpublikums.

Es waren und sind keine einfachen Aufgaben, die Bruno Hübner da zu lösen hat für den MSV Duisburg, seitdem er im Januar 2008 seine Arbeit aufnahm. Aber wie sieht diese Arbeit eigentlich Tag für Tag aus? Ich meine, darüber etwas zu wissen, ist doch die Grundvoraussetzung, um den Wert dieser Arbeit gerecht zu bemessen. So ein Sportdirektor ist doch für Spielerverpflichtungen zuständig, könnte dann salopp gesagt werden. Stimmt schon, aber das scheint von Verein zu Verein auch ganz unterschiedlich in der Verantwortung gehandhabt zu werden. Vielleicht werde ich demnächst mal ein längeres Interview mit Bruno Hübner machen, um diesen Arbeitsalltag ein wenig genauer bestimmen zu können.

Gerade Ben-Hatiras Verpflichtung etwa wirkt auf mich wie ein Meisterstück in Sachen Verhandlungsführung. Aber es ist eine zweite Frage, ob dieser Spieler angesichts des vorher schon gut besetzten offensiven Mittelfelds den Kader tatsächlich verstärkt. Geschieht das nicht, ist das dann auch die Verantwortung von Bruno Hübner? Schließlich hängt das wiederum sehr von der Arbeit des Trainers ab.  Letzte Saison hieß es, Spieler werden nur nach einstimmiger Befürwortung durch die Troika Hellmich, Neururer und Hübner verpflichtet. Wie kann dann öffentlich Verantwortung zugemessen werden, wenn der individuelle Anteil verschwindet. Ganz davon zu schweigen, dass wir überhaupt nichts darüber wissen, wie der Vertrag mit Sören Larsen zustande kam. Das muss doch einen Vorlauf gehabt haben. Waren Kontakte vorhanden und wurden Gespräche geführt? War dafür Bruno Hübner alleine verantwortlich? Ist das sein Erfolg? So wird es jetzt gesehen. Und sind nun solche Verhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit grundsätzlich besser als jene mit Strihavkas Verein, über die schon in den Medien berichtet wurde. In der Sommerpause wollen Fans Namen hören. Strihavka ist dann doch nicht gekommen, und das ist für manchen Fan die Schuld Bruno Hübners.

Man erkennt, wie schmal der Grat ist, auf dem ein Sportdirektor wie Bruno Hübner sich bei Vertragsverhandlungen bewegt. Da gibt es eine Öffentlichkeit, die gerade zwischen den Spielzeiten über die Zusammensetzung des zukünftigen Kaders informiert werden will. Dieses öffentliche Interessse erschwert aber fast immer Verhandlungen. So etwas gehört zum Tagesgeschäft. Komplizierter wird es außerdem auch deshalb, weil sich die Arbeitsbereiche der Vereinsführung überlappen – notwendiger Weise, weil Arbeitsteilung im Fußball nicht vollständig sein kann. Ohne entsprechende Finanzplanung gibt es keine Spielerverpflichtungen und ebenso gilt es, dass die Vorstellungen des Trainers vom Spiel der Mannschaft berücksichtigt werden müssen.

Vielleicht ist aber gerade diese Abhängigkeit der Arbeit Bruno Hübners der Grund für meinen Eindruck, erst seitdem Peter Neururer als Trainer beim MSV Duisburg begonnen hat, erhält die Arbeit von Bruno Hübner Konturen. Vielleicht fehlte ein starker Gegenpol zu Walter Hellmich? Vielleicht gilt aber auch für einen Sportdirektor beim MSV Duisburg, erst nach einer Zeit der Einarbeitung erreicht man die gewünschte Produktivität. In der Rückrunde der letzten Saison wurde für mich jedenfalls deutlich, Bruno Hübner kann die realistischen Ziele seiner Arbeit immer auch ins Hoffnungsvolle dehnen. Um diese Ziele zu erreichen, besitzt er zudem Strategien und Kontakte. Und gerade im Zusammenspiel mit Peter Neururer kommen seine Qualitäten deutlicher zur Entfaltung als es mit Rudi Bommer je gewesen ist.

Saison 2009/2010 – Fortuna Düsseldorf (H)

Um hier ein wenig Freude über den Sieg gestern Abend zu verbreiten, muss ich erst einmal meine Gedanken ein wenig ordnen. Was schwirrt mir nicht alles noch im Kopf herum? Kouemaha, Hübners Arbeit, Sören Larsen, die Konkurrenz im offensiven Mittelfeld und ein paar Sätze über Fragen der Moral und des Anstands lassen sich auch nicht mehr vermeiden. Die letzten zwei Tage haben mir jedenfalls für die ganze Woche was zum Schreiben gegeben. Denn das will ich doch mal alles schön auseinander halten. Nur dann führen Sätze zu Lesevergnügen und vielleicht sogar zu Erkenntnissen. So kann es heute um nichts anderes gehen als um das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf gestern Abend.

In diesem Spiel war es in den ersten 30 Minuten überhaupt nicht abzusehen, wie sicher dieser Sieg in der zweiten Halbzeit schließlich erspielt werden sollte. Mir hat dieses Spiel jedenfalls gezeigt, warum es in der Zweiten Liga so schwer ist, auch mit einer gut besetzten Mannschaft sicher um den Aufstieg mitzuspielen. Der Unterschied zwischen den spielerischen Möglichkeiten der Zweitliga-Mannschaften ist eben nur gering. Was Fortuna Düsseldorf in den ersten 30 Minuten gezeigt hat, war ein konzentriertes Mannschaftsspiel mit sehr gutem frühem Pressing und sehr schnellem Umschalten auf den Angriff nach Ballgewinn. Der letzte Pass vor das Tor war allerdings oft nicht präzise genug und bei den zwei oder drei Chancen der Fortuna fehlte ihnen das Glück. Mich erinnerte das etwas an den MSV der letzten Saison. Der Unterschied, der letztlich zur Platzierung in der Tabelle führt, ist die Dauerhaftigkeit dieses Spielvermögens. Bei den Mannschaften die es dann doch nicht nach oben schaffen, ist dieses Spielvermögen sehr abhängig vom Spielverlauf und der Belohnung des läuferischen Aufwands durch ein Tor in der ersten halben Stunde. Fällt dieses Tor nicht, wird es für solche Mannschaften eng. Fällt gar ein Gegentor, ist die Niederlage nah und das Unentschieden fast immer nur noch eine Frage des Glücks.

Von dieser Abhängigkeit der eigenen Spielanlage vom Spielverlauf scheint sich der MSV inzwischen unabhängiger gemacht zu haben. Das hat man allerdings gestern weniger sehen können als in den anderen bisherigen Spielen. Gestern sorgte ich mich in den ersten 30 Minuten mehr vor dem Rückstand als dass ich Ansätze zu konstruktivem Spiel sehen konnte. Nervosität in Abwehr und Mittelfeld griff fast von Anfang an um sich, als der MSV feststellen musste, dass die Fortuna nicht gewillt war, die Rolle des ängstlichen Aufsteigers beim Auswärtsspiel anzunehmen.  Die Fortuna attackierte den MSV schon in dessen eigener Hälfte sehr früh beim Spielaufbau. Deshalb geriet Adam Bodzek innerhalb kürzester Zeit zweimal so unter Druck, dass er den Ball im Querpass zum Gegner spielte. Es folgten gefährlich Angriffe der Fortuna, denen zu unserer Erleichterung die  Sicherheit beim Abschluss fehlte.

Um mich herum wurde bei solchen Fortuna-Angriffen immer wieder auf Frank Fahrenhorst geschimpft. Dieses Urteil kann ich nicht teilen. Ich habe ihn keineswegs als den Schwachpunkt der Verteidigung gesehen. Da habe ich Olivier Veigneau für deutlich schwächer gehalten. Gestern wurde aber überaus deutlich, dass diese Verteidigung noch kein routiniertes Ineinandergreifen bei der Besetzung der Positionen hat. Es entstehen oft Freiräume für die gegnerischen Stürmer, weil die Innen- und Außenverteidiger noch nicht in idealer Weise aus ihrem Verbund der Raumdeckung ausscheren, um die notwendige Verteidigung im Mann gegen Mann aufzunehmen. Dieses Ausscheren des einen und Nachrücken des anderen funktioniert noch nicht. Einer sieht dann in der konkreten Spielsituation immer dumm aus. Das mag Frank Fahrenhorst manchmal sein, gestern vielleicht auffälliger für manchen Zuschauer, weil er zudem etwas langsamer als sein Düsseldorfer Gegenspieler war. Doch der Fehler geschieht früher. Nämlich während der aufeinander abgestimmten Bewegung der Verteidiger, und wer da nun genau wieviel Schuld hat, ist nicht entscheidbar duch die zeitgleiche Bewertung der aktuellen Spielsituation. Dazu bedarf es tatsächlich der nachträglichen Analyse per Video. Da gibt es also noch viel Arbeit für Peter Neururer.

Auch wenn die etwas gefährlicher wirkenden Chancen zunächst von der Fortuna erspielt wurden, der MSV kam schon auch vor das gegnerische Tor. Das Spiel des Vereins aller Vereine entfaltete sich nur zu wenig. Es gab in der ersten Halbzeit kaum einmal ein funktionierendes Kurzpassspiel. Deshalb war es beruhigend zu sehen, als wie durchsetzungsfähig sich Caiuby erwies. Technisch auf sehr hohem Niveau behauptete er immer wieder den Ball gegen zwei, drei Gegenspieler und bei seinem Drehschuss knapp am Tor vorbei bewies er eine Körperbeherrschung, die in Duisburg nicht oft zu sehen war. Natürlich ist er bei hohen Flanken in den Strafraum nicht so präsent wie Kouemaha, obgleich er im Mittelfeld hohe Anspiele sehr gut behauptet. Dennoch glaube ich, dass ein Angriffsspiel, das Caiubys Fähigkeiten berücksichtigt ebenso viele Tore zur Folge haben wird jenes, das auf Kouemaha zugeschnitten war. Denn wieviele Tore hat der MSV nach hohen Flanken in den Strafraum erzielt?  Nicht allzu viele, meine ich.

Zum Führungstor des MSV schreibt der „Kicker“ ein „Sonntagsschuss“ habe Duisburg in „Front“  gebracht. Was weder Mihai Tararaches Fähigkeiten noch die Spielsituation richtig beschreibt. Das erste Tor des MSV Duisburg war keineswegs ein „Sonntagsschuss“, weil es erstens eine Vorarbeit gab: Der Ball wurde von Wagner (?) Caiuby nach links abgelegt,  nachdem er Verteidiger ausgespielt hatte. Und zweitens kann Mihai Tararache aus dieser Entfernung und Position sehr platziert schießen. Wenn es in der Mannschaft des MSV Duisburg jemanden mit einem harten Schuss gibt, ist er es. Also, keineswegs ein „Sonntagsschuss“ sondern ein mögliches Ergebnis, wenn Spieler des MSV Duisburg ihre Fähigkeiten und Fehler der gegnerischen Abwehr ausnutzen. Denn die freie Schussbahn wurde Tararache dankenswerter Weise gelassen. Dass eine Führung zu diesem Zeitpunkt keineswegs zwingend erspielt wurde, ist eine andere Frage. Die Führung und nicht der Schuss war zu dem Zeitpunkt also ein wenig glücklich.

In der Zweiten Halbzeit begann der MSV energisch das Spiel und es war eigentlich abzusehen, dass sie das zweite Tor erzielen wollten. Die große Chance zum Ausgleich hatte die Fortuna dennoch. Erst ging der Ball nur an den Pfosten, bei dem eher mäßigen Nachschuss stand zufällig noch Tom Starke anderselben Stelle wie vorher und konnte den Ball aufnehmen. Fast sofort danach war das Spiel gewonnen, weil Christian Tiffert nach einem schnell und präzise vorgetragenen Spielzug über drei (?), auf jeden Fall wenige Stationen mit einem Flugkopfball zum zweiten Tor des MSV verwandelte. Dabei weckt das Wort Flugkopfball eigentlich eine falsche Vorstellung von Dynamik und Härte. Tiffert flog zwar durch die Luft, traf aber den Ball ohne viel Kraft und beförderte ihn ins lange Eck, so dass ich wider besseren Wissens für einen Moment fürchtete irgenwoher könne noch ein Abwehrspieler auftauchen und den Ball von der Linie kratzen. Dem war nicht so. Die Fortuna gab auf und der MSV konnte zu zaubern beginnen. Nun ja, nicht ganz zaubern, aber sehr schöne technische Kabinettstückchen von Sandro Wagner und Caiuby. Oder Chinedu Ede setzte sich mit Stochern, beherztem Antritt und erneutem Stochern gegen die drei Gegenspieler direkt um ihn herum durch.

Vor dem dritten Tor nutzte Wagner einen Fehler im Spielaufbau der Fortuna, nahm den Ball und lief den herbeilenden Verteidigern davon, um souverän zu vollenden. Es ist schon lange her, dass ich in der 70. Minute an einem Sieg des MSV nicht mehr zweifelte. Und auch die sportliche Führung zweifelt nicht mehr – und zwar über die Ziele. Das waren deutliche Worte vor dem Spiel von Bruno Hübner. Wir wollen aufsteigen. Vor der Saison hieß das noch anders. Das hieß „oben mitspielen“. Wie der MSV in den ersten vier Spielen aufgetreten ist, zeigt mir, dieses Mal sind das keine leeren Versprechungen. Bruno Hübner und Peter Neururer meinen es ernst und sie leisten ihren Teil dazu, dass das Vorhaben Wiederaufstieg in dieser Saison gelingen könnte.

Und noch eins, ich habe den Eindruck, das Publikum merkt die Ernsthaftigkeit dieses Bemühens. So viel Vorschussbeifall hat es auch schon sehr lange nicht mehr im Stadion gegeben. Da gab es eine Erwartung auf ein Fußballfest. Und auch das ist neu. In den letzten Jahren wurde solch eine Stimmung immer wieder enttäuscht. Es gab diese Spiele nach überraschenden Auswärtserfolgen und dem allmählichen Herantasten an gute Tabellenpositionen, Spiele, in denen das Stadion wieder voll wurde und jedes Mal wurde im Heimspiel dann eine mäßige bis schlechte Leistung gezeigt. Nach einem Spiel wie gestern werden Zuschauer wieder kommen, die nicht ohnehin jedes Heimspiel kommen. Die Zeichen mehren sich, dass wir diesem MSV allmählich wieder vertrauen können.

Stimmungsschwankungen überall

Vor einigen Jahren habe ich mich einmal mit dem Begriff der öffentlichen Meinung beschäftigt. So eine öffentliche Meinung ist ja nicht ein Naturereignis. So eine öffentliche Meinung ist menschengemacht. Und weil sie menschengemacht ist, müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so sein, dass Meinungen öffentlich gesagt werden dürfen. Aufklärung und in Deutschland vor allem die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts sind hier die Stichworte. In jener Zeit begann also ganz zaghaft so etwas wie öffentliche Meinung zu entstehen, und die Menschen haben sich sehr intensiv darüber Gedanken gemacht, was diese öffentliche Meinung eigentlich ist und wie sie idealer Weise zu befördern sei. Ganz aufklärungsoptimistisch, wie gerade Popularphilosophen damals so waren, glaubten diese an einen vom Verstand geleiteten Prozess.

Die Menschen – damit war das Bürgertum gemeint – sollten ihre Meinungen mit Texten in die Welt bringen. Die Leser sollten aber auch zu Verfassern von neuen Texten werden und somit zum einen das Flüchtige  der öffentlichen Meinung verfestigen und ihr zudem zu größerer Wahrheit verhelfen. Ein kleines Problem war der Irrtum in Gemeinsamkeit. Den kannte man, und Bildung sollte die Lösung  dieses Problems sein.

Klingt alles doch sehr aktuell und moderner denn je, da im Zeitalter des Internets wir endlich jenen Zustand erreichen, den die Popularphilosophen des 18. Jahrhunderts als Voraussetzung für eine aufgeklärte öffentliche Meinung eigentlich als notwendig angesehen hatten und der damals natürlich überhaupt nicht gegeben war. Heute kann jeder Leser zum Verfasser eines veröffentlichten Textes werden. Jede Stimme, sofern sie des Produktionsmittels PC und Internetzugang habhaft ist, kann gehört werden.

Allerdings war seinerzeit so etwas wie wechselhafte Stimmung eine etwas vernachlässigte Einflussgröße zur Herausbildung von öffentlicher Meinung.  Das geht mir nämlich durch den Kopf, wenn ich versuche die öffentliche Meinung zur Saisonvorbereitung beim MSV Duisburg zu erfassen. Mir kommt das so vor, als seien die der Meinung zugrunde liegenden Tatsachen keine so große Einflussgröße wie die Sorge um den Erfolg des Vereins. War es um das vorletzte Wochenende herum, als die Berichterstattung in den Print-Medien für mich aus unerklärbaren Gründen plötzlich einen positiven Klang bekam? Ende der letzten Woche nun schwankte diese Stimmung wieder in die andere Richtung. Peter Neururer wird mit seinen Aussagen zum nicht-aufstiegsfähigen Kader in den Blick gerückt. Die Situation selbst war aber überhaupt nicht verändert. Alle – die sportliche Leitung, die Spieler und die Fans -  wissen, ohne weiteren Stürmer wird es schwer. Das ist aber schon die ganze Zeit bekannt.

Es gab kein Ereignis nach dem Verhandlunsdesaster mit Markus Brzenska – das in großen Teilen ein Kommunikationsdesaster war -, das für sich genommen den zukünftigen Erfolg des MSV Duisburg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher gemacht hätte und das der sportlichen Leitung anzulasten war. Der Strihavka-Wechsel scheiterte, Ben-Hatira-Verpflichtung wurde sehr unwahrscheinlich. Dafür geriet die Ausleihe von Caiuby Francisco da Silva in den Blick. Die sportliche Leitung machte also ihre Alltagsarbeit. Und da vertraut man entweder oder man vertraut nicht. Fakten werden nur durch Anwesenheit von Spielern geschaffen.

In den herkömmlichen Medien gilt, Seiten müssen gefüllt werden und immer das gleiche zu schreiben wird als uninteressant bewertet. Wie öffentliche Meinung sich verfestigt, wie also Texte der herkömmlichen Medien nun zusammenspielen mit den Texten von Lesern, die heute ebenfalls Sender oder einfacher Verfasser von Texten sein können, das lernen wir gerade erst. Die Popularphilophen der Vergangenheit hätten jedenfalls ihren großen Spaß an dem Geschehen heute, und wahrscheinlich stellten sie dann recht schnell auch fest, womöglich mit ein wenig Wehmut, neben Bildung und Verstand spielen die Emotionen beim Zustandekommen der öffentlichen Meinung keine kleine Rolle. Welche Chancen der MSV Duisburg zum Aufstieg hat, wird sich jedenfalls nicht schon jetzt endgültig entscheiden.

Ben-Hatira weiß nichts, doch ihm wird geholfen

Oft bevorzugen wir Menschen ein schnelles Urteil. Das ist ein Urinstinkt. So ein schnelles Urteil war einmal verdammt hilfreich, um jene einzige  Entscheidung zu treffen, die nötig war, um nicht der nächsten Raubkatze das Tagesmahl abzugeben. Andererseits ist das Leben seitdem ein wenig komplizierter geworden, heute heißt das nicht mehr bei dem einen deutlich erkennbaren Signal zu flüchten, sondern eigene Hoffnungen für die Zukunft, abgeschätzte Möglichkeiten zur Verwirklichung der Hoffnungen und die Bewertungen von vielen anderen Menschen zur Situation im Besonderen und dem Leben im Allgemeinen zueinander in Bezug zu setzen. Deshalb kann es schon mal sein, dass ein Änis Ben-Hatira an dem einen Tag nicht glaubt, eine ganze Saison beim Zweitliga-Verein MSV Duisburg passten zu seinen hochfliegenden Zukunftsplänene und er am nächsten Tag denkt, es könne ihn vielleicht doch weiterbringen in der Zweiten Liga mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Spielzeit zu erhalten als in irgendeinem Verein der Ersten Liga. Er steht also vor der Frage, tausche ich eine gewisse Sicherheit gegen ein unkalkurierbares Risiko? Er steht vor der Frage, bin ich gut genug, dieses Risiko auf mich zu nehmen? Er steht vielleicht auch vor der Frage, was macht das für einen Eindruck, wenn ich den scheinbar leichteren Weg in Duisburg gehe als mich der stärkeren Konkurrenz in einem Erstliga-Verein zu stellen? So viele Einflussgrößen bei einer Entscheidung, einem Urteil! In so einem Fall von Entscheidungsstarre ist es immer gut, wenn Einflüsse von außen die Sache voranbringen.

Der Fressfeind als Entscheidungszwang von einst erweist sich heute für Änis Ben-Hatira als die sportliche Führung des MSV Duisburg. Und einmal mehr überzeugt mich die Zusammenarbeit von Peter Neururer und Bruno Hübner – in diesem Fall  im Umgang mit der Personalie Änis Ben-Hatira. Es ist ihr Zusammenspiel, das einem Menschen wie Änis Ben-Hatira Orientierung bietet und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen braucht er nie zu grübeln, was für Menschen Peter Neururer und Bruno Hübner sind und welche Motive sie bewegen. Er wird anhand des Ultimatums von Peter Neururer sofort erkennen, das ist der harte Hund, der um meine Fähigkeiten weiß, der mir aber auch Grenzen setzt. Peter Neururer gibt den „bösen Cop“ als Teil der sportlichen Leitung. Änis Ben-Hatira kann aber gleichzeitig erkennen, bei Bruno Hübner findet er Verständnis und Zuwendung. Er steht für die Nestwärme und die Heimat. Bruno Hübner gibt den guten Cop. So kann Änis Ben-Hatira über die Menschen der sportlichen Leitung schnelle Urteile fällen, weil sie die Interessenlagen des MSV Duisburg in der komplexen Entscheidungssituation unter sich aufteilen. Gleichzeitig geben aber beide zusammen Änis Ben-Hatira die notwendige Orientierung, sein Urteil über die Zukunft beim MSV zu fällen.

Peter Neururer und Bruno Hübner ergänzen sich in ihrer Arbeit perfekt. Das steht nicht im Widerspruch zu den Distanzierungen Peter Neururers, die es ja auch gegeben hat. Manchmal gibt es auch in einem gut zusammen arbeitenden Team Dinge, die nicht jeder tragen will. Ich merke, das wird mir hier angesichts so häufiger heftiger Kritik an Bruno Hübner zu einer kleinen Solidaritätsadresse für ihn. Wenn ich lese, wie er im RevierSport-Interview seine Arbeit erklärt, sehe ich planvolles Handeln und nachvollziehbare Gründe für seine Aktivitäten. Die Grenzen, in denen er arbeitet, hat er nicht zu verantworten. Deshalb kann es eigentlich nur heißen, lasst Bruno Hübner mit der Presse sprechen, dann verstehen wir, was beim MSV zumindest geschehen soll.

Nein, noch kein Urlaub …

Im Stadionbus herrscht keine Urlaubsstimmung, auch wenn es in den letzten Tagen vielleicht so aussah. Der Urlaub wird demnächst kommen, das ist sicher. Doch zurzeit fliegen Fakten und Gerüchte weiter durch die Luft, nur muss ich zeitgleich die Voraussetzungen für besagten Urlaub schaffen. Deshalb nehme ich Fakten und Gerüchte nur an der Oberfläche wahr und nehme die Wirklichkeit einmal so, wie sie zu sein vorgibt. Ich habe keine Zeit sie zu deuten.

Allerdings braucht es auch keine weitere Information als diese: „MSV hat noch Lücken in Kader und auf der Brust„? Sonst im Leben halte ich mich ja auch an Tatsachen und verschwende meine Energie nicht an Unwägbarkeiten. Wenn selbst jene Spieler nicht den Weg nach Duisburg finden, die bereits Verträge unterzeichnet haben, habe ich einfach keine Lust mehr, mir bis zum Saisonanfang weitere Gedanken über den Kader zu machen.

Da muss ich dann feststellen, die sportliche Leitung arbeitet nun mal in einem Segment unserer Volkswirtschaft, in dem Verträge nicht ganz so viel wert sind wie in anderen Bereichen unseres Wirtschaftssystems. Man befindet sich in diesem Segment inzwischen nicht weit weg von jenen Kulturen des Wirtschaftens, wo neben dem offiziellen Preis noch allerlei andere geldwerte Vorteile beim Geschäft eine Rolle spielen. Notfalls darf so was Geldwertes dann auch schon mal in kleinen Scheinen rübergereicht werden, also bleibt so ein Strihavka dann doch bei dem einen Verein, für den er nächste Saison so gerne spielen wollte. Beim anderen Verein, auf den sich der Spieler ebenfalls sehr freute, ist das Thema laut Peter Neururer ja durch. Ich hätte gerne ungebrochenes Mitleid mit der sportlichen Leitung. Das wäre ein Ausdruck meines Vertrauens in sie. Ihr könnt euch aber denken, dass ich mich zur Ordnung rufe, wenn dieses Mitleid aufkommt? Ungebrochenes Mitleid lasse ich erst zu, wenn ich über einen längeren Zeitraum hinweg erkennen konnte, das planvolle Arbeiten wird in Geschlossenheit versucht.

Solches Kritisieren stellt sich einfach ein. Ich will das nicht und würde gerne über all diese mich störenden Dinge hinwegsehen. Das gelingt mir aber nur im Stadion selbst. Vorher muss ich mich damit auseinandersetzen, ob die Unwägbarkeiten der Spieltagplanung in mein Leben hineinpassen und ich die Dauerkarte in diesem Jahr dann doch besser sein lasse. Dann denke ich, wie geht man mit mir doch kaufbereiten Kunden eigentlich um? Bin ich so viel weniger wert als der potentielle Fernsehzuschauer? Anscheinend schon. Da konkurriere ich also beim Ringen um die Gunst der DFL als Kunde im Stadion mit den Kunden am Fernseher. Wenn ich noch länger darüber nachdenke, bekomme ich so schlechte Laune. Dann fühle ich mich zum unbezahlten Statisten degradiert. Meine Anwesenheit im Stadion ist für die Inszenierung des Unterhaltungsprogramms notwendig. Und für meine Statistenrolle werde ich nicht einmal bezahlt. Dieses Nachdenken über meine Rolle als Zuschauer des professionellen Fußballs schmeißt mich hin und her und führt hier mal wieder viel zu weit. Auch das kennt ihr inzwischen. Da müssen grundsätzliche Texte her. Ob die dann geschrieben werden? Bald beginnt die Saison. Vorher der Urlaub.

Vorher aber auch noch die Meldung vom Samstag im Kölner Stadt-Anzeiger zu Lukas Podolski. Ein Lehrstück darüber, wie eine Sportredaktion eine mögliche, lang laufende Geschichte vorbereitet. Titel des Artikels: „Podolski muss weiter warten“. Der 1. FC köln hat nämlich das zweite Testspiel absolviert und Lukas Podolski hat in den jeweils zwei Halbzeiten, die er spielte, kein Tor geschossen. Die nicht vorhandene Nachricht wird selbst in Köln auch durch den Namen Lukas Podolski nicht berichtenswerter. Das weiß  auch der namenlose Journalist oder die Redaktion und es wird zu den wenigen Sätzen über den 7:0-Sieg des FC gegen eine Rhein-Erft-Auswahl  ein entscheidender Satz hinzugefügt, der je nach Lage der Dinge zum Spielball der zukünftigen Berichterstattung werden kann: „Es gibt bereits Leute, die die Minuten zählen, denn die Gegner werden ja nicht leichter.“

Wenn einer von über 20.000 Menschen bei seinem ersten Training beobachtet wird, können Texte über diesen Mann viele Seiten füllen und entsprechend viele Menschen zum Kauf einer Zeitung anregen. Der Keimling für die tragische Geschichte um den so erfolglosen Heimkehrer Lukas Podolski ist jedenfalls gesetzt.

Während PR-Offensiven baut der kluge Trainer vor

In den Sommerwochen zwischen den Spielzeiten sehe ich mich immer wieder gezwungen, für meine Texte Anleihen bei den Kollegen aus dem Wirtschafts- und Politikressort zu nehmen. Auch alle anderen Fans betrachten mit solchen übergreifenden Perspektiven ihren Verein, selbst wenn sie sich darüber nicht im klaren sind. Für Artikel über die zukünftige Wirtschaftslage etwa werden Wirtschaftsdaten mit Expertenstimmen zu einer unterhaltsamen Prognose zusammengemischt, und nichts anderes geschieht, wenn wir uns über die Aussichten des MSV Duisburg in der nächsten Saison Gedanken machen. Bislang erzielte Tore von neu erworbenen Stürmern werden in Bezug gesetzt zu der möglichen Abwehrleistung und Aktivitäten der sportlichen Leitung werden auf ihre den Erfolg unterstützende Wirksamkeit genauestens abgeklopft.

Bei Texten über Vereine wie dem MSV Duisburg kommt aber auch noch die Politik ins Spiel. Denn wie in der Großen Koalition geht es innerhalb der sportlichen Führung auch immer um die Frage nach der groben Richtung und der Zuschreibung von Verantwortung. Zurzeit erleben wir eine PR-Offensive der Verwaltungsebene. Bruno Hübner verwandelt nicht nur die PR-Vorlagen der eigenen Leute, er stellt sich wie hier im Reviersport-Interview auch dem halbwegs kritischen Journalismus oder gibt wie hier in der NRZ dem nachfragenden Journalisten Auskunft. Sogar Ivica Grlic erhält einen Interview-Termin mit der Rheinischen Post. Die Grundhaltung allerorten ist Zuversicht. Ich habe es bereits gesagt, solche Aktivitäten kommen ein wenig spät und wirken nachgeschoben. Dadurch erscheint Bruno Hübners Handeln weniger planvoll. Das wäre  sogar dann so, wenn etwas genau so gekommen ist, wie es gewünscht war. Das Misstrauen wird auf diese Weise also nur ein wenig geringer. Wir Fans suchen nach weiteren Zeichen, die uns zuversichtlich stimmen könnten.

Peter Neururer ist da auch keine große Hilfe. Im Netz steht das NRZ-Interview mit Peter Neururer nicht, da gibt es nur den Kommentar zur DFB-Pokalauslosung, die nebenbei gesagt nicht die angenehmste ist. Offline aber habe ich am Samstag ein Interview mit Peter Neururer in der NRZ gelesen, bei dem ich erneut seine Fähigkeit bewundert habe, sich in Szene zu setzen und zu versuchen, das eigene Bild in der Öffentlichkeit zu steuern. Grundsätzlich zeigt er sich loyal gegenüber dem Verein aller Vereine und erklärt mit allgemeinen Worten über finanzschwache Vereine noch einmal die misslungene Weiterverpflichtung von Markus Brzenska. Dann aber geht es um Perspektiven und da geht es natürlich auch um die Verantwortung für den Fall, dass in Zukunft etwas nicht so läuft wie gewünscht. Und was sagt Peter Neurer zu möglichen Spielerverpflichtungen auf die Frage, wer solle denn noch kommen:

Namen will ich in der Öffentlichkeit natürlich nicht diskutieren. Aber vollkommen klar ist, dass wir nach dem Weggang von Cedrick Makiadi noch einen Stürmer brauchen. Andererseits müssen wir noch Transfererlöse erwirtschaften. Aber aus diesen administrativen Dingen halte ich mich raus.

Das steht keineswegs im Widerspruch zu der „engen Abstimmung“, die es zwischen Peter Neururer und Bruno Hübner ja geben soll. Aber so ein Satz gibt Peter Neururer die Möglichkeit, später Verantwortung zurück zu weisen. So ein Satz ist gute Politiker-Tradition, nach dem Motto, wir haben da unsere Vorstellungen, aber das fällt in den Verantwortungsbereich des Koalitionspartners. Deshalb will Peter Neururer auch noch nichts über die Saisonziele sagen. Ob der Aufstieg ein realistisches Ziel sein kann, das weiß er erst Anfang August, wenn der Kader steht. Und damit es auch keiner vergisst: Aus diesen administrativen Dingen hält er sich ja raus. Sportliche Belange finden später statt.

Neururer und Labbadia gründen Selbsthilfegruppe

Peter Neururer möchte anscheinend angesichts der Entwicklungen in den letzten zwei Wochen seine Position im MSV-Geschehen etwas verdeutlichen. Dazu nutzt er seine Verbindungen zum regionalen Fußball-Fachorgan Reviersport. Angesichts des reißerischen Titels vom Artikel ist man geradezu erleichtert, wie moderat Peter Neururer hier dann mit dem Journalisten über Bande spielt und er in wohl gewählten Worten, seine Ansprüche auf den Erfolg in der nächsten Saison reklamiert.

Dennoch erschrecke ich immer wieder aufs Neue vor dem zerfahrenen Handeln der sportlichen Leitung. Wenn ich solche Artikel lese, frage ich mich, wie da die Energie der Arbeit in eine Richtung kanalisiert werden soll. Diese sportliche Leitung wird jedenfalls keine Krise durchstehen. Wenn es in der nächsten Saison nicht von Anfang gut läuft, fliegt da alles auseinander. Es ist natürlich überhaupt nicht auszuschließen, dass es auch gut laufen kann – entgegen der Wahrscheinlichkeit. Ohne Frage ist dieser glückliche Ausgang mein Wunsch. Unangenehm an dem Gedanken ist nur, dass sich die sportliche Leitung so einen Erfolg in Gänze an die Brust heften wird, obwohl der Zufall dabei eine größere Rolle spielte als in anderen Vereinen. Erfolg wäre jedenfalls aus unserer MSV-Sicht in diesem Fall das Unberechenbare und Schöne am Fußball.

Das Schöne an Vereinen wie dem MSV Duisburg ist aber, dass man als Fan seine sozialen Fähigkeiten kontinuierlich schult. Schließlich gibt es in so einem Verein der unterschiedlichen Machteinflüsse keine eindeutige Wirklichkeit des Geschehens. Es gibt bestenfalls Aussagen zu  Vorkommnissen, die müssen aber gedeutet werden. Der Fan beginnt auf Mimik und Gestik der sportlichen Leitung  zu achten, sofern er Stellungnahmen im Bewegtbild betrachtet. Weil einzelne Wörter des Gesagten oft die Aussage über die Maße bestimmen, legt er Texte aus und wird zum Exegeten mit wachsenden textkritischen Fähigkeiten. Ein Fan in einem  Vereinen wie dem MSV Duisburg erhält also, ohne dass es ihm bewusst ist, eine umfassende Weiterbildung seiner sozialen Intelligenz.

Aber es ist ja nicht so, dass es anderswo grundsätzlich besser wäre als in Duisburg. Eine Etage höher, beim HSV,  scheint Herr Hoffmann  auch höchst ungern nur Macht zu teilen. So ein bisschen sportliche Leitung braucht auch ein Vorstandsvorsitzender und das macht er mit links. Ich verstehe, dass Dietmar Beiersdorfer sich dann bei seiner Arbeit behindert fühlt. Dietmar Beiersdorfer hatte eine viel stärkere Position innerhalb des Vereins und vor allem bei den Fans als sie Bruno Hübner inne hat. Das Ergebnis der Kompetenzstreitigkeiten ist aber nun dasselbe: Unruhe, keine konzentrierte Saisonvorbereitung, die Einheit ist nicht vorhanden. Und weil Dietmar Beiersdorfer ein starker sportlicher Leiter war, kommt es zur Trennung.

Da ist es doch ein schönes Bild, wenn Peter Neururer und Bruno Labbadia sich zufällig im Flugzeug nach Mallorca begegnen. Geschieht so etwas, beginne ich zu glauben, Zufälle gibt es nicht. Da erkenne ich göttliche Fügung. Da wollte eine milde, tröstestende himmlische Macht zwei leidgeprüfte Männer zu einer Mini-Selbsthilfegruppe zusammenführen. Wahrscheinlich wird in nicht allzu ferner Zukunft Mallorca zum Mekka „fassungsloser“ Fußballtrainer. Sie werden dort in Runden sitzen, von ihren Erfahrungen erzählen und sich endlich einmal richtig verstanden wissen. Das Rahmenprogramm umfasst übrigens Tarot-Karten-Skat unter der Leitung von Peter Neururer himself.

Bis es so weit ist, beginne ich einfach mal ein paar Worte zu deuten. In Sachen Ben-Hatira hat Peter Neururer jedenfalls den ersten Zug gemacht. Ein mutiger Zug, der Bruno Labbadia und damit den HSV etwas unter Druck setzt. Vertrauen baut das allerdings nicht auf, wenn so ein Flugzeuggespräch plötzlich in der Zeitung steht.  In den Medien lanciert, nennt man so etwas, und das hat einen unangenehmen Beiklang. Vielleicht kommt es doch nicht zur Selbsthilfegruppe auf Mallorca. Ist Peter Neururer einfach nicht der Typ zu. Eine andere Problembewältigungsstrategie fällt mir zu ihm augenblicklich ein: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.

Zu spät, um die Wogen zu glätten?

So könnte das mit der Öffentlichkeitsarbeit funktionieren, wenn jemand beim MSV die Idee früher gehabt hätte, das Geschehen der letzten Zeit sollte doch auch einmal erklärt werden. Bruno Hübner wird dazu vorgeschickt. Was eigentlich sinnvoll ist, aber nur zur halben Wahrheit führt, wenn er über die misslungene Verpflichtung Markus Brzenskas erzählt. Wir kennen eine andere Geschichte zu dem Geschehen und dazu kann er verständlicher Weise keine Stellung beziehen. Sonst müsste er über Machtverhältnisse im Verein reden und über konzeptionelles Arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Und so färbt dieser verschwiegene Teil der Wahrheit auf alles andere ab, was Bruno Hübner erzählt. Ohne dieses andere Wissen würde das nämlich sehr vernünftig und überlegt klingen. Erst das nicht Ausgesprochene mindert das Vertrauen in Hübners Worte. Solche Stellungnahmen führen dann zu Zeitungsartikeln bei der NRZ, die die Wogen glätten könnten und verhinderten Artikel wie bei der Rheinischen Post, die den MSV einmal mehr als Verlierer dastehen lassen. Noch ist nämlich alles Meinung, und das Unberechenbare des Fußballs führt immer wieder auch zu zeitweiligem Erfolg trotz der verbesserungswürdigen Arbeit eines Vorstandes.

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