Während Marco Röhling neun einsilbige Wörter sagt, deren genauen Sinn sich mir erst mit dem zehnten und elften Wort erschließt, habe ich erstaunlich viele Gedanken gleichzeitig. Erst um die zwanzigste Minute herum bin ich zum Webradio von Radio DU gekommen und das erste, was ich hörte, war folgendes: „Und schob den Ball ein zum eins zu null …“ Nicht zu erkennen war in diesem Moment für mich, wer da nun führte. Normalerweise stelle ich das inzwischen an der Stimmlage von Marco Röhling recht schnell fest. Dieses Mal nicht, so neutral sprach Marco Röhling diesen Satz.
In dem Moment fanden Gedanken Worte in meinem Kopf, sie versanken, andere tauchten auf und stürzten augenblicklich wieder ab, übrig gebliebene vermischten sich mit anderen Gedanken und schufen einen Moment des unentschiedenen Stillstands, in dem alles möglich wurde. Das dauerte vielleicht ein bis zwei Sekunden, und in dieser kurzen Zeit hatte ich einerseits die Ahnung aller Gefühle, die dieser Verein in mir immer wieder weckt. Bange Hoffnung, die die Freude ahnen lässt, gefolgt von dem Absturz in Sorge und Enttäuschung. Andererseits hatte auch sofort das Denken über diesen Zustand begonnen. War ich doch kein direkter Beobachter des Spiels. Das Medium der Sportreportage gewährte mir Distanz.
Dieser Zustand eines blitzartigen Nebeneinanders von Gefühl und Rationalität war aber nur deshalb möglich, weil der MSV Duisburg zurzeit selbst nicht weiß, wo er steht. Immer noch wollen wir nach Aussage von Walter Hellmich auf der Pressekonferenz zur Entlassung von Peter Neururer alles tun, um ganz oben mitzuspielen. Wenn Bruno Hübner zu der Frage Stellung nimmt, was die Entlassung bringt, klingt das vorsichtiger. Da wollen wir bis zur Rückrunde alles tun, um zu sehen, was noch möglich ist. Ich hoffe, wir hören bei den beiden nur die Belege für deren unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie werden dieselben Ziele haben. Wenn man aber an die Leistung der Mannschaft denkt, ist nichts vorhersehbar in einem Spiel wie dem gegen TuS Koblenz.
Dann hörte ich Marco Röhling sagen: „… für den MSV Duisburg und diese Führung hat immer noch Bestand nach inzwischen 21 Minuten.“ Das klang gut. Ich war eher still zufrieden, als dass ich mich laut freute. Schon in normalen Zeiten wäre dieses Spiel gegen TuS Koblenz ein Pflichtsieg gewesen, gestern war es immer noch ein Pflichtsieg, ohne dass ich wirklich daran glauben konnte. Denn, wie gesagt, erwartbar ist im Moment nichts.
Doch ich hörte gestern und lese heute bei „Der Westen“ und im „Kicker“ von einem „klaren Sieg“ und einer „ansprechenden Leistung“. Das viel beschworene Potenzial der Mannschaft hat sich anscheinend deutlich gezeigt. Natürlich ist dieser Sieg nicht das Ergebnis der Entlassung von Peter Neururer. Das ist die Geschichte, die in einer kurzen Zeitungsmeldung am einfachsten zu erzählen ist. Dennoch zeigt sich, und zwar nach dem Spiel im Interview mit Christian Tiffert, die Entlassung war richtig.
Christian Tiffert erweist sich in dieser Saison nicht nur auf dem Spielfeld als Stütze dieser Mannschaft. Auch wenn er Stellung nimmt zu den spielerischen Leistungen der Mannschaft, sagt er entscheidende Sätze im richtigen Ton. Im Podcast von Radio DU geht es da mehr um die Einordnung des Sieges, im Interview nach dem Spielbericht von Sky gibt er bei Minute 3:45 aber auch noch einen Einblick in die Stimmungslage der Mannschaft. Christian Tiffert sieht für die Stimmung innerhalb der Mannschaft Verbesserungsbedarf. Stimmung hat etwas mit Zusammenhalt zu tun, und der ist Voraussetzung, um Krisen zu überstehen. Die Bewertung der Entlassung Peter Neururers überlässt er allerdings anderen.
Mir, zum Beispiel: Betrachte ich, wie Peter Neururer mit den Problemen dieser Mannschaft seit Anfang dieses Jahres immer wieder umgegangen ist, dann weiß ich sicher, egal wie gut sein Fußballverstand sein sollte, ihm fehlen geeignete Mittel zur Menschenführung. Er hätte dieser Gruppe von Spielern mit unterschiedlichen Interessen nicht mehr zur Einheit verhelfen können. Da steht sein Umgang mit der Personalie Ben-Hatira vor. Zudem wirkt die Drohung mit seiner Kündigung als Hemmschuh. Hinzu kommt noch sein populistisches öffentliches Auftreten, bei dem er immer wieder zwischen den Extremen schwankte. Einerseits nahm er Spieler gegen jede Kritik von außen in Schutz, andererseits distanzierte er sich grundsätzlich nach dem völligen Versagen von der Mannschaft. Wie soll so jemand integrierend auf die Gruppe einwirken? Derjenige, der integrierend wirken möchte, braucht das Vertrauen aller Gruppenmitglieder. Ich glaube nicht, dass dieses Vertrauen noch gegeben war. Darum wird es einem neuen Trainer vor allem gehen müssen, die Mannschaft wieder zu einen. Dann kann sie das legendäre spielerische Potenzial vielleicht bis zum Ende der Saison häufiger abrufen, als es bislang der Fall war.



Neueste Kommentare