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… das Wort ward nicht gebrochen

Einige Zeit ist es schon her, als das Studium der Soziologie einen Erstsemester während der Einführung in die Methodik der Sozialforschung auf direktem Weg zu gesellschaftspolitischen Debatten leitete. Damals, das war Anfang der 80er Jahre, begegnete man an den Universitäten immer mal wieder noch Frontverläufen aus der Zeit der Studentenbewegung. Dann ging es in Seminarräumen plötzlich darum, ob statistische Erhebungen nicht Machtinteressen dienten und ob uns die Erzählung vom Einzelfall im Gegensatz zur Statistik nicht sehr viel mehr über Probleme der Gesellschaft sagt.

Als Fußballzuschauer wissen wir natürlich schon immer, was in der Soziologie erst später wieder zur allgemeinen Lehre wurde, die eine Betrachtung der Wirklichkeit schließt die andere nicht aus. Die Zahlen der Tabelle spiegeln Wahrheit wider, und durch ein 2:2-Unentschieden erhält der MSV Duisburg den immer gleichen einzigen Punkt. Vor 14 Tagen war das so gegen RW Ahlen, an diesem Wochenende war es erneut so gegen den FC Augsburg. Die Qualität des 2:2-Unentschiedens spiegelt sich in den Zahlen aber nicht wieder. Diese Qualität lässt sich nur durch das Erzählen vom Spiel selbst ermitteln.

War das 2:2-Unentschieden vor 14 Tagen eine gefühlte Niederlage, so war das Spiel am Samstag ein gefühlter Sieg. In den ersten zehn Minuten war noch zu merken, wie auf dem Spielfeld um die grundsätzliche Ausrichtung des Spiels gerungen wurde. Die Augsburger wollten ins Spiel kommen, der MSV Duisburg ließ sie aber nicht. Entschlossen und früh wurde verteidigt. Es gelang, schnell auf den Angriff umzuschalten. Die Augsburger waren gezwungen, sich immer weiter in ihre Hälfte zurück zu ziehen. Allerdings stand die Augsburger Abwehr innerhalb des Strafraums ebenfalls recht sicher – bis auf den Patzer  von Uwe Möhrle, der zur Großchance mit dem Lattentreffer von Änis Ben-Hatira führte.

Auch wenn sich diese große Torchance von Änis Ben-Hatira nach einem Ballvortrag auf dem linken Flügel ergab, gefährlich wurde es immer wieder vor allem auf der rechten Seite. Zunächst zeigte Olcay Sahan dort ein großes Spiel, bis er nach der Auswechslung von Caiuby ab der 60. Minute auf dem linken Flügel damit weiter machte. Er war sicher im Dribbling, fand fast immer den rechten Moment, um abzuspielen und kam alleine oder im schnellen Passspiel immer wieder an den Rand des Augsburger Strafraums. Für die dauerhafte Torgefahr fehlte dann aber einer der verletzten Stürmer.

Selbst die 1:0-Führung der Augsburger durch ihre erste Chance per Sonntagsschuss brachte den MSV nicht aus dem Tritt. Sogar nach dem 2:0 in der 64. Minute war nur kurz die Enttäuschung bemerkbar. Die Mannschaft wollte nicht aufgeben. Trotz des ersten Elfmetertores konnte ich noch nicht an den guten Ausgang des Spiels glauben, weil es zu wenig wirklich gefährliche Chancen gab. Da kam der zweite Elfmeter natürlich zupass. Als Christian Tiffert antrat, konnte ich erst nicht hinsehen. Nur aus dem Augenwinkel sah ich den Schuss und war sofort erleichtert, weil der Ball eine halbhohe Flugbahn nahm. So sehen sicher verwandelte Elfmeter aus, das habe ich in Worten natürlich nicht gedacht, aber gefühlt. Der Ausgleich war so gerecht, so sehr hatte die Mannschaft das Spiel bestimmt, so viel hatten sie für das Spiel gegeben.

Die beiden Energiequellen des Spiels zeigten sich für mich im unterschiedlichen Jubel von Sahan und Tiffert. Da gab es den Überschwang der Freude bei Sahan und die konzentriertere, stillere Freude bei Tiffert, in der eher Bestätigung zum Ausdruck kam. Konzentrierte Arbeit bei gleichzeitiger Spielfreude waren die Schlüssel für diesen noch gelingenden Ausgleich.

Als Stichworte zu einzelnen Spielern fällt mir noch ein: Olivier Veigneau knüpft an seine starke letzte Saison an. Ivica Grlic wirkt als unverzichtbarer Ruhepol in dieser Mannschaft. Für Caiubys so häufig kraftlos wirkende Spielweise gelingt ihm zu wenig. In einer so engagiert wirkenden Mannschaft kann er von seinen Mitspielern nur mitgetragen werden, wenn er bei dieser Spielweise punktuell wirkungsvoll ist und das heißt Vorlagen geben oder Tore erzielen.  Überhaupt nicht nachvollziehbar ist für mich die  Bewertung von Kristoffer Andersen im RevierSport. Meiner Meinung nach gehörte er zu den besten Spielern des Spiels. Hinten war er als Außenverteidiger schnell und sicher am Mann, nach vorne machte er das ganze Spiel über immer wieder Druck über die rechte Seite, wenn er entweder im Direktpassspiel mit Sahan bis an die Grundlinie ging oder im Eins-gegen-Eins-Dribbling gerade zum Ende des Spiels hin alleine zwei, manchmal drei Gegner ausspielte und ihm dann noch eine vernünftige Anschlussaktion gelang.

Das Geschehen nach dem Spiel auf den Stehplätzen wird angesichts der Mannschaftsleistung zur Randnotiz.  Eins nur scheint mir so offensichtlich zu sein -  der Rest dessen, was mir zum Thema Fans durch den Kopf geht, wird einmal mehr auf einen eigenen Beitrag verschoben -  also, Konflikte entwickeln häufig eine eigene Dynamik, die die Konfliktpartner dann immer ähnlicher werden lassen. Der eigentliche Anstoß des Konflikts gerät dabei allmählich in Vergessenheit. Es ist interessant, dass das selbst in Fußballstadien bei der Auseinandersetzung zwischen einer Fangruppierung und den Vereinsverantwortlichen so ist. Die im Konflikt angewendeten Mittel dienen dann nur noch der Aufrechterhaltung des Konflikts, und der Konflikt selbst wird zum Sinn des Daseins. Auch bei Tina ist zu lesen – gerade in den Kommentaren – andere Fans haben für diese Art Auseinandersetzung mit dem Verein wenig Verständnis. Diese Fans sind nach dem Spiel zufrieden gewesen, so wie es Milan Sasic versprochen hatte.  Sein Wort ward nicht gebrochen. Es brauchte dazu nur ein Spiel Anlauf.


Der kleine Erziehungsratgeber

Als pädagogische Maßnahme schwächt Liebesentzug auf Dauer das Selbstbewusstsein. Nicht von ungefähr hat sich bei Wikipedia noch niemand gefunden, der dieses Stichwort mit Inhalt füllen wollte. Darüber sollten sich Fans im Klaren sein. Mit Wachrütteln von Spielern ist da aus psychologischer Sicht bei offensichtlicher Missachtung der eigenen Spieler nicht viel zu holen. In so einem Fall, wie ihn die „Kohorte“ unlängst öffentlich gemacht hat, müssen auch Fans ehrlich mit sich selbst sein und akzeptieren, dass sie mit dieser Missachtung nur eigene Gefühle zum Ausdruck bringen. Was sie ohne Zweifel dürfen. Nur über die Wirkung müssen sie sich eben sehr bewusst sein.

Allerdings handelt es sich beim Verhältnis zwischen Fußballfans und Fußballspielern ja nicht in erster Linie um ein pädagogisches Verhältnis, und so gibt es auch andere Einflüsse, die Fans berücksichtigen sollten, wenn sie sich Gedanken machen über ihre Haltung zum Spiel des MSV Duisburg. Und da sehe ich eine Bewegung auf Seiten des Vereins, wie es sie seit Jahren nicht mehr beim MSV Duisburg gegeben hat. Motor dieses sich ändernden Verhältnisses zu den Fans scheint vor allem Bruno Hübner zu sein. Womöglich gibt es dafür ganz konkrete wirtschaftliche Gründe, wie es Tina vermutet, wenn sie einen Zusammenhang zwischen Verlängerung des Sponsorenvertrages mit Schauinsland und der Beziehung des Vereins zu den Fans herstellt. Wichtig sind diese Gründe nicht. Wichtig ist das Ergebnis, und das lässt sich seit der Verpflichtung von Milan Sasic als Trainer sehen.

Außerdem fällt seitdem bei Berichten über Trainer und Mannschaft um so mehr auf, wie sehr sich Peter Neururer immer auch selbst in den Medien zum Thema gemacht hat, wenn eigentlich über den MSV Duisburg berichtet wurde. Es ist wohltuend zu bemerken, wie sehr es seit der Verpflichtung von Milan Sasic weniger um Personen sondern um die Sache selbst geht. Ich wünsche mir sehr, dass die Zuschauer vor dem Spiel gegen den FC Augsburg daran denken. Ärgerlich könnte man dann immer noch werden. Und natürlich hoffe ich, dass das angesichts der dann gezeigten Leistung überhaupt nicht nötig ist.

Das muss sein: Recherche, Recherche, Recherche

Wenn du eine Idee zu einer Geschichte hast und dir zu deiner Geschichte zu wenig Szenen einfallen, hast du einfach nicht genügend recherchiert. So was sagen amerikanische Drehbuchautoren zu handwerklichen Grundlagen des Schreibens. Dieser Rat lässt sich zweifellos auch auf journalistisch inspiriertes Schreiben ausweiten. Denn in zwei Zeitungsmeldungen von gestern steckt eindeutig eine Geschichte über den MSV Duisburg. Doch in mir sträubt sich alles gegen erste Sätze. Dazu müsste ich erst zu recherchieren beginnen, um die Geschichte mit Fakten zu füllen und Spekulationen möglichst klein zu halten.

Nach meinem Empfinden gibt es inzwischen nämlich genügend Spekulationen – vor allem zur Zukunft von Peter Neururer. Für Peter Neururer werde die Luft dünner, heißt es in der einen Meldung, in der sich Tatsachenbehauptungen und Spekulationen schon derart vermischen, dass je nach Stimmungslage des Lesers er eine Entlassung als bereits beschlossen verstehen kann. In dem Zusammenhang bleibt aber diese zweite Meldung nicht ohne Bedeutung: Andreas Peters, der vor allem von Fan-Gruppierungen in den Aufsichtsrat gewählt wurde, tritt als Aufsichtsratmitglied zurück. Er beklagt den Verlust des Vertrauens zu anderen Mitgliedern des Kontrollgremiums und macht sich „erhebliche Sorgen“ um die wirtschaftliche Zukunft des MSV Duisburg. Im msvportal werden diese Sorgen schon länger thematisiert, zunächst geschah das in jenem Thread und seit einiger Zeit vor allem in diesem.

Eine mögliche Entlassung Peter Neururers und die wirtschaftliche Situation des MSV Duisburg stehen also vielleicht in einem Zusammenhang. Deshalb wären weitere Recherchen notwendig. Kann sich der MSV Duisburg überhaupt einen neuen Trainer leisten? Denn an Rücktritt scheint Peter Neururer ja nun nicht mehr zu denken. Wenn er sich den neuen Trainer leistet, wie kann dieser Verein wirtschaftlich überleben? Wo kommt das Geld für Abfindungen her? Schließlich wurde nach Beginn der Saison ein wichtiger Spieler verkauft, um DFL-Auflagen zu erfüllen und anschließend wurde  eingenommenes Geld – zum Teil? – in Gehälter investiert.

Fußballvereine seien keine normalen Wirtschaftsunternehmen, las ich neulich als Kommentar eines Finanzfachmanns zur finanziellen Situation vom FC Schalke 04. Da könne immer mal jemand überraschend kommen,  der aus der Klemme hilft. In diesem Zusammenhang mit dem FC Schalke 04 fiel mir sogleich die Systemrelevanz ein. Ob der MSV Duisburg systemrelevant ist oder nur einer der vielen mittelständischen Betriebe, die leider nur für die Region wichtig sind und deshalb diese überraschenden Hilfen – wenn nötig – nicht erhalten, scheint mir eine offene Frage zu sein. Ich sagte ja, ohne Recherche ist das eigentlich keine Geschichte, und dafür dass das noch gar keine richtige Geschichte ist, sind doch schon einige Sätze zusammengekommen.

Etwas Futter für anhaltende Glückseligkeit

Kurz der Hinweis auf zwei Dokumente fürs Medienarchiv der wunderbaren Fan-Momente.  Zum einen ist da der Podcast bei Radio DU mit Marco Röhlings extatischen anderthalb Minuten nach dem Tor. Leider ohne das Tor selbst. Das will ich aber auch und vor allem hören! Hat da jemand in der weiten Welt zufällig was mitgeschnitten?

Und dann ist da versteckt im ersten  Kommentar zu diesem Blogeintrag von Tina ein You-Tube-Clip von Caly. Vom Fanblock aus aufgenommen zeigt er die Einwechselung von Ivo Grlic, das  Tor und alle Begeisterung in der maximalen Jubelwackligkeit, die alles sehr lebendig werden lässt. Vor allem wenn man selbst herumgewackelt hat. Danke Caly! Hier gibt es die abgespeckte Version, bei YouTube gibt´s das Ganze in HD.

Offensichtliches Versagen wird gedeutet

Nach dem zweimaligen Totalversagen der Mannschaft werden Meinungen geäußert, die mich nach so kurzer Zeit in ihrem deutlichen Urteil Peter Neururer gegenüber überraschen. In den Diskussionen beim Transfermarkt oder im msvportal wird erkennbar, wie sehr Peter Neururer polarisiert. Auch Bernd Bemmann nimmt  in der Rheinischen Post Peter Neururer schon etwas ins Visier, wenn er zwischen Frage und Aussage hin und hergerissen wird, ob der Anspruch aufzusteigen zu hoch gegriffen war.

Natürlich ist mit solchen Leistungen wie gegen Kaiserslautern und Bielefeld an Aufstieg nicht zu denken, aber realistischer Weise werden wir mit Peter Neururer bis ans Ende der Saison gehen. Wo soll das Geld herkommen für einen anderen Trainer? Diese Überlegung schließt nicht aus, Neururers Arbeit auf Fehler hin zu überprüfen, und es schließt als Arbeitsaufträge formulierte Kommentare wie den von Dirk Retzlaff in der NRZ nicht aus. Alles andere halte ich für verfrüht.

Gleichzeitig sollte der Verein nach solchen Spielen wie gegen Bielefeld viel klarer dazu bereit sein,  sich mit den damit verbundenen Stimmungslagen der Fans auseinanderzusetzen. Warum sind die „Stimmen nach dem Spiel“ der letzte Eintrag zur Niederlage auf der Webseite des MSV Duisburg bis heute. Auch wegen solcher Versäumnisse unterhalten sich Fans darüber, dass Peter Neururer den Samstagnachmittag auf der Tribüne in Bochum verbracht hat und welche Bedeutung das für die Zukunft des MSV hat.

Das Geschehen rund um einen Fußballverein ist eine öffentliche Angelegenheit. Peter Neururer kann nicht, ohne es zu erklären, auf der Tribüne beim VfL Bochum sitzen, während zeitgleich der nächste Gegner Mönchengladbach gegen Hoffenheim spielt. Schon ohne die aktuellen Niederlagen und ohne die drohende Trainerentlassung in Bochum wäre dieser Stadionbesuch eine ungewöhnliche Art gewesen, das Spiel gegen Mönchengladbach vorzubereiten. Unter den gegebenen Umständen führt dieser Stadionbesuch zu weiterer Unruhe und schlechter Stimmung in genau dem Umfeld, das immer als ominöse bedrohliche Einflussgröße der Alltagsarbeit eines Fußballvereins beschrieben wird.

Was der nächste Gegner offiziell verkündet

Schauen wir uns doch mal beim morgigen Gegner Arminia Bielefeld um, habe ich mir vorhin gedacht und wollte dann eigentlich nur den Link zu einer „News“ auf deren Seite setzen. Unter der Rubrik „Lerne deinen Gegner kennen“ sehen wir uns mal ein wenig mit den Augen der anderen und erfahren, was die Verantwortlichen von der Arminia über den MSV Duisburg auf einer Pressekonferenz offiziell verkünden. Das ist natürlich nicht allzu viel, was über erwartbare Wertungen des Betriebs über zukünftige Gegner hinaus geht, aber es sind doch nicht nur die gängigen Worthülsen. Ein wenig wird da der Blick von außen erkennbar, der manchmal ja auch eigene Einsichten verstärkt. Neue Einsichten darf man allerdings nicht erwarten.

Dabei wollte ich es eigentlich belassen, dann fiel mir aber auf, dass ich mich auf dieser Webseite der Arminia ganz wohl gefühlt habe. Nicht weil es die Arminia war, sondern weil die Seite klug aufgebaut ist und man das Gefühl bekommt, hier hat sich jemand Gedanken über Konzepte gemacht. Das fällt mir natürlich deshalb auf, weil ich seit einiger Zeit schon ein paar Sätze im Kopf habe zum MSV Duisburg und dem Verhältnis zu seinen Fans. Denn die Fans der Arminia erhalten viel Raum auf dieser Seite. Wie das dann im Alltag zwischen Verein und Fans gelebt wird, weiß ich nicht, aber da scheint bei der Arminia doch mehr über Fans als Kunden nachgedacht worden zu als beim MSV Duisburg. Dachte ich jedenfalls mit Bedauern, da habe sie einen leichten Vorsprung errungen. Doch dann dachte ich auch, wichtig ist nicht im Netz sondern auf dem Platz. Das wissen wir und denken, dort wird das Ergebnis morgen anders aussehen.

Vor dem Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern

Je näher das Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern rückte und je mehr Vorberichte und Stimmungseindrücke von Fans ich hörte und las, desto mehr hat es mich umgetrieben, mal schnell den Blick auf die letzte Saison zu werfen. Nicht auf den MSV Duisburg sondern auf den 1. FC Nürnberg, selbst wenn sich Peter Neururer den dritten Platz nicht zum Ziel  gesetzt hat. Einfach nur um mit dem Beispiel Nürnberg in der letzten Saison zu sagen, selbst wenn in Kaiserslautern kein Punkt geholt wird, heißt das nur, da wurde ein Spiel verloren. Mehr nicht.

Ich habe den Eindruck, es hat sich in der Länderspielpause eine etwas zu spannungsvolle Erwartung aufgestaut. Entweder mündet diese Spannung in leichten Überschwang oder in die Frage, zeigt sich in Kaiserslautern, wie gut der MSV Duisburg wirklich ist? Für mich stellt sich diese Frage nicht mehr, trotz der ersten 30 Minuten gegen Fortuna Düsseldorf. Der MSV Duisburg hat in dieser Saison eine Spielanlage, die in Duisburg schon lange nicht mehr zu sehen war.  Es geht nicht um das Spiel heute Abend, es geht um die Konstanz über die gesamte Saison hinweg. In der Perspektive ist das Spiel heute Abend wichtig und nicht, um Spielstärke endgültig zu beweisen. Nürnberg hatte übrigens 5 Punkte nach dem fünften Spieltag. Und davon ab, der MSV gewinnt natürlich heute Abend 2:1.

Großstadtfans im Kleinstadtstadion

Es ist Zufall, dass ich an zwei Wochenenden nacheinander empörte Erzählungen über Polizeigewalt gegen Fußballfans höre und lese. Letztes Wochenende, am Kommunionssonntag in Paderborn, war nämlich auch das zu dem Tag vorletzte Heimspiel des SC Paderborn gegen den 1. FC Union Berlin immer noch ein Thema, weil nach diesem Spiel die Polizei die Berliner Fans eingekesselt hatte, anscheinend wahllos Pfefferspray einsetzte und die Gewalt eskalierte. Schnell gegoogelte Berichte gibt es journalistisch hier und blogwärts hier.

Heute lese ich nun vom Gewaltnachspiel für viele MSV-Fans, die in Ahlen waren. Nicht nur die zahlreichen Kommentare ergeben ein etwas anderes Bild gegenüber dem Polizeibericht, auch hier findet sich eine Art Gegendarstellung zur offiziellen Sicht der Dinge. Gleichwohl gibt es auch Kommentare, in denen zu allererst mehr Selbstkritik bei den Fans gefordert wird.

Das große Thema der Diskussion scheint aber die Verhältnismäßigkeit der Polizeigewalt zu sein. Gewalt ist nämlich eine viel kompliziertere Sache als es ihr sichtbarer Ausdruck nahe legt. Wenn man Gewalt aus einer Gruppe heraus unterbinden will, geht das nicht mit Kollektivmaßnahmen, wenn die Gewalttäter in der Gruppe eine Minderheit sind.  Solch eine Maßnahme provoziert vielmehr die Solidarisierung der unbeteiligten Mehrheit mit der Minderheit.

Ich war nicht vor Ort, aber wie es an jedem Spieltag zwei Tore auf dem Spielfeld gibt, kommen ohne Frage immer auch Fans zum Spiel, für die Randale jederzeit im Bereich des Möglichen liegt. An manchen Tagen vielleicht sogar so sehr, dass ohne diese Gewalt dieser Tag ein verlorener Tag für sie wäre. Dass sie für diese Gewalt dann immer einen Grund nennen können, legitimiert im Gegensatz zur Meinung von Kommentatoren des oben verlinkten Artikels gar nichts. Mit solcher Gewalt setzt sich die Polizei seit Jahren auseinander.

Angesichts des zufälligen Zusammentreffens beider Polizeiaktionen in der Provinz kommt mir aber der Gedanke, dass es dort in der Provinz weniger um Gewaltverhinderung ging als um die Behauptung von Macht und symbolischer Territorialherrschaft. Bei solchem Aufeinandertreffen von Großstadtverein und Kleinstadtverein unterhalb der Bundesliga scheint es oft auf beiden Seiten Haltungen und Selbstbilder zu geben, die der Gewalt förderlich sind. Selbst wenn die Polizisten selbst nicht aus der Kleinstadt kommen, sie kommen vielleicht aus der Region und handeln stellvertretend für den Stolz der Region. Da geht es nicht einfach darum, zu verhindern, dass irgendwelche Idioten Steine schmeißen oder Busse demolieren. Da geht es darum, Fremde dafür zu bestrafen, dass sie die Ruhe vor Ort stören. Umgekehrt gibt es bei den Fans nicht selten Hochmut und Arroganz gegenüber der Kleinstadt. Die dort lebenden Menschen werden belächelt und über die Gegebenheiten dort macht man sich lustig. Als ich in der Aufstiegssaison 2006/2007 zu dem vorentscheidenden Spiel mit in Paderborn war, begegnete ich dieser unerträglichen und eigentlich nicht minder provinziellen Arroganz in fortwährenden Spötteleien über die dortigen Verhältnisse. Auf so etwas muss eine Einsatzleitung der Polizei achten, um bei solchen Spielen von Großtstadt gegen Kleinstadt deeskalierend wirken zu können. Und da die Polizisten der Einsatzleitung ja wohl meist in der Kleinstadt zu Hause sind, beißt sich spätestens hier die Katze womöglich in den Schwanz.

Zur Beruhigung denke ich an Nicky Adler

Normalerweise gebe ich ja hier einen Einblick in meine Gefühlswelt nur dann, wenn das mich beschäftigende Spiel schon stattgefunden hat. Ein bisschen Mehrwert über das reine Fantum hinaus sollte nämlich aus meiner Sicht so ein Text schon haben. Dass ich allmählich unruhig werde, muss man doch wahrscheinlich niemandem, der heute Abend ins Stadion geht, erzählen. Es sind noch 5 Stunden  und 15 Minuten bis zum Anpfiff, noch 2 Stunden 45 Minuten sind es, bis ich aufbreche, und in 2 Stunden 44 Minuten werde ich ein drittes Mal kontrollieren, ob ich meine Eintrittskarte eingesteckt habe. Nur das jetzt zu schreiben, genügt meinen Ansprüchen nicht, schließlich kennen wir als Anhänger des Vereins aller Vereine alle die Bedeutung des heutigen Spiels. Aber irgendwas muss ich jetzt tun. Wie schon Tom Starke in „Mitten in Meiderich“ sagte, nein, das ist kein Endspiel. Es ist eben nur sehr wichtig. Ja, doch, wirklich wichtig. Aber auch wenn wir verlieren sollten, ist noch alles drin. Es wäre aber besser, wir verlieren nicht. Daher ist es schon wirklich ganz wichtig. Ein … nein, das Wort haben wir nicht, kein Sechs-Punkte-Spiel. Das wäre jetzt zu wichtig. Aber irgendwie fast ein Vier-Punkte-Spiel? Eben ein bisschen mehr als wichtig.

Voraussichtlich wird Peter Neururer endlich auch mit dem Publikum zufrieden sein. 17.500 Karten sind schon verkauft. Da sollten es dann nun gegen Mainz 05 die schon gegen Freiburg anvisierten 20.000 Zuschauer werden. Es zieht mich also gedanklich alles nach Duisburg, dabei muss ich vorher noch in Köln ein Mittagessen kochen und eine Mail gibt es auch noch zu beantworten. Irgendwas zum Ablenken wäre nicht schlecht, auch wegen des Mehrwertes hier. Deshalb will ich ab jetzt bis gleich immer mal wieder über den Zweijahresvertrag für Nicky Adler nachdenken. Nicky Adler muss ja im Training sehr gut sein. Kann das jemand bestätigen? In einem Spiel dieser Saison habe ich nicht einmal im Ansatz sehen können, was seine Qualitäten sind.  Ein Mann für die Zukunft, heißt es und Bruno Hübner sagt, er habe Pech gehabt in letzter Zeit. Bei solchen Sätzen bleibt in einem Verein wie dem MSV Duisburg immer nur die Hoffnung, dass die Voraussagen der Verantwortlichen sich tatsächlich auch einmal bewahrheiten. Hat das nun gelangt als Mehrwert? So eine Frage? Ein anderer beruhigender Gedanke ist übrigens der Spielstand von 2:0 nach 88 Minuten.

Ein wenig Fachliteratur über das Fußballpublikum

Wie vermutet, gibt es bei  MSV-Fans einige Überlegungen zum Zuschauerzuspruch beim MSV Duisburg und weil Tina die Frage auch noch mit Bezug auf Schalke und dem BVB aufgegriffen hat, finden sich auch auf Schalker Seite Gedanken zum unterschiedlichen Publikumsinteresse.

Mir geht es allerdings gar nicht so sehr um die unterschiedlichen absoluten Zahlen, die natürlich mit Erfolgen der Vergangenheit und Traditionen der Aufmerksamkeit erklärbar sind. Mir geht es um den meiner Meinung nach großen Unterschied zwischen einem Stammpublikum und dem bei Erfolg immer wieder deutlich werdenden Potential an Zuschauern. Dieser Unterschied scheint mir größer zu sein als bei anderen Vereinen. Bleibt man in Duisburg nicht schneller zu Hause als anderswo? Ich mag mich irren, aber in diese Richtung geht mein Rätseln.

Für dieses Rätseln finden sich beim Googeln schnell mögliche Hinweise auf Antworten, sogar eine Art Rätsellexikon gibt es mit dieser allerdings nicht mehr ganz aktuellen Diplomarbeit aus dem Jahr 2000: „Sozialwissenschaftliche Analyse des Publikums des MSV Duisburg in der 1. Bundesliga“. Die Investition von 48 Euro für den rätselnden Zeitvertreib ist mir dann aber doch etwas zu viel. Da sie an der Sporthochschule in Köln verfasst wurde, schaffe ich es vielleicht demnächst sie mir auszuleihen. Außerdem findet sich hier ein am Kölner Institut für Sportsoziologie verfasster Aufsatz zum „Fußballpublikum in Deutschland“. Die Grundlage für diesen Aufsatz bilden Befragungen der Zuschauer von unterschiedlichen Fußballspielen, eines davon ist das Erstliga-Heimspiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Kaiserslautern aus dem Jahr 1998. In diesen beiden Fällen muss ich dem tiefen Kulturpessismus gegenüber dem Internet und seinem Informationsüberfluss nun leider recht geben, gesammelt habe ich, gelesen aber noch nicht.

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