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Was für ein kulturhistorischer Schatz: Die Protokolle der Duisburger Filmwoche

Gestern begann die 35. Duisburger Filmwoche. In diesem Jahr lässt sich aber nicht nur über das Programm der Filmwoche berichten. In diesem Jahr ist dank der Mitarbeiter der Duisburger Filmwoche ein wahrer Schatz für historisch interessierte Menschen im Netz zu entdecken. Auf einer eigenen Seite wurden die “Duisburger Protokolle” online gestellt. Diese Protokolle umfassen einerseits die Inhalte der seit 1980 gezeigten Dokumentarfilme und fassen darüber hinaus die nach den Filmen enstandenen Diskussionen ergebnishaft zusammen.

Natürlich werden sich an den “Duisburger Protokollen” alle Filminteressierten begeistern können, doch darüber hinaus lassen sie sich als Zeugnis für kultur- und sozialhistorische Entwicklungen der letzten 30 Jahre lesen. Die Themenauswahl bei den gezeigten Filmen, die Art der Diskussionen, die entstehenden Fragen, all das zusammen bietet eine Erfahrung von Geschichte nah am tatsächlichen Geschehen. Auf die Seite der Duisburger Protokolle lässt sich immer wieder zurückkehren. Die Fülle des Archivsmaterials ist immens.

 

Was haben Straßenfußball, Ausdrucksfähigkeit und Sparen der Kommunen miteinander zu tun?

Straßenfußballer gibt es keine mehr in Deutschland, hieß es vor einigen Jahren. Schon damals war das Unsinn. Die Straße voller Autos statt Fußball spielender Kinder war nur ein medienwirksames Bild für die unzureichenden spielerischen Fähigkeiten deutscher Fußballer bei Länderspielen; ein Bild, das auch deshalb gerne verwendet wurde, weil es beim DFB und den Fußballvereinen des Profibetriebs das sichere Wissen erträglich machte, während der Ausbildung von Nachwuchsfußballern Fehler begangen zu haben.

Straßenfußballer gab es damals, und sie gibt es immer noch. Im Duisburger Norden habe ich im letzten Jahr eine Straßenmannschaft kennengelernt. Das waren fünf Jungen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, die sich im Jugendzentrum “Zitrone” regelmäßig trafen, sich als Mannschaft verstanden und ihr Fußballspiel untereinander an manchen Tagen Training nannten. Diese Jungen spielten nur nicht auf der Straße sondern im Hof dieses Jugendzentrums. Am Bild vom verschwundenen Straßenfußballer war nämlich eines richtig. Die Straße ist heute nur noch selten organisatorischer Kern eines anarchischeren, vereinsunabhängigen Fußballspiels. In den Städten sind oft die Jugendzentren an die Stelle der Straße gerückt. Denn eines ist für ein Fußballspiel unabdingbar, irgendwo müssen sich Jugendliche zunächst einmal treffen, wenn sie Fußball spielen wollen.

Die Mitarbeiter dieses Jugendzentrums sorgen also für die Möglichkeit zum Fußballspiel von Jugendlichen, für die die Mitgliedschaft in einem Verein fern liegt. Irgendjemand muss sich nämlich um den Eintritt in so einen Sportverein kümmern. Das sollte eigentlich die Aufgabe von Eltern sein, doch es gibt in den Großstädten dieses Landes inzwischen Stadtteile, in denen Kinder schon sehr früh in ihrem Leben sich selbst überlassen werden. Eine größere Öffentlichkeit bemerkt das meist nur dann, wenn Katastrophen wie der Tod eines Kindes geschehen.

Wer sich im Ruhrgebiet auskennt weiß, besonders in den nördlichen Stadtteilen der Region wachsen Kinder unter schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen auf. In diesen Stadtteilen werden Jugendhilfe-Einrichtungen wie das Jugendzentrum “Zitrone” schnell zu Familienersatz, Kinderrestaurant, Sportmöglichkeit, Berufsberatung und Nachhilfeinstitut in einem. Ich habe die “Zitrone” vor fast vier Jahren kennen gelernt, als ich einen vom Jugendzentrum verantworteten Theaterworkshop für ein Buchprojekt beobachtend begleitet habe. So gebe ich gerne zu, wenn ich über dieses Jugendzentrum schreibe und es als Beispiel für die Arbeit von Jugendzentren überhaupt nutze, bin ich Partei. Mit der “Zitrone” hat sich für mich ein regelmäßiger Kontakt ergeben, und zurzeit führe ich dort eine Schreibwerkstatt durch, in der jener von mir zu Heiligabend veröfffentlichte Liebesbrief an den Fußball entstanden ist. Ohne die Initiative des Jugendzentrums hätte es die Kooperation mit den Schulen nicht gegeben und die Schreibwerkstatt als zensurfreier Raum wäre nicht entstanden. Dort erleben Schüler ihre Sprache nicht mehr als für eine gute Zensur nicht ausreichendes Mittel, sondern als Möglichkeit sich selbst und die eigenen Ideen verständlich zu machen. Wer das möchte, verbessert seine Ausdrucksfähigkeit automatisch.

Die Arbeit dieses Jugendzentrums ist nun bedroht durch die finanzielle Situation der Stadt Duisburg. Vor Ort weiß es wahrscheinlich jeder, umfassende Sparmaßnahmen sind notwendig. Zurzeit liegt dem Rat der Stadt Duisburg eine Vorschlagsliste zu diesen Sparmaßnahmen vor. Werden diese Sparpläne in Bezug auf die Jugendhilfe Wirklichkeit, wird die soziale Arbeit mit Jugendlichen dort unmöglich, wo sie am nötigsten ist. Geld das an dieser Stelle gespart wird, kostet die Bürger wenige Jahre später das Doppelte und Dreifache, wenn Jugendliche ihre Zeit ohne Orientierung durch Erwachsene verbringen müssen.

Nun frage ich mich, ob die öffentliche Diskussion in der Stadt über die notwendigen Sparmaßnahmen in Duisburg überhaupt stattfindet. Ich schreibe das allerdings mit Vorbehalt, weil ich mich meist maximal zwei Tage in der Woche in Duisburg aufhalte. Sollte ich also etwas übersehen haben, lasse ich mich nur allzu gerne korrigieren.

Es war im Dezember, als zum ersten Mal eine Zeitungsmeldung zu diesen Sparmaßnahmen veröffentlicht wurde. Damals hatte es eine von der politischen Führung der Stadt einberufene Beratungsrunde gegeben, aus der erste Überlegungen zu den Sparplänen bekannt wurden. Mir fiel damals sofort auf, dass an oberster Stelle der möglichen Sparmaßnahmen die Jugendhilfe und die Kultur standen. Alleine der ehemalige Oberbürgermeister Josef Krings reagierte sofort auf die Bekanntgabe der Sparpläne und blieb aus Protest der VHS-Jubiläumsfeier fern. Andere Reaktionen darauf blieben lange Zeit so gut wie aus. Nun gibt es aktuell ein paar einzelne Stimmen, die sich für einzelne Projekte stark machen, aber ich erlebe das nicht als öffentliche Diskussion um die Bedeutung der Kultur etwa für die Stadt Duisburg.

In Köln hatte ich kurz zuvor etwas anderes erlebt. Dort machte der Stadtkämmerer seine Überlegungen zur Kürzungen des Kulturhaushaltes öffentlich. Sofort ergab sich eine Diskussion im Kölner Stadt-Anzeiger, verschiedene Personen des Kölner Kulturlebens nahmen Stellung, einzelne Bürger schrieben Leserbriefe und schließlich betonte sogar Oberbürgermeister Jürgen Roters die besondere Bedeutung der Kultur für Köln und dass dies bei allen notwendigen Sparmaßnahmen zu berücksichtigen sei.

Gibt es diese besondere Bedeutung der Kultur trotz aller Lippenbekenntnisse der Politiker vor und im Kulturhauptstadtjahr 2010 in Duisburg nicht? Natürlich geht es letztlich um Geld für das einzelne Projekt. Aber vorher geht es darum in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu wecken, was diese einzelnen Projekte als Teil von Kultur für das Leben in Duisburg bedeuten. Für dieses Leben in Duisburg haben Kultur und Jugendhilfe dabei eine ähnliche Bedeutung. Nicht umsonst wurden beide Bereiche nach jenem ersten Politikergespräch im Dezember in einem Atemzug genannt.

Weiß Duisburg etwa um die Bedeutung jenes Kulturangebots rund um den Dellplatz? Weiß Duisburg als Stadtteil der Kulturhauptstadt RUHR.2010 darum, dass in Jugendzentren Kinder mit grundlegenden Kulturtechniken vertraut gemacht werden? Wenn ich die Reaktion auf diese ersten Gedanken zu den Sparmaßnahmen betrachte, habe ich das Gefühl, selbst die politisch Verantwortlichen der Stadt wissen das nicht.

Was die Sparmaßnahmen in der Jugendhilfe angeht, so haben verschiedene Verbände der Jugendhilfe zu einer Protestkundgebung am morgigen Freitag um 16.30 Uhr vor dem Duisburger Rathaus aufgerufen. Mir ist klar, dass die anvisierte Summe Geld tatsächlich eingespart werden muss. Ich hoffe für Duisburg sehr, dass Kultur und Jugendhilfe so wenig wie möglich zu dieser Summe beitragen werden.


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