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Die Hoffnung auf den guten Saisonstart

Als Anfang der 70er Jahre der MSV Duisburg mein Verein wurde, war meine an Fußball interessierte Großtante um die 80 Jahre alt. Sie las nur noch in der Zeitung über den MSV und hörte keinesfalls am Samstagnachmittag Radio. Das war ihr viel zu aufregend. Ich bedauerte sie damals sehr dafür, die in meinem Leben absolut notwendigen Liveübertragungen am Radio zu verpassen. Letzte Saison hatte ich es schon einige Male feststellen müssen. Anscheinend komme ich jetzt allmählich in das Alter, in dem ich anfangen kann, mich selbst zu bedauern.

Ich halte diese Liveberichterstattung in engen Momenten nicht mehr aus. Ich muss weghören, wenn der MSV Duisburg fünf Minuten vor Schluss in Gefahr gerät, den sicher geglaubten Sieg noch aus der Hand zu geben. Was für ein Auftakt, wenn Marco Röhling schon nach vier Minuten das erste Tor vermelden kann. Und wenn kurz vor der Halbzeitpause die 2:0-Führung fällt, beginne ich mich zu entspannen. Sandro Wagner scheint ein wirklich starkes Spiel gemacht zu haben. Wunderbar, dass ihn der Finalsieg bei U-21-Europameisterschaft weiter trägt. So haben wir es gehofft. Schrecklich aber, wenn fünf Minuten vor Abpfiff der Anschlusstreffer fällt und der Kommentar Marco Röhlings immer aufgeregter wird. Dann sehe ich das Gedränge im Strafraum vor mir und das Unberechenbare solcher Spielsituationen macht alles möglich. Das ist dann ein Wanken mit mühsam aufrecht erhaltener Ordnung. Da gehe ich dann lieber erstmal kurz raus und kehre mit banger Erwartung wieder, um am Ton von Marco Röhlings Stimme sofort erleichtert festzustellen, der Ausgleich ist noch nicht gefallen.

Nach den wenigen Tagen Urlaub habe ich gestern ein paar Artikel über den MSV und die Lage in der 2. Liga aus den letzten zwei Wochen noch überflogen. Da scheint mir der MSV aus keiner schlechten Position in die Saison zu starten. Zum Favoritenkreis für den Aufstieg wird der Verein nicht gezählt. Die Sprachregelung in den überregionalen Medien heißt „oben mitspielen“. In Duisburg selbst lese ich mit Freude, dank Peter Neururers Ehrgeiz steht der Aufstieg weiterhin im Fokus. Keine Frage, Aufstieg ist möglich. Da war ich in der Sommerpause alleine schon deshalb optimistischer als sonst, weil die Mannschaft zum großen Teil zusammen blieb. Da in der Zweiten Liga über die Hälfte der antretenden Mannschaften aus den strukturellen Gründen jeweils große Umbrüche zu verkraften hat, gibt es beim MSV deshalb schon mal ein großes Plus auf der Habenseite. Gerade bei der prognostizierten ausgeglichenen Spielstärke in der Zweiten Liga beruht zudem der Erfolg mehr als in Liga 1 auf psychischer Stabilität der Mannschaft. Banal: Siege begründen diese Stabilität mehr als alles andere. Deshalb kann ein gelunger Saisonauftakt eine Dynamik entwickeln, die eine Mannschaft auf den Aufstiegsplätzen hält. Bislang geht das in eine gute Richtung. Und wenn die Abstimmung meiner Gedanken allmählich gelingt, wird sicher auch die Abwehr des MSV nach und nach besser ins Spiel finden. Am Freitag sehen wir weiter – wenn ich mir endlich selbst ein Bild machen kann.

Was ist schlimmer?

Ich überlege gerade, was schlimmer ist, „ein ganz erbärmliches Zweitligaspiel“ (Marco Röhlings Fazit beim Schlusspfiff) im Stadion zu sehen oder im Web-Radio am PC zu hören. Eine Antwort fällt mir da nicht leicht. Heute sage ich, wahrscheinlich ist das Hören schlimmer. Denn hier, in Köln, bin ich alleine, habe im Gegensatz zum Stadion niemanden neben mir stehen, mit dem ich diesen Ärger teile. Erlebe nichts anderes, als den Raum, in dem ich mich ohnehin die meiste Zeit meines Lebens aufhalte. Ich spüre, wie dieses Spiel in meinem Körper wirkt, Marco Röhling hat da einen Anteil, aber natürlich ist der Hauptgrund vor allem jene intensive Erinnerung an all die Heimspiele ähnlicher Qualität, wie sie Marco Röhling gerade geschildert hat. Bei diesem Spiel verschwindet sogar die Frage für mich, vernichtet diese Leistung auch noch die winzige Hoffnung auf den Aufstieg. Wenn ich Marco Röhling höre, will ich bei allem Versagen wenigstens eine Zusammenfassung des Bemühens hören. Die gab es nicht. Ich bin eher ärgerlich als enttäuscht und merke immer wieder, das nehme ich persönlich, wenn dieser Mannschaft kein unbändiger Wille anzumerken ist. Das war ja anscheinend bis etwa zur 70. Minute der Fall. Alle je gesehenen Spiele ähnlicher Qualität werden in diesem Moment wieder lebendig in mir. Gott sei Dank,  das wird morgen wieder vorbei sein. Reden hilft! Sogar in diesem Fall.

Vor dem Spiel zum besseren Menschen werden

Eigentlich wollte ich gerade von ein paar widersprüchlichen Gefühlen vor dem Spiel gegen den FSV Frankfurt schreiben. Dann ließ ich mich aber von dem Gedanken verführen, vielleicht ein wenig kulturgeschichtlichen Puderzucker drüber zu streuen und bin nun völlig vom Weg abgekommen. Überkam mich doch das Interesse für die Kulturgeschichte der Selbstbeobachtung und wurde beim Googeln stattdessen in die Tiefen von Persönlichkeitsformung und Soft-Skill-Perfomance geführt, weihevoller Ton der jeweiligen Seiten inklusive.

Deshalb singt nun mit mir kurz das Loblied der Selbstbeobachtung und werdet bessere Menschen! Hallelujah, hallelujah! Ob inneres Wachstum für ein erfülltes Leben oder zweckorientierte Leistungssteigerung der sozialen Kompetenzen, alles ist möglich, wenn ihr euer Verhalten und die innersten Gefühle dabei nur ganz genau betrachtet. Tolle Manager könnt ihr werden oder jahrelang auf nur einem Bein stehende Yogis. Beobachtet euch selbst und der Himmel auf Erden wird euch gewiss sein. Allerdings sei euch auch gesagt, egal, wozu ihr euch entschließt, kostenlos ist dieses irdische Glück nie zu erlangen. Denn wer seiner selbst sehend werden will, braucht Anleitung durch die erleuchteten Meister der Selbstbeobachtung.

Sie schreiben Bücher und geben Kurse und lassen mich wissen, auch ich kann vor einem Auswärtsspiel bei der Beobachtung meiner widersprüchlichen Gefühle zum MSV Duisburg noch sehr viel lernen. Mit ihrer Hilfe kann ich frei werden vom Bangen um den Auswärtssieg, weil Änis Ben-Hatira nicht antreten kann in Frankfurt. Ben-Hatira, der erste jener Spieler, die im Spiel gegen Fürth eindeutig zeigten, ich will hier gewinnen. Ich kann aber auch frei werden von meinen Sorgen um den unbedingten Willen zum Aufstieg. Ich kann es dann hinnehmen, dass es Momente in der Saison gibt, in denen die vielfältigen Wünsche der beteiligten Personen nicht mehr alle in eine Richtung gehen und es völlig unmöglich wird, vorauszusagen, welche Kräfte im Verein und in der Mannschaft sich gegenseitig aufheben, ganz zu schweigen davon, welche die Oberhand behalten. Sie werden mir beibringen, meine Sorgen sind nicht selbst verschuldet durch unsteten Charakter sondern wohl begründet. Denn im modernen Fußball hat eine Frage wie die folgende selbstverständlich ihre Berechtigung. Gibt es bei allem öffentlichen Reden von winziger Hoffnung auf den Aufstieg nicht vielleicht auch einzelne Menschen, vielleicht gar Fraktionen beim MSV Duisburg, die den  Wunsch haben, der Verein möge ein weiteres Jahr in der Zweiten Liga verbringen? Mancher Spieler hat es in der Zweiten Liga bequemer für gleiches Geld, mancher Offizielle möchte gerne mehr Vorbereitung auf eine Erstliga-Saison als es nunmehr möglich ist? So viele Fragen am Ende der Saison, so viele Gedanken und so viel Selbstbeobachtung, bei der ich immer merke, die Hoffnung bleibt, egal welcher Zweifel kitzelt und schon höre ich mitten in dieser Selbstbeobachtung von Ferne Marco Röhlings Stimme beim Torjubel. Ein Tor für den MSV! Erleichtert stelle ich fest, auch ohne die Bücher und Kurse bin ich in Selbstbeobachtung schon so gut, dass ich erkenne, bislang ist das nur ein Traum. Die Wirklichkeit beginnt in einer Stunde.

Das ist die Wirklichkeit!

Wir wollten eigentlich drei Punkte holen, aber in der zweiten Hälfte hat uns der MSV hinten reingedrängt und so haben wir immerhin einen sehr wichtigen Punkt geholt.

Tomas Oral (Trainer FSV Frankfurt)

Ich weiß, der Hinweis auf eigene Worte erhält leicht einen faden Beigeschmack, zumal dieser Hinweis mit einer gehörigen Portion Selbstzufriedenheit daherkommt. Aber das Gefühl ist doch immer wieder schön, es gewusst zu haben – nämlich, angesichts der Worte des FSV-Trainers, wie das 0:0 vom Freitagabend zu werten ist.

Mit neuem Trainer Punktgewinn gegen sicheren Siegeskandidaten

Bei der Heimfahrt nach Köln dachte ich eigentlich genügend Zeit zu haben, eine aufbauende Perspektive für die Wertung des Spiels gegen FSV Frankfurt zu finden. Doch erst hier am Schreibtisch, erkannte ich den Sinn dieses Kältespiels. Mit Peter Neururer als neuem Trainer wurde nämlich tatsächlich ein Schritt nach vorne getan! Obwohl FSV Frankfurt noch harmloser war als der FC St. Pauli, haben sie es nicht geschafft, drei Punkte aus Duisburg mitzunehmen. Damit war  eigentlich nach 60 Minuten zu rechnen gewesen. Fand der MSV in der zweiten Halbzeit doch keine Mittel mehr, gefährlich vor das Tor der Gäste zu kommen. Dagegen brachte die Gästemannschaft nach und nach sogar zwei, drei Angriffe in die Nähe des Strafraums vom Verein aller Vereine. Nun, im warmen sitzend, weiß ich endlich, der Bann wurde also gebrochen. In Duisburg heißt es nun erstmal nicht mehr, je harmloser der Gegner, desto sicherer die Niederlage.  In Duisburg heißt es jetzt erstmal, je harmloser die Gäste, desto torloser und unentschiedener das Ergebnis. Vielleicht fällt mir morgen noch mehr zu diesem Spiel ein, außer dass Olcay Sahan in der ersten Halbzeit ein Lichtblick war, und Tom Starke trotz Neururer-Votum kein Publikumsliebling geworden ist. Was für eine Kälte! Was für ein Spiel! Zum ersten Mal fällt es mir trotz meiner Erkenntnis schwer an die nächsten Wochenenden zu denken.