Wie war das noch mit der Übersprunghandlung? Mein Biologieunterricht liegt nämlich auch schon einige Jahre zurück und nur langsam bekommen die schemenhaften Bilder der Erinnerung kräftigere Farben und deutlichere Konturen. Ich bitte also um Ergänzung und Korrektur, wenn meine Ausführungen zur Übersprunghandlung nicht ganz stimmen. Da gab es sowohl Hähne als auch Stichlinge, deren Verhalten damals als Beispiel für diesen ethologischen Teil der Grundbildung Biologie dienten. Wenn ich von Peter Neururers Reaktion auf das Geschehen um Markus Brzenska heute lese und etwas nachdenke, sehe ich jedenfalls Frau Schürmann an ihrem Pult über Hähne und Stichlinge redend wieder ganz lebendig vor mir.
Für die Schulbiologie sind Hähne Vögel, die vor allem mal hierhin, mal dorthin gehen und für die Hackordnung eine große Sache ist. So ein Hahn droht dann schnell in der Gegend herum und läuft Attacke, wenn ein daherkommender Hahn mal schauen will, ob der Platz anderswo nicht doch ein bisschen schöner ist. Dann wird aus dem „mal schauen“ des einen und dem „hier nicht“ des anderen ein heftiges Gerangel, bei dem sich in der Regel die Hähne nicht schwer verletzen. Denn einer von beiden Hähnen hat irgendwann die Nase voll und beginnt ein bisschen auf dem Boden herumzupicken. Alles in Ordnung, heißt das, und irgendwas muss ich ja jetzt tun, denn flüchten will ich eigentlich auch nicht. So ein paar Hormone sind nämlich noch in Wallung. Statt zu kämpfen oder zu flüchten werden also nicht vorhandene Körner gefressen. Und damit jeder Schüler auch versteht, worum es geht, haben die Verhaltensforscher unter den Biologen so ein Verhalten Übersprunghandlung genannt.
Ich erzähle das alles, weil wir heute wieder einmal erleben können, wir Menschen sind nicht so besonders, wie wir es gerne von uns glauben. Wir Menschen sind auch nur eine Säugetierart und Säugetiere, der Name sagt es, gehören zur Tierwelt. Daran besteht kein Zweifel. Warum sonst sollte Peter Neururer nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub sauer auf die Verantwortlichen beim FC Energie Cottbus sein? Zumindest liest sich das in oben verlinktem Artikel so. Zu dieser Verärgerung gibt es keinen Grund. Aber die Hormone sind nun mal in Wallung, weil Markus Brzenska nicht verpflichtet wurde. Und wohin mit dem Ärger, wenn man die Machtprobe mit dem Auslöser des Ärgers zunächst mal nicht will. Wer war es nochmal, der die Verhandlungen zum Scheitern brachte. Das war nicht Bruno Hübner, das war der „Boss“ selbst. Da kann es dann schon mal zur besagten Übersprunghandlung kommen.
Ich weiß jedenfalls jetzt, wo Peter Neururer in dem Durcheinander steht. Anscheinend hält er es im Gegensatz zu Walter Hellmich eher mit dem Einhalten von angekündigten Plänen. Bei Hähnen ist es übrigens so, dass sie gerne auch mal ein wenig weiterlaufen, bis sie ein passendes Revier für sich gefunden haben. Manchmal verbünden sich aber auch Hähne, die sich bei ihren Übersprungshandlungen zufällig treffen, gegen den alten Revierinhaber. Oder erinner ich das jetzt völlig falsch?
…
21.6. Nachtrag: Mit ein wenig Abstand bin ich mir immer unsicherer, ob Peter Neururer eine Übersprunghandlung im streng biologischen Sinn gezeigt hat. Handelt es sich doch um so etwas wie Aggressionsverschiebung und die Handlung selbst entspricht ja der ursprünglichen Form. Er hat ja nicht mit der Pflege einer imaginären Brut begonnen oder den nicht vorhandenen Döner in den Mund geschoben. Und wie ich bei Wikipedia nachlese, wird das Konzept inzwischen grundsätzlich kritisiert. Eine schöne Veranschaulichung gibt die Übersprunghandlung aber trotzdem her. Einigen wir uns also auf deren poetische Wahrheit und vernachlässigen wir Peter Neururers Verhalten als Beispiel für die Verhaltensforschung.


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