Mit 'Rot-Weiß Oberhausen' getaggte Einträge

Der ganz schnelle Nachtkommentar zum Rücktritt von Andreas Rüttgers

Nach dem dienstäglichen Basketball spät abends nach Hause kommen und dann die Nachricht lesen, Andreas Rüttgers sei zurückgetreten, so etwas möchte ich nicht.  “Über die weitere Ausrichtung des MSV gibt es zu unterschiedliche Auffassungen”, so heißt es auf der Seite des MSV Duisburg. Die Auffassung von Andreas Rüttgers kennen wir. Das Beunruhigende für mich: Die andere Auffassung kennen wir nicht. So war es schon einmal. Das beunruhigt mich noch etwas mehr.

Ein Machtkampf ist da zu Ende gegangen, und der transparente Weg ist nun erst einmal zu Ende. Vielleicht hat Transparenz im Fußballgeschäft auf kurze Frist nicht unbedingt etwas mit Solidität zu tun. Auf lange Frist zahlt sie sich für Vereine wie den MSV Duisburg aus. Mein großer Respekt gilt Andreas Rüttgers für seinen Versuch, diesem Verein eine andere Basis zu geben als sie in den letzten Jahren vorhanden war. Man muss sich das wirklich einmal ausmalen, dass da ein Mensch mit Idealismus sehr viel Arbeit geleistet hat und dennoch häufig in Schnellschuss-Manier kritisiert und angegangen wurde. Ohne Substanz konnte jeder irgendetwas über ihn daherreden und macht es jetzt angesichts des Rücktritts noch immer. Wer so etwas auf sich nimmt ohne irgendein finanzielles Interesse, dem geht es um diesen Verein, dem geht es um den MSV Duisburg, um das Fortbestehen von etwas, was für so viele Menschen sehr wichtig ist. Dafür gilt mein Dank ihm, und ich hoffe sehr, dass sehr viel mehr Anhänger dieses Vereins den gleichen Gedanken im Kopf haben.

Angesicht dieses Rücktritts kommt mir Hajo Sommers, der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, in den Sinn, mit dem ich vor ein paar Monaten über seine Erfahrungen als Fußballfunktionär sprach. Als Fan wurde er Präsident seines Vereins zu einer Zeit, als Rot-Weiß Oberhausen auf dem Weg zum Amateurverein war. Damals trat er mit der Illusion an, er könne diesen Verein so führen, dass all die am Verein Interessierten entspannt mal mit dem Erfolg, mal ohne Erfolg einfach Spaß mit dem Verein haben. Das, so musste er erfahren, klappte nur in eine Richtung. Sportlicher Erfolg war das, was alles andere unwichtig machte. Fußball ist anscheinend zu wichtig geworden in unserer Gesellschaft. Emotional und wirtschaftlich.

Im Moment scheint es so, als fuße der Unterschied in der Ausrichtung des MSV Duisburg allein auf wirtschaftlichen Interessen, die beteiligte Akteure mit dem MSV Duisburg verbinden. Wer bei der Stadionmiete nachgibt, möchte Einfluss auf das operative Geschäft, so heißt es in der WAZ, und gleichzeitig wird die Zukunft mit einem Konzept von GEBAG-Sanierer Utz Brömmekamp rosig ausgemalt. Ein Fragezeichen ist dabei leicht zu übersehen. Letztlich wird dieses Geschehen heute niemanden mehr interessieren, wenn der MSV Duisburg tatsächlich dauerhaft sportlich erfolgreich wäre. Ob der Verein dann solide geführt wäre? Wir wissen es nicht, und wir werden es wahrscheinlich auch nicht erfahren. Denn der Mann, der als Präsident das Amt auf diese transparente Weise führen wollte, ist nun zurückgetreten. Wir wissen nur noch, es geht ums Geld, das Investoren des einstigen Stadionbaus verlieren könnten. Nämlich dann, wenn die wirtschaftliche Lage dieses Vereins so schlecht würde, dass Punkte abgezogen werden könnten und  die 3. Liga drohte.

Also, der Kommentar zur Nachricht in dieser Nacht:

Zum Glück war Wacker nicht der Spielverein – Teil 2

Hans F.  (* 1939)

Einmal sind wir nach Schalke gefahren, und dann kommen wir da an … wir hatten ja keine Karten, du musstest ja immer da die Karten kaufen. Ja, und dann hieß es, ihr kommt nicht rein, das Stadion ist voll. Da standen wir dann da an so einem Nebentor. Das hatten die zugemacht, und die Fans, die haben geglaubt, die wollten uns nur nicht reinlassen. Da standen zwei Ordner, die haben gesagt: „Das geht nicht“, …. es hatte vorher geregnet … „dahinter ist ´ne Riesenpfütze“. Und die Fans haben das nicht geglaubt. Ich schätze mal, das waren so hundert, hundertfünfzig Leute. Die haben sich dann alle gesagt: „Wir gehen hier rein“. Dann haben die mit Gewalt das Tor aufgedrückt. Da war dann wirklich eine Pfütze … bestimmt dreißig Meter im Durchmesser …Wahnsinn … und da kannst du dir vorstellen, die ersten …da lagen bestimmt zwanzig, dreißig Mann in der Matsche da. Das sah aus. Aber das hat die nicht gestört. Da sind die durch und rein. Hauptsache, die waren im Stadion.

Ja, und dann hier noch Oberhausen … nach Rot-Weiß Oberhausen … da sind wir ja immer zu Fuß gelaufen … am Kanal entlang. Aber Oberhausen war nicht gut. Da musste man immer aufpassen  Das war immer mit Schlägerei verbunden. Das war damals auch schon so mit der Rivalität. In Oberhausen war es schlimm. In Aachen bin ich nicht gewesen. Das war mir zu weit. Aber in Aachen war es auch immer sehr schlimm mit den Schlägereien. Das waren ja immer die Kartoffelkäfer … mit den gelben Trikots. Auch hier nach Bottrop sind wir gefahren und nach Essen …selbstverständlich auch ins Duisburger Stadion …der DSV war ja damals auch in der Oberliga. Das war ja nicht nur der MSV. Da war ja auch noch Hamborn 07, Duisburger Spielverein … das waren ja schon alleine drei Vereine hier in Duisburg.

Die Atmosphäre damals im Stadion an der Westender Straße … das war schön. Das war kleiner als heute. Gut, da waren ja auch fünfzehn-, zwanzigtausend Zuschauer. Aber … ich weiß nicht … das war alles … wie wollen wir mal sagen … wie so eine Familie. Das war so richtig angenehm. Da freute man sich so richtig drauf. Nachher als das mit der Bundesliga losging … die Spiele gegen Frankfurt und Hamburg und die ich da noch gesehen habe … das war ja zu voll alles. Das Stadion war zu voll. Obwohl … wenn hier auch Dortmund kam, damals noch in der Oberliga zur Westender Straße oder auch Rot-Weiß Essen, das Stadion war auch voll.

Schon die Straßen in Meiderich zum Stadion, die waren dann proppevoll. Da fuhr ja bloß so eine kleine Bimmelbahn zum Stadion. Da gingen ja vielleicht dreißig, vierzig Mann rein. Das waren Massen, die dahinströmten. Da war gegenüber von dem MSV-Platz noch alles frei. Da parkten die ganzen Autos. Hinten, Richtung Ratingsee war auch noch ein Platz für die Autos. Es war schon sehr beengt. Da ging nichts mehr, wenn die Zuschauer da so im Trupp kamen. Die Straßen waren ja nicht so breit wie heute. Das war alles eng. Das war ja was … 15.000 zum Meidericher Spielverein.

Wenn ich mich jetzt an was besonderes erinnern soll, da denke ich an Helmut Rahn. Da war der noch bei Rot-Weiß Essen. Und die haben dann in Meiderich gespielt und Helmut Rahn hat einen Strafstoß geschossen. Das war ein Wahnsinn. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob das der Faust war oder der Pajonk Der hatte die Hand zwischen Latte und Ball und hat sich vor Schmerzen die Hand fest gehalten. Der Rahn hatte ja einen Gewaltschuss.

Bei den Meiderichern fällt mir Burger Hetzel ein. Den habe ich zwar nicht mehr viel gesehen, aber das war ein guter Spieler. Da haben wir uns gewundert, dass der nicht in die Nationalmannschaft kam. Aber der Herberger mochte den nicht. Warum weiß ich nicht, ich nehme mal an, der Hetzel hat sich nichts gefallen lassen. Dann haben die so ein Auswahlspiel gemacht … Nationalmannschaft gegen den MSV. Da hat der Burger Hetzel der Auswahlmannschaft drei Tore reingemacht. Und seitdem war´s ganz aus. Nee, der Herberger mochte den nicht. Der hielt sich immer an Ottmar und Fritz Walter fest. Da hatte der Hetzel keine Chance. Gut, der Fritz und der Ottmar, die waren einiges jünger. Da konnte man sagen, dass die Zeit von Hetzel schon vorbei war. Die haben ja damals zu der Zeit, als ich noch auf den Platz ging, mit vier-, fünfunddreißig nicht mehr gespielt. Wenn die mal bis achtundzwanzig, dreißig gespielt haben, war das lang.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

Und ab ins “Fan-Gedächtnis”

Den 1. FC Energie Cottbus in Sicherheit wiegen

Es hat nicht geregnet, und ich habe keinen Tinitus, weil ich nicht in der Nähe von einem der Schwachköpfe stand, die meinten, Böller explodieren lassen zu müssen. So schlecht war also der Abend gestern im Niederrrheinstadion überhaupt nicht. Sicher,  der MSV Duisburg erspielte sich bei  Rot-Weiß Oberhausen nur ein torloses Unentschieden, und es war eines dieser torlosen Spiele, nach denen man jeden verstehen kann, der Fußball für eine der unattraktivsten Publikumsveranstaltungen der Welt hält. Aber es hat nicht geregnet, und außerdem hat die Mannschaft des MSV Duisburg sich dieses Unentschieden auf eine Weise erspielt, die dem 1. FC Energie Cottbus vor dem Pokalhalbfinale am nächsten Dienstag einige Rätsel aufgibt.

Betrachtet man mit den Augen von Claus-Dieter Wollitz die letzten Spiele des MSV Duisburg, so dürfte die taktische Ausrichtung seiner Mannschaft eigentlich keine Frage mehr sein. Diese Taktik müsste das genaue Gegenteil der sonstigen Cottbusser Spielweise bedeuten. Cottbus dürfte in der ersten halben Stunde des Spiels auf keinen Fall den Eindruck erwecken, die Mannschaft könne einen Angriff sicher vortragen und das Tor des MSV Duisburg in Gefahr bringen. In dieser Zeit wird der MSV Duisburg mehr oder weniger druckvoll versuchen, ein Tor zu erzielen. Erfolgreich werden sie in dieser Spielphase wahrscheinlich nicht sein. Um die 35. Minute herum wird die Mannschaft des MSV Duisburg einen ersten torgefährlichen Angriff zulassen. Selbst wenn in dem Moment der Ball nicht ins Tor geht, wird das Angriffspiel des MSV Duisburg danach erlahmen und immer ideenloser.

Wenn ich die Stimmen vom MSV Duisburg nach dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen im Reviersport lese, verstehe ich das mit Blick auf das Halbfinale des DFB-Pokals am  nächsten Dienstag als ein Bemühen, die Stimmung in der Mannschaft nicht allzu sehr zu beeinträchtigen. Manchmal benötigen wir Scheuklappen, um anspruchsvolle Aufgaben zu erledigen. Ich hoffe nur, nachdem dieses Halbfinale gespielt ist, werden sportliche Leitung und Mannschaft sich noch einmal etwas gründlicher mit dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen beschäftigen und dabei auch wieder an das Spiel gegen den 1. FC Union Berlin denken.

Ein variable Spielkultur besitzt der MSV Duisburg im Moment allenfalls zu Beginn des Spiels. Schon im Verlauf der ersten Halbzeit beginnt sich die Mannschaft dann auf eine einzige Möglichkeit des Ballvortrags zu konzentrieren. Angriff um Angriff wird der Ball hoch nach vorne geschlagen, und während  ich das schreibe, merke ich, was ich gestern gesehen habe, bräuchte ein anderes Wort als Angriff. Dieses Wort weckt den Eindruck von möglichem Erfolg. Doch nach der ersten Torchance von Rot-Weiß Oberhausen in der 35. Minute konnten wir uns mit dem Gefühl begnügen, ein Tor des MSV Duisburg fiele nur durch einen Zufall. Es mangelte an Spielideen. Druck auf die Abwehr von Rot-Weiß Oberhausen entstand nicht. Aber es hat wenigstens nicht geregnet, und die Verteidigung spielte so stabil wie in den meisten Spielen dieser Saison.

Die Leistung von Rot-Weiß Oberhausen blieb ebenfalls bescheiden, und man braucht schon eine rot-weiß gefärbte Vereinsbrille, um in so einem Spiel die Spielkontrolle einer Mannschaft zu erkennen. Verbuchen wir so eine Meinung  unter Ruhrgebiets-Folklore. Ein Hoch auf die eigene Stadt, was sich auch in den Lokalsportredaktionen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zeigen darf. Neutral und die Wirklichkeit treffend liest sich die Berichterstattung im Kicker.

Noch gibt es keine Nachricht, wie schwer Julian Koch verletzt ist. Dass er im Spiel gegen den 1. FC Energie Cottbus nicht dabei sein wird, war selbst von der Kanal-Kurve aus an seiner Reaktion nach dem Zusammenprall mit dem Oberhausener Verteidiger sofort zu erkennen. Die Wucht seines Schussversuchs, der ungünstige Winkel, die Drehung des Körpers, das lässt schlechte Nachrichten erwarten. Für Dienstag gilt, es gab auch schon Siege ohne ihn. Wie lange er voraussichtlich fehlen wird, werden wir am Montag sicher erfahren. Nicht allzuviel länger wird es vermutlich dauern, bis wir wissen, welche Strafe der MSV Duisburg für die Pyro-Aktionen erhält. Da habe ich eine deutliche Meinung. Im besten Fall sind solche Aktionen wie das Abbrennen einzelner bengalischer Feuer Abenteuerspielchen auf Kosten des Vereins, im schlechteren Fall wie beim Böllerwerfen ist das zumindest der Versuch der Körperverletzung.

Cotthausen zieht die letzte Karte! Alles ist möglich

Was für ein Tollhaus herrscht im Moment beim nächsten Gegner vom MSV Duisburg. Vorgestern verkündete der Vorstand von Rot-Weiß Energie Cotthausen, die Doppelspitze auf der Trainersposition sei gescheitert. Während der eine Head-Coach des Vereins Hans-Günter Bruns nach der Niederlage gegen den VfL Osnabrück noch sagte, alles sei möglich in dieser Saison, die Mannschaft bräuchte nur eine Serie von drei, vier Siegen, wurde sein Head-Coach-Partner Claus-Dieter Wollitz, “Pele” genannt, mit der Begründung entlassen, man hätte einfach die letzte Karte ziehen müssen, um der Mannschaft einen zusätzlichen Schub für das anstehende DFB-Pokal-Halbfinale zu geben. Den Aufstieg hätte die Vereinsführung trotz der acht Punkte Rückstand auf den zweiten Platz auch noch nicht aus den Augen verloren.

Wegen der Ereignisse im westlichen Ruhrgebiet haben die lokalen Medien Urlaubssperren erlassen. Allen voran berichtet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung seit zwei Tagen in einem Ausmaß über Rot-Weiß Energie Cotthausen, wie es in der Sportberichterstattung des WAZ-Konzerns noch nicht zu sehen gewesen ist.  Ein Medium, das sich als Hauszeitung der Region versteht, muss einfach alle Kräfte bündeln, wenn noch einmal eine hoffnungsfrohe Stimme, ein Zeichen für den immer wieder neu zu leistenden Aufbruch im Revier setzt.  Außerdem betrachtet man auch wirklich fassungslos das Handeln eines Vereins, der sich seit drei, vier Jahren als der bodenständige und sympathische Ruhrpott-Underdog im Haifischbecken Fußball-Business präsentierte.

Auch die meisten Fans von Rot-Weiß Energie Cotthausen zeigen wenig Verständnis für die Entlassung des Mannes, der den Verein nach langer Zeit im Amateurfußball wieder nach oben gebracht hat. Die Fans kommentieren mit deutlichen Worten, die zahlreichen Artikel des WAZ-Konzerns oder nehmen ausführlich und sehr nachvollziehbar auf eigenen Seiten im Netz Stellung, indem sie das Fußballgeschäft als Bedingung für die Möglichkeiten des Vereins Rot-Weiß Energie Cotthausen miteinbeziehen.

Im Windschatten der allgemeinen Aufregung versucht der MSV Duisburg seine Spielvorbereitung auf das nächste Spiel gegen Rot-Weiß Energie Cotthausen wie gewohnt zu absolvieren. In Duisburg kommt es zum ersten Mal zu einem Fußballspiel, das sich über fünf Tage erstreckt. Es wird in vier Vierteln ausgetragen und der Spielort wechselt in der drei Tage andauernden Halbzeitpause vom Niederrheinstadion in die Schauinsland-Reisen-Arena, unter Freunden auch Wedaustadion genannt. Die Vereine hatten sich darauf geeinigt, auch Teileintrittskarten des Spiels in den Verkauf zu bringen.  Allerdings ist die zweite Hälfte des Spiels schon seit einiger Zeit ausverkauft. Die unterschiedlichen Verkaufszahlen der Eintrittskarten ließen bei vielen Zuschauern den Eindruck entstehen, es handele sich bei diesem besonderen Spiel des MSV Duisburg eigentlich um zwei gewöhnliche Fußballspiele von normaler Spieldauer. Die sportliche Leitung des MSV Duisburg ist sich der Bedeutung dieses besonderen Spiels bewusst und möchte alle Viertel des Spiels gewinnen. Dann könnte der MSV Duisburg auch am Ende dieses besonderen Spiels gegen Rot-Weiß Energie Cotthausen ohne Zweifel als Sieger vom Platz gehen.

Der Wedaustadions-Gedenktag

Meist bin ich so früh im Stadion, dass ich meinen angestammten Stehplatz rechts neben dem Tor nahezu problemlos erreiche. Ob so ein Wedaustadions-Gedenktag schon zuvor einmal gefeiert wurde, weiß ich deshalb nicht genau. Jedenfalls kam ich dieses Mal erst zehn Minuten vor Anpfiff an, und da waren  Zu- und Aufgänge des Stehplatzrangs nicht mehr zu erkennen. So etwas bin ich vom geregelten Unterhaltungsangebot Fußball in der Gegenwart gar nicht mehr gewöhnt. Wie im Wedaustadion der 70er brandeten die immer noch ankommenden Stehplatzbesucher auf die obere Stehplatzreihe und bildeten bald ein wahrscheinlich kurios anzusehendes Stehballett in einer Dreier- bis Viererreihe. Der gemeinsame Spitzentanz und das wagemutige Vornüberbeugen der Oberkörper im harmonischen Gleichklang ließen in mir das Bild entstehen, gleich stellten die Organisatoren des Ganzen noch ein paar der seinerzeit das Stadionrund bestimmenden Bäume in großen Pflanzkästen hinter meinem Rücken auf. Die jungen MSV-Fans, die auf die Bäume hätten klettern können, waren in großer Zahl vorhanden. Und ihre Väter und Großväter wären bestimmt gerührt gewesen, die Bilder der eigenen Jugend so lebendig nachempfunden zu sehen.

Damit wären sie auch abgelenkt worden von den ersten zwanzig Minuten des Spiels, die so gar nicht auf den klaren 3:0-Sieg hatten hingedeutet. Sie hätten sich nicht sorgen müssen vor den immer wieder über den linken Flügel vorgetragenen Angriffen der Oberhausener, mit denen sie im schnellen Doppelpass-Spiel die MSV-Deckung bis zur Strafraumgrenze problemlos überliefen. Sie hätten sich nicht ausmalen müssen, was geschähe, wenn die Oberhausener entweder einen starken Strafraumstürmer besäßen oder aber einer ihrer schnellen Angreifer auch noch abschlusssicher wäre. Dem war nicht so, und nach den zwanzig Minuten gewannen die Spieler des MSV Duisburg ihre Defensiv-Sicherheit zurück.

Weder Milan Sasic, hier zitiert bei Der Westen, noch die Journalisten, etwa im Kicker, und die Zuschauer verschließen die Augen vor diesen ersten zwanzig Minuten mit Schwächen des MSV Duisburg. Gestritten wird dagegen unter den Zuschauern über die Wertung dieser Schwäche. Lässt sie sich vielleicht sogar als Stärke deuten, wenn gegen eine Mannschaft mit 13 Punkten auf der Habenseite diese Leistung sogar ausreicht, um hoch zu gewinnen? Auf jeden Fall trägt so ein Spiel weiter zum Selbstbewusstsein der Mannschaft bei.

Lieber wäre mir allerdings gewesen, wenn schon in der ersten Halbzeit der MSV Duisburg erfolgreiche Spielaktionen mit Beteiligung mehrerer Spieler gezeigt hätte. Da passte nicht viel zusammen. Allerdings auf beiden Seiten. Die meisten Pässe erliefen sich die jeweiligen Gegenspieler oder sie gingen ins Leere. Beim MSV Duisburg scheiterten die Versuche mit hohen Bällen Stefan Maierhofer zu erreichen genauso wie Sefa Yilmaz´ Versuche seinen Gegenspieler zu überdribbeln.  Filip Trojan konnte sich kaum einen Steilpass erlaufen, und Srjdan Baljak verlor Ball um Ball bei seinen Bemühungen einen konstruktiven Angriff einzuleiten.

Doch wenn die offensiven Spieler nicht erfolgreich sind, gibt es ja noch Julian Koch. Ein Lauf mit Ball aus der eigenen Hälfte heraus, ein Doppelpass, ein weiteren Spieler umspielt und schon ist Julian Koch in den Strafraum gedrungen. Er selbst kann zwar nicht mehr abspielen, doch der Oberhausener Verteidiger klärt mit einer präzisen Vorlage zu Stefan Maierhofer, die dieser zum Führungstor verwandelt. Julian Koch machte mit Ausnahme der ersten zwanzig Minuten wieder ein sehr gutes Spiel, und er wird seiner offensiven Fähigkeiten immer sicherer. Das müssen wir genießen und doch nicht wie Bernd Bemmann in der Rheinischen Post dabei sofort schon an die nächste Saison denken.

Wie oft wird von Zuschauern über Leihspieler und deren mangelnde Verbundenheit zu einem Verein geklagt. Die Wirklichkeit ist inzwischen viel weiter. Fast immer verhalten sich gerade die jungen Spieler so professionell, dass sie ihr gesamtes Können im Verein, für den sie jeweils spielen, auch zeigen. Jetzt schon daran zu erinnern, was erst in einem dreiviertel Jahr geschieht, wirkt auf mich fehl am Platz, selbst wenn es die besondere Leistung eines jungen Spieler unterstreichen soll. Julian Koch spielt sehr gut für den MSV Duisburg. Das ist die Geschichte, die zu erzählen ist. Mehr nicht.

Demnächst wird nach der Halbzeitpause Srjdan Baljak wahrscheinlich für ein paar Minuten eine Sonderbewachung erhalten. Fast hätte er ja zum zweiten Mal kurz nach dem Wiederanpfiff  ein Tor erzielt, als er aus etwa zwanzig Metern den Ball sehr präzise traf. Der Oberhausener Torwart Sören Pirson konnte den Ball noch an die Latte lenken. So wird dieser Schuss nur als Assist des Assists gewertet. Denn die anschließend von Filip Trojan getretene Ecke wurde zu einem der von Milan Sasic so vielgerühmten Tore durch Standards. Ab in die Statistik, und auf Wiedervorlage vor einem der nächsten Spiele.

Die Oberhausener bemühten sich danach allerdings weiter, das Ergebnis zu verbessern. Und auch wenn wieder deutlich wurde, dass Oberhausener Strafraumnähe nur selten zu wirklicher Torgefahr führte, für mein Gefühl eines sicheren Sieges fehlte mir ein drittes Tor des MSV. Dieses Tor schoss Olcay Sahan erst in der 82. Minute nach einem schönen Konter über Julian Koch und Ivica Grlic, nachdem er etwa dreißig Meter alleine aufs Tor zugelaufen war und ich schon befürchtete, dass jeder Meter ihn nur nervöser gemacht hatte. Das Tor schien mir dann doch auch recht glücklich gewesen zu sein. Sören Pirson machte die Mitte dankenswerter Weise frei, als Sahan genau dorthin zielte. Auch in diesem Einzelfall denke ich, ein Tor für das Selbstbewusstsein in der Zukunft. Wie ein souverän abgeschlossener Konter wirkte das nicht.

Wenn ich die Schwächen erwähne, trübt das meine Freude überhaupt nicht. Es war ein verdienter Sieg, und an Fehlern lässt sich nur lernen, wenn die Fehler auch benannt werden. Was mich noch kurz an David Yelldell denken lässt. In der zweiten Halbzeit hat er auf der Linie gegen einen Kopfball sehr gut geklärt. Allerdings ist es auch bezeichnend, dass das nicht gegebenene Tor für Rot-Weiß Oberhausen tatsächlich zu Diskussionen führt. Es gibt diese Diskussion, weil Yelldell manchmal kleine Fehler macht und zwar vor allem dann, wenn er Bälle festhalten muss. Wir werden sehen, ob die Mannschaft damit leben kann. Wenn jeweils ein Tor mehr erzielt wird als ein Fehler passiert, ist das keine Frage. Zumal nicht jeder Fehler zu einem Tor des Gegners führt.

Heiße Kiste

Manchmal überfallen mich niemals zu befriedigende Sehnsüchte. Ich möchte etwa dabei gewesen sein, als zum ersten Mal jemand etwas im übertragenen Sinn eine “heiße Kiste” nannte. Für mich klingt das sehr nach anerkennend gemeintem Jugendjargon für Autos und Motorräder Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er. Vielleicht nur, weil mir diese Sprache in jener Zeit besonders geläufig war? Eine Idee für die Grundbedeutung der Kistenhitze hatte ich zunächst nicht. Wurde das  “hot” als einer der Superlative der damaligen Jugend eingedeutscht? Aber gab es den nicht noch früher? Gab es da nicht auch Hot-Musik? Und was ist mit der Kiste?

Im englischsprachigen Wikipedia findet sich mit “hot box” der gesamte Ausdruck als Fachbegriff der Eisenbahnersprache für überhitzte Achslager von Gleisfahrzeugen. Wenn ich den Eintrag falsch verstanden habe, bitte korrigiert mich. Dann aber müsste der Begriff erst in den USA oder England im übertragenen Sinn gebraucht worden sein. Kam er also auf diesem Weg nach Deutschland? Anglisten helft!

Dann aber finde ich im Grimmschen Wörterbuch am Ende eines langen Artikels zum Wort “Kiste” unter dem Punkt 12 etwas, was die Aussicht auf eine endgültige Klärung einerseits erschwert, meinem Spaß an unvermuteten Zusammenhängen aber sehr gelegen kommt: “aber nicht hierher gehört ein bergmännisches kiste, [...] s. kister.  Und siehe da, unter “kister, m.”  lese ich: “im hüttenwesen, ein eisen mit einem streichholze vorn, womit die schlacken von dem schmelzenden metalle abgezogen werden. Krünitz 39, 215. Dasselbe im grunde ist offenbar kiste oder küste, auch köste, f.” Und da stelle ich mir vor, auch diese Kiste könnte heiß werden, und einer der ersten Eisenhüttenarbeiter im damals noch nicht Ruhrgebiet genannten Großraum war ein großer Sprachverwandler.

Der Anwendungsbereich der “heißen Kiste” hat sich über die Jahre ausgeweitet. Heute können auch Zustände, Vorgänge und Ereignisse von Kistenhitze erfasst sein. Dem unbekannten Eisenhüttenarbeiter zum Gedächtnis erwartete der RWO-Mittelfeldspieler Daniel Gordon schon zu Beginn der Woche im Reviersport-Interview, dass das Spiel zwischen dem MSV Duisburg und Rot-Weiß Oberhausen “eine heiße Kiste wird”. Andererseits habe ich den Eindruck, dass ich von der Spielweise, die Oberhausen nach Pressekonferenz-Aussagen von Milan Sasic kennzeichnen soll, bereits bei den Auswärtsspielen gegen Aue und Union Berlin gelesen habe. Aber um der Vielfalt der deutschen Sprache Willen gebe ich zu, das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen ist eine besondere Begegnung. Denn ohne diese Besonderheit wäre es fraglos keine “heiße Kiste”.

Den Ruhrschnellweg mit Fußball entlanggebloggt

Wenn ich zwischen dem Blick auf eine Landkarte und dem auf die entsprechende Landschaft wählen muss, gewinnt die Landkarte. Der Blick von oben erschließt Zusammenhänge und bildet Identitäten. Wenn ich die A 40 als Ort des Still-Leben Ruhrschnellweg im Netz entlang surfe, um mir anzusehen, wer am Sonntag so dabei ist, sehe ich Stadtteile eines größeren Verbundes. Wir wissen alle, im Alltag dieser Städtelandschaft ist das keineswegs so eindeutig, und egal wieviel Kultur und Symbolik als Gemeinschaftswerk produziert wird, das alles bleibt sinnlos, ohne entsprechendes Handeln auf politischer Ebene.  Zudem frage ich mich mit meinem Blick von außen, ob es überhaupt genügend Bürger dieser Region gibt, die ein wirkliches Interesse an so einer Einheit haben.

Was mich nun nicht daran hindert, in mir selbst diese Einheit immer mal wieder intensiv wahrzunehmen. Als ich heute die A 40 entlang surfte, kamen mir bei den entsprechenden Städten auch die dazu gehörigen Blogger in Sachen Fußball in den Sinn. Als Karte habe ich so eine Ruhrgebiets-Landschaft des Fußball-Bloggens noch nicht hinbekommen. Aber anlässlich des Still-Leben Ruhrschnellweg wollte ich die Blogger doch zumindest auflisten und zur Orientierung die A-40-Still-Leben-Segemente zuordnen.

Die Zielsetzung des Literaturbüros  Ruhrgebiet aufgreifend habe ich Fußball-Blogger aufgelistet, die entweder im Ruhrgebiet leben oder Blogger, die sich dem Ruhrgebiets-Fußball thematisch widmen. Thema ging bei der Einordnung vor Wohnort. Der letzte Beitrag sollte nicht länger als zwei Monate zurück gelegen haben – Ausnahme: RWO qua Alleinstellung und Versprechen für die kommende Saison. Wer auch immer sein Fehlen beklagt, mache sich bemerkbar. Wer mehr weiß, ergänze, so er mag.

Von West nach Ost sieht das folgendermaßen aus:

Duisburg Häfen – Autobahnkreuz Kaiserberg

Ein Zebra in der Achterbahn – Der MSV Blog

Rolf das Zebra schreibt (MSV Duisburg)

Zebrastreifenblog – Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus (MSV Duisburg)

Trainer Baade

OberhausenMülheim Heimaterde

RWO-Fanblock (Rot-Weiß Oberhausen – unregelmäßig und in Verantwortung des Vereins?)

Essen Frohnhausen – Essen Kray

Im Schatten der Tribüne (Rot-Weiß Essen)

Gelsenkirchen Süd

Auswärtssieg. … is wie wennze fliechs … (FC Schalke 04)

Königsblog. Über König Fußball im Allgemeinen und Königsblau im Besonderen (FC Schalke 04)

Turnhallengeruch. Kalter Schweiß, Gummifußboden (FC Schalke 04)

Web.04. Blog (FC Schalke 04)

Schalkefan – Am Samstag um halb vier war die Welt noch in Ordnung

Bochum Wattenscheid – Bochum Werne

18:48 - Mein Blick auf den VfL Bochum und darüber hinaus

Der freie Blog der Fantastic Supporters (VfL Bochum)

Der blaue Kanal (VfL Bochum)

Scudetto – Fußball und das Leben. Ben Redelings

Dortmund Lütgendortmund – Dortmund Märkische Straße

Any given weekend (Borussia Dortmund)

Boisseree’scher Blog (Borussia Dortmund)

Hamburg Schwartz Gelb -  Über den Versuch eines Hamburger BVB-Fans Job, Fußball und Frau in Einklang zu bringen (Borussia Dortmund)

Am Sonntag dann strafe ich meinen Einleitungssatz Lügen und bevorzuge die Wirklichkeit der A 40. Am Tisch 34 im Block 8 bei km 42,2 werde ich hoffentlich viele Stimmen sammeln, die das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg anwachsen lassen. Der Tisch steht zu Beginn des Kreuzes Kaiserberg, und Zebra-Maskottchen Ennatz wird ebenfalls vor Ort sein. Der MSV Duisburg möchte das Projekt auf diese Weise unterstützen. Damit Besucher der A 40 ihre MSV-Erinnerung mir erzählen können, müssen sie mich schließlich erst einmal an der “längsten Tafel der Welt” wahrnehmen.

Uraufführung dieser “Abseitsfalle” vom Theater Oberhausen

Wer als Fußballspieler in eine Abseitsfalle läuft, erhält beim nächsten Angriff seiner Mannschaft eine neue Chance, ein Tor zu erzielen. Wenn die Abseitsfalle aber auf Verhältnisse im wirklichen Leben anspielt, sieht es düster aus mit dieser neuen Chance. Dann geht es um ein dauerhaftes Abseits oder wenigstens um die Gefahr dort zu landen. In Oberhausen als einer der überschuldeten Städte des Ruhrgebiets kennen die Menschen diese Gefahr als Alltag. Jahr für Jahr sieht sich die Stadt zu neuen Sparmaßnahmen aufgefordert. Geschaut wird dann jeweils als erstes auf die freiwilligen Leistungen. Hinter diesen zwei Wörtern der Verwaltungssprache versteckt sich vieles, was ein Leben lebenswert macht. Dazu zählen Kultur, Sport und Bildung, so dass nicht selten Theaterleute und Sportler in einem Wettbewerb um kommunale Gelder stehen.

Diesen Moment des kommunalen Alltags greift Schorsch Kamerun für sein Theaterprojekt “Abseitsfalle” auf und verwandelt ihn in eine märchenhafte Phantasie. Denn wenn die Stadt kein Geld hat, hilft mit “Arab Petrol” vielleicht ein Sponsor aus dem Orient. Der Eigner von Arab Petrol, Herr Vorsprung genannt, weiß allerdings nicht so recht, ob er dem Theater Oberhausen oder dem ortsansässigen Fußballverein Rot-Weiß  sein Geld zukommen lassen soll. Bei einer “Vier-Chancen-Tournee” treten deshalb an: “Team Theater” mit Schauspielern, Pförtner und Dramaturgin gegen “Team RWO” mit Vereinsvorsitzendem, Fans, Securitymitarbeiter und Sportjournalistem. Sie werben um die Gunst des Publikums, dessen Votum Herr Vorsprung sich zueigen machen möchte. Es ist ratsam, diese Entscheidung zum Ende der Vorstellung hin nicht spielerisch und leicht zu nehmen. Man sollte sich ihr bewusst stellen, denn darin liegt der Wert dieses Abends.

Etwa zehn Minuten dauert die Sonderfahrt mit dem Oberhausener Linienbus vom Theater der Stadt aus zur Dreifachsporthalle der Gesamtschule Osterfeld, wo die “Vier-Chancen-Tournee” stattfindet. Auf dem Hinweg erfahren wir durch die Schauspielerin Anna Polke, wie die Industriearbeit aus Oberhausen verschwand und dass Europas größtes Einkaufszentrum stattdessen als “Neue Mitte” für die Identität dieser Stadt wichtig ist. Die Wirklichkeit soll an diesem Abend nicht vergessen werden.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, der dann in Osterfeld stattfindet, nachdem das Publikum auf den Ausziehtribünen der Sporthalle Platz genommen hat. Zwar steht der RWO-Vorsitzende Hajo Sommers als Schauspieler auch auf anderen Theaterbühnen, doch seine Mitstreiter im “Team RWO” sind Laien. So geht es für das Team RWO weniger um künstlerischen Ausdruck als um authentische Präsenz von Menschen, in deren Leben Fußball von Bedeutung ist. Da werden dann Fußballersprüche vorgelesen. Da wird ein Bild im Keith-Haring-Stil gemalt. Oder zur Vorstellung des neues Vereinslogos wird die von Schorsch Kamerun geschaffene Oberhausen-Hymne eher gerappt als gesungen sowie eine Cheerleader-Choreografie wird dazu getanzt. King Lear im “volksnahen” Stil bildet den Abschluss dieser ersten Halbzeit.

Team RWO malt im Stil von Keith Haring ein Gastgeschenk für Arab Petrol. Auf der Leinwand ist eine Videoprojektion zu sehen von der gleichzeitig stattfindenden Aufführung einer Szene aus “King Lear” durch das Team Theater.

Foto: Axel J. Scherer

Zeitgleich beginnen beide Teams in zwei der drei Querfelder der Sporthalle mit ihren Darbietungen und bald nach Beginn senkt sich eine Faltwand zwischen den beiden Hallenteilen herab. Erst in Halbzeit zwei wird man, nach einem Wechsel der Tribünenseite, vom jeweils anderen Team in Gänze sehen, was als Videoprojektion manchmal im Hintergrund auf eine große Leinwand eingespielt wird.

Das “Team Theater” agiert selbstverständlich in professioneller Weise. Auch wenn die Darbietungen dabei den Anschein von Arbeitsproben annehmen, machen die Schauspieler Qualität und Möglichkeiten ihrer Kunst erlebbar. Da wird jene  Szene aus King Lear in klassischer Sprechtheatermanier gegeben, wobei die an Stars-Wars-Filme erinnernden Kostüme den Kontrapunkt Moderne bilden. Da wird Actionpainting per Gruppenaktionskunst persifliert. Da wird die Oberhausen-Hymne vom Männerchor gesungen, während die Schauspieler, maskiert als Kulturklassiker und Feuilletonstars der Gegenwart einen Ausschnitt des Kulturkanons auf die Bühne bringen.

Marek Jera spielt den “Prinz”, der den potentiellen Sponsor “Herrn Vorsprung” vertritt und der als Spielleiter den Wettbewerb begleitet.

Foto: Axel J. Scherer

Auch wenn es in der Vorberichterstattung so angedeutet wurde, “Abseitsfalle” kritisiert keineswegs Auswirkungen möglichen Sponsorings. Dazu geht das Stück nicht tief genug in die Wirklichkeit solcher Finanzierungsquellen. Da bewegt sich der Abend auf der Ebene bekannter Gags aus Comedy- und Kabarett-Zusammenhängen, wenn die Darbietung selbst sponsorgerecht inszeniert wird und während der Übergänge per Großleinwand der tatsächlich existierende lokale Sponsor präsentiert wird.

Klaus Zwick als Mitglied im Team Theater tritt als “King Lear” auf. Im Hintergrund warten zwei seiner Töchter, gespielt von Annika Meier und Nora Buzalka.

Foto: Axel J. Scherer

Wenn wir der Prämisse des Stück vertrauen, so leben wir noch in zivilisierten Zeiten. Noch scheint es den Glauben an wirksame Verfahren der Entscheidung zu geben. Zumindest hält der Glaube bis zum Ende an, wenn sich Herr Vorsprung dann doch per Telefon als wahrer Machthaber erweist und mit einem Mal die Ökonomie als Entscheidungsgrundlage entdeckt.  Sonst deutet der Text des Stückes aber nirgendwo an, was da als heftigerer Verteilungskampf noch kommen mag. Da ist der Zuschauer auf sich gestellt und muss in sich selbst spüren, was passiert, wenn er sich auf den Wettbewerbsgedanken dieses Stückes wirklich einlässt. Nimmt der Zuschauer seine Macht als Juror ernst, bewegt der Abend.

“Abseitsfalle” braucht nicht den Überbau einer kritischen Aussage, wie sie in der Pointe des Ende angelegt ist. Herr Vorsprung meldet sich telefonisch und setzt sich über das vermeintliche Publikumsvotum für das Theater Oberhausen hinweg. So eine Pointe macht nur jene Schublade mit Fragen auf, die von dem Stück nur unzulänglich behandelt werden. Es wäre nicht nötig gewesen. Es langt, die Zuschauer mit dem Gefühl alleine zu lassen, sich entscheiden zu müssen. Es reicht aus,  das Publikum vor die Wahl zu stellen, was wichtiger ist für die Stadt, für die Allgemeinheit und letztlich vielleicht nur für einen selbst. In dem Moment wirkt dieses Theaterstück in die Wirklichkeit hinein. Das aber muss man als Zuschauer zulassen.

Weitere Vorstellungen:

25. und 27. März 2010
13. und 29. April 2010
4., 14., 15. und 19. Mai 2010

Theater Oberhausen: Abseitsfalle von Schorsch Kamerun

Heute Abend werde ich mir eine Abseitsfalle auf der Bühne ansehen. Schorsch Kamerun hat sie für das Theater Oberhausen einstudieren lassen. Die Grundidee des Stücks: Rot-Weiß Oberhausen und das Theater der Stadt treten gegeneinander an, um einen reichen Investor zu überzeugen, das so sehr vermisste Geld fließen zu lassen.

Die Wirklichkeit schlägt sich schon in der Besetzung des Stückes nieder, wenn Hajo Sommers, Schauspieler und Vorsitzender von Rot-Weiß Oberhausen, als Vertreter seines Vereins auch auf der Bühne zu sehen ist. Ich bin neugierig, wie dieses Stück noch weiter seine Bezüge zur Wirklichkeit findet.

Zunächst kam mir der Gedanke, in der Realität gibt es den öffentlich wirksamen Wettstreit um allerdings kommunale Gelder ja eher zwischen den Sparten Kultur/Bildung, Jugendhilfe und Breitensport. Zumindest waren das in Duisburg die drei gesellschaftlichen Bereiche, deren Vertreter angesichts der angedrohten Sparmaßnahmen jede für sich zum Protest im Rathaus vorgesprochen haben. Mal sehen, wie es wird heute Abend. Spätestens übermorgen wisst auch ihr dann mehr.

Team RWO mit Schildträger Hajo Sommers (Foto: Axel J. Scherer)

Weitere Vorstellungen sind:

Donnerstag, 25. März, 19.30 Uhr
Samstag, 27. März, 19.30 Uhr
Donnerstag, 29. April, 19.30 Uhr

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Als ich vorgestern die Entwicklung beim FC St. Pauli als vorbildhaft für den MSV Duisburg beschrieb, kannte ich schon eine umstrittene Seite des Erfolgs in Hamburg. “Mode- und Eventfans” sind die Stichwörter. Davon hätte ich  nicht nur dank Alltagsbeobachtungen schreiben können, sondern schon im ersten Clip der 11FREUNDE-Serie “Hajo erklärt die Welt” erzählt auch der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen Hajo Sommers ab Minute 1´35´´ von Pauli-Stadionbegegnungen der für ihn nervigen Art.

Solche Begleiterscheinungen von eigentlich begrüßenswerten Entwicklungen lässt man im Moment des Lobs natürlich erst einmal beiseite. So etwas behält man im Hinterkopf und kümmert sich darum, wenn es im eigenen Haus tatsächlich einmal in eine ähnliche Richtung geht. Doch der Dauerkartenverkauf vom FC St. Pauli am vergangenen Wochenende lässt mich nun doch dieses Thema Identität, Erfolg und Zuschauerbindung aufgreifen. Denn nach dem zurückgekehrten Erfolg vom FC St. Pauli wollen sich inzwischen Menschen mit dem Verein identifizieren, die zum Wesen des Vereins nichts beitragen. Sie wollen dieses Wesen konsumieren, dabei ihre eigene Party feiern und den identitätsstiftenden Mehrwert dieses Vereins einfach überstreifen. Sie sind Schmarotzer einer langen Entwicklung.

Worum geht es? Die Nachfrage nach Dauerkarten für die nächste Saison überstieg das Angebot. Die genaue Vorgeschichte des Dauerkarten-Verkaufs kenne ich nun nicht, anscheinend gab es da im Vorfeld schon Diskussionen über das Verteilungsverfahren. Wenn man die zwei Blogs Fabolous Sankt Pauli und ring2.de einige Zeit mitliest, wird man schnell erkennen: Hier schreiben Anhänger des Vereins mit Herzblut und Verstand. Bei ihnen kann man einiges zum Thema finden und auf Nachfrage sind sie sicher gerne zur erklärenden Auskunft bereit. Wenn ich nun diese zwei Anhänger des FC St. Pauli vollkommen desilllusioniert sehe, komme ich ins Nachdenken. Ring2.de fragt: “Muss man Sponsor beim FC St. Pauli sein, um eine Dauerkarte zu erwerben?” Und auch einen Tag später ist die Wut geblieben. Auf Fabolous Sankt Pauli hört Jekylla den “Schwanengesang vor Saisonende”. Die Kommentarspalten füllten sich. Ist der FC St. Pauli dabei, ein Verein wie jeder andere zu werden?

Mal davon abgesehen, wie sich in diesem Bild der Besonderheit des FC St. Pauli die allgegenwärtigen Mechanismen des Fußballgeschäfts mit an romantischen Vorstellungen vom Fußball orientierten Gegebenheiten vermischen, die Vereinsführung trägt die Verantwortung für dieses Bild. Betrachtet man nun den Dauerkartenverkauf, ist da einiges schief gelaufen. Es fehlte ganz eindeutig ein funktionierendes, transparentes Regularium, wie diese Karten auf gerechte Weise verteilt werden. Damit greife ich noch einmal auf, was ich neulich anlässlich der “doofen” Fan-Choreografie schon schrieb. Vereinsverantwortliche tragen viel mehr als in früheren Zeiten Verantwortung für das Umfeld ihres Vereins. Da geht es mir nicht nur mit der Zuschauerbindung um die wirtschaftliche Entwicklung des Vereins. Fußball ist so sehr in das Zentrum unserer Gesellschaft gerückt, dass dieser Fußball für viele Menschen das Medium geworden ist, mittels dessen sie sich mit dieser Welt auseinander setzen. Selbst mein Schreiben hier ist Beleg für diese Entwicklung. Früher war Fußball viel mehr nur der Sport.

Fußball schillert immer intensiver als Mischform von Kultur und Unterhaltungsgeschäft. Die Führungspersonen dieses Sports mögen es wollen oder nicht, sie tragen nicht nur Verantwortung für das Geschäft sondern auch Verantwortung für alles, was im Fußball als Kultur lebendig wird. Sie tragen darüber hinaus Verantwortung für das Verhältnis der Zuschauer zum Verein und für das Verhältnis der Zuschauer untereinander.

Auch deshalb müsste man sich beim FC St. Pauli mit dem eigenen Erfolg auseinander setzen. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Der sprichwörtliche Satz von Erich Kästner appelliert an den einzelnen. Der Dauerkartenverkauf beim FC St. Pauli macht deutlich, so ein Appell reicht nur in begrenztem Maß. Damit jeder einzelne Gutes tun kann, muss er bei diesem Tun unterstützt werden – im Fußball von Seiten des Vereins. Das gilt für den FC St. Pauli und – ihr werdet nicht überrascht sein – nicht weniger für den MSV Duisburg.


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