Mit 'Rudi Bommer' verschlagwortete Einträge

Peter Neururer verlottert immer mehr

Diesen Preis wird Peter Neururer gerne zahlen. Mit einer immer ungebändigteren Frisur scheint er mir doch recht billig davon zu kommen, wenn der MSV so weiter spielt. Sorgen bereitet mir alleine die Frage, ob das Ritual des immer gleichen Mantels am Spielfeldrand die Reinigung ausschließt. Zwar ist der Fußball ja eine Freiluftveranstaltung, doch unangenehmer als langes Haar wirkt so ein verlotterter und im Frühsommer durchschwitzter Mantel  auf jeden Fall.

Gestern habe ich zum zweiten Mal bei einem befreundeten Schalke-Fan mir ein Spiel vom MSV im Fernsehen angesehen. Das erste Mal war es das den Aufstieg besiegelnde Auswärtspiel in Frankfurt in der  Saison 2004/2005, nun dieser verdiente Sieg in Aachen. Wenn es hart auf hart kommt für den Verein aller Vereine, werde ich also nicht am Straßenrand stehen und alaaf rufen, sondern notfalls  vorm Fernseher mit einem Schalke-Fan sitzen. Auch ich bin wie Peter Neururer bereit, alles für den Erfolg zu tun.

Der Sieg war verdient, weil der MSV mehr in das Spiel investiert hat. Als ich dieses frühe Pressing in der ersten Halbzeit gesehen habe, fragte ich mich erst, wie lange die Mannschaft das durchhalten kann. Das brauchte Kraft und Ausdauer, die aber tatsächlich das gesamte Spiel über vorhanden war. Da gab es kein Nachlassen der Intensität.

Im Spielaufbau wirkte der Verein aller Vereine etwas besser als Aachen. Aachen wurde aus dem Spiel heraus im Grunde genommen nur dann wirklich gefährlich, wenn der MSV in der Vorwärtsbewegung den Ball verlor. Zwei Situationen gehen mir da aus der zweiten Halbzeit durch den Kopf, in der einen führte der Ballverlust zur Riesenchance, die  Wer-War-Es-Noch-Mal links neben das Tor semmelte, in dem Moment als Starke sich schon in die andere Ecke bewegt hatte. Da wäre nichts zu halten gewesen. Und da war der  Ballverlust von Makiadi, der zur gelben Karte für Bernd Korzynietz führte. Dessen Erfahrung wurde bei diesem Foul überaus deutlich. Er wusste, er musste das Foul machen und machte es auf eine überlegte Weise im Wissen um die kommende Karte. Aber ohne Gefahr den  Gegenspieler zu verletzen war der aufgehalten.

Vor dem 1:0 der Aachener war übrigens vorauszusehen, dass die kommende Spielsituation für den MSV gefährlich werden könnte. Da blitzte für einen Moment die Trägheit der Bommer-Zeit auf, als der MSV in der eigenen Hälfte den Ball nicht kontrolliert nach vorne spielen konnte, der Ball dann ins Aus geht und die Aachener den Einwurf erhalten. Der Aachener Spieler griff sich sofort den Ball und suchte die mögliche Anspielstation. Die Spieler des MSVs waren zu dem Zeitpunkt im Kopf noch halb auf dem Weg nach vorne. Im Gegensatz zum Aachener Spieler waren die Bewegungen der MSV-Spieler viel langsamer. Ihre Körpersprache zeigte, sie sind sich der Gefahr dieses Einwurfs nicht bewusst, obwohl der Strafraum – so meine ich -  nicht weit entfernt vom Ort des Einwurfs war. Das soll jetzt keine Mäkelei sein, sondern es zeigt mir nur, wie sehr der Erfolg einer Mannschaft von der ständigen geistigen Präsenz eines jeden Spielers in jeder Spielsitutation abhängt. Und es verdeutlicht mir noch einmal, diese geistige Präsenz hat es in der Bommer-Zeit irgendwann nicht mehr gegeben.

Der Spielaufbau beim MSV klappte nicht das ganze Spiel über, aber wenn dann waren die Kombinationen sehr schön anzusehen. Allerdings war der letzte Pass in die Spitze dann fast immer etwas zu unpräzise. Bis zum Strafraum ging es also manchmal wie am Schnürchen und dort, wo immer weniger Raum für das Passspiel vorhanden war, gingen Pässe in die Tiefe meist zu weit. Da braucht es weiter Feinabstimmung. Man muss allerdings auch sagen, die Aachener Abwehr hat ebenfalls hart gearbeitet, sich am Strafraum eben kaum Blößen gegeben und so war es auch schwierig, diesen entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen. Aber was für eine Verbesserung des Kombinationsspiels war da zu sehen.

Nach der Halbzeitpause fand der MSV sofort wieder gut ins Spiel und als dann Aachen endlich dagegen hielt, wollte ich mich eigentlich schon allmählich mit dem Unentschieden vertraut machen. Und dann kommt dieser Schuss von Änis Ben-Hatira. Wenn man sich die Schussbahn im Fernsehen ansieht, scheint es mir immer unglaublicher, dass der Ball ins Tor gegangen ist und ich kann den Torhüter der Aachener, Thorsten Stuckmann, gut verstehen, wenn er im Interview zwar so was ähnliches sagt wie, ich sehe nicht gut aus, aber man sieht ihm an, eigentlich weiß er nicht so recht, was er da falsch gemacht hat. Denn der Ball fliegt zunächst genau auf den Punkt des Tores, wohin sich Stuckmann schmeißt. Und erst im letzten Drittel der Flugbahn bewegt er sich vom Schützen aus gesehen nach rechts. Das sieht einfach nicht nach einer gleichmäßig verlaufenden Flugbahn aus. Das sieht aus, als habe jemand an dieser Stelle kurz vor dem letzen Drittel der Flugbahn den Ball ein wenig zur Seite gezogen. Es sieht auch nicht so aus, als habe der Abwehrspieler den Ball berührt. Aber vielleicht flog der Ball so nahe an dem Abwehrspieler vorbeit, dass da Turbulenzen entstanden? Eine weitere Frage für den den Fußball verfolgenden Physiker.

Beeindruckend übrigens, wie klar, selbstkritisch und souverän der Aachener Trainer Jürgen Seeberger nach dem Spiel vor der Premiere-Kamera die Niederlage seiner Mannschaft analysierte und den MSV ganz leicht im Vorteil sah. Da ist man bei solch engen Spielen ganz andere Stimmen der Beschönigung und des Realitätsverlustes gewöhnt. Respekt.

Da wir ja alle von Spiel zu Spiel denken, bereite ich mich nun mal auf Nürnberg vor und überlege, wie die Kraft des Sieges-Zaubers von gestern auf ein anderes Ritual übertragbar ist. Schließlich gefällt es mir im Stadion dann doch besser als vor dem Fernsehgerät.

Ist geteiltes Leid halbes Leid?

Ich hatte es schon einmal angedeutet, das Manko in der Spielanlage des Vereins aller Vereine findet sich auch in anderen Vereinen wieder. Mehrfach. Klagen gibt es häufig über das Angriffsspiel von Mannschaften. Das Verteidigungsverhalten ist anscheinend leichter zu trainieren als das Angriffsverhalten. Schließlich kann man dabei schon mal nicht den Ball verlieren. Je perfekter das Verteidigungsverhalten, desto eingeschränkter die Optionen für das organisierte Angriffsverhalten einer Mannschaft. Es ist inzwischen eine Binse, dass technisch begabte Einzelspieler wie Marco Marin für den Erfolg einer Mannschaft immer wichtiger wurden. So könnte man im folgenden Kommentar Köln samt seiner Begebenheiten durch Duisburg ersetzen und hätte eine treffende Beschreibung der Verhältnisse beim MSV in letzter Zeit:

Das Spiel gegen Hoffenheim reiht sich nahtlos in die bisherigen Auftritte des FC ein: solide, zweikampfstark und gut organisiert in der Defensive, weitgehend planlos, langsam und unpräzise in der Offensive.

Womit wir bei der Problemzone des 1. FC Köln angekommen wären: dem offensiven Mittelfeld. Viel Kritik muss vor allem Roda Antar einstecken, der in der zentralen Position bisher tatsächlich noch keine Bundesligatauglichkeit bewiesen hat. Zu ungenau, zu langsam, zu umständlich ist sein Passspiel.

Fairerweise muss man sagen, dass das nicht allein an ihm liegt. Meist bieten sich ihm in der Offensive viel zu wenig Anspielstationen. Der FC bekommt seine Leute nicht schnell genug vor den Ball und die, die da sind, machen zu wenig aus ihren Möglichkeiten.

Die Welt – aus der Sicht der Südtribüne

Warum der Verweis auf Parallelen? Weil es immer auch um Strukturen geht und nicht nur um Personen. Ob Bommer oder Neururer, ob Daum in Köln, Luhukay oder Meyer in Mönchengladbach, mir kommt es so vor, als ob alle dasselbe Problem haben oder hatten, wenn der Ballvortrag über einstudierte Laufwege nicht funktioniert, gibt es im offensiven Mittelfeld nicht an jedem Spieltag die individuelle Klasse, um den Ball in den gegnerischen Strafraum zu bringen. Und manchmal folgen solche Spieltage dann mehrmals aufeinander. Zu unser aller Leidwesen natürlich. Da spreche ich jetzt mal vereinsübergreifend.

Volkes Stimme trifft auf Einsehen

Spielbericht auf später verschieben, Tinas Brandmeldung nachlesen und mich dabei an den Spielanfang erinnern, als vor Spielbeginn nach dem ersten Bommer-Raus-Intermezzo kurz in unserer Runde die Frage aufkam, und dann? Luhukay fiel mir dazu ein. Nicht ganz ernst, aber bei genauem Hinsehen eigentlich ein Mann mit Perspektive. Denn dieser Trainer steigt gerne mit seinen Mannschaften auf, um dann unverzüglich oder kurz nach Saisonstart dem Nachfolger Platz zu machen. Gibt es eigentlich so was wie einen informellen Austausch zwischen den Vereinen? Was für ein Verhältnis pflegen wir mit Paderborn und Mönchengladbach? Und dem FC natürlich? Dort war Luhukay Co-Trainer unter drei verschiedenen Chefs von 2002 bis 2005. Sofort wird er noch ein wenig sympathischer, denn mir kölsche stonn zusammen, also, Hellmich und Hübner müssten bei der Vertragsgestaltung nur berücksichtigen, dass er nach dem Aufstieg maximal ein halbes Jahr bleibt. Tina berichtet übrigens, dass der Hollandse Nieuwe in spe bei uns gesehen wurde. Networking zwecks Arbeitsplatzsuche oder private Weiterbildung? Denn an nichts anderem lernt man besser als an dem, was nicht gelingt. Zu letzterem werde ich erst morgen früh mehr schreiben.

Saison 2008/2009: 5. Spieltag Alemannia Aachen (H)

Wenn man mit einigem Abstand zum Spiel erst zum Schreiben kommt, ist es doch von Vorteil auf das aufgeregte Hin und Her der Meinungen verweisen zu können. Denn eines hat der Sieg gegen Aachen nicht geschafft, Rudi Bommer zum unanfechtbaren Gewinner des Spieltages werden zu lassen. Selbst wenn etwa im Spielbericht der WAZ versucht wird, das Thema Bommer klein zu halten, wenn man rechts hinter dem Tor steht, war das doch sehr lautstark und ausdauernd zu hören, „Bommer raus“ trotz hoher Führung und Vertrauenssignal der Spieler. Vom Sieg will ich nicht reden, weil die zwei Gegentore der guten Stimmung doch sehr abträglich waren. Auch im Netz geht es hoch her. Ob nun entschieden gegen Bommer oder weiß nicht genau oder erstmal akzeptieren, dass die Spieler mit ihm wollen, Meinungen sind in alle Richtungen vorhanden.

Zeit für die Analyse. Für mich zielt die entscheidende Frage an die Bommer-raus-Gemeinde, nicht auf das aktuelle Spielvermögen der Mannschaft sondern auf die Perspektive eines Trainerwechsels zu dieser Zeit. Gibt es jetzt einen anderen Trainer, der aus dem Stand heraus der Mannschaft zu einem deutlich verbesserten Spiel verhilft? Ich glaube das nicht. Wenn also die Perspektive heißt, Rettung des Aufstiegs – wobei ich übrigens noch gar nicht so pessimistisch bin – dann würde ein Trainerwechsel nicht viel ändern. Meine etwas weiter ausholende Begründung: All das was auch mich an dem Spiel des MSV in letzter und dieser Saison so verärgert, ist interessanter Weise auch bei den meisten anderen Vereinen unseres Niveaus zu sehen. Das scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass weniger Personen dafür verantwortlich sind als Strukturen. Wenn ich den FC in der letzten Saison sehe – mit seinen Möglichkeiten, dann wurde dort genau das kritisiert, was auch beim MSV immer wieder zur Debatte steht. Fehlende Spielanlage und mangelnder Einsatz, wenn es schlecht läuft. Nun sind sie aufgestiegen, und alles was ich wiederum erfahre, erinnert mich an die letzte Saison beim MSV. Man glaubt, man habe die Spielstärke sich gegen die Mitkonkurrenten gegen den Abstieg durchsetzen zu können und dann kriegt man doch auf die Mütze, weil die es schon ein wenig länger geschafft haben. Siehe Bielefeld am Wochenende. Auch wenn die Aufstiegssaison in Mönchengladbach anders verlief, diese Spielzeit verhält es sich ähnlich. Man hält gegen Mannschaften aus dem vermeintlichen Mittelfeld mit und verliert trotzdem – nur weil da einmal jemand nicht aufgepasst hat. Siehe das Wochenende Gladbach gegen Hertha.

Kurzum, ich bin überzeugt, nur mit langfristigen Konzepten entgeht man diesem Dauerzustand. Bommer aber hatte bislang nicht die Gelegenheit, sich in einem Konzept zu beweisen. Dazu fehlte in dem Verein jemand, der auch mal ein paar Gedanken an übermorgen verschwendet. In jeder seiner Spielzeiten ging es immer um die neue Mannschaft, die sich finden muss und ehe das geschieht, stehen alle schon unter Druck, entweder um den Aufstieg irgendwie zu schaffen oder den Abstieg irgenwie zu verhindern. Sicher, einfallsreich geht Bommer nicht vor, aber eine gewisse Neigung zur Sicherheit halte ich für eine gute Voraussetzung, um etwas aufzubauen. Man muss also wissen, ein neuer Trainer lohnt sich nur, wenn man ganz sicher weiß, da kommt jemand, der eine Idee vom Spiel hat und sie innerhalb von drei Jahren verwirklichen kann.

Hätte man mich übrigens am Freitag gefragt, ich weiß nicht, was ich geantwortet hätte. So eingetrübt war meine Freude über den Sieg. Vielleicht sollte ich Stadionbesuche grundsätzlich aus der Perspektive der Selbsterfahrung sehen. Wann überwinde ich Müdigkeit und Lethargie wäre etwa die Erfahrung des Freitags. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange es her ist, dass ich ein Spiel zunächst so entspannt mir angesehen habe wie das gegen die Alemannia. Am Anfang war ich viel zu müde, um überhaupt richtig dabei zu sein. Dann stand es schon 3:0 und alles schien auf den ungefährdeten Sieg hinaus zu laufen. Herzog machte die wenigen Chancen der Alemannia bravurös zunichte. Und wunderbarer Weise schafft es dieser Verein tatsächlich, dass ich mich dann doch noch fünf Minuten lang aufrege und das Leben tobt. Denn als das erste Tor der Aachener fiel, ahnte ich schon, das wird knapp. Die letzten Jahre haben sich bei mir zu dem Wissen verfestigt, dieser Verein aller Vereine braucht drei Tore Vorsprung, damit ich mir entspannt das Spielgeschehen ansehen kann. Nun weiß ich, drei Tore Vorsprung in der 85. Minute reichen für einen Sieg bei zwei Minuten Nachspielzeit. Bei drei Minuten Nachspielzeit, bin ich nun aber auch ganz sicher, wird es sehr, sehr eng.