Heimatlieder über Duisburg gibt es in allen Stilrichtungen, je nachdem in welcher musikalischen Tradition sich die jeweiligen Künstler bewegen. Wenn jemand dann aus dieser Sicherheit seiner musikalischen Heimat heraus eine spezielle Perspektive für seine Beschäftigung mit Duisburg findet, entstehen Songs wie das vom Soul inspirierte “Duisburg bei Nacht” von Tacheles. Das Heimatgefühl wird über Bande gespielt und lässt auf diese Weise Duisburg leuchten.
Wenn ich das Duisburg-Lied von Reina Ilona Vildebrand höre, rückt mir sofort Jacques Brel und sein “Amsterdam” auf die Pelle. Ich weiß nicht genau, ob das mehr mit ihrer so deutlichen Nähe zum klassischen Chanson zu tun hat oder doch nur meine unaufgeräumte Schublade dieser Liedtradition ist, in die ich von Jugend an vor allem Brel-Vorrat reingeschmissen habe. Der Hafen ist jedenfalls beider Lieder verbindendes Motiv.
“Meine Stadt” von Marxloh Flowerz & Anja Lerch klingt programmatisch mit der Zeile: “Duisburg, ich bin stolz auf dich”. Richtig rund ist das Stück für mich nicht, aber das ist hier ja nicht der Ort für Detailkritik. Wie ich beim letzten Mal schon sagte, nur eine breite Liedbasis führt zu überdauernden Stücken.
Bei der Verpflichtung von Fußballern ist es nicht viel anders als beim Brötchenkauf. Es gibt schließlich noch für viele Menschen Lieblingsbäckereien neben all den Backwerk-Discountern. Eine Lieblingsbäckerei des MSV Duisburg ist der VfL Wolfsburg geworden, und daran ändert anscheinend auch der Wechsel in der Geschäftsführung nichts. Felix Magath hat den Fußballerhandel als ein Kerngeschäft der Marke VfL Wolfsburg wohl nicht dauerhaft beschädigt.
Deshalb können wir uns während der Vorbereitung auf das erste Spiel nach der Winterpause am Freitag auch noch ein paar Gedanken zur möglichen Verpflichtung des jungen Wolfsburger Stürmers Rasmus Jönsson machen. Ein Spieler der bei youtube mit einem “Dreamgoal” gelistet ist, freut mich schon mal, ungeachtet aller Fragen zur gegenwärtigen Klasse. Das Tor zeigt jedenfalls, er besitzt eine feine Schusstechnik.
Verabschieden wir also den Gedanken Stoßstürmer mit Brecherqualitäten. Hegen wir andere Hoffnungen und warten mal ab, was daraus wird. Sind ja noch ein paar Tage bis zum Spiel in Dresden. Bis dahin lässt sich auch noch das ein oder andere aus den Halbzeitpausengesprächen veröffentlichen. Schon einmal konnte ich dank Wilfried Krüssmanns VideoDueinen kurzen Clip über den Ruhrorter Hafen hier einbinden. Damals ging es vornehmlich um die 1950er und 1960er Jahre.
Dieses Mal geht es um die Zeit zwischen 1920 und 1930. Die Qualität der Bilder hat seit ihrer Entstehung etwas gelitten. Auf die unterlegte Musik könnte man nach meinem Geschmack auch verzichten. Es sind fast ausschließlich Aufnahmen aus einer geschäftigen Arbeitswelt, die bei rund 15 Minuten ohne erklärende Worte manchem vielleicht etwas lang erscheinen.
Nur am Anfang, ab Minute 1.30 etwa, wird auch kurz das städtische Ruhrort jener Zeit erkennbar. An Bilder von der alten Schifferbörse fügen sich Aufnahmen vom Ufer des Hafenmundes, aufgenommen von einem vorbeifahrenden Schiff. Auffallend ist einmal mehr, wie voll damals die Hafenbecken jeweils waren und wie leer sie heute dagegen wirken, wenn die Liegezeit der Schiffe so kurz wie möglich gehalten wird.
Manchmal werden auch in Stadionzeitungen bunte Geschichten erzählt, die nur am Rande mit dem Fußball zu tun haben und mehr mit der Stadt, aus der der Gegner kommt. In Viva St. Pauli, der Stadionzeitung des FC St. Pauli, war anlässlich des Heimspiels am Sonntag gegen die Zebras, jene auch in den Duisburger Lokalmedien immer wieder gern erzählte Geschichte von der Stadtteilfreundschaft zwischen den beiden Hafenstadtteilen zu lesen. Ein freundliches Bild über Duisburg konnten die Zuschauer vom FC St. Pauli mit nach Hause nehmen.
Bei allem kritischen öffentlichen Reden über Duisburg, die Stadt braucht auch solche Geschichten. Das kam mir in den Sinn, weil neulich eine erste von der Bürgerstiftung Duisburg organisierte Diskussionsveranstaltung mit dem Thema “Typisch Duisburg” die Zukunft Duisburgs zum öffentlichen Thema machen wollte. Es soll weitere Veranstaltungen dieser Art geben. Der Bericht der WAZ über die Veranstaltung findet sich mit einem Klick weiter hier. Im Blog von “Zebras Welt” – nicht verwandt oder verschwägert - gibt es Video-Clips von den Statements der Veranstaltungsteilnehmer. Unter anderem ist ein Oberbürgermeister Sören Link zu sehen, der momentan auf mich noch den Eindruck macht, als besäße auch sein Selbstbild von einem obersten Repräsentanten der Stadt Entwicklungspotenzial. Er präsentierte sich – noch – nicht als jemand, der einem Prozess vorangeht. Ich habe den Eindruck, sein Leitbild ist momentan vor allem das Funktionieren der Verwaltung, zum anderen scheint er sich mehr als Moderator in seinem Amt zu sehen. Von daher wird etwa auch verständlich, warum er sich erst relativ spät zur drohenden Insolvenz des MSV Duisburg öffentlich äußerte.
Die Einladung auf das Podium der Veranstaltung an den Oberbürgermeister ging zum Teil nach hinten los, weil wegen der Anwesenheit von Sören Link zunächst die Kritik an der Poltitk im Vordergrund stand. Die Konzentration auf die Qualitäten eines zukünftiges Duisburgs verlor sich wohl dabei für einige Zeit. Das passt zu einem Eindruck, bei dem ich mich gerne eines Besseren belehren lassen möchte. Mir geht es tatsächlich auch immer wieder durch den Kopf, neben der Kritik an Duisburg gibt es sowohl beim öffentlichen Reden als auch im Kneipengespräch nicht oft einen stimmigen Ton für Heimatverbundenheit. Neben der Kritik mangelt es an einem stabilen, positiv besetzten öffentlichen Bild von der Stadt, in dem sich Duisburger erkennen und auf das sie sich beziehen können. Wenn Duisburger sich in Duisburg wohl fühlen, dann meist als Ergebnis privaten Wohlgefühls. Das “anderswo ist auch scheiße” klingt hier weniger selbstbewusst als in Bochum. Wie dieses Selbstbild sich zu einer Ruhrgebiets-Identität verhielte, wäre für mich im Übrigen eine besonders interessante Frage.
So sammel ich Momente wie die Stadtteilfreundschaft zwischen St. Pauli und Ruhrort als Futter für solch einem stimmigen Ton der Heimatverbundenheit. So eine Stadtteilfreundschaft ist eine bunte Geschichte, die dennoch im Bild von Duisburg ihren Wert hat. Und weil der Hafen so zentral für die Geschichte Duisburgs ist, ist es kein Zufall, dass Ruhrort an einer weiteren Stelle, den Aktivitäten des Kreativkreises Ruhrort, über die Stadtgrenzen hinaus Strahlkraft gewonnen hat. Diese Aktivitäten wurden nicht als Projekt von oben in den Stadtteil hineingepflanzt, sondern ergeben sich aus dem Handeln vieler Einzelpersonen vor Ort. Das öffentliche Bild von Ruhrort und damit Duisburgs formt sich aus durch das Wirken an der Basis der Stadt. Genau das geschah, und es geschieht weiter, was die Veranstaltung der Bürgerstiftung auf anderer Ebene institutionalisieren möchte: bürgerliches Engagement. Es ist ein Balanceakt so etwas immer wieder als Erzählung in die Öffentlichkeit zu bringen und gleichzeitig damit nichts schön zu reden. Probieren wir ihn mal immer wieder.
Im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt ist man ins Filmarchiv gegangen und hat Filmaufnahmen vom Hafen der Stadt aneinandergeschnitten. Die Quellen der Ausschnitte wirken auf mich sehr unterschiedlich. Womöglich stammen die Ausschnitte der 1950er und 1960er Jahre aus Industriefilmen. Am Ende des Clips sind Ludwig Erhard und Queen Elisabeth bei ihren Hafenbesuchen zu sehen. Schon Anfang der 1960er Jahre konnte die Queen sehr anmutig von einem Schiff herunterwinken. Anscheinend bereitete sie sich damals schon auf ihre Thronjubiläumsfahrt auf der Themse vor. Die Bilder sind unkommentiert und musikalisch untermalt. Den typischen Historiendoku-Sound des Anfangs ersetzt später der “Bolero” von Maurice Ravel. Vom französichen Komponisten Maurice Ravel ist ja ein Besuch Hamborns Anfang des letzten Jahrhunderts verbürgt, bei dem er sich von der Industriekulisse entsprechend beeindruckt gezeigt hat. Eine gerne erzählte Anekdote in Ruhrgebiets-Heimatbüchern und eine Vorgeschichte für ein anderes Spiel. Eine Hafenrundfahrt müsste ich mal wieder machen. Der Besuch des Museums ist natürlich auch zu empfehlen.
Nachtrag: Am Freitag, 23. November, 18.00 Uhr, startet im Restaurant „Schiffchen“, Deichstraße 1, 47119 Duisburg, die „2. Ruhrorter Filmnacht – Alte Filme neu entdecken“, veranstaltet von der Fördergesellschaft Museum der Deutschen Binnenschifffahrt und dem Ruhrorter Bürgerverein.
Ruhrort war die Welt meiner Kindheit. Dort habe ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr auf der Dr.-Hammacher-Straße gewohnt. Dort ging ich weiterhin zur Grundschule an der Fürst-Bismarck-Straße, nachdem wir nach Meiderich umzogen. Ruhrort und der Rhein waren für mich Teil einer lichten Welt. Für mich lag Ruhrort eigentlich an der Nordseeküste gleich neben Katwijk, wo ich einmal für einen kurzen Urlaub war. Schon Meiderich gehörte zum dunkler werdenden Landesinneren, Oberhausen war tiefstes Festland. Grau, staubig und trocken.
In Ruhrort gab es immer den Rhein, wo alles hell und weit wurde. Selbst die größten Dinge wurden beim Blick rheinabwärts ganz klein. Das war anders als im Landesinneren, wo Häuser die Sicht versperrten und alles Große hinter der nächsten Ecke verschwand. Im Hafen lagen die Dinge offen. Nichts behinderte meine kindliche Neugier. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir aber selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen. Der Hafenmund, das Eisenbahnbassin und die Mühlenweide gehörten immer zu meinem Zuhause. Für den Haniel-Spielplatz an der Dr.-Hammacher-Straße galt das einige Zeit auch, doch spätestens ab der Einschulung war er nur noch etwas für kleine Kinder.
Es gibt eine Sehnsuchtswelt Ruhrort für mich. Gestern Morgen beim Frühstück merkte ich, wie intensiv auch der heute nicht mehr vorhandene Haniel-Spielplatz diese Sehnsuchtswelt mit Gefühlen speist. Ich blätterte in der September-Ausgabe von Blickpunkt Ruhrortund mit einem Schlag war lebendig, was damals noch nicht Sprache war. Was reine Lust an heißen Sommertagen im Spielplatzsand war. Was spannungsvolles Hangeln an Klettergerüsten war, wo aus den Wasserdüsen dieser Klettergerüste in den 60ern kaum einmal Wasser kam und die immer vorhandene Hoffnung auf den Spaß beim Toben im Nassen so oft enttäuscht wurde.
Auf Seite neun dieser Ausgabe von Blickpunkt Ruhrort wird mit kurzem Text und drei Fotos an den Haniel-Spielplatz erinnert. Ich vermute, die Fotos sind nicht allzu lange nach der Eröffnung 1956 aufgenommen worden. Ich war damals noch nicht auf dieser Welt, dennoch machte sich das kleine Kind in mir von jetzt auf gleich mit schillernden Gefühlen bemerkbar. Nicht viel hatte sich nämlich in der Zeit bis zu den 60ern am Spielplatz verändert. Die Pflanzen rundherum waren größer geworden. Die Schlangenbemalung der Betonröhren hatte ich nicht mehr gekannt. Der Anblick der Spielgeräte war mir vertraut. Das war mein Zuhause. Dieses öffentliche Gelände war ein Teil von mir. Das ist es immer noch.
Auf der Unternehmensseite von Haniel sind weitere Fotos vom Haniel-Spielplatz zu sehen. Die meisten dieser Fotos sind offensichtlich zu dokumentarischen Zwecken der Spielplatzarchitektur gemacht worden. Einige wenige zeigen das Kinderleben Ende der 50er und was dabei sofort auffällt, wie viele Kinder auf diesem Spielplatz zu sehen sind.
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