Archiv für Oktober 2008

Die Negativserie gegen Mannschaften mit Negativserie

Vor dem Spiel gestern, am frühen Abend, gegen St. Pauli hatte ein Freund aus Duisburg noch geunkt, in der WAZ am Morgen hätte er von der Negativserie St. Paulis bei Auswärtsspielen gelesen. Ob die denn verrückt seien? Das dürfe doch in Duisburg nicht bekannt werden. Diesen Wunsch muss man wohl zukünftig mit Unterschriftenaktionen und Leserzuschriften an die Duisburger Lokalpresse unterstützen. Statistiktabu für jeden MSV-Profi. Anscheinend hat das magische Wirkungen im Umfeld des Vereins aller Vereine, so eine Negativserie des Gegners. Was für eine Enttäuschung gestern Abend!

Eine derart harmlose Mannschaft gewinnt tatsächlich in Duisburg, ohne sich wirklich anzustrengen. Das Spiel ist verschenkt worden. Da reihte sich aber auch Fehler an Fehler an unglücklichen Umstand, um in die Niederlage zu münden. Jeder einzelne Moment für sich betrachtet, wäre kein Problem gewesen. In der Summe machten sie die Niederlage aus. Nehmen wir die Situation, die zum Ausgleich führte. Draußen wird ein Wechsel vorbereitet. Ede soll kommen, damit endlich der Sack zu gemacht wird. Gute Idee! Ede steht schon am Spielfeldrand. Gleichzeitig versucht sich Serge Branco zum zweiten Mal innerhalb von ein paar Minuten an einer Grätsche, die nur dann nicht zur Karte führen würde, wenn sein Gegenspieler schnell genug wäre, um ihm davon zu laufen. Aber er ist natürlich nicht schnell genug, der Stürmer aus St. Pauli. Er ist nicht mal so schnell, dass so eine Grätsche überhaupt notwendig wäre. Aber Branco grätscht, die Beine werden getroffen und dafür erhält er natürlich verdient die gelb-rote Karte. Übermotiviert? Oder was ist das gewesen? Zu einem Zeitpunkt, als das Spiel St. Paulis völlig aus den Fugen war. Unfassbar.

Da hatten sie die Abwehr St. Paulis nach dem 1:0 mehrere Male schwindelig gespielt, ohne das entscheidende Tor nachzulegen. Da kamen schon völlig resignierte Gesten auf Hamburger Seite. Je mehr ich drüber schreibe, desto ungeheuerlicher scheint mir diese Niederlage zu sein. Aber ich wollte ja eigentlich noch diesen Ausgleich in seine niederlagenträchtigen Momente zerpflücken. Zurück zu Branco und zu Ede, der noch am Spielfeld wartet und zu der Mannschaft, die zum Teil schon die beabsichtigte Auswechslung wahrgenommen hat. Nur geschieht jetzt keine Auswechslung. Verständlicher Weise, jetzt muss Branco ersetzt werden. Also, Tobias Willi heran, aber der muss sich erstmal den Trainingsanzug ausziehen. Das dauert. Währenddessen wird der Freistoß ausgeführt. Die Mannschaft aber scheint auf irgendwas zu warten. Anscheinend hat sich dieses Da-steht-jemand-am-Spielfeldrand-und-kommt-herein in manche Köpfe geschlichen. Kleiner Schreck durch gelb-rote Karte kommt hinzu. Konzentration entflieht. Und dann wird Spiel doch schon wieder frei gegeben. Der Ball segelt in den Strafraum, und da können dann zwei Stürmer unbedrängt köpfen. Natürlich nehmen die das Angebot zum Ausgleich gerne an.

Wäre jetzt auch nicht so dramatisch gewesen. Weil St. Pauli auch mit zehn Mann zu schlagen war. Es folgt ja auch fast sofort die Großchance von Sandro Wagner. Und auch die Geschichte vom Siegtor St. Paulis beginnt mit einem guten Angriff über den rechten Flügel. Tobias Willi ist auf und davon. Doch dann hat sich einer von St. Paulis Verteidigern gedacht, was Branco kann, kann ich auch und springt mit Anlauf und gestrecktem Bein in Willis Knochen. Gepfiffen wird nicht, denn Willi springt hoch, wird nur gestriffen und kann sogar trotzdem flanken. Die Flanke ist aber nun zu harmlos. Sie wird problemlos abgefangen und der Abschlag mit erfolgreich abgeschlossenem Konter schließt sich an. Natürlich ist Willi empört über den ausgebliebenen Pfiff des Schiedsrichters. Doch weniger er beim Linienrichter hätte seinen Ärger erst später rauslassen sollen, sondern seine Mitspieler, die ebenfalls anscheinend den Pfiff sicher erwartet hatten, hätten mehr im Spiel sein müssen. Aber sie waren ganz offensichtlich im Kopf in einer anderen Spielsituation. Womöglich hatten sie den Freistoß schon vor Augen. Der ausbleibende Schiedsrichterpfiff ist natürlich ungerecht, aber zwischen Abfangen der Flanke und Abschlag war genug Zeit, um sich wieder zu organisieren. Da fehlte Aufmerksamkeit und Schnelligkeit im Kopf.

Ohnehin war schon in der ersten Halbzeit zu spüren, dass dem Spiel der Mannschaft die kämpferische Note fehlte. Anscheinend braucht diese Mannschaft dieses Feuer, um gefährlich und wach zu sein. Gibt es einen Gegner, der diesen Kampf erstmal nicht nötig macht, weil er zu ungefährlich ist, dann plätschert das Spiel vor sich hin. Konstruktive Angriffe sind dann selten. So landete der Ball gestern immer wieder beim Versuch schnell nach vorne zu spielen beim Gegner. Das war alles nicht schön anzusehen. Und trotzdem hatte man das Gefühl, das kann was werden. Denn als Ergebnis wurde das Spiel zwar langsam, aber auch kontrolliert. Die Abwehr stand sicher. Der Ball wurde gestoppt, dann wurde geguckt, wo ist mein Mitspieler und notfalls auch zurück gespielt. Wie gesagt, nicht schön anzusehen, aber ich war eigentlich sicher, das erste Tor wird fallen.

Ich muss aufhören zu schreiben, ich merke allmählich, wie ich mich wieder gegen dieses Ergebnis aufbäume. Ich will es nicht wahr haben. Und Sandro Wagner, zur ersten Großchance, die er sich ja selbst erarbeitet hat, da will ich ja gar nichts sagen. Alleine auf den Torwart zulaufen und dann der Ball über das Tor. Da fehlt Gelassenheit. Hat im übrigen aus meiner Sicht was mit seiner Persönlichkeit zu tun. Das ist nicht seine Jugend, sondern sein unbedingter Wille im Zentrum zu stehen. Aber dieser zweite Ball, den er er freistehend am Elfmeterpunkt zwar direkt annimmt, aber ohne Kraft dem Torwart direkt in die Arme schießt. Seufz. Und wo ich schon dabei bin, welche Qualitäten hat Dorge Kouemaha, die ich bislang noch nicht gesehen habe und die in einem normalen Spiel des Vereins aller Vereine gebraucht werden. Ich verstehe schon, er soll die Anspielstation in der Spitze sein und mit seinem massigen Einsatz den Ball behaupten. Die kann er aber doch nur sein, wenn das Spiel über den Kurzpass nach vorne kommt. Was eher selten der Fall ist beim MSV. Für lange Bälle ist er viel zu langsam. Und diese hohen Bälle in den Strafraum fürs Kopfballspiel, da stehen die meisten Verteidigungsreihen immer sehr stabil. Also, ich habe da ein wirkliches Erkenntnisinteresse. Wer hilft?

Ein gutes Zeichen übrigens, wie ärgerlich Ivica Grlic im Interview mit Radio Duisburg nach dem Spiel war. Zeugt vom Anspruch und vom Willen zur Änderung. Ein zweites Interview mit Tom Starke hinterlässt bei mir einen faden Beigeschmack. Natürlich verstehe ich seine Enttäuschung und seinen Willen, wieder in der Startelf zu stehen. Aber zu einem guten Torwart gehört auch eine realistische Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen. Starke sieht sich in allen Belangen als den besseren Torhüter an. Im Strafraum ist er das so offensichtlich nicht, dass ihn diese Selbsteinschätzung schon jetzt für die Rückrunde zum zweiten Mann macht.  Seine Stimmung ist jedenfalls schlecht, und er versteht Bommer nicht, der ihm keine Argumente hat liefern können. Da sage ich, frage mal im Publikum. Lese mal die Blogs. Da gibt es schon den ein oder anderen Hinweis auf Schwächen.

Nur gut, dass wenigstens auch der FC gegen Dortmund verloren hat. Muss ich mir zumindest keine dummen Kommentare anhören. Drei Punkte in Koblenz, schön wär´s.

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„Herzog hält!“ ruft Marco Röhling

Ein Unentschieden in Mainz, das nach übereinstimmenden Meinungen in allen Medien doch einen Sieger aus Duisburg gesehen hat: Marcel Herzog. Ob Zeitung, ob Blog hier oder Blog da, ob Radio, ob Mainz-Trainer Jörn Andersen, alle sagen es, Herzog hat das Unentschieden mit glänzenden Paraden in den letzten Minuten gerettet. Gesehen habe ich das nicht, nur gehört am Laptop übers Webradio von Radio Duisburg. Was mir nebenbei die Gelegenheit gibt, auf die belebende Worte einer Live-Berichterstattung durch Marco Röhling hinzuweisen. Wem das Leben als MSV-Fan ein wenig zu fade schmeckt, höre Marco Röhling bei einer seiner Reportagen. Da schlägt das Herz schneller, Bilder entstehen und eine nachvollziehbare Wertung erhält man obendrein. Diese Wertung von gestern wird in der Nachberichterstattung bestätigt. Das Spiel nach vorne klappte nicht so wie erhofft. Zur Abwehr gibt´s gemischte Meinungen mit dem Schwergewicht auf, sie steht recht sicher. Das kennt man aus den anderen Auswärtsspielen bislang auch. Kampfbereitschaft kam dieses Mal neben dem sehr guten Marcel Herzog hinzu. Nun gehe ich eigentlich ganz zufrieden in die Woche, um Mittwoch nach Duisburg zu kommen und einen Heimsieg gegen St. Pauli zu sehen. Am Angriffsspiel auswärts wird zudem ganz sicher so was von heftig gearbeitet. Will ich doch hoffen. Und noch eins, am Spielbericht auf der Mainzer Vereinsseite fällt der objektive Blick auf das Geschehen doch sehr angenehm auf. Leisten sich nicht viele Vereine, nicht wahr?

Fußballvereine, das Internet und die Fans

Heute morgen lese ich im nachträglichen Spielbericht zum Frankfurter Sieg gegen Karlsruhe auch etwas über das Verhältnis der Eintracht-Fans zum Verein und umgekehrt. Zu Beziehungen gehören ja auch im Fußball immer zwei, und auch in Frankfurt lieben die einen den Trainer nicht und bringen das unmissverständlich zum Ausdruck. Das wurde anscheinend auch im Internet immer drastischer formuliert. Die anderen halten am Trainer fest und meinen, wir geben euch doch die Gelegenheit zur Meinungsäußerung, aber wir sind nun mal anderer Meinung, und ihr vergreift euch im Ton, das muss ein Ende haben. Und schon ist das Fan-Forum auf der Vereinsseite im Internet abgeschaltet. Kommt euch das bekannt vor? Und auch aus Bochum habe ich vor drei, vier  Wochen von Verstimmungen zwischen Verein und Fans gelesen.

Da scheint etwas im Verhältnis zwischen Fans und Fußball weiter in Bewegung zu geraten. Immer mehr wird auch auf Fanseite deutlich, wie sich der Fußball insgesamt verändert hat. Das konnte nicht ohne Einfluss auf die alten Verhältnisse von Anhängerschaft und Heimatverein bleiben. Wie das in Beziehungen so ist, es gibt immer Wechselwirkungen zwischen beiden Seiten. Auf Seiten der Vereine ist die Entwicklung bis heute offensichtlich. Der Weg führte zu immer mehr ökonomischem Denken im Rahmen des Sports, und dass Fußballvereine mittelständische Unternehmen sind, daran gibt es doch inzwischen keine Zweifel mehr.

Was aber sind Fans? Sind das noch immer die treu zu ihrem Verein stehenden Anhänger oder sind das Kunden, die schließlich bezahlt haben und nun für ihr Geld etwas sehen wollen? Sind die scharfen Worte in Internet-Foren alleine dem Bangen um den Erfolg des eigenen Vereins und der Anonymität des Mediums geschuldet? Ich glaube, im Selbstbild der meisten Fans überwiegen zwar noch die fest in Traditionen des Fantums verwurzelten Haltungen, doch ein Teil ihrer Energie beziehen Fans aus den veränderten Bedingungen im Fußball. Zu dem Gefühl, das ist mein Verein, ist etwas hinzugekommen, was früher als Anspruch nicht vorhanden war. Dieser Anspruch ist nicht scharf umrissen. Das ist nicht das Verhältnis von Kundschaft zu Anbieter, aber es gibt einen Anspruch auf eine vom Verein zu erbringende Leistung, die beim Ausbleiben von sportlichem Erfolg vehement eingefordert wird und das ist das eigentlich Verwirrende an der Situation, dieser Anspruch wird vornehmlich als Sorge um den sportlichen Erfolg formuliert.

Ich glaube aber, hinter dem Protest verbirgt sich etwas anderes, was den Beteiligten nicht bewusst ist. Wahrscheinlich ist das überhaupt der Grund, warum es inzwischen so oft und so heftig hoch hergeht. Weil es an der Oberfläche nur um den sportlichen Erfolg des Vereins geht, braucht nicht weiter darüber nachgedacht zu werden, ob nicht ein anderer Inhalt, also ein entsprechendes Verhalten auf Seiten der Vereine, diesem  verdeckten Anspruch gerecht wird.  Bei den Vereinen kommt dieser Anspruch als Zumutung an, wenn er wahrgenommen wird. Inzwischen gibt es eine lange Reihe von Konflikten in den meisten Bundesligavereinen zwischen Fans und Offiziellen, die in genau diesem unscharfen Anspruch ihren Ausgang haben. Die äußere Form des Anspruchs ist das Mitreden als Protest und Schimpfen. Für mich stellt sich die Frage, ob dieser Anspruch auch in einer positiv bestimmten Form einen Ausdruck finden könnte. Darüber könnten Vereine einmal nachdenken. Sportlicher Erfolg ist natürlich auch eine Lösung, in dem Moment fallen alle Ansprüche in einem zusammen. Aber das ist für die meisten Vereine nur ein Rezept mit begrenzter Reichweite.

Saison 2008/2009 – 8. Spieltag FC Ingolstadt (H)

So ein deutlicher Sieg treibt aber sofort an die PC-Tastaturen. Während ich noch im NRW-Express Richtung Köln mal wieder in Leverkusen einen ICE überholen lassen musste, fuhren in Duisburg schon die Rechner hoch. Und jetzt, zu Hause angekommen, ebenfalls schnell und heftigst Hurra in die Tasten gehauen. 6:1! Und ich hatte mich schon mit einem 3:1 im Tippspiel verdammt mutig gefühlt.  Allerdings hat der Verlauf der ersten Halbzeit nun nicht auf so einen Sieg hingedeutet. Das ging ja von Beginn an munter los. Da gab es kein Abwarten, weder Aachen noch Rostock haben hier derart offensiv begonnen. Und was da für ein schnelles Passspiel zunächst von Ingolstädter Seite aufgezogen wurde. Das schnitt ein paar Mal tief und besorgniserregend in unsere Abwehr hinein. Tiefes Durchatmen angesichts der schwachen Abschlüsse, und aufkommende Sorgen, wenn Serge Branco sich wieder einmal überlaufen ließ. Einen zwiespältigen Eindruck hat er bei mir hinterlassen, war er doch gleichzeitig ungemein bissig und störend, wenn er nicht direkt im Mann gegen Mann verteidigen musste. Und natürlich, die Flanke zum 1:0 kam von ihm. Im Übrigen war es bezeichnend, dass dieser Angriff zum 1:0 eben nicht aus einem schnellen Kurzpassspiel sich entwickelte, sondern der Ball von Branco getrieben wurde und Branco Zeit hatte, um in Ruhe zu flanken. Heißt das also, Taktik geht auf? Oder ist das Spiel einfach so unberechenbar?

In der zweiten Halbzeit wurde es dann anders. Wunderbar funktionierte das sehr frühe Pressing des Vereins aller Vereine.  Dadurch brachten sie die Ingolstädter zu einem Fehler nach dem anderen. Und es ist interessant, dass die Ingolstädter, die in der gegnerischen Hälfte ihr Kurzpassspiel zunächst so blendend beherrschten, in der eigenen Hälfte anscheinend voller Angst waren, einen Fehler zu machen. Und prompt passiert dieser Fehler, die Fehlpässe kommen zuhauf.

Sandro Wagner geht mir noch durch den Kopf, der in der ersten Halbzeit sehr viel Druck gemacht hat und der natürlich mit seinen zwei Toren Anteil am Sieg hatte. Seinen zunächst selbstbezogenen Torjubel nach Ivos erstem Tor auf seinen Pass hin hat mir aber nicht so recht gefallen und möchte ich seiner Jugend zugute halten. Das deutet aber auch auf schwierige Arbeit für den Trainer hin punkto Persönlichkeitsentwicklung, wenn es mal nicht so passt für Sandro Wagner.

Das zweite Tor von Ivo zum 6:1 natürlich ein Genuss, klar, so eine hohe Führung kurz vor Abpfiff macht es  leichter unbeschwert loszulaufen und die Ingolstädter einen nach dem anderen stehen zu lassen. Doch dann noch aus einem mittelschweren Winkel den Ball ins Tor zu setzen. Beeindruckend.

Und zum Schluss, auch ich hoffe, dass Herzog im Tor bleibt, selbst wenn er auf der Linie nicht so stark wie Starke sein sollte. Im Strafraum ist er besser, und das scheint mir den Ausschlag zu geben.

Heute in Heimatkunde: Die Kölner Mentalität

Manchmal erheitert mich selbst die flüchtige Lektüre von Zeitungen am Morgen so sehr, dass ich schon zu dieser frühen Stunde weiß, heute ist ein guter Tag.  Werden im Sportteil des Kölner Stadt-Anzeigers doch durch die Spieler-Kurzkritiken zum gestrigen Länderspiel ganz subtil, durch ein einziges Wort, die Erinnerungen an für Köln bedeutsame historische Ereignisse wachgehalten. Gleichzeitig erlebt man durch dieses einzige Wort, dass Geschichte keineswegs etwas ist, was einmal geschehen ist und von dem dann nur noch erzählt werden muss. Auch in der Sportvergangenheit geht es, je länger die Ereignisse zurückliegen, immer auch um Deutung. Natürlich handelt es sich in diesem Fall um das Schicksal von Lukas Podolski. Aus Kölner Perspektive, und nur diese zählt meist in Köln, kann man dieses Schicksal nur noch tragisch nennen, und allmählich kristallisiert sich heraus, wer an diesem Schicksal Schuld hat:

„Die deutsche Mannschaft in der Einzelkrititik

….
Lukas Podolski:
Der Zwangs-Münchner zeigte viel Einsatz, aber auch ungewohnte Ballfehler.“

Kölner Stadt-Anzeiger, Nr 242, 16. Oktober 2008

Ich muss gestehen, inzwischen hat die kontinuierliche Berichterstattung aus Kölner Perspektive über Lukas Podolski allmählich auch bei mir eine Wirkung. Ich sehe inzwischen auch, wie sich dieser Münchner Stoßtrupp in Lederhosen-Kampfanzug und mit Seppl-Sturmhauben an das Vereinsgelände des 1. FC Kölns angeschlichen hat. Und ich bin mir auch sicher, dass ein Mann dieses Stoßtrupps das Gespräch mit dem kleinen Lukas suchte und ihm ein paar Bonbons versprach, wenn er nur mitkomme. Doch Lukas wusste, er durfte von fremden Männern nichts annehmen und wollte wegrennen. Da sind dann alle anderen Männer aus dem Dickicht hervorgestürzt und haben sich auf ihn geschmissen. Die lauten Schreie von Lukas haben zwar noch seine Kölner Freunde alarmiert. Doch gegen die Übermacht konnten sie nichts machen. Unter Tränen mussten sie zusehen, wie der verzweifelte Lukas am Militärring in einen Mannschaftsbus geschleppt wurde. Seitdem muss er nun Dienst unter dieser so entseztlichen Münchner Herrschaft leisten. Damit ihr es auch im Ruhrgebiet endlich begreift: ER HAT ES NICHT GEWOLLT, DER LUKAS. DAT ISS NE KÖLSCHE JONG! So viel historische Wahrheit muss sein, damit wenigstens das Verhältnis zwischen Duisburg und Köln nicht so vor die Hunde geht wie das zwischen diesem Zwangssystem im Süden und der freien Welt am Rhein.

Fortsetzung Ishiaku – Teil 3

Allmählich wurde ich schon nervös und habe daran gedacht, die nächste Folge unserer kleinen Abenteuerserie um den ehrgeizigen und talentierten Fußballer Ishiaku selbst zu schreiben. Nun hat mir das richtige Leben die  Arbeit abgenommen und ich erzähle nur, wie es tatsächlich geschehen ist, genauer, wie es tatsächlich geschehen sein soll. Schließlich habe ich meine Informationen aus der Kölner Lokalpresse. Im übrigen zeigt dieser kleine Artikel im Stadtanzeiger einmal mehr, nicht immer schreibt das Leben die besten Geschichten. Manchmal ist so ein Leben auch verdammt langweilig.

So lese ich zwar zunächst leicht gerührt, wie der Trainer, gespielt von Christoph Daum, den lange vermissten hoffnungsvollen Stürmer mit einer zeremoniellen Begrüßung bei seinen Mannschaftskameraden einführt. Der Trainer hat die Kameraden nämlich aufgefordert, einen Kreis um Ishiaku zu bilden, so wie er es immer mit völlig neuen Spielern bei ihrem ersten Training macht. Ganz stark, wie symbolhaft hier alles Alte abgestreift werden sollte, wie die üble Vergangenheit voller Verletzungssorgen sich in der liebevollen Freundschaft der in den letzten Spielen so überaus erfolgreichen Sturmkollegen auflösen sollte. All das ist wunderbares Serienformat. Respekt, mein Leben!

Aber dann, was für ein einfaltsloses Ende dieser Folge. Eine Stunde lang trainiert Ishiaku und plötzlich, er stoppt im vollen Lauf  – so muss es gewesen sein. Ein erfahrerener Geschichtenschreiber hätte nun aber eine andere Auflösung gewählt. Er hätte die in Antwerpen wieder getroffene alte Liebe hervorgeholt, eine wunderschöne Frau, die leider gerade eine schwere Zeit zu durchleben hat, weil sie ihren Mann bei einem Verkehrsunfall verlor und nun mitsamt ihrer drei kleinen Kinder erfahren muss, dass dieser Mann das gesamte Familienvermögen beim Pokern verloren hat. So eine Frau hätte der Fortsetzungsgeschichte gut getan. Vielleicht hätte sie sogar kurz zuvor eine mittelschwere Krankheit diagnostiziert bekommmen, eine Krankheit, die ganz selten sogar tödlich verlaufen kann. So eine Frau hätte ihre große Liebe der Jugend, Ishiaku, schweren Herzens wieder nach Köln ziehen lassen. Sie hätte es aber gemacht, denn sie weiß, der Fußballer muss tun, was ein Fußballer tun muss. Tore schießen für den FC. Und in Köln hätte Ishiaku im Trainingspiel nach drei grandios erzielten Toren angesichts der eigenen Gefühlslosigkeit trotz seines so überragenden Trainingsauftakts dann gemerkt, was seine wahre Bestimmung ist. Er hätte für seine wahre Liebe da sein wollen, zumal ihm die Kinder nicht aus dem Kopf gingen, womöglich Waisen … Ach, was steckte nicht alles in solcher einer Wendung. All das hat das Leben aber in dieser Fortsetzungsserie verschenkt. Ishiaku musste, ganz wie wir es schon kennen, nach einer Stunde Training aufhören – Schmerzen! –  und ging mit dem Reha-Trainer, gespielt von Cem Bagci, auf eine Laufrunde in den Grüngürtel. „Ishiakus Rückkehr gescheitert“ titelt der Kölner Stadtanzeiger, und ich überlege nun, ob ich mir nicht abwechslungsreichere Fortsetzungsgeschichten angucken soll.

Schon wieder probt ein nächster Gegner

„Wir schauen nicht auf den Gegner, wir schauen nur auf uns.“ Ein Satz aus dem Trainerhandbuch „Umgang mit den Medien“. Hat Rudi Bommer neulich nicht gesagt, aber fiel mir ein, weil ich beim Lesen der Kicker-Überschriften vorgestern inmitten meiner dynamischen Lesezeichen die Schlagzeile las „Bayern verliert auch in Ingolstadt“. 1:0 hat Ingolstadt das Testspiel gewonnen. Ist alles nicht dramatisch, weil Klinsmann die Jobgarantie von Rummenigge bis zum Saisonende hat, ich mir den Spielbericht gar nicht erst angesehen habe und Rudi Bommer, wenn man ihn fragte, natürlich sein Handbuch für den Umgang mit Medien in diesem Fall bestimmt kennen würde. Sonst hat er da ja auch mal das ein oder andere Kapitel überschlagen.


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