Archiv für November 2008

Die Gruppe: dein Feind? – Ballsportsitten anderswo

Wenn ich die Vorgänge beim Volleyball-Erstligisten Wuppertal Titans richtig deute, wurde hier forschungsfreudigen Sozialpsychologen, Anthropologen und Spieltheoretikern ein schönes Experiment frei Haus geliefert. Die zu erfolglose Mannschaft war aufgefordert einen Spieler auszuwählen, der in Zukunft nicht mehr der Mannschaft angehören soll. Das humanistische Fazit des Experiments lautet: Die Gruppe solidarisiert sich und lehnt das Ansinnen ab. Welchen Einfluss dieser Entschluss nun auf den Erfolg der Mannschaft haben wird, sei dahin gestellt. Wichtig scheint mir an dem Vorgang vor allem, dass die pseudo-demokratische Vorgehensweise der Vereinsführung damit bloßgestellt wurde. Zwar waren die Spieler aufgefordert, sowohl Trainer als auch Manager miteinzubeziehen in das Statement, doch wurde das Statement im Einzelgespräch mit dem Manager abgegeben. Wer aber sagt in dieser Situation, wo es vielleicht um den eigenen Arbeitsplatz geht, es dem Manager als Arbeitgeber ins Gesicht, dass er für Misserfolg verantwortlich ist?  Interessant auch das archaische Moment des Geschehens. Ein Opferritus sollte zelebriert werden, damit in Zukunft alles besser wird. Da lobe ich mir doch die klaren Neururer-Ansagen, dass in der Winterpause der Kader verkleinert wird. Und wer dafür verantwortlich ist, darüber besteht nun überhaupt kein Zweifel.

Ist geteiltes Leid halbes Leid?

Ich hatte es schon einmal angedeutet, das Manko in der Spielanlage des Vereins aller Vereine findet sich auch in anderen Vereinen wieder. Mehrfach. Klagen gibt es häufig über das Angriffsspiel von Mannschaften. Das Verteidigungsverhalten ist anscheinend leichter zu trainieren als das Angriffsverhalten. Schließlich kann man dabei schon mal nicht den Ball verlieren. Je perfekter das Verteidigungsverhalten, desto eingeschränkter die Optionen für das organisierte Angriffsverhalten einer Mannschaft. Es ist inzwischen eine Binse, dass technisch begabte Einzelspieler wie Marco Marin für den Erfolg einer Mannschaft immer wichtiger wurden. So könnte man im folgenden Kommentar Köln samt seiner Begebenheiten durch Duisburg ersetzen und hätte eine treffende Beschreibung der Verhältnisse beim MSV in letzter Zeit:

Das Spiel gegen Hoffenheim reiht sich nahtlos in die bisherigen Auftritte des FC ein: solide, zweikampfstark und gut organisiert in der Defensive, weitgehend planlos, langsam und unpräzise in der Offensive.

Womit wir bei der Problemzone des 1. FC Köln angekommen wären: dem offensiven Mittelfeld. Viel Kritik muss vor allem Roda Antar einstecken, der in der zentralen Position bisher tatsächlich noch keine Bundesligatauglichkeit bewiesen hat. Zu ungenau, zu langsam, zu umständlich ist sein Passspiel.

Fairerweise muss man sagen, dass das nicht allein an ihm liegt. Meist bieten sich ihm in der Offensive viel zu wenig Anspielstationen. Der FC bekommt seine Leute nicht schnell genug vor den Ball und die, die da sind, machen zu wenig aus ihren Möglichkeiten.

Die Welt – aus der Sicht der Südtribüne

Warum der Verweis auf Parallelen? Weil es immer auch um Strukturen geht und nicht nur um Personen. Ob Bommer oder Neururer, ob Daum in Köln, Luhukay oder Meyer in Mönchengladbach, mir kommt es so vor, als ob alle dasselbe Problem haben oder hatten, wenn der Ballvortrag über einstudierte Laufwege nicht funktioniert, gibt es im offensiven Mittelfeld nicht an jedem Spieltag die individuelle Klasse, um den Ball in den gegnerischen Strafraum zu bringen. Und manchmal folgen solche Spieltage dann mehrmals aufeinander. Zu unser aller Leidwesen natürlich. Da spreche ich jetzt mal vereinsübergreifend.

Das ist die Wirklichkeit!

Wir wollten eigentlich drei Punkte holen, aber in der zweiten Hälfte hat uns der MSV hinten reingedrängt und so haben wir immerhin einen sehr wichtigen Punkt geholt.

Tomas Oral (Trainer FSV Frankfurt)

Ich weiß, der Hinweis auf eigene Worte erhält leicht einen faden Beigeschmack, zumal dieser Hinweis mit einer gehörigen Portion Selbstzufriedenheit daherkommt. Aber das Gefühl ist doch immer wieder schön, es gewusst zu haben – nämlich, angesichts der Worte des FSV-Trainers, wie das 0:0 vom Freitagabend zu werten ist.

Mit neuem Trainer Punktgewinn gegen sicheren Siegeskandidaten

Bei der Heimfahrt nach Köln dachte ich eigentlich genügend Zeit zu haben, eine aufbauende Perspektive für die Wertung des Spiels gegen FSV Frankfurt zu finden. Doch erst hier am Schreibtisch, erkannte ich den Sinn dieses Kältespiels. Mit Peter Neururer als neuem Trainer wurde nämlich tatsächlich ein Schritt nach vorne getan! Obwohl FSV Frankfurt noch harmloser war als der FC St. Pauli, haben sie es nicht geschafft, drei Punkte aus Duisburg mitzunehmen. Damit war  eigentlich nach 60 Minuten zu rechnen gewesen. Fand der MSV in der zweiten Halbzeit doch keine Mittel mehr, gefährlich vor das Tor der Gäste zu kommen. Dagegen brachte die Gästemannschaft nach und nach sogar zwei, drei Angriffe in die Nähe des Strafraums vom Verein aller Vereine. Nun, im warmen sitzend, weiß ich endlich, der Bann wurde also gebrochen. In Duisburg heißt es nun erstmal nicht mehr, je harmloser der Gegner, desto sicherer die Niederlage.  In Duisburg heißt es jetzt erstmal, je harmloser die Gäste, desto torloser und unentschiedener das Ergebnis. Vielleicht fällt mir morgen noch mehr zu diesem Spiel ein, außer dass Olcay Sahan in der ersten Halbzeit ein Lichtblick war, und Tom Starke trotz Neururer-Votum kein Publikumsliebling geworden ist. Was für eine Kälte! Was für ein Spiel! Zum ersten Mal fällt es mir trotz meiner Erkenntnis schwer an die nächsten Wochenenden zu denken.

Peter Neururer im Interview

Das große Interview mit Peter Neururer bei „11 Freunde“.  Mit dem Schwerpunkt aufs Gefühlige bekommt das nach meinem Empfinden einiges vom Celebrity-Flair der Yellow-Press. Aber das wollen Fans natürlich inzwischen auch haben. Die Betonung liegt auf auch.

ZDF heute-journal: Neururer ersetzt Rutten

Gerade habe ich ein Foto zur sogar im Kölner Stadt-Anzeiger gelesenen Meldung gefunden, dass gestern im ZDF heute-journal  sich der Kreis für Peter Neururer geschlossen hat. Zurück auf Schalke, statt Neubeginn beim MSV. Sind das nun Vorboten für die endlich entstehende Ruhrstadt, deren Stadtteile weiter südlich nicht auseinander gehalten werden können? Oder ist das nur das öffentliche Bild Neururers, das eher im Zentrum des Ruhrgebiets verortet ist als an dessen Rand? Auf jeden Fall: Blöd gelaufen für die Redaktion. Deshalb mein Vorschlag zur Verbesserung der Programmqualität, der verantwortliche Redakteur, Volontär oder Hospitant lernt sämtliche Städte des Ruhrgebiets von West nach Ost samt Fußballvereinen der 1. bis 4. Liga und deren Trainer auswendig und trägt sie bei der am Mittwoch stattfindenden Redaktionssitzung vor. So viel Zeit zur Qualitätssicherung muss sein.

Und nebenbei zum Thema „öffentliches Bild abgeben“: Glücklich bin ich nicht, wenn ich den Auftakt der Pressekonferenz sehe und den NRZ-Bericht lese. So viel Hellmich wieder und so viel Wortgeklingel. Da rückt das sachliche Ziel, Trainer einer Mannschaft werden, in den Hintergrund. Dabei will ich gar nicht meckern, das ist reine Zustandsbeschreibung, damit mein ungutes Gefühl ein Ventil findet und ich der Zukunft hoffnungsfroh entgegensehen kann. Freitag zum Beispiel sehe ich augenblicklich einen 4:1-Sieg gegen den FSV Frankfurt.

Peter Neururer und eine schon vergessene Niederlage

Was bedeutet es, wenn ich um kurz vor acht den Rechner hochfahre und bereits zwei Mails vorfinde zum für Duisburg wichtigsten Thema des Tages, dem neuen Trainer vom MSV Duisburg, der „erwartungsgemäß“ Peter Neururer heißt. Die eine Mail kam von einem Freund aus Köln, der zum Unterhaltungswert des neuen Trainers Glückwünsche schickte, die andere kam aus Duisburg mit den trotz aller Klarheit der Aussage nicht leicht zu deutenden Worten: „Mit Peter wird alles besser“. Nicht leicht zu deuten sind die Worte, wenn man andere Mails und den Absender persönlich kennt. Da begegnen sich zweifellos Zuversicht und sofort auch die der Enttäuschung vorbauende Ironie. Auch bei mir weckt der Name widersprüchliche Gefühle: Da ist die Hoffnung auf den Neururer-Effekt und gleichzeitig ist da sofort die Sorge, dass es nicht viel anderes gibt als diesen Effekt des Neuanfangs und der Emotionalität Neururers. Ich würde so gerne das Konzept genauer erklärt bekommen. Ich würde so gerne erfahren, wie das funktionieren wird, junge Spieler zu einer Mannschaft formen. Das sind nämlich die neuen Zeiten, von denen viele Verantwortliche in deutschen Profifußballvereinen noch nichts mitbekommen haben: Anteilhabe an seinem Verein ist nicht nur der Stadionbesuch. Das Interesse gilt auch den Erklärungen des Vereins, Erklärungen, die nicht nur Absichten zeigen, sondern Einblicke in die Pläne zur Umsetzung der Absichten geben. Wir werden sehen, und ich bin dabei. Die Niederlage gegen Fürth ist heute morgen schon vergessen. Zumal ich außer einer kurzen Meldung im Radio auf der A44 aus Ostwestfalen kommend und Tinas Kommentar bislang noch nichts anderes mitbekommen habe. Zeitungsberichte werden am Nachmittag gelesen.

Nachtrag: Wie lautet wohl das Zitat Peter Neururers in der Schlagzeile des NRZ-Nachberichts zur Trainerverpflichtung Peter Neururers? Und schon hoffe ich, dass Zeitung und Trainer glauben, fürs erste öffentlichen Bildern gerecht werden zu müssen und sie das Interesse von Lesern an Fußballfragen nur unterschätzen. Oder soll es das Zuckerbrot für den konservativen Fußballfan sein? Bei all dem ganzen modernen Trainings- und Taktikgedöns mal wieder die Besinnung auf die traditionelle Fußballersprache? Finde ich grundsätzlich sympathisch. Ich hoffe nur so sehr, dass die Arbeit des Trainers auch noch ein bisschen mehr umfasst.

Serge Branco bei Radio Zebra

Kurz den Hinweis auf diesen im Königsblog eingestellten Podcast von der letzten „Radio Zebra“-Sendung mit einem O-Ton von Serge Branco, aufgenommen nach dem Ahlen-Spiel. Man sieht, die Duisburger Verhältnisse sind zurzeit auch anderswo von Interesse. Brancos Worte bezeugen jedenfalls, wie sehr der Unmut der Fans die Spieler verunsichert hat. Sicher, man ist in Duisburg und das Publikum ist hier seit jeher als eines der schwierigeren in Fußball-Deutschland bekannt, aber ich kann mich nicht erinnern, den bekannten Unmut als feindliche Stimmung so dauerhaft wie am Sonntag schon einmal erlebt zu haben. Da ist etwas grundsätzliches schief gelaufen in der letzten Zeit, und ich meine, das hat nicht nur mit dem Misserfolg der Mannschaft und der Arbeit Rudi Bommers zu tun. Das hat etwas damit zu tun, wie diese Arbeit nach außen hin kommuniziert wird. Das ist aber später einen eigenen Beitrag wehrt.

Jetzt nämlich noch einmal zurück zur Bestandsaufnahme: Für mich klingen sowohl die Worte Brancos als auch die der beiden Moderatoren Fabian Müller und André Görtz nach heftiger Beziehungskrise, in der beide Seiten die Realität in großen Teilen ausblenden. Branco sieht in der heilen Welt vom MSV die Fans als Unruheherd, und die zwei Moderatoren stellvertretend für die Fans sehen ihr Wirken durch das Spiel der Mannschaft gerechtfertigt und verstehen nicht, wieso sich die Spieler angegriffen fühlen.  Gegen die Mannschaft hätte man sich ja schließlich nicht gewendet. Wie immer haben beide Seiten in Teilen recht und in anderen Teilen unrecht. Dass die MSV-Welt nicht ganz so heil ist, wissen wir angesichts mancher merkwürdigen Spielereinkäufe der letzten zwei Jahre. Und was die Fan-Seite angeht, selbst wenn es nur Bommer-Raus-Rufe gewesen wären und nur die Offiziellenplätze und die Trainerbank das Ziel gewesen wäre, überträgt sich so eine Stimmung doch auf das Spielfeld und damit auf die Spielweise der Mannschaft. Dazu muss man stehen, wenn man seinen Unmut äußert. Zuweilen war es aber sogar mehr, dieser Unmut richtete sich natürlich auch per Repertoiregesang  gegen die Mannschaft – und nur die Mannschaft. Da darf ein Branco auch schon enttäuscht sein. So ist das nämlich in Beziehungen, wenn der eine vom anderen was will, was der ihm partout zurzeit nicht geben kann.

Fortsetzung Ishiaku – Teil 5

Endlich haben sich die Macher der Fortsetzungserie um den talentierten und ehrgeizigen Fußballspieler Manasseh Ishiaku an die handwerklichen Grundlagen aller Fortsetzungesserien erinnert. Vielleicht hatten da die kritischen Worte Michael Meiers von neulich ihren Anteil. Endlich wissen sie wieder, jede neue Folge braucht einen eigenen Höhepunkt und der darf sich nicht allzu bald wiederholen. Deshalb gibt es kein Geplänkel mehr um das Training, um Ärzte in Belgien und Waldläufe durch den Grüngürtel. Jetzt wird das Tempo angezogen, und die nächste Folge zeigt Ishiaku endlich dort, wo ihn die Leser schon seit Monaten sehen wollen. Der Held spielt Fußball – in einem richtigen Spiel. Das war ein großer Wurf für die weitere Zukunft der Serie. Respekt! Alles richtig gemacht, mein Leben. Und nicht nur dass die Macher das Tempo endlich anziehen, nein, sie beweisen auch, dass sie sich mit grundlegenden handwerklichen Techniken der Literatur auskennen. Sie greifen zu den Mitteln der Hochliteratur und nutzen ein Leitmotiv, um diese Folge der Serie in jeder Hinsicht stark zu machen. Zwei Tore hat Ishiaku nämlich geschossen, und schon in den frühen Folgen am Handlungsort Duisburg waren es meist zwei Tore, die er schoss, wenn er denn in einem Spiel traf. Mit solchen Details erfreut man den kundigen Leser und gewinnt ihn als dauerhaften Interessenten für die Serie. Außerdem deutet auch die Wahl des ersten Spiels von Ishiaku darauf hin, dass man sich endlich wieder auf alte Qualitäten der Serie besinnt. Es war nicht irgendein Spiel, in dem Ishiaku seinen ersten Auftritt für den 1. FC Köln hatte. Es war das Freundschaftspiel gegen Fortuna Köln, gleichsam ein Benefizspiel, ohne dass es ausdrücklich so heißt. Unterstützt der 1. FC Köln doch mit diesem jährlich stattfindenden Spiel seit längerem den arm gewordenen Südstadt-Verein und einstigen kleinen Rivalen um die Gunst der Leser. Damit spiegelt sich das persönliche Schicksal unseres Helden in der wechselvollen Geschichte einer Gemeinschaft. Und so warten wir Leser nach diesem Spiel auf die hoffnungsfrohe nahe Zukunft von Ishiaku und der Fortuna.

Ist das ein Zeichen?

Heute morgen lese ich die Kurznotiz: „Panionios Athen hat Trainer Ewald Lienen entlassen.“ Zur rechten Zeit? Damit ich mich bald um Jahre jünger fühle? Einen Vorgeschmack hatte ich gerade schon beim Googeln.  Focus-online oder der Sportinformationsdienst, von dem sie die Meldung übernommen haben, verbreiten Nostalgie und holen das alte Medienkosewort „Zettel-Ewald“ aus der hintersten Originalitätsschublade hervor. Das waren noch Zeiten.

Nachtrag: Im detaillierteren Artikel des Kickers klingt es etwas anders. Ich würde das dann auch in einer Kurzmeldung nicht Entlassung nennen.


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