Das Lexikon der Fußballirrtümer – ein Vorgeschmack

Dieser Mann hat eine Mission, und seine zukünftigen Verbündeten sind wir alle. Wir, deren Gespräche sich irgendwann immer um Fußball drehen. Wir, die süchtig nach Spielberichten sind. Wir, die es immer besser wissen als die Trainer unserer Mannschaften. Wir, die immer erklären können, warum unser Verein dieses Mal schon wieder verloren hat.

Einst hat der Sportwissenschaftler Roland Loy die „ran“-Datenbank aufgebaut. Das ist so lange her, dass die jüngeren Fußballfans schon wieder nur noch die „Sportschau“ kennen. Heute berät Roland Loy in Sachen Fußball allerorten und gebärdet sich mit dem „Lexikon der Fußballirrtümer“ als Aufklärer im Kampf gegen Ignoranz und Selbstüberschätzung, jene zwei Grundhaltungen, die an den Rändern von Fußballplätzen weltweit anzutreffen sind – bei Trainern, Spielern und Offiziellen, bei Journalisten und den Fans gleichermaßen. Roland Loys Waffen sind Zahlen, und seine Botschaft lautet, nichts Genaues weiß man nicht. Nur eins ist sicher, Roland Loys über Jahre gesammelten Daten beweisen, die meisten Aussagen über Fußball sind falsch.

Bei Roland Loy hört sich das dann immer wieder etwas komplizierter und ungelenker an:

Aufgrund der Vielschichtigkeit des Fußballspiels steht auch die (Sport-)Wissenschaft vor multiplen Problemen, wenn es darum geht die Zusammenhänge in dieser Sportart objektiv, exakt und hinreichend zuverlässig zu entschlüsseln (so liegen beispielsweise bezüglich, der, seitens der Praxisvertreter viel gestellten, Frage hinsichtlich der den Spielerfolg bestimmenden Faktoren bislang so gut wie keine Erkenntnisse vor).

Dann ist es natürlich nur empörend, wenn diese „Praxisvertreter“ das Gegenteil behaupten:

Vertreter der Praxis behaupten einerseits irgendwelche Dinge, von denen sie keinerlei sichere Kenntnis haben, erzeugen dabei gegenüber der Öffentlichkeit (die größtenteils gar nicht merkt, dass sie hinters Licht geführt wird) den Eindruck, ganz viel über den Fußball zu wissen und ganz viel Weisheit hinsichtlich dieser Sportart gepachtet zu haben, gehen andererseits aber das Risiko ein, mit ihren Aussagen gravierendsten Irrtümern aufzusitzen und nun durch die Wissenschaft ob ihres Nichtwissens und der Weitergabe unzutreffender Informationen – der – ich will nicht von „Scharlatanerie“ sprechen, aber zumindest von (leichtfertiger) Verbreitung von „Halb-“ beziehungsweise „Unwahrheiten – überführt zu werden.

Irgendwas verstanden?

Ich frage mich, was den Verlag bewogen hat, den Datensammler Robert Loy als Autor auf diese Weise ins offene Messer hinein laufen zu lassen. Hat es da irgendein Lektorat gegeben? Hat es da irgendeine vorsichtige Andeutung dazu gegeben, dass man bei aller Achtung vor dem Datenmaterial und den Ergebnissen des Wissenschaftlers auf diese Weise kein Buch schreiben kann. Roland Loys Stil erschwert das Verständnis einfachster Sachverhalte auf eine Weise, wie ich es noch nie in einem Buch gesehen habe, das sich an ein breites Publikum richtet.

Dabei schreibt Roland Loy keineswegs unverständlich, weil seine Sprache zu wissenschaftlich ist, sondern weil er grundlegende Regeln zum Satzbau eines verständlichen Schreibens anscheinend nicht kennt und weil diesem Schreiben zudem ein Ringen um Anerkennung innewohnt. In diesem Ringen um Anerkennung unterbricht er den eigenen Gedanken unentwegt mit Zitaten, sei es um jemanden zu widerlegen, sei es um Beistand aus dem klassischen Bildungskanon herbeizurufen. Da erhöht Roland Loy seinen aufklärerischen Gestus durch Worte Georg Christoph Lichtenbergs, des Aphoristikers der deutschen Klassik. Da wird Paulo Coelho, der brasilianischen Erfolgsschriftsteller in Sachen lifestylekompatible Sinnstiftung, im Zitat von Olli Kahn zitiert. Ein Doppelschlag, vielleicht weil Loy den Zahlen Leben einhauchen will? Ich weiß es nicht.

Manchmal hatte ich das Gefühl, Roland Loy sehnt sich bei allem Erfolg mit seinen Statistiken nach etwas anderem, was ihm der Fußball bislang nicht gegeben hat und das er mit diesem Buch nun zu erhaschen hofft. Vergeblich, auf jeden Fall. Seine Haltung beim Schreiben steckt voller Widersprüche. Da schreibt er ein Kapitel zur Einleitung und behauptet nicht lehrmeisterhaft sein zu wollen. Gleichzeitig führt er auf fast jeder Seite eine Fußballgröße an, die eine durch seine Zahlen nicht belegbare Aussage zum Fußballspiel macht. Wenn man einem Menschen Fehler nachweist und dabei anklingen lässt, ich weiß es aber besser, dann wirkt das lehrmeisterhaft, daran kommt auch Roland Loy nicht vorbei. Außerdem behauptet er, es stände nicht in seiner Absicht, sich mit seinen Aussagen dem  Fußball gegenüber wichtig machen zu wollen. Doch was ist diese gespreizte Schau von Zitaten? Warum all diese Geistesgrößen, die ihm schon beigepflichtet haben, als er noch gar nicht auf der Welt war? Was bedeuten diese unzähligen Verweise auf Fußballgrößen? Wie Roland Loy das Thema seines Leben anpackt, macht es schwer, seine Anmerkungen im Einleitungskapitel zu glauben. Man braucht also ein dickes Fell, um die interessanten Momente seines Wissens aus dem Buch herauszupicken. Denn das bleibt unbenommen am „Lexikon der Fußballirrtümer“, so einfach ist das nicht mit dem Fußball. Als Gewissheiten geäußerte Erklärungen für Erfolg und Misserfolg von Spielweisen und Taktiken sind meist nicht mehr als eine Vermutung. Flügelspiel etwa führt nicht öfter zu einem Tor als das Spiel durch die Mitte. Roland Loys Statistiken beweisen es.

Roland Loy: Das Lexikon der Fußballirrtümer. C. Bertelmann, München o. J.
€ 16,00.

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