Alaaf! – „Wegen dem Brauchtum“

Bevor ich mich gleich zur Eröffnung des Straßenkarnevals  begebe – in meinem Veedel wohlgemerkt – möchte ich schnell noch einmal ein wenig zur Völkerverständigung im Rheinland beitragen. Den Fußball berührt das zwar auch, doch nur am Rande, wichtiger scheint mir heute einmal mehr der Wahrheit von  Statistiken die Wahrheit einer ausgewählten Wirklichkeit entgegenzuhalten. Wer hier schon einmal „Über Blog und Autor“ gelesen hat, weiß warum.

Heute morgen erfahre ich nämlich im Vermischten des Kölner Stadt-Anzeigers, die Zahl der aktiven Karnevalisten nehme ab. „Während vor 40 Jahren noch mehr als jeder Dritte (38 Prozent) an Karnevals- und Faschingsveranstaltungen selbst teilnahm, ist es heute nur noch jeder Fünfte (22 Prozent)“. Damit können eigentlich nur solche Aktivitäten gemeint sein, die etwa den Besuch eines  Duisburger Kinderprinzenpaares beim Spiel gegen SV Wehen Wiesbaden im Stadion möglich machen. Die erwachsenen Tolitäten lassen sich wahrscheinlich im Spiel am Sonntag gegen 1860 München blicken und pflegen damit das, was in Köln in meinem Milieu mit einem Lächeln aus Sympathie das Brauchtum genannt wird und das  Köbes Underground, die Hausband der Stunksitzung, unter anderem auch zu jenem Liedtext inspiriert hat, dessen Titel sich in der Überschrift wiederfindet. Dort also, in Köln nehme ich nämlich eine ganz andere Entwicklung wahr.

Damit meine ich nicht, dass der Karneval sich in den letzten zwanzig Jahren anscheinend den Fußball zum Vorbild genommen hat und ein florierendes Unterhaltungsgewerbe geworden ist. Diese Parallelen finde ich allerdings schon auch bemerkenswert. Da gibt es die Konzentration der Menschen auf die großen Marken. Köln als Deutschlands führende Karnevalsmarke entspricht da dem FC Bayern. Fans gibt es überall in Deutschland und zu den großen Ereignissen wird angereist. Die Medienpräsenz ist in beiden Unterhaltungssparten ebenfalls gleich inflationär geworden. Inzwischen beginnt die Sitzungszeit im Fernsehen ja schon lange vor der eigentlichen Karnevalswoche und Karneval im Fernsehen gleicht zum Höhepunkt um Rosenmontag einer TV-Berichterstattung über Fußball zu einer Weltmeisterschaft. Ich muss mir da noch mal ein paar mehr Gedanken machen.

Denn eigentlich will ich ja davon erzählen, dass ich in Köln in den letzten zwanzig Jahren eine eher zunehmende Bereitschaft erlebe, Karneval zu feiern und zwar unabhängig vom organisierten Sitzungskarneval der Karnevalsgesellschaften. Dieses Karnevalsfeiern greift das Verkleiden auf und die ausgelassene Stimmung. Und dieser Karneval wird eher in Kneipen gefeiert und in den Veedeln als in der von Karnevalstouristen überfluteten Innenstadt. Je mehr ich schreibe, desto interessanter finde ich diese Entwicklung. Das braucht ausführlichere Überlegungen über soziales Geschehen an anderer Stelle. Denn dazu gehört das Ankommen eines alternativen Milieus in der Mitte der Gesellschaft ebenso wie die Veränderungen in den Karnevalsgesellschaften und noch einiges mehr. Schon nehme ich wieder einem Soziologen die Arbeit ab.

Natürlich gibt es in Köln auch weiterhin Karneval in organisierten Bahnen. Und auch da, scheint mir, gibt es nur Veränderung und keine Abwendung, eher gehört es weiterhin zur gesellschaftlichen Verpflichtung für bestimmte Kreise an solch einem Karnevalsgeschehen teilzunehmen. Wenn man etwa Fußballprofi beim 1. FC Köln werden will, gibt es bestimmt einen Passus im Vertrag, der den Spieler verpflichtet, bei der alljährlich stattfindenden Karnevalssitzung des 1. FC Kölns, kurz auch FC-Sitzung genannt, dabei zu sein. Vielleicht reicht ja auch die Anweisung des Trainers und der Vereinsführung. Anders als beim beruflichen Sport wird ein Profi von der Teilnahmepflicht nur entbunden, wenn der Vereinsarzt eine schwerwiegende Verletzung im Armbereich diagnostiziert. Denn auch mit Gipsbein kann man immer noch schunkeln. Deshalb zählt jeder FC-Profi neben Trikots  auch Karnevalsorden zu den Erinnerungsstücken seiner Karriere. Was vielleicht auch die lang anhaltende Erfolgslosigkeit des FCs erklären könnte. Haben die des Kölschen nicht mächtigen Fußballnomaden aller Nationen doch vielleicht gedacht, der Karnevalsorden sei so eine Art Medaille für irgendeine errungene Meisterschaft. Die waren einfach über Jahre zu satt die Profis vom FC. Aber egal, von allen, die es nicht auf die große FC-Bühne schaffen, lässt sich diese entsprechende Erinnerung natürlich auch umsatzsteigernd im FC-Fanshop erwerben. Das Geld dient wahrscheinlich immer noch dem Kölner guten Zweck des letzten Jahres. Denn noch wird jeder Cent wegen dieses Shopping-Feelgood-Erlebnisses wieder gebraucht.

Mein Blick auf die Uhr sagt mir, ich muss los. Deshalb mache ich es jetzt wie die Profis unter den Büttenrednern und erzähle noch schnell eine letzte Pointe. Die muss nicht unbedingt gut sein, das Orchester spielt ja ohnehin den Tusch und das hat dann wiederum liturgische Wirkung.  Man weiß einfach besser, was zu tun ist, wenn einem ein paar Signale helfen. Der eine kniet in der katholischen Messe eben nieder, der andere klatscht. Die Karnevalsmuffel unter den hier lesenden Fußballfans kennen so was Ritualhaftes ja auch vom Stadionbesuch. Also,  als MSV-Fan weiß ich nämlich, kollektive Begeisterung ist nicht so oft zu haben und wird deshalb natürlich besonders genossen oder durch den Sitzungspräsidenten des Fußballspiels, den Stadionsprecher, animiert. Ich weiß nur nicht, was es öfter gibt zurzeit, gute Pointen beim Sitzungskarneval oder Tore für einen Sieg vom MSV.

Tusch! Und der Sitzungspräsident sagt an solch einer Stelle, Kees, wir danken dir für deinen so humorvollen Beitrag, der uns Kölsche mal so richtig gezeigt hat, wie wir su sinn – hier ganz wichtig, ein bisschen Kölsch einfließen lassen – un so viel Spass an d´r Freud haben. Kees, do häss en kölsches Hätz un ne Duisburger Seele. Mach et joot und fiere prächtig Fastelovend. Eein dreeifach  Kölle alaaf für Kees.

In dem Sinne! Schöne Karnevalstage auch in den Regionen mit den abnehmenden Karnevalsaktivitäten.

4 Responses to “Alaaf! – „Wegen dem Brauchtum“”


  1. 1 bonifatius 28. Februar 2009 um 04:58

    Oh je, du tust mir leid. Und ich bin auch noch in Köln geboren und meine das Ernst. Was den Passus in Verträgen des FC´s mit seinen Spielern angeht, glaube ich aber, dass ein Großteil der Spielr mit dem Eintritt in den Kölner Kader die Lizenz zum 365-Tage-Feiern bekommen. Anders ist es nicht zu erklären, dass soviele Spielr in den letzten Jahren als Heilsbringer gekauft wurden, als Fehleinkäufe abgegeben wurden, und dann im neuen Verein plötzlich wieder mitbekamen, dass sie ja doch Fußball spielen können. (Bestes Beispiel ist Munteanu – der hat erst in Wolfsburg wieder Fußball spielen können.)
    Nichts gegen Wolfsburg, aber wer da feiern will, sollte vielleicht doch nach Hamburg fahren, oder gleich in den Harz. Da gibt es wenigsten keinen Fasteleer und kotzende Jugendliche in abendlichen Bahnen.
    Gruß Bonifatius – Ein Leidensgenosse
    (By the way – genetisch komme ich zur Hälfte auch aus´m Pott)

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  2. 2 bonifatius 28. Februar 2009 um 05:01

    P.S.

    Als kleiner Linktipp:

    http://www.abseits-soccer.com

    nette lustige englischsprachige Seite

    mit besten Grüßen

    Bonifatius

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    • 3 Kees Jaratz 28. Februar 2009 um 06:41

      Da sag ich Dank für den Tip. Ich bin ohnehin dabei, eine eigene Seite für Links zusammenzustellen. Und was den Karneval angeht, da habe ich schon auch großen Spaß. Im Veedel, du weißt es. Habe ich nämlich schnell gelernt in Köln, anders sollte ich an den Tagen sonst besser nicht in der Stadt sein.

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  1. 1 Aufstieg? Karneval? Wie geht denn dann das? « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 13. Februar 2010 um 12:24

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