Archiv für März 2009

Bilic weiß sich seines Glückes zu erwehren

Über die derzeitige Orientierungslosigkeit beim FC Schalke 04 haben sich ja inzwischen allerorten die Sportjournalisten mit staunendem Unverständnis und Kritik geäußert. Heute komme ich erst dazu auf jenen Satz vom Schalke-Vorstandsvorsitzenden Josef Schnusenberg hinzuweisen, der den einen Teil des Problems in aller Kürze zusammenfasst.

Etwas unglücklich, weil in einer Mischung aus indirekter Rede und Zitat, heißt es in der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende: „Ein Kanditat sei im Visier, doch ´er weiß noch nichts von seinem Glück. ´“ Das ist die eine Wurzel des Geschehens, eine Trainersuche im Bewusstsein, für ein Ehrenamt im deutschen Vereinswesen den Kandidaten finden zu müssen.

Das erinnert doch sehr an all die Vereine des Breitensports, in denen kurz vor Ende der Saison sich meinetwegen der U16-Trainer daneben benimmt und deshalb plötzlich die gesamte Mannschaft sich aufzulösen droht. Deshalb wird schnelle Rettung gesucht, und wer wird angesprochen? Der U14-Trainer! Wo sich im Breitensport die meisten seufzend breit schlagen lassen, zumindest noch die drei Monate bis zum Ende der Saison das Training zu übernehmen, erwehrt sich U14-Trainer Slaven Bilic seines Glücks und bleibt lieber ausschließlich bei seinen Leuten.

Die andere Wurzel des Geschehens ist offensichtlicher und ruft Spott hervor. Schalke-Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies sieht sich anscheinend in derselben Liga wie ein Roman Abramowitsch, dem Gus Hiddink beim FC Chelsea, als es nicht lief, zur Seite sprang. Der erfolgreiche Unternehmer Tönnies fühlt sich offensichtlich ganz in seinem Element. Krisen werden gelöst, indem man zupackt. Da zeigt sich wahrscheinlich jene Persönlichkeit, die aus ihm einen erfolgreichen Unternehmer der Lebensmittelbranche gemacht hat. Wenn nun aber strategische Entscheidungen getroffen werden müssen, stehen ihm diese Eigenschaften in der Unterhaltungsbranche Fußball womöglich im Weg.

Dieses Phänomen kennen wir ja in Teilen auch aus Duisburg, wo Walter Hellmich den Verein ja immer wieder wie seine Unternehmensgruppe zu leiten versuchte. Es ist das Schicksal solcher Männer wie Tönnies und Hellmich, Nürnbergs Roth fällt mir gerade auch noch ein, dass die Qualitäten ihrer Persönlichkeit in Zeiten großer Not des Vereins stets gebraucht werden. Vor allem denke ich da an Entscheidungen, alleine, schnell und mutig zu treffen und gleichzeitig keine Grenzen des Möglichen zu sehen.  Wenn der Krise aber das Tagesgeschäft folgt, drohen genau diese Qualitäten die Stabilisierung des Erreichten zu verhindern.

Wo das in Schalke noch hinführt, werden wir sehen. In Duisburg sieht es zurzeit so aus, als habe Walter Hellmich mit der gleichzeitigen Verpflichtung von Peter Neururer und Bruno Hübner es nun tatsächlich geschafft, etwas loszulassen, was bei seinem ersten Antreten beim Verein aller Vereine noch dringend nötig gewesen ist. Für die Struktur des Vereins kann das nur von Vorteil sein.

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Gestern vor 43 Jahren

Als moderner Mensch mit verschiedenen Identitäten führe ich auch ein Leben in der Printwelt. Manchmal nun macht sich als Teil dieser Identitäten etwas bemerkbar, was anscheinend tief geht und wenig veränderbar zur Persönlichkeit jeder der Identitäten gehört. Heute kann ich mit einem Tag Verzögerung einen Blick auf diesen Teil meiner Persönlichkeit gewähren, der die Leser hier wahrscheinlich wenig verblüffen wird, der aber genauso wahrscheinlich vor allen bei den MSV-Fans großes Verständnis und vielleicht sogar leises Vergnügen hervorrufen kann.

Unlängst sammelte ich nämlich für mein Alter Ego der Printwelt allerlei Rekorde, von denen ich mir zunächst vorstellte, sie sollten unserer Hauptstadt Berlin zu Stolz und innerer Größe verhelfen. Dann aber kitzelte mich die Macht des Guerilleros. Denn ich nahm einen Rekord in die Liste auf, der nun weniger die Hauptstadt schmückt als Duisburg und jenen Fußballverein, dem ich mich seit langer Zeit verbunden fühle. Der hieß damals noch Meidericher SV und besiegte Tasmania Berlin in Berlin während der Bundesliga-Saison 1965/66 mit 9:0. Angesichts der überschaubaren Rekordereignisse von überregionaler Bedeutung beim Verein aller Vereine werden die meisten hier Lesenden wohl wissen, dabei handelt es sich um den bis heute höchsten Auswärtssieg der Bundesliga-Geschichte. Am 26. März spielte der MSV in Berlin, und wie es der Zufall will, fiel gestern beim Blättern in einem meiner Fußballbücher mein Blick auf Datum und Ergebnis. Länderspielpausen des Ligaalltags müssen ja irgendwie überbrückt werden, und an das Ergebnis erinnere ich deshalb gerne, nicht zuletzt auch um das Ruhrpott-Vergnügen gegenüber der Hauptstadt zu teilen.

Wer wie Fredi Bobic Arbeit sucht, braucht ein dickes Fell

Als Fredi Bobic erfolgreich war, hatte ich mich als aktiver Sportler schon seit Jahren dem Basketball zugewendet und Fußball hieß für mich, die Gegengerade im Wedau-Stadion aufzusuchen. Deshalb lag es mir nicht nur als MSV-Fan völlig fern, davon zu träumen, wie Fredi Bobic vor dem gegnerischen Torwart aufzutauchen und als ein Eckpunkt des Stuttgarter „Magischen Dreiecks“ den Ball ins Tor zu zaubern. Heute nun aber denke ich: mal wie Fredi Bobic sein, und dann nämlich auf den Tisch hauen, das ist bestimmt nicht schlecht. Wann sonst wird einem Arbeitssuchenden schon mal so zugehört, wenn er beginnt, von seinen schlechten Erfahrungen mit all den ignoranten Arbeitgebern zu erzählen. Schließlich gibt es nicht wenige, die wie der Chef bei Hannover 96, Martin Kind, auf eine Bewerbung nicht mal mit einem kurzen Standardbrief reagieren. Viele Arbeitgeber sitzen eben nun doch schon seit einiger Zeit am längeren Hebel. Doch wenn man als Fredi Bobic einmal ein berühmter Fußballer war, gibt es zumindest immer einen Journalisten beim Sportinformationsdienst, der seine Meldungen schreiben muss und ein offenes Ohr für den Ärger über solches Verhalten von Arbeitgebern hat. Doch! Das sorgt für eine ausgeglichene Psyche, so ein Dampfablassen, und man weiß es nicht, ob diese öffentliche Stellungnahme nicht doch auch ein ganz kleines Bisschen dazu beiträgt, an grundlegende Regeln der Höflichkeit zu erinnern. Auch oder eher gerade auf einem rauhen Arbeitsmarkt bedarf es zivilisierter Umgangsformen. Fredi Bobic hat natürlich einen weiteren Vorteil, zuguterletzt weiß der Mann, wohin er sich wenden muss. Schließlich hat man irgendwann auch einfach die Nase voll von all der Ignoranz in dieser Welt und dann ist es wunderbar, wenn es da den guten Kumpel aus alten Zeiten gibt. So einen kann man unverblümt fragen, ob er nicht was weiß … von einem Job, und wenn er mal was hören sollte, dann … Und manchmal sagt der Kumpel sogar sofort: „Du kommst gerade richtig!“

Mitten in Meiderich – Folge 9

Was bisher geschah … „Mitten in Meiderich“ ist die Mini-Doku über den MSV Duisburg. In der ersten Folge hieß es noch, wir begleiten den MSV bei dem Versuch, doch noch aufzusteigen. Die einzelnen Folgen aber sind bislang nicht mehr auf diese starke Grundidee hin ausgerichtet. Einen längeren Erzählfaden gibt es nicht. Das Serielle der Doku baut fast ausschließlich auf die äußere Form der Präsentation und dem unkonkreten Thema „MSV Duisburg“. Deshalb braucht eine jede Folge eigentlich eine einzelne starke Geschichte mit Anfang und Ende.  Wirklich gefunden werden diese Geschichten bislang nur im Ansatz. Deshalb bieten die Folgen ein kunterbuntes Allerlei, das manchmal etwas beliebig wirkt. In diesen Grenzen gewährt „Mitten in Meiderich“ in den besseren Momenten den Blick aufs Tagesgeschäft, der angesichts des Formats natürlich immer etwas flüchtig ist …

Soll ich böse sein? Eigentlich widerstrebt das meinem Naturell, aber auch ich gerate immer wieder in die Zwänge der seriellen Form. Neues muss her! Und ich habe keinen Kader, den ich interviewend abarbeiten könnte. Ich habe immer nur Vorgaben, auf die ich reagiere. Variiere ich also heute die Form und zwinge ich mich dazu, sarkastisch zu sein. Ich sage: „Mitten in Meiderich“ öffnet sich in dieser Folge dem Experimentalfilm.  Für 6 Minuten und 20 Sekunden wird dem Zuschauer die Bereitschaft abverlangt,  die Chronologie des Geschehens zum Teil selbst zusammen zu setzen. Allerdings führen die Macher ihre Zuschauer nur ganz vorsichtig auf dieses ungewohnte Terrain und es braucht keine große gedankliche Anstrengung, diese Aufgabe zu erfüllen.

Ein Geschehen vom Freitag und vom Sonntag, zwei Erzähllinien also, schneiden die Macher zusammen und jede dieser Erzähllinie behält für sich ihre zeitliche Abfolge. Die neunte Folge beginnt wieder mit immergleichen Bildern von Fans,  in diesem Fall vor der Auswärtsfahrt ins weit entfernte Ingolstadt. Und was machen Fußballfans auf Auswärtsfahrten? Sie packen natürlich Bierkisten in den Gepäckraum des Busses. Welche Überraschung! Es folgen Bilder von Fahrt und Ankunft und erneut erfahre ich durch solche  Bilder nichts, was ich nicht ohnehin schon vom Fantum weiß. Dagegen geschnitten werden Bilder und O-Töne von Cedrick Makiadi auf der Fahrt zum und beim Training, die am Freitag davor aufgenommen wurden. Inhaltlich führt diese Anleihe beim Experimentalfilm, das Zusammenschneiden zweier Zeitebenen, aber nicht weit, da beide Ebenen überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Alleine die notwendige Abwechslung ist der Grund für dieses formale Versatzstück.

Cedrick Makiadi allerdings lernen wir ein wenig näher kennen, und erfahren von ihm, für den Erfolg müsse man manchmal über Leichen gehen. Sein Wolfsburger Trainer Magat ist so hart drauf. Er selbst sei es aber nicht. Ist er deshalb weniger erfolgreich? Diese Frage wird nicht gestellt, solche Fragen wären aber die interessanten Fragen. Allerdings weiß ich auch, solche Fragen sind Fragen eines anderen Formates. Aber wie kommt man dann raus aus dem Thema? Ich gebe zu, das ist ein nicht leicht zu lösendes Problem für die Macher.

Am Ende geht es wieder um ein Resumée des aktuellen Spiels. Der repräsentative Fan kommt mit erwarteten Sätzen zu Wort, und welchen Spieler sehen wir am Ende, damit die Folge auch gar nicht erst in Gefahr gerät als Einheit wahrgenommen werden zu können: Natürlich nicht Cedrick Makiadi sondern Olivier Veigneau. Er gibt ein Standard-Statement zum Spiel und spricht Standardworte eines Profis zur eigenen Vertragsverlängerung. Alles, also, wie gehabt. Wenn der Blick aufs Alltagsgeschäft nur wenig Raum einnimmt, verliert die einzelne Folge dramatisch an Qualität.  Da nutzt dann auch keine formale Anleihe beim  Experimentalfilm etwas.

Halbzeitpausengespräch – Thomas Klupp

Keine Sorge, hier geht es weiterhin vor allem um Fußball, aber manchmal gibt es ja Randbereiche des Fußballs, über die etwa in der Halbzeitpause gesprochen wird. Gründe dafür gibt es viele. Über das Spiel selbst erübrigt sich  vielleicht mal wieder jedes Wort. Womöglich lässt aber auch das sonst so großartige MSV-Arena-Unterhaltungsprogramm gerade größeres Ungemach vermuten. Wir älteren Besucher erinnern uns dann gerne melancholisch an die früheren Zeiten und besinnen uns auf die alte Kulturtechnik des guten Gesprächs. In solchen Momenten schießen die Gedanken oft quer und es darf niemanden verwundern, …

… wenn etwas wie die Autorennationalmannschaft uns dann die Zeit vertreibt. Mit diesem Gebilde schlagen die beteiligten Autoren ja mehrere Fliegen mit einer Klappe. Sie verbringen Zeit mit einem Sport, der ihnen offensichtlich Spaß macht. Sie kommen hin und wieder ein wenig herum. Anlässlich der großen Turniere des Profifußballs erhalten sie eine Aufmerksamkeit, derer sie sonst niemals habhaft werden könnten. Und auch das Marketing eines Verlags dankt seinem Autoren solch ein Freizeitvergnügen. Denn Fußball macht diesen Autoren im Buchhandel verdammt sexy.

Gerade einem Autoren wie Thomas Klupp, der mit „Paradiso“ seinen ersten, sehr guten Roman veröffentlicht hat, ist das zu gönnen. Schließlich müssen die Leser ja irgendwie von diesen guten Büchern erfahren. Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, im Mittelfeld fühlt sich Thomas Klupp am wohlsten, und auch wenn „Paradiso“ mit Fußball rein gar nichts zu tun hat, sei hier auf das Buch hingewiesen, in dem zu Beginn der Ich-Erzähler Alex Böhm auf einem Rastplatz nahe Potsdam wartet.  Der Student an der Filmhochschule Potsdam möchte Richtung München zur Freundin von jemandem mitgenommen werden und gleichzeitig auf keinen Fall so aussehen, als wolle er trampen. Alex Böhm möchte cool sein, weiß um die Oberflächenwirkung beim öffentlichen Auftreten und durchlebt, wie die meisten Menschen seines Alters, öfter Situationen, die seine Coolness bedrohen.

Dagegen weiß er Rezepte: Ironie, Sarkasmus und Lügen, notfalls Flucht und egal, was er auch macht, auf keinen Fall grübeln und ein schlechtes Gewissen behalten. Dann schon besser,  sich ironisch von diesen unangenehmeren Gefühlen distanzieren. Böhm sucht einen einfachen Weg durchs Leben.  Geradlinig muss der nicht sein und schon gar nicht idealistisch motiviert, geschweige denn moralisch integer.

Die Freundin in München wartet, weil der Flug in den gemeinsamen Urlaub ansteht. Doch die Fahrt nimmt einen Umweg in die Provinz der nördlichen Oberpfalz, in das Heimatdorf Böhms und die Begegnung mit der Vergangenheit macht deutlich, so sicher ist das nicht mit dieser Freundin. Böhm weiß zwar, wie gelungenes Miteinander aussehen soll, doch zeigt sich auch, die Vorstellung davon passt in jeder Hinsicht bequemer in sein Leben als die Anstrengungen wirklicher Begegnungen. Nicht nur mit Frauen geht Böhm das so.

Thomas Klupp kombiniert kongenial die Motive von Coming-of-age-Geschichten mit denen des Road-Movies. Wendungsreich und unterhaltsam erzählt wird daraus mehr als eine spaßige Nabelschau, weil Alex Böhms Blick auf sich und seine Mitmenschen immer auch subtil von sozialem Geschehen eingefärbt ist. Sein Leben ist in dieser Gegenwart verortet, und die großen Probleme sind in Böhms Augen als unlösbar präsent. So zieht das Politische in die Konstruktion der Geschichte ein. Denn Böhms Haltung benötigt materielle Sorglosigkeit, die ihm sein Elternhaus bietet. Es ist die Reihenhauswirklichkeit in der Oberpfalz, der Böhm durch seine zynische Lebenshaltung entfliehen will – ohne gewichtiges Ziel, aber mit einigem Wissen über das Funktionieren dieser Welt und seiner selbst.

Je länger die Reise voranschreitet, desto witziger und komischer wird das, was Thomas Klupp seinem Ich-Erzähler in den Mund legt. Immer öfter nutzt er die Fallhöhe zwischen dem sozial akzeptierten oder, wenn es um Beziehungen zu Frauen geht, von diesen Frauen erwünschten Verhalten Böhmes und dessen wirklichen Gefühlen und Motiven. Grundlage der Beziehungskomik sind zwar die klassischen Comedy-Unterschiede zwischen Männern und Frauen, doch Thomas Klupp variiert das mit sehr originellen Ideen und gerät mit dem so differenziert gestalteten Ich-Erzähler nie in Klischee-Gefahr. Man stelle sich nur einmal das romantische Potential der Scherben zerschlagener Bierflaschen im Mondlicht vor. Eine Frau erkennt das zu Alex Böhms Entsetzen.

Der Verlag versucht einiges, das junge Zielpublikum zu erreichen. Mit einem Preisausschreiben bewegt man sich in alten Bahnen, die als “Making of” konzipierte Seite im Netz wirkt da schon ungewöhnlicher und interessanter. Für den weiteren Erfolg von Thomas Klupp kann man dem Verlag bei diesen Versuchen nur viel Resonanz wünschen.

Holt uns die Hinrunde allmählich ein?

Ein Spiel wie gegen den FC Ingolstadt wäre bei dem derzeitigen Spielvermögen des MSV Duisburg in besseren Zeiten keinerlei Rede wert. Solche Spiele gibt es neben den siegreichen Spielen immer. Es kommt nur selten vor, dass eine Mannschaft über die gesamte Saison hin, ihr Leistungsvermögen jeden Spieltag erreicht. Ich will auch gar nicht schwarz malen, noch ist es möglich, zumindest den Relegationsplatz zu erreichen. Auch die anderen Mannschaften dort oben gewinnen nicht alle ihre Spiel und geben sich zur Sorge ihrer Fans immer wieder beunruhigende Blößen.

Diese Blößen hat es für den MSV Duisburg nicht mehr gegeben, seitdem Peter Neururer das Training übernommen hat. Doch angesichts solcher Spiele wie gegen den FC Ingolstadt, von dem ich nichts mitbekommen habe außer fünf abgeklärten Reportageminuten durch Marco Röhling zum Ende hin, angesichts solcher mäßigen Spiele des Vereins aller Vereine meldet sich aber unweigerlich die Erinnerung. Es sind nämlich die zwei unnötigen Heimniederlagen der Hinrunde gegen St. Pauli und gegen Ahlen, die den Wiederaufstieg des Verein aller Vereine allmählich bedrohen. Da schmerzt mich das Fehlen eines jeglichen Punktes aus diesen beiden Spielen gegen zwei Mannschaften, die damals so lange harmlos und ungefährlich waren.

In dem Zusammenhang möchte ich zudem auch auf Peter Neururer als guten Psychologen und subtilen Realisten hinweisen. Von Anfang an stärkte er das Selbstbewusstsein seiner Mannschaft und verlagerte die Gefahr des Scheiterns auf die äußeren Bedingungen. Er sagt nicht, ich weiß, diese Mannschaft wird auch das ein oder andere schlechte Spiel spielen. Er sagt – ich zitiere das ungenau aus dem Gedächtnis -, seine einzige Sorge sei, dass ihm am Ende die Zeit weglaufe, die Saison zu kurz sei. Seine Spieler hören, nicht euer Spielvermögen ist ein Problem sondern zu wenig Spiele zum Aufholen bereiten die Schwierigkeiten. Wir hoffen weiter, „zu kurz“ wird nicht der Fall sein.

Meidericher Kanon des literarischen Fußballs – 2. Richard Hoyt

Als 1994 die Fußballweltmeisterschaft in den USA stattfand, sollte damit auch ein Markt erschlossen werden. Diese immense Sportbegeisterung der Amerikaner für Baseball, Football, Basketball oder Eishockey musste doch irgendwie auch auf für jenen Sport zu entfachen sein, für den in der Rest der Welt sich die meisten Menschen interessierten und Geld ausgaben. Der Fußball begegnete also damals einem Land, in dem kaum einer wusste, was die Attraktivität dieses in Europa verwurzelten Spiels ausmachte.

So zeichnete sich in der Zeit vor der WM für vorausschauende Menschen eins ab, je näher das Großereignis rückte, desto größer würde das Bedürfnis nach Erklärung. Denn eins war zu vermuten, mit dem ersten Anpfiff würde der Patriotismus der Amerikaner schon für die nötige Aufmerksamkeit im Land selbst sorgen. Diesem vermuteten Bedürfnis nach Erklärung ist wahrscheinlich auch „Spielen und Töten“, der rasante und witzige Kriminalroman des Amerikaners Richard Hoyt geschuldet. Er machte das sportliche Großereignis Fußballweltmeisterschaft in den USA zum attraktiven Aktionsfeld für einen Attentäter und gab gleichzeitig seinen Landsleuten eine kleine Einführung in den fremden Sport.

Von den Attentaten betroffen ist zunächst die deutsche Nationalmannschaft, deren Stürmer Peter Tarchaiskl und Willi Gochnauer nach dem Spiel gegen Südkorea erschossen werden. Der Racheplan eines fanatischen Argentiniers? Schließlich hatte Bundestrainer Jens Steiner eine rote und zwei gelbe Karten im Vorfeld als Warnung erhalten. Jene Kartenkombination, die den Argentiniern im WM-Endspiel 1990 gegen die Deutschen vom Schiedsrichter gezeigt wurde.

„Spielen und Töten“ hat Tempo, erinnert an bedeutende Momente der Fußballgeschichte und überrascht mit witzigen Handlungsideen und skurrilen Figuren, allen voran der Attentäter als regelmäßiger Teilnehmer eines Sportquiz per interaktivem TV. Zudem herrscht an Prominenten kein Mangel. Henry Kissinger und Prinz Charles haben Gastauftritte.

Ein Roman wie „Spielen und Töten“ lebt nicht vom Realismus einer Ermittlung. Die Aufklärung der Verbrechen geschieht zufällig und das Ende mit den nur wenig gebrochenen Klischees des Agententhrillers á la James Bond ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Doch um realistische Polizeiarbeit geht es Richard Hoyt auch nicht. Er will eine witzige Geschichte  erzählen, Szenen voller Komik erfinden und Fußballspieler und -offizielle karikieren. Und wenn manche Fußballszene mit ethnologisch anmutendem Blick geschrieben ist, weiß man, hier wird den amerikanischen Erstlesern Soccer erklärt.

Als ich den Roman seinerzeit besprochen habe, stand für mich fest, „Spielen und Töten“ gehört in die Handbibliothek von Fußball- und Krimifans. Heute ist der Roman nur noch antiquarisch zu erhalten. Das Lesen lohnt sich aber noch immer.

Richard Hoyt: Spielen und Töten. Deutsch von Ulrich Wünsch. Rowohlt Verlag 1994. 282 Seiten.


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