Meidericher Kanon des literarischen Fußballs – 2. Richard Hoyt

Als 1994 die Fußballweltmeisterschaft in den USA stattfand, sollte damit auch ein Markt erschlossen werden. Diese immense Sportbegeisterung der Amerikaner für Baseball, Football, Basketball oder Eishockey musste doch irgendwie auch auf für jenen Sport zu entfachen sein, für den in der Rest der Welt sich die meisten Menschen interessierten und Geld ausgaben. Der Fußball begegnete also damals einem Land, in dem kaum einer wusste, was die Attraktivität dieses in Europa verwurzelten Spiels ausmachte.

So zeichnete sich in der Zeit vor der WM für vorausschauende Menschen eins ab, je näher das Großereignis rückte, desto größer würde das Bedürfnis nach Erklärung. Denn eins war zu vermuten, mit dem ersten Anpfiff würde der Patriotismus der Amerikaner schon für die nötige Aufmerksamkeit im Land selbst sorgen. Diesem vermuteten Bedürfnis nach Erklärung ist wahrscheinlich auch „Spielen und Töten“, der rasante und witzige Kriminalroman des Amerikaners Richard Hoyt geschuldet. Er machte das sportliche Großereignis Fußballweltmeisterschaft in den USA zum attraktiven Aktionsfeld für einen Attentäter und gab gleichzeitig seinen Landsleuten eine kleine Einführung in den fremden Sport.

Von den Attentaten betroffen ist zunächst die deutsche Nationalmannschaft, deren Stürmer Peter Tarchaiskl und Willi Gochnauer nach dem Spiel gegen Südkorea erschossen werden. Der Racheplan eines fanatischen Argentiniers? Schließlich hatte Bundestrainer Jens Steiner eine rote und zwei gelbe Karten im Vorfeld als Warnung erhalten. Jene Kartenkombination, die den Argentiniern im WM-Endspiel 1990 gegen die Deutschen vom Schiedsrichter gezeigt wurde.

„Spielen und Töten“ hat Tempo, erinnert an bedeutende Momente der Fußballgeschichte und überrascht mit witzigen Handlungsideen und skurrilen Figuren, allen voran der Attentäter als regelmäßiger Teilnehmer eines Sportquiz per interaktivem TV. Zudem herrscht an Prominenten kein Mangel. Henry Kissinger und Prinz Charles haben Gastauftritte.

Ein Roman wie „Spielen und Töten“ lebt nicht vom Realismus einer Ermittlung. Die Aufklärung der Verbrechen geschieht zufällig und das Ende mit den nur wenig gebrochenen Klischees des Agententhrillers á la James Bond ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Doch um realistische Polizeiarbeit geht es Richard Hoyt auch nicht. Er will eine witzige Geschichte  erzählen, Szenen voller Komik erfinden und Fußballspieler und -offizielle karikieren. Und wenn manche Fußballszene mit ethnologisch anmutendem Blick geschrieben ist, weiß man, hier wird den amerikanischen Erstlesern Soccer erklärt.

Als ich den Roman seinerzeit besprochen habe, stand für mich fest, „Spielen und Töten“ gehört in die Handbibliothek von Fußball- und Krimifans. Heute ist der Roman nur noch antiquarisch zu erhalten. Das Lesen lohnt sich aber noch immer.

Richard Hoyt: Spielen und Töten. Deutsch von Ulrich Wünsch. Rowohlt Verlag 1994. 282 Seiten.

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