Archiv für April 2009

Mitten in Meiderich – Folge 14

Was bisher geschah … „Mitten in Meiderich“ ist die Mini-Doku über den MSV Duisburg. In der ersten Folge hieß es noch, wir begleiten den MSV bei dem Versuch, doch noch aufzusteigen. Die einzelnen Folgen aber sind bislang nicht mehr auf diese starke Grundidee hin ausgerichtet. Einen längeren Erzählfaden gibt es nicht. Das Serielle der Doku baut fast ausschließlich auf die äußere Form der Präsentation und dem unkonkreten Thema „MSV Duisburg“. Deshalb braucht eine jede Folge eigentlich eine einzelne starke Geschichte mit Anfang und Ende.  Wirklich gefunden werden diese Geschichten bislang nur im Ansatz. Deshalb bieten die Folgen ein kunterbuntes Allerlei, das manchmal etwas beliebig wirkt. In diesen Grenzen gewährt „Mitten in Meiderich“ in den besseren Momenten den Blick aufs Tagesgeschäft, der angesichts des Formats natürlich immer etwas flüchtig ist …

Der Tagesjournalismus hatte in Folge 13 Einzug in das als Mini-Doku angekündigte Format von „Mitten in Meiderich“ gehalten. Das setzt sich nun mit einem nächsten Clip fort, der bereits letzte Woche, am Donnerstagabend, ohne weitere Zählung in die Doku-Folgen eingereiht wurde. Die Vertragsverlängerung von Peter Neururer wurde zur „Doku Breaking News“. Das Zerfasern des Inhalts erhält nun also eine gleichsam folgerichtige Entsprechung bei der Präsentation der Doku. Allmählich denke ich daran, meinen Einleitungstext umzuschreiben.

Soll ich es noch einmal sagen? Der Grund für dieses Ausfransen des Formats ist der Verzicht auf die starke Idee, auf die alle Folgen hin ausgerichtet sind. Weil  ein Leitinstrument für das Erkenntnisinteresse fehlt, gerät mit der Zeit und unter dem Produktionsdruck nicht nur jedes beliebige Bild mit dem Oberbegriff „MSV Duisburg“ zum potentiellen Sendematerial, sondern auch die tagesaktuellen Meldungen werden zum Wert an sich für die Macher. Da wir uns ohnehin im Graubereich hin zur PR bewegen, ist aus der Mini-Doku eine Art Zebra-TV mit Sendefenster auf der DSF-Seite geworden.

Auch in Folge 14 kreisen die Macher vor allem um Peter Neururer. Erst ist nochmals die Vertragsverlängerung Thema samt neuerlichen Trainingskiebitze-als-des-Volkes-Stimme-O-Töne zur allgemeinen Lage, dann sehen wir den boulevardesken Mittelteil „Harley-Fahren ist das große Hobby von Peter Neururer“, um schließlich bei nichtssagenden Statements von Spielern über Ziele des Vereins zu landen.

Die Macher haben anscheinend endgültig Abschied von jedem dokumentarischen Interesse genommen und sehen stattdessen den Fünf-Minüter der sonntäglichen ZDF-Sportreportage in noch weicher gespülter Form als leuchtendes Vorbild für ihr Produkt. Solche O-Töne etwa, wie ich sie heute gehört habe, schreibe ich im Schlaf, falls Nachwuchsfußballer beim Interviewtraining Textvorlagen brauchen. Die Zukunft vom MSV? Wir wissen, der Verein will in die 1. Liga, und wir sehen, wie alle alles dafür tun. Und es ist gut, dass Peter Neururer nun weiter dabei ist. Ach, und die Saison ist noch gar nicht zu Ende? Lasst doch Peter Neururer noch was dazu sagen, der nimmt kein Blatt vor den Mund. Aber auch der O-Ton von Peter Neururer hätte in meinem Script gestanden. Es sind noch fünf Spiele und der MSV hat nicht vier Punkte Rückstand auf den Dritten in der Tabelle. Drei besser platzierte Mannschaften wollen auch Dritter werden.

Wollten die die Macher nochmal ein bisschen an den Aufstieg erinnern? Sollte schließlich vor langer Zeit mal das Thema der Doku sein, der MSV und sein Versuch wieder aufzusteigen. Und da ist die stets nahe liegendste Frage, geht noch was? Auf den Fan als Zuschauer kann man bei solchen Fragen auf jeden Fall zählen. Denn welcher Fan hört nicht gerne aus des Trainers Munde, was er ohnehin zwar weiß, was aber immer noch die heimliche Hoffnung einfärbt? Ist schließlich der Trainer, der erst realistisch die Lage klärt und dabei ohne wirklich etwas zu sagen, doch vage etwas Zukunft aufscheinen lässt. Wie gesagt, Medienprofi ist Peter Neururer auch, und es deutet sich an, die Macher der Doku wissen, wen sie zur Not fragen müssen, damit noch irgendwas geht. Für sie selbst und weniger für den Verein aller Vereine.

Großstadtfans im Kleinstadtstadion

Es ist Zufall, dass ich an zwei Wochenenden nacheinander empörte Erzählungen über Polizeigewalt gegen Fußballfans höre und lese. Letztes Wochenende, am Kommunionssonntag in Paderborn, war nämlich auch das zu dem Tag vorletzte Heimspiel des SC Paderborn gegen den 1. FC Union Berlin immer noch ein Thema, weil nach diesem Spiel die Polizei die Berliner Fans eingekesselt hatte, anscheinend wahllos Pfefferspray einsetzte und die Gewalt eskalierte. Schnell gegoogelte Berichte gibt es journalistisch hier und blogwärts hier.

Heute lese ich nun vom Gewaltnachspiel für viele MSV-Fans, die in Ahlen waren. Nicht nur die zahlreichen Kommentare ergeben ein etwas anderes Bild gegenüber dem Polizeibericht, auch hier findet sich eine Art Gegendarstellung zur offiziellen Sicht der Dinge. Gleichwohl gibt es auch Kommentare, in denen zu allererst mehr Selbstkritik bei den Fans gefordert wird.

Das große Thema der Diskussion scheint aber die Verhältnismäßigkeit der Polizeigewalt zu sein. Gewalt ist nämlich eine viel kompliziertere Sache als es ihr sichtbarer Ausdruck nahe legt. Wenn man Gewalt aus einer Gruppe heraus unterbinden will, geht das nicht mit Kollektivmaßnahmen, wenn die Gewalttäter in der Gruppe eine Minderheit sind.  Solch eine Maßnahme provoziert vielmehr die Solidarisierung der unbeteiligten Mehrheit mit der Minderheit.

Ich war nicht vor Ort, aber wie es an jedem Spieltag zwei Tore auf dem Spielfeld gibt, kommen ohne Frage immer auch Fans zum Spiel, für die Randale jederzeit im Bereich des Möglichen liegt. An manchen Tagen vielleicht sogar so sehr, dass ohne diese Gewalt dieser Tag ein verlorener Tag für sie wäre. Dass sie für diese Gewalt dann immer einen Grund nennen können, legitimiert im Gegensatz zur Meinung von Kommentatoren des oben verlinkten Artikels gar nichts. Mit solcher Gewalt setzt sich die Polizei seit Jahren auseinander.

Angesichts des zufälligen Zusammentreffens beider Polizeiaktionen in der Provinz kommt mir aber der Gedanke, dass es dort in der Provinz weniger um Gewaltverhinderung ging als um die Behauptung von Macht und symbolischer Territorialherrschaft. Bei solchem Aufeinandertreffen von Großstadtverein und Kleinstadtverein unterhalb der Bundesliga scheint es oft auf beiden Seiten Haltungen und Selbstbilder zu geben, die der Gewalt förderlich sind. Selbst wenn die Polizisten selbst nicht aus der Kleinstadt kommen, sie kommen vielleicht aus der Region und handeln stellvertretend für den Stolz der Region. Da geht es nicht einfach darum, zu verhindern, dass irgendwelche Idioten Steine schmeißen oder Busse demolieren. Da geht es darum, Fremde dafür zu bestrafen, dass sie die Ruhe vor Ort stören. Umgekehrt gibt es bei den Fans nicht selten Hochmut und Arroganz gegenüber der Kleinstadt. Die dort lebenden Menschen werden belächelt und über die Gegebenheiten dort macht man sich lustig. Als ich in der Aufstiegssaison 2006/2007 zu dem vorentscheidenden Spiel mit in Paderborn war, begegnete ich dieser unerträglichen und eigentlich nicht minder provinziellen Arroganz in fortwährenden Spötteleien über die dortigen Verhältnisse. Auf so etwas muss eine Einsatzleitung der Polizei achten, um bei solchen Spielen von Großtstadt gegen Kleinstadt deeskalierend wirken zu können. Und da die Polizisten der Einsatzleitung ja wohl meist in der Kleinstadt zu Hause sind, beißt sich spätestens hier die Katze womöglich in den Schwanz.

Eine moderne Angst? Der Minderwertigkeitsverlust

Man kennt Peter Neururer als einen Mann, der sich jeder einzelnen seiner Fähigkeiten und Eigenschaften sehr sicher ist. Eine dieser Eigenschaften war ihm allerdings in seiner ganzen Karriere keine Rede wert. Es blieb Bernd Bemann vorbehalten,  in diesem Artikel über den MSV in der Rheinischen Post auf jenen lange verschwiegenen Persönlichkeitszug hinzuweisen:

An Minderwertigkeitsverlust leidet der Fußball-Lehrer nun wirklich nicht.

Ich mag solche schiefen Sätze. Sie sind komisch, überraschend und bringen das Denken in Gang. Denn wenn man sich nur diesen laut Google im deutschsprachigen Raum einzigartigen „Minderwertigkeitsverlust“ ansieht,  sollte man ja geradezu hoffen, dass er möglichst bald eintreten wird. Aber wenn das dann Leiden nach sich zieht, wird das wohl nie was mit Peter Neururer und dem dauerhaften Erfolg. Manchmal enthüllen solch schiefe Sätze eine zweite Wahrheit des Gemeinten, eine Wahrheit, die vom Unbewußten gespeist wird. Danke, Bernd Bemann! Ganz ernst gemeint. Und ich hoffe natürlich auf den ganz schnellen Minderwertigkeitsverlust. Keine Frage.

Das neue Verhältnis zum Spiel

So fühlt sie sich also mal wieder an, diese interesselose Neugier auf das Spiel. Beißender Ärger oder großer Jubel sind der stillen Zufriedenheit gewichen, als ich zum Ende der ersten Halbzeit mir kurz den Live-Ticker durchlese und mich danach endlich einmal wieder an Marco Röhling bei Radio DU erfreuen konnte. Ich lese also von der sicheren Führung des MSV Duisburg. Zudem wecken gelbe Karten und die Verletzten bei mir die Vorstellung von ruppiger Zweitligawelt, aber auch von Ungeschicklichkeiten der Spieler und der damit verbundenen Verletzungsgefahr. Letzteres ist nicht ein unfreundliches Vorurteil gegenüber den technischen Fähigkeiten und der Körperbeherrschung der Spieler auf dem Platz, sondern eine Reiz-Reaktions-Kette Pawlowscher Art, die sich in mir über die letzten Jahre hin verfestigt hat und nur durch eine lang andauernde Gegenkonditionierung durch mehrmonatige Beobachtung von sehr gutem Kombinationsfußball durch den Verein aller Vereine wieder aufhebbar ist.

Der MSV gewinnt also, Peter Neururer ist mit der zweiten Halbzeit überhaupt nicht zufrieden und Nicky Adler zeigt anscheinend endlich einmal auch im Spiel, weshalb er neulich einen Vertrag unterzeichnen durfte. Dumm, dass ich das nicht habe sehen können. Ich hoffe, seine Leistung wiederholt sich im nächsten Heimspiel.

So geht es also ruhig ins Wochenende, gleich werde ich noch einmal in die Gerüchteküche hineinschauen. Mal sehen, welche herumschwirrenden Namen da gerade wieder zu schmackhaften Gerichten vorbereitet werden.  Da frage ich mich, ob ich nicht auch einmal das Gefühl genießen möchte, der Urheber eines einzigartigen Gerüchtes zu werden. Sich unsterblich machen mit dem sicheren Wissen aus einer vertraulichen Quelle zur bevor stehenden Neuverpflichtung eines gestandenen, herausragenden Mittelfeldspielers; einer, der angesichts der Wirtschaftskrise und des fast tödlichen Autounfalls eines nahen Freundes erkannte, dass Geld nicht alles im Leben ist. Glücksgefühle wie beim Aufstieg nach einer langen Zweitliga-Saison machen so ein Leben nämlich auf eine ganz andere Weise reicher als es mit Geld jemals möglich wäre.

Das Geheimnis des Vier-Augen-Gesprächs

Überraschung! So hieß es ja, als vorgestern verkündet wurde, Peter Neururer habe nun doch den Vertrag mit dem MSV Duisburg verlängert. Bislang konnte ich mir über die Perspektive dieser Vertragsverlängerung noch gar nicht so richtige Gedanken machen, weil mich immer noch beschäftigte, wie ein Gespräch unter zwei so Ich-zentrierten Persönlichkeiten wie Walter Hellmich und Peter Neururer wohl ausgesehen hat. Ich muss zugeben, es stellten sich da keine Bilder des Bemühens um Verstehen ein. Immer wieder hörte ich im Geiste, wie starke Aussagen aufeinander prallen. Gegenseitiges Fragen kam in diesem von mir vorgestellten Gespräch nicht vor. Irgendwann habe ich mich mit der Erklärung begnügt, dass ich die Beteiligten ja nur durch deren öffentliches Auftreten kenne. Was, wie wir wissen, nicht alle Dimensionen der Persönlichkeit eines Menschen erfahrbar macht. Heute aber lese ich etwas, was  zu meinen Vorurteilen über diese Welt passt. Das Vier-Augen-Gespräch sah ein weiteres Augenpaar, nämlich das von Bruno Hübner. Nun wiederum passt alles zusammen. Was ich von Bruno Hübner im öffentlichen Auftritt erfahre, macht ihn zum idealen Moderator einer solchen Situation. Er wirkt wie jemand, der eher zuhört, als dass er vorschnell eine Meinung kund tut. Seine Sätze klingen fast immer abwägend und nehmen Bezug auf das vorher Gesagte. Keine Selbstverständlichkeit! Wegen seiner Zurückhaltung nach der anscheinend etwas vorschnellen Verkündigung der Vertragsverlängerung war er angesichts der jüngsten Entwicklung in seiner Position öffentlich nicht festgelegt. So bleibt mir die Erkenntnis, Vier-Augen-Gespräche sind von Nutzen, wenn die sozialen Positionen der Beteiligten nicht erst verhandelt werden müssen. Bei komplizierteren Situationen ist es nicht schlecht, zwei weitere Augen dabei zu haben, die das Vertrauen der anderen zwei Augenpaare besitzen.

Das Ergebnis eines Vier-Augen-Gesprächs unter Männern

Auch wenn die Bedeutung des Vier-Augen-Gesprächs für die Entwicklung des Fußballs irgendwann einmal genauer untersucht werden müsste, aus der jüngsten Vergangenheit lassen sich erste Erkenntnisse gewinnen. So wies uns ein bekannter Zeitzeuge auf Verfallserscheinungen dieser Kulturtechnik hin, als unlängst die interessierte Öffentlichkeit gebannt das Oktober-Gespräch zwischen Joachim Löw und Michael Ballack erwartete.

Lothar Matthäus kennt man ja als einen sentimentalen Hüter der Vergangenheit, und so überrascht es nicht, wie er das Vier-Augen-Gespräch früherer Zeiten als große fußballerische Errungenschaft preist.  Mit Teamchef Franz Beckenbauer traf sich der damalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft mindestens einmal pro Woche zu einem vertraulichen Gespräch, so berichtete Lothar Matthäus im Oktober 2008 gegenüber Eurosport und wird schwärmerisch zitiert: „Da ging es um die Mannschaft, die Taktik, die Aufstellung. Davon ist nichts nach außen gedrungen. Es war ein klassisches Vier-Augen-Gespräch“. Dagegen muss in der Gegenwart Verfall festgestellt werden. Zwar dringt noch immer nichts nach außen, aber Joachim Löw und Michael Ballack trafen sich allein zur Krisenbewältigung. Von Klassik keine Spur mehr. Denn offensichtlich ging es nicht um das nächste Länderspiel, sondern um die Hierarchie der Institution Nationalmannschaft.

An all das erinnere ich, weil sich ein Vier-Augen-Gespräch auch Walter Hellmich und Peter Neururer erlaubten. Zu aller Überraschung wurde danach die Verlängerung des Vertrags von Peter Neururer per Handschlag verkündet. Die Unterschrift Peter Neururers soll heute folgen. Nun frage ich mich, ob wir hier das Ergebnis eines klassischen Vier-Augen-Gesprächs Matthäusscher Deutung sehen oder wir eher an die Löw-Ballack-Variante denken müssen. Letzteres wäre mir natürlich nicht so lieb und ich hoffe sehr, dass Walter Hellmich und Peter Neururer heimliche Virtuosen des Konfliktmanagements sind. Hoffen darf man ja immer und es wäre doch zu schön, wenn entgegen all diesem äußeren Anschein die Inhalte nicht alleine zum Hierarchie bestätigenden Zweck gesprochen wurden.

Mitten in Meiderich – Folge 13

Was bisher geschah … „Mitten in Meiderich“ ist die Mini-Doku über den MSV Duisburg. In der ersten Folge hieß es noch, wir begleiten den MSV bei dem Versuch, doch noch aufzusteigen. Die einzelnen Folgen aber sind bislang nicht mehr auf diese starke Grundidee hin ausgerichtet. Einen längeren Erzählfaden gibt es nicht. Das Serielle der Doku baut fast ausschließlich auf die äußere Form der Präsentation und dem unkonkreten Thema „MSV Duisburg“. Deshalb braucht eine jede Folge eigentlich eine einzelne starke Geschichte mit Anfang und Ende.  Wirklich gefunden werden diese Geschichten bislang nur im Ansatz. Deshalb bieten die Folgen ein kunterbuntes Allerlei, das manchmal etwas beliebig wirkt. In diesen Grenzen gewährt „Mitten in Meiderich“ in den besseren Momenten den Blick aufs Tagesgeschäft, der angesichts des Formats natürlich immer etwas flüchtig ist …

Kritisch wollte ich „Mitten in Meiderich“ begleiten und über die Zeit merke ich, wie mir mein Schreiben immer mehr zu einer Art Weiterbildung in Sachen Medienkompentenz gerät. Das geschieht, weil ich mich in der Rolle des tadelnden oder lobenden Kritikers unwohl fühle. Denn gleichzeitig macht sich der Fan in mir immer wieder bemerkbar und will jedem kritischen Wort Einhalt gebieten. Schließlich gefällt es mir als Fan zunächst ungeachtet aller Qualität, dass der MSV Duisburg überhaupt Aufmerksamkeit von einem Fernsehsender erhält. Indem ich also auf Entstehenszusammenhänge verweise und Gezeigtes, wann immer es geht, eher einordne als werte, entgehe ich einerseits dem inneren Konflikt ein wenig und gebe andererseits den Zuschauern damit hoffentlich Mittel an die Hand, Produktionen ähnlicher Art besser einzuordnen.

Für den so entstehenden „Baukasten zur Medienkompetenz“ (Anfragen bitte unter „Kontakt“) ist diese Folge mit ihren 4 Minuten und 55 Sekunden ein gelungenes Beispiel für Etikettenschwindel. Denn aus der beabsichtigten Dokumentation ist unter der Hand Tagesjournalismus geworden, der sich vor allem die Zukunft von Peter Neururer beim MSV Duisburg zum Thema gemacht hat. Mancheiner mag nun denken, warum hat er nun daran wieder etwas auszusetzen, wo er doch die ganze Zeit einfordert, die Doku müsse den Alltagsbetrieb beim MSV Duisburg zeigen? Diese Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten nach der Niederlage gegen Koblenz zwischen Vereinsführung und Trainer sind doch ein gelungenes Beispiel für den Alltagsbetrieb.

Das stimmt grundsätzlich, doch in dem Clip missfällt mir die Perspektive des Gezeigten und das liegt einmal mehr daran, dass den Machern meist das dokumentarische Bewusstsein für ihr Produkt fehlt.  Und damit wären wir wieder beim Thema Medienkompetenz. Von einer Dokumentation, sei die einzelne Folge auch noch so kurz, erwarte ich mehr als Verlautbarungsjournalismus. Folge 13 ist aber nichts anderes als der Versuch der im Betrieb des MSV beteiligten Hauptpersonen, Walter Hellmich und Peter Neururer, sich ein gutes Bild in der Öffentlichkeit zu schaffen. Diesen beiden Personen räumen die Macher den Platz ein, um unhinterfragt ihre Positionen darzustellen. Dazu kommen ein paar Standard-O-Töne von Spielern zu Spielwertung und dem Ausblick auf die Zukunft. Dieser Clip ist wie ein Standardnachrichtenbeitrag der Tagesschau, der den Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.

Auch von einer Mini-Doku erwarte ich etwas anderes. Und nun kommt der entscheidende Moment in Sachen Medienkompetenz. Die Form, in dem wir über die Wirklichkeit erfahren, bestimmt den Inhalt mit. In diesem Fall verleiht das Format Dokumentation dem Gezeigten eine überdauernde Wahrhaftigkeit, die sich in den Aussagen von Walter Hellmich und Peter Neururer aber nicht findet. Sowohl Walter Hellmich als auch Peter Neururer positionieren sich in dem Clip für die zukünftigen Verhandlungen. Die Wahrheit ihrer Worte ist gefärbt durch Interesse und Taktik. Ihre deutlichen Worte darf man in diesem Clip, selbst wenn man zugesteht, dass beide sie für wahr halten, zu diesem Zeitpunkt nicht glauben. Der Überbau Dokumentation macht sie wahrer als sie zu diesem Zeitpunkt sein können. Im Format  Tagesjournalismus wären sie als Momentaufnahme sofort richtig einzuordnen.

Wenn die Macher ihren Anspruch vom Anfang ernst nehmen würden, hätten sie selbst diese Einordnung in diesem Fall vorgenommen. Es bewahrheitet sich wieder, dass die Macher ihre eigene Position innerhalb der Produktion, ihr Verhältnis zum Thema und damit die Perspektive ihrer Berichterstattung immer wieder neu suchen. Das Bewusstsein über diese Position aber bestimmt die Qualität der Bilder. Vielleicht haben die Zuschauer ohnehin längst dieses Versprechen der dokumentarischen Form aus dem Blick verloren und nehmen die Dinge wie sie sind. Wenn sich für mich wie von selbst ein „Baukasten zur Medienkompetenz“ entwickelt, können sich bei den anderen Zuschauern ihre Erwartungen an die Doku doch ebenfalls den Gegebenheiten angepasst haben.

Ganz Deutschland wartet auf Christoph Daums schwulen Fußballprofi-Kumpel

Nach Ostern sind hier ein paar Dinge aufgelaufen, weil ich kaum an den Schreibtisch kam. Austauschschüler fremder Länder bereichern den Alltag zwar, sind ohne Unterstützung durch die Schule in den Ferien aber auch betreuungsintensiv. So komme ich erst jetzt zu der Meldung im Kölner Stadt-Anzeiger der letzten Woche, dass Christoph Daum die Gruppenbesetzung des Kölner „Come together Cups“ ausgelost hat. Dieses Fußballturnier wird von dem „schwulen Fußballclub Cream Team Cologne“ organisiert und soll die „Integration ALLER Minderheiten“ befördern. So eine schwul-lesbische Eigeninitiative ist in Köln seit langem mehrheitsfähig, interessiert Jahr für Jahr ein größeres Publikum und bot Christoph Daum noch einmal die Gelegenheit, jene Haltung zu Schwulen zu bekräftigen, die er öffentlich wirksam wahrgenommen wissen will.

„Für mich ist Homosexualität Normalität“, sagte Christoph Daum, und das klang anders als jene Sätze aus einer TV-Dokumentation vom letzten Jahr, mit denen er sich zwischen Kinder- bzw. Jugendschutz und Klischees über die Sexualität von Homosexuellen verheddert hatte.  Schon damals reagierte er auf die Kritik von unterschiedlicher Seite mit Verweisen auf seine schwulen Bekannten.

„Schwule sind für mich ganz normale Kumpels. Ganz Deutschland wartet auf den ersten schwulen Fußballer“, fügte er hinzu und meinte damit eigentlich einen sich outenden Profi-Fußballer, den er, wenn er zu ihm käme, unterstützen würde. Ganz Deutschland? Nun ja, das lassen wir mal dahin gestellt, aber ich glaube, die Bedingungen, unter denen diese Unterstützung geschehen kann, sollte man sich mal näher ansehen.

Wenn ich nämlich an meine eigenen Erfahrungen im Mannschaftssport unter Männern denke, wird man beim Reden über Schwulsein in der Männerwelt des Sports sehr schnell auch über männliche Körperlichkeit reden müssen. Wer jemals als Mann längere Zeit in einem Mannschaftssport aktiv gewesen ist, kennt diese Momente nach dem Spiel in den Umkleidekabinen oder unter der Dusche mit kleineren Spötteleien auf der Grundlage von Klischees über Schwule. Das hat oft weniger mit Ressentiments gegenüber schwulem Leben zu tun als mit der Unsicherheit gegenüber Intimität und Körperlichkeit unter Männern. Es hat mit den im männlichen Selbstbild verankerten Möglichkeiten zu tun, wie sich Männer nackt begegnen können, im besonderen Fall dort, wo der Wettbewerbsgedanke gerade noch lebendig gewesen ist. Es geht um Entblößung, sich verletztlich zeigen und den Möglichkeiten, das alles ohne Scham auszuhalten. Humor spielt dabei keine kleine Rolle. Wenn Christoph Daum also einen schwulen Profifußballer innerhalb seines Kaders unterstützen wollte, würde ich ihm raten, den betreffenden Fußballer in seinem Sinn für Witz und Humor zu bestärken. Weil Umkleidekabinen und der Fußballplatz ein halbprivater Raum sind, gelten hier andere Regeln als beim Reden in der Öffentlichkeit. Da nutzen Tabus wenig, weil das Reden über Schwulsein meist ein Symptom für etwas anderes ist. Dieses Andere wird sich einen Ausdruck suchen, und es wäre nicht nur für den Erfolg der Mannschaft besser, dass so etwas nicht verdeckt geschieht.

Dass diese Unterstützung im Mannschaftskreis noch die einfachere Aufgabe wäre, versteht sich von selbst. Für einen sich outenden Profifußballer wäre es die Herkulesaufgabe, dem Publikum in dessen düstersten Momenten zu begegnen. Da bräuchte die Unterstützung von Christoph Daum ein wenig Unterstützung vom DFB. Und selbst dann müsste so ein bekennender schwuler Profifußballer schon eine ziemlich dicke Haut haben, wenn man sieht, was trotz aller Anti-Rassismus-Kampagnen farbige Spieler immer wieder hören müssen. Dennoch haben Christoph Daums öffentlich Sätze natürlich ihren Sinn. Sie sind Ziegelreihen in einer Brandmauer gegen diskriminierenden Schwachsinn und das sogar ungeachtet der Frage, was man sonst so von Christoph Daum hält.

Die Erstkommunionfeier vom MSV Duisburg

Wenn ich jetzt von einer Erstkommunionfeier in Paderborn zu erzählen beginne, bedeutet das keineswegs, dass das Spiel vom MSV Duisburg gegen TuS Koblenz hier nur am Rande interessiert. Ganz im Gegenteil, beim obligatorischen Essen im Restaurant konnte ich etwa auf der Toilette das 1:0 bejubeln. Auf der Toilette deshalb, weil dort WDR 2 vor sich hindudelte und die Schwingungen des Jubels im Stadion mich anscheinend so erreichten, dass ich genau zur Verkündung der 1:0-Führung diese Toilette betrat. Unnötigerweise! Einfach nur, um mal Pause vom Tafelgespräch zu machen. Da ich nicht rauche, gebe ich in solch einem Fall einer notwendigen Auszeit gerne vor, ich gehe mal eben … Jeder hat da Verständnis.

Den enttäuschenden weiteren Verlauf habe ich dann einmal mehr nur am Live-Ticker bei der zweiten Kommunionfeier mitbekommen, zu der wir ebenfalls eingeladen waren. Man sieht, unsere Verbindungen nach Paderborn sind nicht nur zahlreich sondern die katholische Kirche dort hat noch einigen Einfluss auf das alltägliche Leben. Über den Live-Ticker-Text als Puffer zwischen dem Geschehen und meinem Erleben bin ich heute allerdings recht froh, wenn ich lese, wie enttäuschend das Spiel gewesen ist.

Ich möchte hier keine religiösen Gefühle verletzten, aber anscheinend haben die Zuschauer im Stadion und ich gestern in Paderborn etwas ähnliches gesehen. Bei der einen Kommunionfeiern war ich nämlich in der Messe und hatte den Eindruck, einem Geschehen beizuwohnen, bei dem nicht alle Teilnehmer so genau wussten, was da ihre Aufgabe ist und wie sie selbst als Persönlichkeit für das abstrakte Ziel des Geschehens einzustehen haben. Ob es nun um „die letzte Chance für den Aufstieg“ (Peter Neururer) oder um den „Beginn einer neuen Gemeinschaft mit Gott und der Kirchengemeinde“ (Paderborner Pastor) geht, beides verlangt neben der inneren Haltung auch das Wissen um Abläufe. In der Kirche habe ich jedenfalls viel Aufregung gesehen und stetes Bemühen aller Beteiligten. Dennoch scheiterten sowohl Kinder als auch zusehende Erwachsene an der Aufgabe, sich sowohl auf den von der Kirche vorgesehen religiösen Wert der Feier zu konzentrieren als auch sicher, die verlangten rituellen Handlungen zu erfüllen. Der Pastor fühlte sich sogar in der Pflicht, als eine Art Einpeitscher des richtigen Glaubens aufzutreten und erinnerte eindringlich an den Sinn der Kommunionfeier. Es gab einen in den Kirchenbänken ausgelegten Ablaufplan der Messe mit dem schriftlich festgehalten Sinn der Feier als Motto. Alles das nutzte nur bedingt und in der gemeinschaftlichen Feier rückten die Kinder als Einzelne in den Vordergrund und wussten Erwachsene nichts von den Abläufen in der Gemeinschaft. Ganz zu schweigen vom weltlichen eventhaften, das sich als Atmosphäre über die Feier zog.

So kommt es mir vor, als sei ich gestern doch bei der Niederlage anwesend gewesen. Nun von Planungssicherheit zu sprechen, wirkt auf mich völlig unpassend. Planungssicherheit heißt für mich etwas mehr als die Gewissheit, der MSV Duisburg spielt in der nächsten Saison erneut in der 2. Liga. Zur Planungssicherheit gehört für mich auch ein professioneller Umgang mit der Niederlage, sich sachlich anzusehen, wo die Verantwortlichen des Vereins stehen, was sie sich wünschen und wie das zu erreichen ist. Die heutige Berichterstattung über die Zukunft von Peter Neururer beim MSV Duisburg lässt mich allerdings Böses ahnen. Was ich als Bericht aus dem Verein lese, vermittelt den Eindruck, dass nun nicht sachlich die Zukunft beredet wird. Wieder werden die Sachfragen mit allerlei Nebenbemerkungen gewürzt, die Rückschlüsse auf persönliche Befindlichkeiten lassen. Diese persönlichen Befindlichkeiten von Walter Hellmich und Peter Neururer scheinen die Professionalität des weiteren Ablaufs zu bedrohen. Wo Bruno Hübner dabei positioniert ist, wird nicht ersichtlich. Schweigen wollen wir darüber, wie die Vertragsverlängerung bislang in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. All das bereitet mir Sorge und ich merke eine leichte Gereiztheit. In solche einem Zustand beginne ich jeder Meldung vom MSV Duisburg zu misstrauen. Denn eins und eins ist in diesem Verein manchmal aus irgendeinem mir unersichtlichen Grund doch drei.

Mitten in Meiderich – Folge 12

Was bisher geschah … „Mitten in Meiderich“ ist die Mini-Doku über den MSV Duisburg. In der ersten Folge hieß es noch, wir begleiten den MSV bei dem Versuch, doch noch aufzusteigen. Die einzelnen Folgen aber sind bislang nicht mehr auf diese starke Grundidee hin ausgerichtet. Einen längeren Erzählfaden gibt es nicht. Das Serielle der Doku baut fast ausschließlich auf die äußere Form der Präsentation und dem unkonkreten Thema „MSV Duisburg“. Deshalb braucht eine jede Folge eigentlich eine einzelne starke Geschichte mit Anfang und Ende.  Wirklich gefunden werden diese Geschichten bislang nur im Ansatz. Deshalb bieten die Folgen ein kunterbuntes Allerlei, das manchmal etwas beliebig wirkt. In diesen Grenzen gewährt „Mitten in Meiderich“ in den besseren Momenten den Blick aufs Tagesgeschäft, der angesichts des Formats natürlich immer etwas flüchtig ist …

Dem Projekt „Mitten in Meiderich“ begegne ich in jeder Woche von Neuem grundsätzlich mit Wohlwollen. Das sollte trotz meiner Kritik hoffentlich deutlich geworden sein. Ich wollte mich auch mit weniger zufrieden geben als dem, was die Macher der Doku am Anfang versprochen hatten. Doch auch innerhalb dieser immer wieder genannten Grenzen möchte ich etwas sehen, was ich nicht kenne und was mir am besten zudem etwas über den Fußball beim MSV erzählt. Nach dieser Folge ging mir aber nun zum ersten Mal durch den Kopf, hätte ich mir nicht vorgenommen wöchentlich zur Doku etwas zu schreiben, wäre ich sicher nicht schon am nächsten Dienstag wieder auf der DSF-Seite.

Auch in Folge 12 erfahre ich weder über den Fußballbetrieb beim MSV etwas noch lerne ich einen der Spieler näher kennen. Zwar wurde mit Olivier Veigneau eine Art B-Promi-Beitrag eines Boulevardmagazins nachgestellt, Thema: der Franzose und das Essen, doch blieben diese Bilder so klischiert und so vorhersehbar, dass es auch jeder andere MSV-Spieler hätte sein können mit ähnlichen Sätzen zu Currywurst in Duisburg, zu Ratatouille im Hotel „Duisburger Hof“ oder zu den eigenen Kochkünsten. Ein Rentner wurde dann am Rand des Trainingsgeländes vor dem Spiel gegen St. Pauli um seine Meinung zu den Aussichten des Vereins gebeten, und die hat er natürlich gewohnt rentnermäßig putzig zum Besten gegeben. Ich vergaß noch den Anfang mit einer Impression aus der Umkleidekabine auf dem Traininigsgelände. Wir wissen nun, MSV-Profis mögen im Gegensatz zum Funktionsteam den deutschen Schlager weniger. Und zwischendurch sehen wir Peter Neururer, der sattsam bekannte Sätze formuliert über die Notwendigkeit der Vertragsverlängerung von Olivier Veigneau und die Möglichkeit am Ende doch noch auf Platz zwei oder drei zu landen.

Dieses Mal macht sich das fehlende  Konzept im Sinne einer langfristigen Dokumentation doch wieder störend bemerkbar, da die Perspektive innerhalb der Folge schwankt und statt des Betriebsalltags am Trainingsplatz plötzlich die vermeintliche Tagesaktualität in den Vordergrund rückt. Das Thema Vertragsverhandlung und Veigneau war längst abgehandelt, jedes Wort dazu war überflüssig.

Nach Folge 11 dachte ich, die Belanglosigkeit der dort zu sehenden Inhalte hätte etwas mit der Niederlage gegen Mainz zu tun. Heute beginne ich zu fürchten, es fehlt den Machern der lange Atem, um sehenswerte Inhalte bis zum Ende der Saison zu finden. Da gehen entweder die Ideen oder die Bilder aus. Dabei gibt es noch genügend Spieler im Kader, die noch nicht im Zentrum einer Folge standen. Gleichzeitig will ich das aber gar nicht wirklich schreiben, spüre ich doch nach dem Satz ein leichtes Unbehagen. Zwischen Form und Inhalt solcher Medienprodukte gibt es ja immer Wechselwirkungen. Nicht dass die Qualität der Doku am Ende zurückwirkt auf die der Mannschaft? Nein, das wird so nicht kommen. Es wird den langen Atem bei Doku und dem Verein aller Vereine gleichermaßen geben, denn noch sind die Punkte in sieben Spielen zu vergeben.


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