Saison 2008/2009 – 26. Spieltag FSV Mainz 05 (H)

Mir hat die Niederlage vom Freitagabend nicht die Sprache verschlagen. Ich komme nur erst heute an den Schreibtisch in Köln, nachdem ich noch einen weiteren Tag „tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“, verbracht habe. So fügt sich das Zustandekommen dieses Textes nahtlos an das Spielgeschehen vom Freitagabend an. Nichts drängte, kaum etwas musste schreibend verarbeitet werden, es war wahrscheinlich die am wenigsten bewegende Niederlage, die ich seit langer Zeit miterlebt habe. Meine innere Unruhe verpuffte am frühen Freitagabend innerhalb kürzester Zeit, und ein Spiel nahm seinen Lauf, das bis ungefähr zur 70. Minute jede Emotion im Keim erstickte.

Zunächst habe ich zum ersten Mal in diesem Jahr trotz aller vorherigen gegenseitigen Beruhigungsversuche bei der Einordung der Wichtigkeit des Spiels einen leicht nervös wirkenden MSV gesehen, der nur schwer ins Spiel fand. Mainz wirkte zu Beginn wacher, konzentrierter und entschlossener. Diese Entschlossenheit konnte natürlich leichter eine Mannschaft zeigen, die sich ihres perfekten Verteidigungsspiel sicher ist. Die Bewegung ohne Ball ist zudem allemal leichter zu bewerkstelligen als die mit dem Ball. Und wenn dann in der Vorwärtsbewegung der gegnerischen Mannschaft die Balleroberung klappt, gibt es die Spielräume für den eigenen Angriff. Es sah also so aus, als seien die Mainzer bereit, mit sehr großer Laufbereitschaft einiges für das erwünschte Ergebnis zu tun. Doch nach etwa 16 oder 17 Minuten war der MSV endlich im Spiel angekommen. Ein Gleichgewicht war für ein paar Minuten hergestellt. Bis dahin hatte es auf beiden Seiten keine wirklich zwingenden Aktionen gegeben, und dann folgt ein Strafstoß, der diesem Spiel im Ungefähren mit leichtem Übergewicht der Mainzer völlig entsprach. Auch dieser Strafstoß ergab sich von unserem Platz aus gesehen aus keiner sehr gefährlichen Aktion. Da sah ich eher ein langsames Stolpern nach einem wenig dynamischen Antritt des Mainzer Stürmers. Der Grund für das Stolpern: ein ungelenker Ausfallschritt von Brzenska. Eigentlich eine überschaubare Gefahr. Der Pfiff erfolgt dann, und auch in dem Moment ist die Stimmung noch allerorten unaufgeregt. Auf dem Spielfeld kaum Empörung, auf den Rängen erst allmähliches Begreifen, es geht um einen Elfmeter. Dann die Frage, war das wirklich ein Elfmeter? Man kann es nicht glauben, aber womöglich ist doch was dran. Dumm und ärgerlich.

Ein platzierter Schuss folgt, Starke hält sogar fast noch. Und dann? Ist das Resignation, was da in der Luft liegt? Es bleibt ja eigentlich noch genügend Zeit. Doch das Tor kommt genau in dem Moment, als die Spielweise des MSV ein wenig zufriedener stimmte und man zu hoffen begann, die Mannschaft könne wider des ersten Eindrucks doch noch ein Mittel finden, dem so disziplinierten und einsatzbereiten Verteidigungsspiel der Mainzer etwas entgegenzusetzen.

Denn der Druck auf die Mittelfeldspieler war immens hoch und das blieb so in der ersten Hälfte. Wieder einmal gab es deshalb fast nur die die langen, hohen Bälle auf Kouemaha. Und einmal mehr blieb diese beschränkte Taktik erfolglos. Bodzek, den ich gegen Freiburg noch so hoch gelobt habe, war im Spiel nach vorne völlig überfordert. Was verständlich ist, wenn man sieht, welche Schwierigkeiten schon die technisch versierteren Spieler des Vereins aller Vereine wie Ben Hatira oder Makiadi dieses Mal hatten, den Ball überhaupt nach einem Anspiel zu behaupten. Ein Anspiel vom Mitspieler? Konnte immer nur gerade eben angenommen werden, denn der nächst stehende Mainzer Gegenspieler störte ununterbrochen. Augenblicklich kamen aber ein weiterer Mainzer Spieler hinzu und schließlich noch ein dritter. Ein Verteidigungsspiel dieser Perfektion habe ich in der Saison noch bei keinem Gegner gesehen.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Mainzer mehr zurück. Dennoch gelang es dem MSV nicht, einen ergiebigen Druck aufzubauen. Es blieb bei Einzelaktionen ohne wirkliche Torgefahr. Auch in diesem Spiel sollten die eingewechselten Sandro Wagner und Marcel Heller das Angriffsspiel beschleunigen. Der schnelle Sprint reicht aber nicht aus, wenn mehr als ein Gegenspieler zu übersprinten ist. Dann braucht es Kombinationsspiel.

Schließlich gab es da um die 70. Minute herum diesen Heller-Sprint in den Strafraum, bei dem er zu Boden ging und der Elfmeterpfiff ausblieb. Erst von dem Moment an war mehr Biss im Spiel, erhitzte sich die Atmosphäre in der Mannschaft und auf den Rängen. Mit einem Mal gab es zumindest die Hoffnung auf ein zufälliges Tor, das erst bei solch einer Stimmung wahrscheinlicher wird. Es sollte aber nicht so sein, und im Grunde zeigte dieses Spiel die Grenzen dieses MSV vollkommen auf.

Jeder der Spieler auf dem Feld war für sich bemüht und gegen die stets zustande kommende Übermacht der Gegenspieler im Moment der Ballannahme überfordert. So wird der Siegeswille gelähmt. Und wenn selbst Standardsituationen ohne jegliche Gefahr bleiben, kommt die Niederlage näher und näher, je verzweifelter man versucht, sich dagegen zu stemmen. Da schieben sich alte Fehler in den Vordergrund. Starke etwa mit dem altbekannten Zögern beim Herauslaufen auch in unbedrängten Situationen. Es schien, als ob sich alle neu erworbenen Automatismen wieder verloren hatten und häufig ein störendes Denken für den Bruchtteil eines Moments der nächsten Spielaktion vorausging.

Inzwischen ist es schon Abend geworden, und eigentlich hatte ich den heute morgen begonnenen Text mit dem Abschied vom Aufstieg beenden wollen. Dann blieb mir keine Zeit mehr und nun gibt es die restlichen Ergebnisse des heutigen Spieltages, die es immer noch möglich scheinen lassen, den dritten Platz zu erreichen. Natürlich wünsche ich den Aufstieg, aber diese Mannschaft braucht so viel mehr Qualität im Spielaufbau für das Bestehen in der 1. Liga, dass ich mich frage, woher nehmen? Nüchtern und kühl haben die Mainzer das Spiel gewonnen. So nüchtern und kühl geht mir jetzt auch diese Frage im Kopf herum. Bis ich spätestens am Morgen des Ostersonntags wieder zu spekulieren beginne. Hat Peter Neururer seinen Freund Jörn Andersen eigentlich eine Locke mitnehmen lassen?

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