Gibt es eine Descensumphobie?

Sieht man Leistungen von Fußballspielern zum Ende einer Saison hin, kann schon mal der Gedanke auftauchen, wie schmal der Grat doch ist zwischen der Angst als überlebensnotwendigem Grundgefühl des Menschen und der als behandlungsbedürftig erkannten Phobie. Noch habe ich nirgendwo so etwas wie Descensumphobie als medizinische Klassifizierung der Abstiegsangst gefunden. Allerdings muss ich auch zugeben, die eigentliche Abstiegsangst ist im Gegensatz zu Phobien ja meist wohl begründet. Doch wenn ich den Bericht vom Spiel des FC Augsburg gegen den FC Ingolstadt lese, kommt es mir so vor, als wandele  ein Spieler des FC Ingolstadt auf oben genanntem  Grat gerade ein zweites Mal.

Necat Aygün ist nämlich einer der Spieler in der Vereinsgeschichte des MSV Duisburg, an die sich die sich die meisten Zuschauer trotz seiner wenigen Einsätze sofort erinnern. Denn von den insgesamt acht Spielen für den MSV geriet sein erstes im Februar 2006 zum Desaster. Auf Betreiben des damals neuen Trainers Jürgen Kohler war Aygün in der Winterpause der  Saison 2005/2006 von der SpVgg Unterhaching für eine Ablösesumme von 750.000 Euro als einer der besten Verteidiger der 2. Liga verpflichtet worden. Die Rückrunde begann, der AbstiegsKAMPF war noch fern, auch wenn  die Tabellensituation für den MSV nicht günstig aussah. Gleichwohl gab es am Spieltag zuvor einen 1:0-Auswärtssieg beim VfB Stuttgart zu verbuchen. Nun erwartete der MSV als 16. der Tabelle am 4. Februar den Tabellenletzten 1. FC Kaiserslautern. Tatsächlich schien der Verein weiter Punkte sammeln zu können. Das 1:o schoss Markus Kurth in der 40. Minute. Es folgte in der 62. Minute das 2:0 durch einen von Mihai Tararache verwandelten Elfmeter. Jürgen Kohler wollte in der 73. Minute die Abwehr verstärken und wechselte Necat Aygün für Dirk Lottner ein. Allerdings führte dieser Wechsel innerhalb von neun Minuten zum Ausgleich. Nach sechs Minuten Spielzeit hatte Aygün am Rand des eigenen Fünfmeterraums seinen ersten Ballkontakt. Er entschloss sich den ihn bedrängenden gegnerischen Stürmer trotz der Nähe des eigenen Tores auszuspielen und verlor den Ball. Nur wenige Stürmer lassen sich in dieser Tornähe die sich dann eröffnende Chance entgehen.  Halfar machte da keine Ausnahme. Zwei Minuten später lässt sich Aygün an fast derselben Stelle vom selben Spieler überlaufen und ermöglicht ihm so den Ausgleich.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Drei Monate später hatte sich Jürgen Kohler als großer Irrtum des vertrauensvollen Walter Hellmich erwiesen. Und Aygüns Vertrag wurde trotz dieser Anfangsbürde bis 2009 verlängert, ohne dass er jemals wieder eine Chance hatte, irgendwoanders als in der Zweiten Mannschaft auf dem Platz zu stehen. Schließlich bot sich ihm zu Beginn 2008 in Ingolstadt, dem damaligen Regionalligisten mit Aufstiegsambitionen, eine Perspektive.

Nach dem erfolgten Aufstieg droht dort nun der direkte Wiederabstieg und eine Geschichte scheint sich zu wiederholen:

Necat Aygün war für den FC Ingolstadt stets die 1,92 Meter große Symbolfigur für Zweikampfstärke und Zuverlässigkeit. Der Dazwischenhauer vom Dienst. Doch dann rutschte Ingolstadt auf den Relegationsplatz ab. Seitdem ist der 29-Jährige ein Beispiel dafür, wie der Kampf gegen Abstieg und um Arbeitsplatz aus gestandenen Prachtburschen ganz schnell wackelige Zauderbubis machen kann. Eindrucksvoll zu besichtigen war das am Freitag im Bayernderby im Augsburger Rosenaustadion.

19. Minute: Aygün glänzt an der Strafraumgrenze durch Abwesenheit. 23. Minute: Aygün rutscht plötzlich aus. Augsburgs Angreifer Imre Szabics durfte beide Male unbehelligt auf Torwart Lutz zulaufen – und schoss ihn zweimal an.

Die Stürmer in Liga 2 treffen nur nicht so gut wie damals Halfar.

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