Fußball als die Hoffnung auf das ewige Leben

Es ist die Botschaft des Osterfestes, an die mich das Auswärtsspiel des MSV Duisburg beim  FC St. Pauli gemahnt. Gestern, am späten Abend noch spürte ich diese traurige Beklommenheit, die den Körper durchdringt und dem Leben eine lastvolle Schwere gibt. So ein Geschehen, das dieses Gefühl weckt, wirkt nach einiger Zeit schon nicht mehr bildmächtig und erst wenn man sich der Schwere seiner Gefühle gewahr wird, überfällt einen dieses Geschehen erneut als Erinnerung, verbunden mit einem kurzen Aufbäumen gegen die Wahrheit dieser Erinnerung und dem dann folgenden Sich-Ergeben in das Unausweichliche. Dann ist dieser intensive Moment des frischen Schmerzes wieder da und bei aller Verdrängung, die das Weiterleben erst ermöglicht, erfüllt einen erneut diese Lähmung, das Nicht-Glauben-Wollen und die Ohnmacht gegenüber dem Schicksal. Wir sind wieder dem Tod begegnet. Ich darf das so schreiben. Ich bin so alt, dass ich dieses Gefühl nicht nur vom Fußball her kenne. Der Fußball gewährt uns nur auf eine leichter ertragbare Weise jene Ausblicke auf das Unausweichliche und stärkt damit gleichzeitig den Glauben an das ewige Leben. Denn heute Morgen spüre ich, wie die Lebendigkeit in mich zurückkehrt. Ich feiere den zweiten Tag des Osterfestes. Ich feiere die Auferstehung. Das ist keine Blasphemie, sondern reiner Glaube an das ewige Leben. Es ist ein sehr irdischer Glaube, weil er durch das Wissen vom nächsten Spiel befeuert wird und notfalls hilft der Blick auf die nächste Saison.

Erlebt habe ich das Spiel als Konzentration auf entscheidende Momente. Ein Osterbesuch war es dieses Mal, der es mir unmöglich machte, das Spiel mit Marco Röhlings Reportage zu verfolgen. Ein kurzer Blick auf den Live-Ticker in jener Minute, als das Führungstor für den FC St. Pauli fiel, als mein Anfang des Spiels und als Beginn einer insgesamt vielleicht zweiminütigen Achterbahn-Fahrt der Gefühle. Der nächste Blick auf den Live-Ticker erfolgte nämlich gegen halb vier, vor dem Aufbruch zum Osterspaziergang in der Zündorfer Groov. Der Ausgleich! Die Hoffnung auf mehr, weil ich von überlegenerem Spiel des MSV gegen die kämpferischen Paulianer lese. Die Parkplatzsuche dann bei den bekannten anderthalb Minuten Schlussreportage auf WDR 2. Mein Jubel und meine Freude, als ich den Ton des Reporters höre. Ohne Genaues zu wissen, weiß ich bei diesem Ton eines, der MSV führt. Gebannt folge ich der Erklärung und entspanne mich fast, weil der Reporter ebenfalls ganz entspannt beginnt, das Spiel zusammenzufassen. Und dann plötzlich sein alarmierter Ruf, noch einmal Gefahr. Das geht alles rasend schnell, und schließlich seine Feststellung mit fragendem Unterton. Elfmeter!? Ich fasse es nicht. Vergleichbar einem Unfallschock. Kurz nur die Hoffnung, vielleicht hält Starke. Dann ist es vorbei. Wie gelähmt sitze ich im Auto und weiß nicht mehr, wie ich in diese Parktasche hineingekommen bin. Großes Bedauern der Familie um mich herum. Wenigstens das. Ein paar Blicke aber auch, in denen ich erkenne, da versteht einer nicht, was mich bewegt, weiß aber pietätvoll zu schweigen. Es folgt der Spaziergang zur Minigolfanlage. Aus der bedrückten Stimmung bin ich erst für einige Zeit herausgekommen, als der bei uns weilende französische Austauschschüler feststellt, er habe seine Brille verloren. In dem Moment geht „Lebbe“ erst mal weiter. Denn nun musste gehandelt werden. Die Bedrückung kehrte zwischendurch wieder zurück. Trauern dauert, und Schreiben hilft in dem Fall mindestens genauso viel wie das redende Bearbeiten des Erlebten mit Leidensgenossen und die kurze Aussicht auf das ewige Leben.

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