Großstadtfans im Kleinstadtstadion

Es ist Zufall, dass ich an zwei Wochenenden nacheinander empörte Erzählungen über Polizeigewalt gegen Fußballfans höre und lese. Letztes Wochenende, am Kommunionssonntag in Paderborn, war nämlich auch das zu dem Tag vorletzte Heimspiel des SC Paderborn gegen den 1. FC Union Berlin immer noch ein Thema, weil nach diesem Spiel die Polizei die Berliner Fans eingekesselt hatte, anscheinend wahllos Pfefferspray einsetzte und die Gewalt eskalierte. Schnell gegoogelte Berichte gibt es journalistisch hier und blogwärts hier.

Heute lese ich nun vom Gewaltnachspiel für viele MSV-Fans, die in Ahlen waren. Nicht nur die zahlreichen Kommentare ergeben ein etwas anderes Bild gegenüber dem Polizeibericht, auch hier findet sich eine Art Gegendarstellung zur offiziellen Sicht der Dinge. Gleichwohl gibt es auch Kommentare, in denen zu allererst mehr Selbstkritik bei den Fans gefordert wird.

Das große Thema der Diskussion scheint aber die Verhältnismäßigkeit der Polizeigewalt zu sein. Gewalt ist nämlich eine viel kompliziertere Sache als es ihr sichtbarer Ausdruck nahe legt. Wenn man Gewalt aus einer Gruppe heraus unterbinden will, geht das nicht mit Kollektivmaßnahmen, wenn die Gewalttäter in der Gruppe eine Minderheit sind.  Solch eine Maßnahme provoziert vielmehr die Solidarisierung der unbeteiligten Mehrheit mit der Minderheit.

Ich war nicht vor Ort, aber wie es an jedem Spieltag zwei Tore auf dem Spielfeld gibt, kommen ohne Frage immer auch Fans zum Spiel, für die Randale jederzeit im Bereich des Möglichen liegt. An manchen Tagen vielleicht sogar so sehr, dass ohne diese Gewalt dieser Tag ein verlorener Tag für sie wäre. Dass sie für diese Gewalt dann immer einen Grund nennen können, legitimiert im Gegensatz zur Meinung von Kommentatoren des oben verlinkten Artikels gar nichts. Mit solcher Gewalt setzt sich die Polizei seit Jahren auseinander.

Angesichts des zufälligen Zusammentreffens beider Polizeiaktionen in der Provinz kommt mir aber der Gedanke, dass es dort in der Provinz weniger um Gewaltverhinderung ging als um die Behauptung von Macht und symbolischer Territorialherrschaft. Bei solchem Aufeinandertreffen von Großstadtverein und Kleinstadtverein unterhalb der Bundesliga scheint es oft auf beiden Seiten Haltungen und Selbstbilder zu geben, die der Gewalt förderlich sind. Selbst wenn die Polizisten selbst nicht aus der Kleinstadt kommen, sie kommen vielleicht aus der Region und handeln stellvertretend für den Stolz der Region. Da geht es nicht einfach darum, zu verhindern, dass irgendwelche Idioten Steine schmeißen oder Busse demolieren. Da geht es darum, Fremde dafür zu bestrafen, dass sie die Ruhe vor Ort stören. Umgekehrt gibt es bei den Fans nicht selten Hochmut und Arroganz gegenüber der Kleinstadt. Die dort lebenden Menschen werden belächelt und über die Gegebenheiten dort macht man sich lustig. Als ich in der Aufstiegssaison 2006/2007 zu dem vorentscheidenden Spiel mit in Paderborn war, begegnete ich dieser unerträglichen und eigentlich nicht minder provinziellen Arroganz in fortwährenden Spötteleien über die dortigen Verhältnisse. Auf so etwas muss eine Einsatzleitung der Polizei achten, um bei solchen Spielen von Großtstadt gegen Kleinstadt deeskalierend wirken zu können. Und da die Polizisten der Einsatzleitung ja wohl meist in der Kleinstadt zu Hause sind, beißt sich spätestens hier die Katze womöglich in den Schwanz.

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