Indianer kennen heute Schmerzen

Die zweite Folge der TV-Dokumentation „Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden …“ habe ich nur zur Hälfte sehen können. Ich hatte das Aufnehmen vergessen und schaltete den Fernseher in dem Moment ein, als historische Filmszenen der 60er dem damaligen Fußballlaien mit dem angemessenen historischen Kommentar die Härte des Fußballspiels erläuterten. Das erinnerte mich an ein Thema, das im Königsblog Torsten Wieland unlängst aufgegriffen hatte.

Die gezeigten Spielszenen machen einen Zuschauer des modernen Fußballs auf deutschen Boden sprachlos. Da knallen Körper aufeinander, Beine erhalten schmerzhafte Tritte und die Spieler stehen kurz danach oder augenblicklich wieder auf den Beinen. Sie bewegen sich vorsichtig mit schmerzverzerrtem Gesicht und versuchen ihrem Körper die gewohnte Leistungsbereitschaft wieder abzugewinnen. Nur manchmal kommt der Masseur gerannt mit einem Fläschchen in der Hand.

Zu dem unsäglichen Liegenbleiben ohne Grund hat Torsten Wieland schon alles Notwendige gesagt. Es gibt aber einen interessanten weiteren Aspekt, der mir bei dem Vergleich des Verhaltens von Fußballern beim Foulspiel damals und heute in den Sinn kommt. Es gibt da nicht nur mit dem Zeitschinden eine Art Mode des Umgangs mit der Situation. Schmerz, so habe ich den Eindruck, wurde früher auch anders gefühlt.

Aus der medizinischen Forschung ist ja bekannt, die feststellbare körperliche Ursache von Schmerzen reicht für den medizinischen Befund nicht aus. Die psychischen Prozesse der Verarbeitung erst bestimmen, wie der Schmerz des vermeintlich objektiven körperlichen Zustands vom Betroffenen wahrgenommen wird und damit seine Lebensqualität einschränkt. Mir scheint es offensichtlich zu sein, dass in der Vergangenheit Fußballspieler Schmerzen auf andere Weise psychisch verarbeitet haben als es bei Fußballspieler heute geschieht.  Das hat soziale Ursachen, die zum einen meiner Meinung nach im Männerbild unserer Gesellschaft zu suchen sind. Natürlich müssen Männer immer noch in der Tendenz ein wenig mehr aushalten als Frauen, aber das Weinen von Jungen ist bei den Eltern der Gegenwart inzwischen nicht mehr ganz so verpönt. Der Indianer kennt deshalb auch den Schmerz und darf darunter leiden.

Zum anderen prägte die Professionalisierung des Fußballs das Bewusstsein für den Wert der Gesundheit eines Körpers. Damit meine ich auch den Geldwert. Sowohl der Verein als zeitweiliger Eigner dieses Körpers als auch der Spieler selbst bildeten erst im Verlauf dieses in den 60er Jahren einsetzenden Prozesses ein differenziertes Interesse an der möglichst langfristigen Gesundheit des Körpers aus. Je deutlicher aber ein Fußballer einen Begriff davon hat, dass die Ausübung seines Berufes von der Gesundheit seines Körpers abhängt, desto feiner wird die Wahrnehmung von Schmerz.

Wenn ein Fußballspieler heute also nach einem Foul auf dem Boden liegen bleibt, leidet er manchmal tatsächlich mehr als seine Vorgänger beim gleichen Foul. Ganz häufig aber nervt er eben auch nur mit seinem Bedürfnis das Laienschauspiel „Großes Leiden am tiefen Schmerz“ aufzuführen.

2 Responses to “Indianer kennen heute Schmerzen”


  1. 1 Herr Wieland 19. Mai 2009 um 19:16

    Ob den Fußballer ein hieb mehr schmerzt als beispielsweise ein Rugby-Spieler, der im laufe einer Begegnung eine ganze Menge auf die Socken kriegt, mag sein. Ich denke aber vor allem, dass das Spiel das Leiden fordert.

    Im Fußball ist der Anteil an gepfiffenem Foulspiel, bei dem beide Spieler auf den Füßen bleiben, verschwindend gering. Wer im gegnerischen Strafraum auf den Füßen bleibt, bekommt in der Regel keinen Strafstoß zugesprochen, egal ob ein Foul vorliegt oder nicht.

    Wenn ein Spieler liegen bleibt und leidet, ist die Chance, dass sein Gegner mit Gelb bestraft wird, deutlich höher, als wenn er nach dem Foul gleich aufsteht und weiterläuft.

    Entsprechend hat sich die Fußball-Kultur entwickelt.

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    • 2 Kees Jaratz 20. Mai 2009 um 00:15

      Du hast natürlich recht, in einer Kulturgeschichte des durch Foul verursachten Leids wäre der Pfiff des Schiedsrichters eine weitere Variable. Aber ich wollte ja gerade unterscheiden zwischen tatsächlich empfundenen Schmerz und dem „Schauspiel“. War zugegeben etwas spekulativ und bräuchte etwas Empirie. Zeitzeugenbefragung und Berufsstandserhebung gleichermaßen?

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