Ihr seid das Ruhrgebiet

Frauenfußball, so kommt es mir heute morgen vor, ist bestens dazu geeignet als Beispiel dafür zu dienen, dass es beim Sport nie (!) immer nur um den Sport geht. Es geht immer auch um vieles andere mehr. Manchmal soll der Sport als Großereignis dazu dienen, Missstände einer Gesellschaft zu verdecken. Manchmal fokussieren sich in ihm aber auch soziale Entwicklungen und kann der Sport dazu beitragen, etwas voranzubringen, was auch in anderen Bereichen der Gesellschaft gewünscht wird.

Die Fußballerinnen des FCR 2001 Duisburg wollen für ihre Heimspiele in der Champions League  in die Nachbarstadt Oberhausen ausweichen. Die Betriebskosten der MSV-Arena sind ihnen angesichts vager Einnahmen zu hoch, ein kleineres Stadion, tauglich für die Abendspiele der Champions-League, steht in Duisburg nicht zur Verfügung. Das Niederrheinstadion als Heimat von Rot-Weiß-Oberhausen bot sich daher als Spielort an. In Duisburg wird nun sehr bedauert, dass ein Duisburg repräsentierender, erfolgreicher Verein die Stadt für wichtige Spiele verlässt. Das kann ich verstehen und wohnte ich noch in Duisburg, fehlte mir vielleicht jene Perspektive, die ich als zukunftsweisend empfinde und die man in Duisburg und Oberhausen probeweise einmal einnehmen könnte.

Das Bedauern in Duisburg speist sich ja nicht nur aus der Klage über die unzureichende Beachtung der Fußballerinnen sondern auch aus dem Gefühl, in einer Art Wettbewerb, dem Konkurrenten unnötigerweise einen Vorteil gewährt zu haben.  Wir wissen, städtische Identitäten im Ruhrgebiet sind trotz allen öffentlichen Redens um eine Einheit des Ruhrgebiets sehr lebendig. Für mich bietet nun gerade die Stadionsuche des FCR 2001 Duisburg die Gelegenheit, bei einem alltäglichen Geschehen die Perspektive der Einheit einmal einzunehmen. Probiert aus, wie sich das anfühlt, die Nachbarstadt nicht als Konkurrenten sondern als Partner wahrzunehmen.

Selbstverständlich wandelt sich so etwas wie städtische Identität nur über eine langen Zeitraum hinweg, und die Eliten der Ruhrgebietsstädte gehen da nicht immer mit gutem Beispiel voran, um die als positiv gewertete Idee einer stärkeren Einheit des Ruhrgebiets voranzubringen. Um so wirkungsvoller kann der Perspektivwechsel bei einem so bodenständigen Thema wie dem Sport sein. Sicher müssten beide Städte, das heißt ihre Bewohner, in ihrem Selbstbild etwas aufgegeben. Weil man gewohnte Dinge nun mal nicht gerne aufgibt, müsste gesagt werden, was man stattdessen erhält. Aus meiner Sicht wird in den Städten Handlungsspielraum hinzugewonnen. Und da geht es letztlich um Geld, um die möglichen städtischen Angebote und damit um die Lebensqualität der Bewohner des Ruhrgebiets.

Unabhängig von den genauen Umständen, warum es die Flutlichtanlage im Homberger Stadion noch nicht gibt, stellt sich mir mit dem Kölner Abstand die Frage, muss diese Flutlichtanlage wirklich notwendig sein. Es liegt auf der Hand, dass eine Antwort dann anders ausfällt, wenn die Zusammenarbeit von Duisburg und Oberhausen eine Selbstverständlichkeit wäre. Was gewinnt Duisburg aber hinzu, wenn der Ruhm der Fußballerinnen nach Oberhausen für einzelne Abende abgegeben wird? Eine Flutlichtanlage kostet Geld, und wenn ich die lokalen Gegebenheiten in Duisburg beobachte, kommt es mir so vor, als sei dieses Geld etwa viel besser im geplanten Neubau für Stadtbibliothek und VHS angelegt. Man mag einwenden, da gibt es noch ganz andere unsinnige Projekte in der Stadt. Mir geht es aber nicht um den Wert einzelner Projekte, sondern darum anhand eines Beispiels zu zeigen, warum eine andere Haltung zur Identitätsfrage im Ruhrgebiet ganz konkrete, für die Bewohner der Region  positive Folgen haben kann.

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