Archiv für September 2009

Football against the enemy – Simon Kuper

In künstlich aufgeregten Zeiten wie diesen, bin ich es schnell leid, mich mit so etwas Unbedeutenden wie der Zukunft von Peter Neururer zu beschäftigen. Jeder weitere Gedanke daran scheint mir verschwendete Lebenszeit, und zwar nicht weil mir das Schicksal des MSV Duisburg egal wäre, sondern weil ich nicht das Gefühl habe, Peter Neururer spielt mit offenen Karten. In solchen künstlich aufgeregten Zeiten halte ich es immer für eine gute Idee, sich dem Zeitlosen zu widmen, nämlich dem sehr interessanten, überaus klugen und unterhaltsam geschriebenen, kurzum dem äußerst gelungenen Fußballbuch von Simon Kuper „Football against the enemy“.

Simon Kuper ist ein 1969  geborener Sportjournalist mit britischer Staatsangehörigkeit, dessen Biografie ihn genau genommen zu einem Vorzeige-Europäer macht. In Uganda wurde er als Sohn südafrikanischer Eltern geboren. Die Familie scheint holländische Vorfahren gehabt zu haben, so wuchs Simon Kuper ab dem siebten Lebensjahr in den Niederlanden auf und lebt nunmehr in Frankreich. Das nenne ich multikulturell und weltoffen.

Das mag mit ein Grund dafür sein, dass Simon Kupers Interesse für den Fußball sich auf keine Region beschränkt. Fußball wird überall auf der Welt gespielt und überall sind interessante Geschichten rund um den Fußball zu finden. Kuper war knapp über 20, als er Anfang der 90er Jahre neun Monate durch die Welt reiste und dabei 22 Länder besuchte, einzig mit dem Interesse mehr über den Fußball der jeweiligen Region herauszufinden. Da ging es dann um den Fußball in einer Stadt ebenso wie um den Fußball einer Nation. Als Sportjournalist war er damals noch unerfahren und seine Unsicherheiten dieser Zeit fließen manchmal als humorige Randnotiz in diese spezielle Textmischung aus Essay und Reportage mit ein.

Die Texte dieser Zeit sind keineswegs überholt, sondern zeitlos, weil sie in immer neuen Perspektiven das Funktionärswort Lügen strafen, beim Fußball ginge es immer nur um den Sport. Fußball kann ein Projekt sein, mit der eine Gesellschaft versucht sich zu finden wie in Südafrika oder zu stabilisieren wie in Argentinien. Im Fußball können Politik und Kriminalität zueinander finden dank hoher Verdienstmöglichkeiten mittels Menschenhandel vulgo Vereinswechsel mit Ablösesumme wie in der Ukraine Anfang der 90er. Im Fußball können religiöse Konflikte ihre Fortsetzung finden wie bei Celtic und den Rangers in Glasgow. Kuper erzählt aber auch von einem Fan-Dasein, das die DDR als staatsgefährdend bewertete oder er findet weitere Mosaiksteinchen in der langen Kulturgeschichte der Fußballfeindschaft zwischen den Niederlanden und Deutschland.

Kupers Texte sind auch deshalb zeitlos, weil er die einzelnen Anstöße für seine Geschichten rund um den Fußball immer mit kulturgeschichtlichen und historischen Hintergründen erhellt. Zudem besitzt er einen scharfen Blick für typische Momente des Fußballs.  Was er erzählt, kann an einem anderen Ort in dieser Welt ähnlich geschehen, natürlich regional eingefärbt.  Kuper vergisst nie, dass es im Fußball immer auch um das Gewinnen geht, um das Mitfiebern der Zuschauer und um das, was den Fan am Fußball bewegt. Doch eines erfährt man durch ihn auf unterhaltsame Weise auch, Fußball ist immer mehr als nur dieser Sport. Manchmal verdeckt, manchmal ganz offensichtlich.

Simon Kuper: Football against the enemy. Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009. Aus dem Englischen von Markus Montz. 379 Seiten. € 16,90 (Original: Football against the enemy, Orion Publishing Group, London)

Kreuzbandverletzung bei Sandro Wagner

Was für eine weitere unangenehme Nachricht auf der MSV-Seite an diesem Tag.  Sören Larsen muss also weiterhin im Meisterschaftsbetrieb zu seiner Spielstärke finden. Da bekommt er dann ja viele Gelegenheiten, den dänischen Nationaltrainer zu überzeugen – und natürlich uns hoffentlich einmal zu beeindrucken.

Was bezweckt die Drohung?

Ach, Peter, du machst es einem schwer. Was habe ich mir in Köln anhören müssen, als die Nachricht verbreitet wurde, du wirst Trainer beim MSV Duisburg. Habe ich da irgendwas gegen dich gesagt? Im Gegenteil, ich habe deine von mir vermuteten Qualitäten verteidigt und je öfter ich die beschrieb, desto mehr Fans deiner früheren Vereine unter meinen Freunden stimmten mir zu. Sicher, dein Umgang mit den Medien ist nicht nach meinem Geschmack und deine Selbstdarstellung scheint mir manchmal etwas zu, wie soll ich sagen?, großmundig?, aber jeder Jeck ist eben anders.

Doch diese Drohung mit deinem Rücktritt jetzt, das ist der erste große Klops, den du dir leistest. So eine Nachricht und nicht deine Urlaubsfotos auf der Harley macht es einem Fußballanhänger in Deutschland so schwer, die Seriösität deiner Arbeit als Trainer zu verteidigen. Was ist da in dich gefahren? Hast du keine Lust mehr und willst uns deinen kommenden Abgang als pädagogische Maßnahme verkaufen? Können wir uns einen Lehrer vor der Klasse vorstellen, der den Schülern sagt, wenn ihr die nächste Arbeit nicht allesamt mindestens zwei schreibt, komme ich demnächst nicht mehr wieder? Da müssen die Schüler ihren Lehrer aber sehr, sehr schätzen, um nicht zu sagen, ist mir doch egal, soll er doch bleiben, wo er ist. Da müssen die Schüler aber sehr, sehr intensiv glauben, nur dieser eine Lehrer wird uns die besten Zensuren ermöglichen, die wir für die Zukunft in unserem Leben brauchen. Und das müssen sogar auch alle die glauben, deren Lieblingslehrer seit letztem Jahr in der Parallelklasse unterrichtet.

Können wir uns die Fußballprofis des MSV Duisburg als solche Schüler vorstellen? Ich kann das nicht. Nehme ich meine spontane Reaktion auf deine Drohung, dann sehe ich den emotionalen Zusammenhalt der Mannschaft schwer gefährdet. Die Spieler sind sich nämlich darüber im klaren, dass sie schlecht gespielt haben. Und dann kommt der Trainer mit der schwarzen Pädagogik des Liebesentzugs und sagt, mit dieser ganzen Schande habe ich nichts zu tun. Wenn mein Sohn mir schuldbewusst gegenüber steht und ich meinen Ärger über das, was mir nicht gepasst hat, nicht kontrolliert bekomme, dann sitzt da bald ein trotziger Jugendlicher, der sich gegen mein Schimpfen und Wüten wehren muss.

Die Spieler des MSV sind nun schon etwas älter, aber sich emotional schützen, das  werden auch sie machen. Das wollen nämlich alle Menschen bis zum letzten Atemzug, wenn ihr Seelenheil aus dem Gleichgewicht gerät. Drohen kann man nur jemanden, der die in der Drohung angekündigten Folgen als unangenehm ansieht. Alles andere ist reines Wortgeklingel. Ich glaube nicht, dass deine Drohung mit Rücktritt deine Spieler sonderlich erschreckt. Ich glaube auch nicht, dass du selber an die Wirksamkeit deiner Drohung glaubst. Ich glaube eher, du arbeitest an dieser Stelle auf eigene Kappe Rechnung. Was keineswegs heißt, du wirst deine Arbeit als Trainer vernachlässigen. Und das bedeutet auch nicht, dass deine Mannschaft im nächsten Spiel nicht doch Erfolg haben könnte. Aber wirklich einig sind wir uns in diesem Verein nun erst mal alle nicht mehr.

Eine Freistoßmauer wie das ganze Spiel

Hat man das Zustandekommen dieser Freistoßmauer in der 6. Spielminute gesehen, weiß man, wie das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen gewesen ist. Da pfeift der Schiedsrichter einen Freistoß für Oberhausen – gefährlich nah vor dem Tor des  MSV. So wirkt es jedenfalls sofort für uns, die wir direkt auf den Rängen hinter diesem Tor stehen. Während wir noch darüber reden, ob der Pfiff berechtigt war, richtet Björn Schlicke den linken Rand der Mauer aus. Tom Starke winkt, Schlicke rückt. So weit nimmt alles also seinen gewohnten Gang. Doch die neben Schlicke sich zur Mauer aufstellenden Spieler des MSV scheinen weniger beunruhigt zu sein als ich. Vier oder fünf Spieler reihen sich da auf. Allerdings lassen sie kleinere Lücken zum Nebenmann, und es sind so wenige Spieler. Das sieht überhaupt nicht so aus, als wollte diese Mannschaft sich entschlossen  gegen den Freistoß wehren. Das wirkt so, als könnten diese Spieler noch nicht glauben, der Freistoß werde gefährlich. Der Aufbau der Freistoßmauer  geschieht alles andere als zupackend und kontrolliert.

Deshalb ist der Oberhausener Spieler, der sich im Abstand von etwa einem Meter rechts neben die Mauer stellt, augenblicklich auch eine Gefahr für die Statik der Mauer. Da geht dann der rechts, als letzter in der Mauer stehende MSV-Spieler zum Oberhausener Gegner hinaus.  Damit wird doch keine gefährliche Freistoßoption unterbunden. Da entsteht eine für den Schützen verführerische Lücke. Diese Mauer ist eher Zielhilfe für den Schützen, als dass sie Verteidigungsbereitschaft ausstrahlt. Eine Mauer ist doch nicht einfach nur ein Wall aus Körpern, um den Schuss aufzuhalten. So eine Mauer dient doch auch der Verunsicherung des Schützen, ehe er den Freistoß ausführt. Nichts davon ist auf dem Feld zu spüren. Die Körpersprache dieser Spieler in der Mauer machte nicht dem Schützen sondern mir Angst. Zu recht, wie wir wissen. Der Freistoß wurde erfolgreich verwandelt. Würden Häuser mit Mauern der entsprechenden Qualität gebaut, führten Türen im dritten Stock an der Außenwand ins Bodenlose, es gäbe Wände, die nur auf halbe und dreiviertel Höhe hochgezogen wären und die ein oder andere tragende Wand fehlte mit Sicherheit ebenfalls. Diese Freistoßmauer ist ein Sinnbild für das gesamte Spiel.

Schon in den ersten sechs Minuten schaffte es diese Mannschaft, sich durch Fehlpässe und Fehler bei der Ballbehandlung zu verunsichern. An das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach erinnerte nichts mehr, und das hatte wenig mit dem Gegner zu tun. Die Mannschaft des MSV stand von Anfang an anders auf dem Platz als in Mönchengladbach. Den entschlossen auftretenden Oberhausener Spielern wurde nicht ebenso entschlossen entgegen getreten. Dabei ging es erst einmal nur darum, sich in Zweikämpfen zu behaupten. Noch ging es gar nicht um Spielzüge und Spielaufbau, es ging um die Präsenz  jedes Spielers. Diese Präsenz blitzte später immer mal wieder in einzelnen Momenten auf, verpuffte aber ebenso schnell wieder in genau diesem einzelnen Bemühen, weil an anderer Stelle gerade wieder was schief lief. Für solche Spiele scheinen die Strukturen zu fehlen, auf die sich die Mannschaft zurück ziehen kann, um Sicherheit zu gewinnen.

Es ist nun so deutlich geworden, diese Mannschaft kann das Mittelfeld im langsamen Spielaufbau nicht überbrücken. Diese Mannschaft gelangt nur in die Nähe des gegnerischen Strafraums, wenn ein Angriff schnell vorgetragen werden kann. Warum, so frage ich mich deshalb,  zeigt diese Mannschaft nicht wie alle bislang von mir gesehenen Gegner nach der Balleroberung im Mittelfeld ein schnelles Spiel über die Außenbahnen? Warum wird trotz der Schwächen beim langsamen Spiel das Tempo so oft nach Balleroberung verschleppt? Das verstehe ich nicht und hätte es gerne von Peter Neururer erklärt.

In den letzten zwei Tagen ist über die Leistungen der einzelnen Spieler schon viel geschrieben worden. Allmählich kennen wir ihre Schwächen. Ben-Hatira war bemüht, aber ohne Auge für die Mitspieler und verrannte sich dieses Mal meist im Dribbling, gerne auch über die Außenlinie. Gleiches gilt für Caiuby. Bodzek spielt zurzeit immer wieder den eröffnenden Pass für den nächsten gefährlichen Angriff  – allerdings für den des Gegners.  Larsen läuft als Wiedergänger unseres Sturms von vor einem Jahr über den Platz. Ohne Timing beim Kopfballspiel wie Sandro Wagner seinerzeit und antrittsschwach wie damals Dorge Kouemaha. Was angesichts der Entwicklung beider Stürmer für die Rückrunde hoffen lässt. Tifferts Leistungen sind eigentlich immer zumindest solide. Die Verteidigung war einmal mehr oft in Bedrängnis, weil viele Angriffe knapp hinter der Mittellinie endeten. Tom Starke als Rückhalt und so weiter und so weiter. Das kennen wir nun und haben es in Ansätzen auch während der erfolgreichen Spiele gesehen.

Wenn Peter Neururer nach dem Spiel verkündet, er werde von nun an nicht mehr die Hand schützend über seine Spieler halten, dann will ich aber auch hören, was denn die Vorgaben für diese Spieler gewesen sind. Natürlich können nach einem Spiel wie gegen Rot-Weiß Oberhausen einzelne Spieler problemlos mit ihren schlechten Leistungen in den Blick gerückt werden. Mir scheint das aber zu einfach. Schließlich war das nun das dritte Spiel, in dem die gesamte Mannschaft schlecht spielte. Nur wenn ich weiß, welche taktischen Mittel im Spiel hätten angewendet werden sollen, kann ich bewerten, ob sich tatsächlich das schlechte Spiel von einzelnen Spielern zum schlechten Mannschaftsspiel summierte. Fußball scheint zwar ein einfacher Sport zu sein, doch der Erfolg ist abhängig von so vielen Einflussgrößen. Auf dem Spielfeld sehen wir nur einen Teil davon.

Ich-Schwäche bei Niederlagen

So ein abgehobener, altersweiser Quatsch wie heute morgen kommt einem auch nur in den Sinn, wenn der MSV mal gerade nicht verloren hat. Bei allem notwendigen Alltag für die großen Gefühle, solche Niederlagen will ich trotzdem nicht sehen! Kann das wahr sein? Wenn ich die erste Halbzeit nicht den Kampf aufnehme, der mir vom Gegner vorgegeben wird, dann komme ich in der zweiten Halbzeit nur noch mit ganz viel Glück so in das Spiel hinein, dass es die Chance zum Sieg gibt. Dieses Glück hat man aber nicht oft, und dann macht sich um so mehr der mangelhafte Spielaufbau bemerkbar. Morgen mehr!

Eloge auf den Alltag im Niederrheinstadion

Zu den Kreuzworträtselklassikern gehört die Lobrede mit fünf Buchstaben. Das Wort Eloge kenne ich deshalb schon, seit ich mir in den 70ern bei den Großeltern mit Rätseln aus „Freizeit Revue“ oder „Neue Post“ die Zeit vertrieben habe. Als Spezialwissen trage ich das nun ein Leben mit mir herum, ohne es je zu gebrauchen. Heute ist die Gelegenheit daran etwas zu ändern. Der Alltag ist nämlich da, in verschärfter Form sogar Liga-Alltag genannt. Wird dieses Wort ausgesprochen, klingt das bedrohlich. Trockenes Brot statt Scampis und Champagner. Das ist  Unsinn. Meist ist das Brot dann nämlich doch nicht so trocken. Aufschnitt und Käse gibt es dazu. Das schmeckt ebenso gut, zudem ist das warme Essen unterschiedlicher Größenordnung und Qualität nie ausgeschlossen.

Der Alltag hat also viele Gesichter, vor allem aber ist ohne Alltag das Hochgefühl des Glücks vom Dienstag nicht erreichbar. Für diese Explosion der Gefühle müssen wir Fans vorher viel Alltag erlebt haben. Wir gehen regelmäßig ins Stadion, sehen schlechte und gute Spiele und kaufen vor dem Auswärtsspiel schon lange vorher die Karten, ohne zu wissen, welches aktuelle Leistungsvermögen unsere Mannschaft zum Datum dieses Auswärtsspiels hat. Dieses gesteigerte Erleben vom Dienstag ist nur deshalb möglich, weil wir mit großer Sorge nach Mönchengladbach gefahren sind. Einer Sorge, die dem Alltag unseres Fan-Daseins entspringt, einem Alltag, der zwei sehr schmerzhafte Niederlagen gebracht hat. Wir haben eine Anfahrt in Kauf genommen, die für viele von uns, im Stau stehend, länger gedauert hat als geplant. Auch das ist Alltag. Ohne diesen Alltag schwingen wir uns nicht in die Höhen des losgelösten Glücks. Beim Spiel im Niederrheinstadion gegen Rot-Weiß Oberhausen herrscht wieder Liga-Alltag. Bedrohlich ist das nicht.

Etwas Futter für anhaltende Glückseligkeit

Kurz der Hinweis auf zwei Dokumente fürs Medienarchiv der wunderbaren Fan-Momente.  Zum einen ist da der Podcast bei Radio DU mit Marco Röhlings extatischen anderthalb Minuten nach dem Tor. Leider ohne das Tor selbst. Das will ich aber auch und vor allem hören! Hat da jemand in der weiten Welt zufällig was mitgeschnitten?

Und dann ist da versteckt im ersten  Kommentar zu diesem Blogeintrag von Tina ein You-Tube-Clip von Caly. Vom Fanblock aus aufgenommen zeigt er die Einwechselung von Ivo Grlic, das  Tor und alle Begeisterung in der maximalen Jubelwackligkeit, die alles sehr lebendig werden lässt. Vor allem wenn man selbst herumgewackelt hat. Danke Caly! Hier gibt es die abgespeckte Version, bei YouTube gibt´s das Ganze in HD.

Solche Siege tragen weit

Stand das Spielergebnis wenigstens einen Moment lang auf der Anzeigetafel im Borussia-Park? Bin ich als Trophäensammler in Zeiten der Digitalfotografie wegen zu ausdauerndem Jubel ungeeignet oder zog es die Stadionregie vor, dem Heimpublikum den Anblick des Unabweisbaren zu ersparen? Viel Spielzeit hatte es nicht mehr gegeben, damit die Borussia das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal abwenden konnte. Etwa 20 Sekunden? Zu wenig Zeit, um das Ergebnis anzuzeigen?

Was war das für eine Explosion des Jubels in der Gästekurve, und was war das vorher für ein Rufen und Anfeuern. Noch irgendwelche Beschwerden, was die Stimmung angeht? Zehn Minuten vor dem Spielende war so deutlich zu spüren, wie groß die Angst in Mönchengladbach war vor diesem Tor des MSV Duisburg. Auf den anderen Rängen im Stadion wurde es immer stiller, und auf dem Spielfeld wurde die Borussia immer verzagter. Zehn Minuten vor dem Spielende war es in der Gästekurve so deutlich zu spüren, diese Mannschaft des MSV Duisburg dort unten hat jetzt, noch in der regulären Spielzeit, die Möglichkeit das Siegtor zu machen. Immer mehr MSV-Fans wollten den Ball ins Tor schreien. Kaum jemand saß noch.

Zwei (?) Angriffe werden in dieser Zeit ohne große Gefahr auszustrahlen vergeben. Dann folgt in der 90. Minute der Wechsel Ivo Grlic für Änis Ben-Hatira. Kurz der Gedanke ein sinnvoller Wechsel, ein Mann mit Erfahrung für die Verlängerung und das Elfmeterschießen. Das Tempo wird er nach den 90 Minuten der anderen mithalten können. Aber der Angriff läuft schon über den rechten Flügel. Grlic auf Andersen, der zieht in die Mitte, spielt sofort ab zu Larsen und erhält den Ball im schnellen Doppelpass auf Höhe der Strafraummitte zurück, um nun direkt auf das Tor zugehen zu können. Es ist vom Oberrang so klar erkennbar, dass der Weg frei sein könnte zum Tor, wenn dieser Andersen genügend Kraft hätte, um sich von den heraneilenden Verteidigern nicht irritieren zu lassen. Und wirklich, er behält die Laufrichtung. Wann wird er schießen? Jetzt. Jetzt! Doch er läuft weitere zwei Schritte. Das Tor wird immer möglicher. Und dann der Schuss in den rechten Winkel. Der Torwart fliegt vergeblich. Schockstarre der Mönchengladbacher, dann der Abpfiff und eine MSV-Mannschaft, die auf dem Spielfeld erst jubelnd kurz übereinander fällt und dann sofort in die Gästeecke zu den Fans kommt, um einzutauchen in diesen Jubel, der runter aufs Spielfeld schwappt.

Nach so einem Spiel braucht es ein wenig Zeit, bis die Spielbetrachtung etwas sachlicher werden kann. Den ersten Zweck hatte das Spiel für mich schon in der ersten Halbzeit erfüllt. Es war zu erkennen, diese Mannschaft lebte und trat wieder so auf, wie wir es in den ersten Spielen der Saison gesehen hatten. Es waren keine falschen Versprechungen, die Peter Neururer vor dem Spiel verkündet hatte. Seine Mannschaft hatte keine Angst vor diesem Gegner. Allerdings waren auch alte Schwierigkeiten dieser Mannschaft deutlich erkennbar. Das ist zwar zugespitzt formuliert, aber mir kam es nach und nach so vor, jeder Versuch, das Spiel langsam aufzubauen und die gegnerische Abwehr zu locken, wurde zur Gefahr für das Tor des MSV. Jedes schnelle Spiel führt aber auch fast immer zumindest so weit, dass die gegnerische Balleroberung dem defensiven Mittelfeld und der Verteidigung genügend Zeit ließ, sich zu organisieren.

Überlegen spielte Borussia Mönchengladbach allerdings nicht, obwohl die Mannschaft in der ersten Halbzeit die größeren Chancen besaßen. Vor allem im Kommentar der ARD-Zusammenfassung gestern Abend klang da ein deutliches Übergewicht der Borussia an und sorgte auch bei Tina für Empörung. Im Kicker erhält der Spielbericht ebenfalls diese Färbung. Da haben die Journalisten wohl einen Erstligisten-Bonus vergeben.  Dirk Retzlaff auf Der Westen oder Hermann Kewitz bei der Rheinischen Post treffen die Wahrheit des Geschehens da genauer.

Trotz des gelingenden Spiels nach vorne, mangelte es dem MSV in der ersten Halbzeit an Torgefährlichkeit. Mit Änis Ben-Hatira und Caiuby gab es zwar zwei Spieler, die auch auf engem Raum den Ball behaupten konnten. Zudem wurden die Flügel ordentlich besetzt, so dass gleichzeitig auch schnelles Passspiel möglich war. Doch an der Strafraumgrenze war dann Schluss. Da gab es weiterhin, verständlicher Weise, immer wieder Missverständnisse zwischen Sören Larsen und den Mitspielern. Die Flanken erhielt er zudem meist auf einer mittleren Höhe, die auch jeden anderen Stürmer seines Typs vor Schwierigkeiten bei der Annahme gestellt hätte. Änis Ben-Hatira übernahm die ihm aufgebürderte Verantwortung für das Offensivspiel gut, doch behielt er in der ersten Halbzeit noch nicht genügend Überblick. Oft versuchte er den Schuss, wenn er besser hätte abgespielt und umgekehrt. Die Abwehr stand wegen des passablen Offensivspiels dieses Mal nicht so häufig unter Druck. Zumal die Mönchengladbacher keineswegs so passsicher waren wie die Bielefelder im letzten Spiel. Tiago hat sich für mich in die Mannschaft gespielt. Vor allem in der zweiten Halbzeit wirkte er immer sicherer. Die Taktik von Peter Neururer schien also aufzugehen.

In der zweiten Halbzeit kam Borussia Mönchengladbach auf den Platz mit dem Vorhaben, den MSV früher anzugreifen und das Spiel überlegener zu gestalten. Doch das blieb ein kurzer Impuls, weil der MSV sich dreister Weise wehrte, die Rolle der unterlegenen Mannschaft anzunehmen. Um sich tatsächlich ein Übergewicht zu erspielen, hätte die Borussia viel mehr Einsatzbereitschaft zeigen müssen. Ein wenig erinnerte mich diese Mannschaft an den MSV aus dem Spiel gegen Bielefeld. Je länger das Spiel dauerte, wirkte es auf mich so, als müssten die Spieler der Borussia immer aufs Neue innere Widerstände überwinden, um an die Leidenschaft für dieses Spiel heranzukommen. In der zweiten Halbzeit hatte der MSV die größeren Chancen. Einen Kopfball von Änis Ben-Hatira konnte Bailly an den Pfosten lenken und kurze Zeit später konnte Ben-Hatira nach einem Konter sich halblinks durchsetzen und kam frei zum Schuss. Wieder hielt Bailly. Sorgen machte noch einmal ein frei stehender Oliver Neuville, dessen Schuss aber hoch über das Tor ging. Und schließlich näherten sich die letzten zehn Minuten.

Was verschweigt die Stadionregie?

Folgendes war auf der Anzeigetafel im Mönchengladbacher Stadion nach dem DFB-Pokalspiel Borussia Mönchengladbach gegen den MSV Duisburg zu sehen:

2009-09-22 Mönchengladbach A 021

2009-09-22 Mönchengladbach A 022

2009-09-22 Mönchengladbach A 023

2009-09-22 Mönchengladbach A 024

2009-09-22 Mönchengladbach A 026

Die Stadionregie in Mönchengladbach macht durch ihr Verschweigen die Wahrheit nicht ungeschehen:

Borussia Mönchengladbach – MSV Duisburg

0:1

Was für ein Sieg! Ausführlicher geht es auch noch, aber erst morgen früh!

Und nicht nur, weil der Kommentator in der ARD-Zusammenfassung gerade anscheinend bei einem anderen Spiel als ich gewesen ist.

Das ist die Pflicht der Medien

Manchmal ist es ein einzelnes Wort, in dem sich Haltungen offenbaren. In der „News“ auf der Webseite des MSV Duisburg zum DFB-Pokalspiel gegen Mönchengladbach findet sich folgender Satz: „In der Pressekonferenz vor dem Spiel nahm Neururer auch die Medien in die Pflicht“. Was Peter Neururer als an die Medien adressierte Kritik sagte, interessiert hier erst einmal nicht. Dagegen interessiert hier sehr wohl, dass es der MSV Duisburg für richtig hält, diese Kritik sprachlich äußerst ungenau als „in die Pflicht nehmen“ zu bezeichnen.

Mit diesem Wort offenbart sich eine Erwartung von Vereinsseite, der ein Irrtum zugrunde liegt. Es gibt für Journalisten keine Pflicht gegenüber dem MSV Duisburg. Im Idealfall gibt es die Pflicht gegenüber einem journalistischen Ethos, zu dem etwa Wahrhaftigkeit gehört oder auch die Nachvollziehbarkeit der Argumentation und natürlich Unabhängigkeit. Wobei mir klar ist, dass in der Berichterstattung über Fußball, besonders in lokalen Zusammenhängen,  diese Unabhänigkeit etwa ein dehnbarer Begriff ist. Dennoch ist es wünschenswert, dass alle Akteure im Fußballgeschehen diese Spielregeln akzeptieren und wenn sie dagegen verstoßen, sie sich dessen bewusst sind.

Für mich gehören diese Versuche, Journalisten zu instrumentalisieren in die große Abteilung Unterhaltungsbranche Fußball. Doch Fußball ist in dieser Gesellschaft etwas mehr als Unterhaltung und deshalb werden die Kontroll-Mechanismen der Celebrity-Welten von Kino und Fernsehen im Fußball nie ganz funktionieren, selbst wenn es von Vereinsseite immer wieder probiert wird. Der MSV Duisburg versucht das natürlich nicht als einziger Verein, wobei ich  zweifel, ob hinter dem Versuch die öffentliche Meinung zu beeinflussen eine Strategie steht. Auch andere Vereine versuchen eine unabhängige Berichterstattung zu erschweren, wie gestern bei textilvergehen zum 1. FC Union Berlin zu lesen war.

Neben diesen grundsätzlichen Überlegungen weiß ich zudem gar nicht, wen Peter Neururer mit seiner Kritik überhaupt meint, wenn er sagt: „Bei dem ein oder anderen Journalisten habe ich das Gefühl, dass er nur darauf wartet, dass hier etwas schief läuft, um dann ordentlich drauf zu hauen“. Nun lese ich zwar schon viel über den MSV Duisburg aber auch nicht jeden Artikel. Vielleicht habe ich es einfach nicht gelesen, was Peter Neururer missfiel. Vielleicht sind die Sätze aber auch eine Nebelkerze, um den Druck ein wenig von Mannschaft zu nehmen.

Lese ich die geplante Mannschaftsaufstellung für den heutigen Abend, fällt es mir jedenfalls schon leichter, die vergangenen zwei Spiele erst einmal zu vergessen. Die offensive Ausrichtung  zeugt vom Versuch das Selbstbewusstsein zurück zu gewinnen und Caiubys Rückkehr macht Wagners Ausfall erträglich. Und der Gerechtigkeit halber, sei daran erinnert, dass nicht Peter Neururer sondern Thomas Tartemann hier diese Aufstellung „totale Offfensive“ nennt. Eine Formulierung, die natürlich eher Anlass zu Widerspruch gibt als die einfache Feststellung Peter Neururers, wir „möchten dort erfolgreich sein“.

Und noch was zur Erklärung: Auf der Seite vom MSV Duisburg erscheinen einzelnen Texte immer unter der Index-Adresse in der Adresszeile. Anscheinend werden sie nicht mit einer nach außen hin sichtbaren eigenen Adresse geführt. Wenn ich also hier auf bestimmte Seiten vom MSV verlinke, landet man immer erst beim Index und muss die entsprechende Seite selbst suchen.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: