Solche Siege tragen weit

Stand das Spielergebnis wenigstens einen Moment lang auf der Anzeigetafel im Borussia-Park? Bin ich als Trophäensammler in Zeiten der Digitalfotografie wegen zu ausdauerndem Jubel ungeeignet oder zog es die Stadionregie vor, dem Heimpublikum den Anblick des Unabweisbaren zu ersparen? Viel Spielzeit hatte es nicht mehr gegeben, damit die Borussia das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal abwenden konnte. Etwa 20 Sekunden? Zu wenig Zeit, um das Ergebnis anzuzeigen?

Was war das für eine Explosion des Jubels in der Gästekurve, und was war das vorher für ein Rufen und Anfeuern. Noch irgendwelche Beschwerden, was die Stimmung angeht? Zehn Minuten vor dem Spielende war so deutlich zu spüren, wie groß die Angst in Mönchengladbach war vor diesem Tor des MSV Duisburg. Auf den anderen Rängen im Stadion wurde es immer stiller, und auf dem Spielfeld wurde die Borussia immer verzagter. Zehn Minuten vor dem Spielende war es in der Gästekurve so deutlich zu spüren, diese Mannschaft des MSV Duisburg dort unten hat jetzt, noch in der regulären Spielzeit, die Möglichkeit das Siegtor zu machen. Immer mehr MSV-Fans wollten den Ball ins Tor schreien. Kaum jemand saß noch.

Zwei (?) Angriffe werden in dieser Zeit ohne große Gefahr auszustrahlen vergeben. Dann folgt in der 90. Minute der Wechsel Ivo Grlic für Änis Ben-Hatira. Kurz der Gedanke ein sinnvoller Wechsel, ein Mann mit Erfahrung für die Verlängerung und das Elfmeterschießen. Das Tempo wird er nach den 90 Minuten der anderen mithalten können. Aber der Angriff läuft schon über den rechten Flügel. Grlic auf Andersen, der zieht in die Mitte, spielt sofort ab zu Larsen und erhält den Ball im schnellen Doppelpass auf Höhe der Strafraummitte zurück, um nun direkt auf das Tor zugehen zu können. Es ist vom Oberrang so klar erkennbar, dass der Weg frei sein könnte zum Tor, wenn dieser Andersen genügend Kraft hätte, um sich von den heraneilenden Verteidigern nicht irritieren zu lassen. Und wirklich, er behält die Laufrichtung. Wann wird er schießen? Jetzt. Jetzt! Doch er läuft weitere zwei Schritte. Das Tor wird immer möglicher. Und dann der Schuss in den rechten Winkel. Der Torwart fliegt vergeblich. Schockstarre der Mönchengladbacher, dann der Abpfiff und eine MSV-Mannschaft, die auf dem Spielfeld erst jubelnd kurz übereinander fällt und dann sofort in die Gästeecke zu den Fans kommt, um einzutauchen in diesen Jubel, der runter aufs Spielfeld schwappt.

Nach so einem Spiel braucht es ein wenig Zeit, bis die Spielbetrachtung etwas sachlicher werden kann. Den ersten Zweck hatte das Spiel für mich schon in der ersten Halbzeit erfüllt. Es war zu erkennen, diese Mannschaft lebte und trat wieder so auf, wie wir es in den ersten Spielen der Saison gesehen hatten. Es waren keine falschen Versprechungen, die Peter Neururer vor dem Spiel verkündet hatte. Seine Mannschaft hatte keine Angst vor diesem Gegner. Allerdings waren auch alte Schwierigkeiten dieser Mannschaft deutlich erkennbar. Das ist zwar zugespitzt formuliert, aber mir kam es nach und nach so vor, jeder Versuch, das Spiel langsam aufzubauen und die gegnerische Abwehr zu locken, wurde zur Gefahr für das Tor des MSV. Jedes schnelle Spiel führt aber auch fast immer zumindest so weit, dass die gegnerische Balleroberung dem defensiven Mittelfeld und der Verteidigung genügend Zeit ließ, sich zu organisieren.

Überlegen spielte Borussia Mönchengladbach allerdings nicht, obwohl die Mannschaft in der ersten Halbzeit die größeren Chancen besaßen. Vor allem im Kommentar der ARD-Zusammenfassung gestern Abend klang da ein deutliches Übergewicht der Borussia an und sorgte auch bei Tina für Empörung. Im Kicker erhält der Spielbericht ebenfalls diese Färbung. Da haben die Journalisten wohl einen Erstligisten-Bonus vergeben.  Dirk Retzlaff auf Der Westen oder Hermann Kewitz bei der Rheinischen Post treffen die Wahrheit des Geschehens da genauer.

Trotz des gelingenden Spiels nach vorne, mangelte es dem MSV in der ersten Halbzeit an Torgefährlichkeit. Mit Änis Ben-Hatira und Caiuby gab es zwar zwei Spieler, die auch auf engem Raum den Ball behaupten konnten. Zudem wurden die Flügel ordentlich besetzt, so dass gleichzeitig auch schnelles Passspiel möglich war. Doch an der Strafraumgrenze war dann Schluss. Da gab es weiterhin, verständlicher Weise, immer wieder Missverständnisse zwischen Sören Larsen und den Mitspielern. Die Flanken erhielt er zudem meist auf einer mittleren Höhe, die auch jeden anderen Stürmer seines Typs vor Schwierigkeiten bei der Annahme gestellt hätte. Änis Ben-Hatira übernahm die ihm aufgebürderte Verantwortung für das Offensivspiel gut, doch behielt er in der ersten Halbzeit noch nicht genügend Überblick. Oft versuchte er den Schuss, wenn er besser hätte abgespielt und umgekehrt. Die Abwehr stand wegen des passablen Offensivspiels dieses Mal nicht so häufig unter Druck. Zumal die Mönchengladbacher keineswegs so passsicher waren wie die Bielefelder im letzten Spiel. Tiago hat sich für mich in die Mannschaft gespielt. Vor allem in der zweiten Halbzeit wirkte er immer sicherer. Die Taktik von Peter Neururer schien also aufzugehen.

In der zweiten Halbzeit kam Borussia Mönchengladbach auf den Platz mit dem Vorhaben, den MSV früher anzugreifen und das Spiel überlegener zu gestalten. Doch das blieb ein kurzer Impuls, weil der MSV sich dreister Weise wehrte, die Rolle der unterlegenen Mannschaft anzunehmen. Um sich tatsächlich ein Übergewicht zu erspielen, hätte die Borussia viel mehr Einsatzbereitschaft zeigen müssen. Ein wenig erinnerte mich diese Mannschaft an den MSV aus dem Spiel gegen Bielefeld. Je länger das Spiel dauerte, wirkte es auf mich so, als müssten die Spieler der Borussia immer aufs Neue innere Widerstände überwinden, um an die Leidenschaft für dieses Spiel heranzukommen. In der zweiten Halbzeit hatte der MSV die größeren Chancen. Einen Kopfball von Änis Ben-Hatira konnte Bailly an den Pfosten lenken und kurze Zeit später konnte Ben-Hatira nach einem Konter sich halblinks durchsetzen und kam frei zum Schuss. Wieder hielt Bailly. Sorgen machte noch einmal ein frei stehender Oliver Neuville, dessen Schuss aber hoch über das Tor ging. Und schließlich näherten sich die letzten zehn Minuten.

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6 Responses to “Solche Siege tragen weit”


  1. 1 tina 23. September 2009 um 12:05

    Vielen Dank für diese schöne Beschreibung und passende Analyse.

    Ich hatte gesterm Spaß wie schon lange nicht mehr – natürlich vor allem wegen des Sieges. Aber auch weil ich die Stimmung im MSV-Block so genossen habe. So eine Geschlossenheit, so eine Stimmgewaltigkeit habe ich einfach lange nicht mehr erlebt. Ich denke, zu Hause das letzte Mal beim Aufstiegsspiel gegen Rot-Weiss Essen. Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck.

    So kann es weitergehen.

    Hoffentlich gleich am Freitag…

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  2. 2 Herr F. 23. September 2009 um 19:19

    Auch ich bedanke mich für diesen sehr schönen und ausfürlichen Spielbericht. Ich konnte das Spiel leider nur im Radio verfolgen und bin deswegen umso glücklicher, hier nochmal eine andere Sichtweise zu erfahren. Danke!

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  3. 3 Kees Jaratz 24. September 2009 um 05:09

    So gerne geschehen. Was wurde der Abend beim Schreiben wieder lebendig. :-))

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  1. 1 Ein Zebra in der Achterbahn Trackback zu 23. September 2009 um 12:21
  2. 2 Das Bild des Tages, die Stimmung des Abends | Ein Zebra in der Achterbahn Trackback zu 4. März 2012 um 16:38
  3. 3 Für jedes Tor des MSV ein Exemplar von Mehr als Fußball in die Verlosung | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 12. Mai 2017 um 07:52

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