Ein Zeitloch und Änis Ben-Hatiras Leistung

Merkwürdig, ich bin seit einigen Tagen aus der Zeit gefallen. Nicht ganz, aber in einigen Teilen meines Lebens, nicht zuletzt in Sachen Fußball. Da kamen ein paar Sachen zusammen: Länderspiele, die mich nur mäßig interessieren, dazu Herbstferien in NRW, die den Familienalltag durcheinander bringen, außerdem ein paar Buchmessengedanken, alles gemischt mit leiser Herbstmelancholie und schon gibt es in mir sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten gleichzeitig. So sehe ich gestern Peter Neururer auf dem Titelblatt der RevierSport im Kölner Hauptbahnhof und denke, der Ligabetrieb geht weiter. Die erwartete Vorfreude spüre ich nicht.

Der MSV spielt doch in München. Ach, das ist ja gleich schon. In weniger als einer Stunde. Na dann. Ist ja noch was hin. Solche Gedanken gehen mir nicht durch den Kopf, aber wenn ich meinem Gefühl eine Handlung geben müsste, hörte er sich so an, der Dialog zur Handlung. Ob Änis Ben-Hatira eigentlich auch in so einem Zeitloch während des Sommers verschwunden war und deshalb aus dem Tritt geraten ist?

Ich mache mir nämlich Gedanken über den Grund für seine schlechtere Leistung als in der Rückrunde der letzten Saison, seitdem ich ihn im Spiel gegen Arminia Bielefeld gesehen habe. Da kam die Frage zu meiner Meinung über Änis Ben-Hatira von nedfuller aus Hamburg gerade recht, der in seinem Blog zu den ausgeliehenen Spielern etwas schreiben wollte. Was nun in „Damit sie Spielpraxis sammeln“ zu lesen ist, und was ich keineswegs nur deshalb erwähne, weil er meinen Kommentar dort aufgenommen hat. Vielmehr gibt  er bei seiner Sicht auf die Dinge meinem Eindruck eine statistische Grundlage.

Mir kommt es so vor, als glaube Änis Ben-Hatira, beim MSV Duisburg spiele er unter seinem eigentlichen Wert. Der Einfachkeit halber begründe ich diese Meinung mit den an nedfuller geschriebenen Fakten zu dem Ausleihgeschäft: Nichts deutete zum Ende der letzten Spielzeit darauf hin, dass Änis Ben-Hatira daran denkt, den Leihvertrag in Duisburg zu verlängern. Das war ihm von vielen Fans zugestanden worden, war doch noch nicht klar, ob es beim HSV eine Perspektive für ihn gab. Dann gab es das Endspiel bei der U21-Europameisterschaft, wo er sich dem von Wagner angefachten Jubel unter dem Mantel „wir vom MSV“ entzog. Das war schlechter Stil und deutete einige der möglichen Schwierigkeiten bei einer Weiterverpflichtung an. Anschließend wurde von HSV-Seite kolportiert, Ben-Hatira werde angeraten, weiter Spielpraxis bei einem anderen Verein zu suchen. Doch Ben-Hatira erschien trotz weiterhin bestehenden Vertrages nicht zum Training beim MSV. Eines der allmählich beschmunzelten Neururer-Ultimaten ließ Ben-Hatira verstreichen. Die Geschichte schien durch zu sein. Nun wird er in der schon laufenden Saison dennoch wieder per Leihgeschäft verpflichtet. Keine so guten Voraussetzungen, um im Mannschaftsgefüge und bei den Zuschauern wieder anzukommen. Bei diesem Hintergrund muss ein Spieler schon sehr gute Leistungen zeigen, um wieder akzeptiert zu werden. Doch zunächst laufen die Dinge sogar so, dass Ben-Hatira mit dieser Skepsis nicht groß konfrontiert wird. Im Mittelfeld und Sturm fallen Spieler aus und dank seiner individuellen Qualitäten steht Ben-Hatira entgegen der Ansagen von Peter Neururer sofort wieder in der Mannschaft.

Schon im Spiel gegen Bielefeld machte Ben-Hatira den Eindruck, als fühle er sich gegenüber den Mannschaftskollegen in einer überlegeneren Position. Er fühlte sich so stark, um Unwillen zu zeigen und ärgerlich zu sein. Er entdeckte Fehler bei den anderen und suchte sie nicht bei sich. Auch seine viel zu langen Dribblings scheinen mir mit diesem Gefühl zusammen zu hängen, besser zu sein als die anderen. Nur so kann ich mir erklären, warum er im Gegensatz zur letzten Saison sehr viel eigensinniger geworden ist. So lange ist das schließlich nicht her, diese letzte Saison.

Augenscheinlich ist er zwar technisch besser als viele seiner Mitspieler, um eine Mannschaft aber zu dominieren, dazu ist er nicht gut genug. Er braucht seine Mitspieler. Das hat er anscheinend vergessen. So entsteht der Eindruck, ihm fehlt Spielübersicht, sowohl was das mögliche Abspiel zu Mitspielern angeht als auch für die Entscheidung zwischen Schuss und weiterem Dribbling. Auf mich wirkt es so, als überschätze Änis Ben-Hatira seine Leistung. Im Gegensatz zur letzten Saison, wo es eine Möglichkeit für ihn war, sich zu beweisen, scheint er das Ausleihgeschäft dieses Mal als Abstieg zu erleben. Da ist also erstmal wahrscheinlich viel Psychologie gefragt, ehe man sich auf die spielerische Leistung von Änis Ben-Hatira beschränken kann.

Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten in mir führen nun dazu, dass ich hier recht plötzlich ende, weil hier jetzt zum Ausflug aufgebrochen wird. Währenddessen führt 1860 bereits mit 1:0 und Nicky Adler vergibt die erste Chance. Allmählich finden die Dinge in ihren unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu einem Ganzen. Änis Ben-Hatira wäre das auch zu wünschen. Und nochmal: Psychologie ist da mit Sicherheit aber noch gefragt.

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