Archiv für November 2009



Nach kurzen Worten bleibt nur Schweigen

Für einen Moment erstarrte gestern abend die Zeit. Nicht nur ich erlebte das so, als ich von Robert Enkes Tod erfuhr. So erlebten das alle, die Robert Enke näher kennen und kannten. So erlebten das die meisten, die sich für Fußball interessieren und von fern etwas über sein Leben gehört hatten. Aber so erlebten das auch viele Menschen um mich herum, für die Fußball nur hin und wieder von Interesse ist.

Sein Tod wirkt deshalb in den Alltag von so vielen Menschen hinein, weil er, ohne dass es der Öffentlichkeit so deutlich bewusst war, an das Gute in uns Menschen erinnerte. Sein öffentliches Auftreten war so, wie wir es uns für unser aller Miteinander wünschen. Man merkte ihm Respekt an, den er dem Gegenüber entgegenbrachte. Man erfuhr von seiner Nachdenklichkeit und Menschlichkeit. Diese besondere Persönlichkeit hat ihre Kraft offensichtlich über den Kreis des Fußballs hinaus entfaltet – nicht weil ihn jemand zum Vorbild stilisierte, sondern einfach durch sein Dasein.

Die allgemeine Fassungslosigkeit angesichts seines Todes hat nichts mit den Umständen seines Todes zu tun. Sie wird hervorgerufen durch Robert Enkes besondere Persönlichkeit. Mehr Worte gibt es nicht, der Rest ist Schweigen.

Versprechen sind so schöne Worte

Fans werden zufrieden nach Hause gehen, das versprach Milan Sasic, aber das wird schwerer zu verwirklichen sein, als er sich das vermutlich vorgestellt hat. Vielleicht hat er bei seinem Versprechen jene Fans im Kopf gehabt, die ihren Ärger über die Spielweise des Vereins aller Vereine mit dem Klassiker, „Wir wollen euch kämpfen sehen“, herausschreien. Das gellt den Spielern in den Ohren, und ist im Falle des MSV Duisburg dieser Saison leider ein Trugschluss. Wenn es so einfach wäre. Gerade dieser mangelnde Kampf ist den Spielern überhaupt nicht vorzuwerfen, auch wenn die saftlose Spielweise oberflächlich den Eindruck vermittelt. Diese Spieler auf dem Platz wollen kämpfen. Seht sie euch einmal einzeln an und versucht das Spiel außer acht zu lassen. Was seht ihr? Ich bemerke ihren Einsatz sehr wohl. Ich bin auch überhaupt nicht der Meinung, dort Söldner auf dem Platz zu sehen. Diese Spieler wollen etwas geben. Sie geben es nur zur falschen Zeit an der falschen Stelle, weil sie über den Willen zum Einsatz hinaus außerdem glauben, sie besäßen spielerische Mittel, um den Gegner zu schlagen.

Gestern im Spiel gegen Rot Weiß Ahlen lag es nicht an dem mangelnden Willen der Spieler, das Letzte zu geben. Der Misserfolg ergibt sich meiner Meinung nach aus dem Selbstverständnis dieser Mannschaft im Verhältnis zur ihren derzeitigen spielerischen Fähigkeit. Für die spielerische Fähigkeit dieser Mannschaft kam die 2:0-Führung ganz deutlich zu früh. Ab dem Moment der scheinbar sicheren Führung ließ nämlich jener Druck des MSV Duisburg nach, der die Ahlener in ihrer Hälfte hielt. Die Spielanlage der Ahlener veränderte sich ja das ganze Spiel lang überhaupt nicht. Sie suchten mit den immer selben beschränkten Möglichkeiten ihre Chance. Die Ahlener waren schwach, im Sturm ungefährlich und im Mittelfeld ideenlos. Dennoch schwappte das Spiel nach der Führung immer mehr in die Hälfte des Vereins aller Vereine. Der MSV Duisburg wollte das Spiel kontrollieren, doch die spielerische Qualität der Mannschaft ist zurzeit nicht groß genug, als dass sie ohne permanente Anstrengungsbereitschaft ein Spiel sicher beherrschen können. Das Selbstbild dieser Mannschaft ist verzerrt. Deshalb bringt sie dieses Gegentor der Ahlener in der zweiten Halbzeit aus dem Konzept. Diese Mannschaft weiß nicht mehr, was sie überhaupt kann. Diese Mannschaft hat kein gefestigtes Selbstbewusstsein und deshalb bringen Bemühungen einer harmlosen Mannschaft sie in Bedrängnis, wenn diese Bemühungen einfach nicht enden.

Kein Trainer kann auf dieses Selbstverständnis der Mannschaft in wenigen Minuten Einfluss nehmen. Es gab ja die Halbzeitpause. Das war ein Einschnitt, der ein Impuls hätte sein können, um die schon in den letzten zehn Minuten der ersten Halbzeit absehbare Spielweise zu verändern. Das geschah nicht, denn die Gruppe war schon in einer Spielweise verfangen. Da wirken gruppendynamische Prozesse, für deren Änderung es auf der weiten Fläche des Spielfelds mindestens vier Spieler von der Art Christian Tifferts oder Sören Larsens braucht.  Auch Bruno Soares sieht man im übrigen diesen unbedingten Willen an. Allerdings ist er noch zu neu in dieser Mannschaft, um die anderen mitzureißen.

Der MSV Duisburg begann also in der zweiten Halbzeit, wie er in der ersten endete. Die Mannschaft ließ sich zu weit zurückfallen und überließ den Ahlener die Initiative. Der Anschlusstreffer war absehbar und je länger das Spiel dauerte, desto wahrscheinlicher wurde der Ausgleich. Noch einmal, diese Mannschaft funktioniert als Einheit nicht. Deshalb verpuffen die Anstrengungen der einzelnen Spieler. Für mein Gefühl der Enttäuschung macht das keinen so großen Unterschied, warum die Mannschaft das Spiel dem Gegner überließ. Das als Niederlage gefühlte Unentschieden war nun mal  nicht als  heroisches Scheitern einer Mannschaft erlebbar sondern als klägliches Versagen gegen einen eigentlich so harmlosen Gegner. Und das ist tatsächlich schon sehr deprimierend.

Wir älteren Fans konnten gestern übrigens ein wenig in Erinnerung schwelgen. Angefeuert wurde ohne koordinierende Kraft der „Kohorte“. So war das früher im Wedau-Stadion, ein Anfeuern und Rufen, das von unterschiedlichen Fans in einer Gruppe seinen Ausgang nimmt. Dann gerät das nicht ausdauernd und weniger laut, wird aber mehr vom Spielgeschehen getragen. Interessant wie anders das dann ist. Und ebenso interessant, wie sich Fankultur verändert hat, wenn man die Worte der Kohorte liest.  Das aber soll an anderer Stelle Thema sein, weil dazu auch ein paar  grundsätzliche Gedanken über gegenwärtigen Fußball und den MSV Duisburg notwendig sind.

Einmal weiterklicken zum „Multitalent Louis van Gaal“

Wer sich schon immer gefragt hat, wieso gerade Zirkuspferde so musikalisch sind und sich im Rhythmus der Musik durch die Manege kreiseln können, dem sei verraten, die Kapelle orientiert sich in ihrem Spieltempo an den Bewegungen der Pferde, und es ist nicht umgekehrt. Zu diesem Wissen verhalf mir Enid Blyton in Kindertagen, und falls dieses Wissen inzwischen überholt ist, bitte ich um Aufklärung. Sie hatte neben ihren Fünf-Freunde-Büchern und sonstigen Kinderdetektivgeschichten auch einige wenige Kinderromane um einen Zirkus geschrieben, „Schneider-Bücher“, deren Titel ich jetzt gerade nicht weiß und an die ich durch einen herrlichen Videoclip mit Louis van Gaal erinnert wurde, den „5 Freunde im Abseits“ gefunden haben. In ihm verblüfft Louis van Gaal während einer Pressekonferenz als Sänger in einem fulminanten Stück mit Klavierbegleitung. Die analytische Betrachtung dieses Liedvortrags ist ebenso lesenswert.

Sehnsucht nach Erfolg

In der Rheinischen Post konnte man es seit einiger Zeit lesen. Bernd Bemmann war mit der Arbeit von Peter Neururer sehr unzufrieden. Der neue Trainer mit seinem Versprechen von zufriedenen Fans kitzelt deshalb vielleicht auch seine Hoffnung:

Das [Fans gehen künftig zufrieden nach Hause] kann schon am Sonntag der Fall sein, wenn es gegen den Tabellenletzten aus Ahlen gilt, eine in Koblenz gestartete Erfolgsserie fortzusetzen.

Vor dem Trainerwechsel hätte ich das Ende des Satzes als bewussten Sarkasmus verstanden oder als resignative Genügsamkeit. Bei einem Sieg von einer Serie sprechen?  Doch nach dem ersten Training der Mannschaft unter Milan Sasic, weiß ich, in diesem Satz schimmert eine Sehnsucht durch, die auch meine ist. Den ganzen Artikel gibt es hier.

Es gab ein Leben vor dem MSV

Wahrscheinlich wird mancheiner von uns beim flüchtigen Blick auf die Trainerbank des MSV Duisburg glauben, er sitze dort noch immer und kurz zuvor hätte er doch diese roten Kunststoffkegel  wieder so zielsicher auf dem Rasen verteilt. Heiko Scholz war von Januar 2003 bis April 2009 Co-Trainer beim MSV Duisburg. Es gibt in der Geschichte des Vereins aller Vereine immer wieder Menschen, die für mich auf eine besondere Weise mit der Geschichte des Vereins zusammenwachsen. Das geschieht unabhängig von allen sportlichen Fragen. Heiko Scholz zählt für mich dazu. Eigentlich müsste man einmal in einem Interview mit ihm versuchen, sein Leben als schnurgerade Entwicklung hin zur Trainerbank vom MSV zu erzählen. An so etwas hat Tim Jürgens natürlich leider nicht gedacht, als er Heiko Scholz für „11FREUNDE“ Fragen stellte. Auch für die Sportpresse bietet der Jahrestag des Mauerfalls Gelegenheit, sich zu erinnern und so erzählt Heiko Scholz vor allem von seinem Leben als Fußballer in der Zeit um die Wende herum. Erinnerungen an die jüngste MSV-Vergangenheit werden für einen Fan der Zebras selbstverständlich dennoch wach.

Aufräumarbeit

Beim MSV Duisburg hoffen nun alle, nach der Verpflichtung von Milan Sasic als Trainer bis 2011 kehrt möglichst schnell wieder Ruhe ein. Gute Idee! Auch ich will mich nämlich hier endlich mal wieder um andere Dinge kümmern als um das tagesaktuelle Geschehen. Allerdings muss ich dazu vorher noch den Schreibtisch freiräumen, so sage ich immer noch gerne, auch wenn die Notizzettel längst in den Ordner des PCs abgelegt sind.  Da befinden sich nämlich noch hastig hingeschriebene Zitate in Dateien und einige Links geben mir ihre Privatvorstellung. Seit der Pressekonferenz vom MSV Duisburg zur Entlassung von Peter Neururer hat sich einiges Unfertiges angesammelt.

Natürlich ist da zunächst die Stellungnahme von Walter Hellmich, die uns einmal mehr zeigt, wenn dem Präsidenten einer auf die Nerven geht, kann er dazu nicht schweigen. Das ist natürlich bereits vielen aufgefallen, dass die Einvernehmlichkeit sich spätestens dann erledigt hatte, als Walter Hellmich beim Trainerprofil des zukünftigen MSV-Angestellten unter anderem von ehrlicher Arbeit sprach und dem hinzufügte, „das passt besser zu uns als große Sprüche zu machen“.

Nun denn, diese so schnell aufgegebene Einvernehmlichkeit eröffnet uns Einblicke in die Arbeitsrechtsverhältnisse von Fußballtrainern. So legt Peter Neururer auf die Einhaltung seines Vertrages großen Wert und sieht sich im Falle eines Aufstiegs des MSV Duisburg trotz der Entlassung auch in der kommenden Saison beim MSV Duisburg angestellt. Denn automatisch verlängere sich ja sein Vertrag in so einem Aufstiegsfall. Eine Einflussgröße mehr, die es zu berücksichtigen gilt, wenn wir über die noch vorhandenen Chancen zum Wiederaufstieg reden.

Lustiger Weise hat Walter Hellmich vielen von uns Fans mit seiner indirekten Neururer-Charakterisierung aus der Seele gesprochen. Aber wir sind Fans, und er ist der Vorstandsvorsitzende des MSV Duisburg und diesem Vorstandsvorsitzenden passiert immer mal wieder etwas, was das Vorhaben erschwert, Ruhe beim MSV Duisburg einkehren zu lassen. Für mich ist die Frage, passiert Walter Hellmich das oder agiert er im Bewusstsein der Folgen? Eine Antwort auf diese Frage ist allerdings nur dann von Belang, wenn es jemanden in Walter Hellmichs Umfeld gibt, den er als korrigierende Instanz des eigenen Handelns akzeptiert. So viel Spekulation gönne ich mir und so viel Glaube an das Gute im Menschen. Ich will nämlich den MSV Duisburg aufsteigen sehen, und da ist es mir lieber,  auf Menschen im Verein zu hoffen, die ihre Fehler einsehen.

Ich hoffe außerdem, Kurt Jara hat Walter Hellmich am Ende seiner Jobnachfrage ungefähr so etwas gesagt wie, ist schon in Ordnung, wenn sie damit zu den Journalisten gehen, um denen mal zu zeigen, welch tolle Trainer unbedingt bei einem MSV Duisburg unterkommen wollen. Mich stört das nicht, wenn sie da mit meinem Namen ein bisschen hausieren gehen. Bringt mich schließlich wieder in die Schlagzeilen. Schaden wird das schon nicht. Ich hoffe sehr, dass es so gewesen ist, und dass diese Mitteilung an die Presse Walter Hellmich nicht erneut einfach mal so passiert ist.  Kurt Jara, hoffentlich war das so, sonst sitzen Sie da jetzt irgendwo in Österreich und ärgern sich, warum sie nur auf die Idee gekommen sind, in Duisburg mal anzurufen.

Außerdem hoffe ich für Kurt Jara, wenn es denn so gewesen sein sollte, dass es ihm tatsächlich nicht schadet. So ein Image ist schnell beschädigt. Denn mancheiner, der vom MSV Duisburg nicht so viel hält, solche soll es ja geben, könnte ganz nebenbei mal fallen lassen, wenn schon der MSV Duisburg den nicht will, wer dann noch? Dabei muss man solch einer Aussage nicht einmal mutwilligen Rufmord unterstellen. Menschen sind manchmal auch nur gedankenlos.

Zu Milan Sasic habe ich auch noch ein paar lose Fäden, die ich hier aber nur zusammenknäuel. Zunächst komme ich noch einmal aufs Image zurück, auch in dem Fall habe ich nämlich erstmal Hoffnungen. Die meisten Menschen wollen es gerne einfach haben. Die Welt soll nicht kompliziert sein, das eigene Leben ist es doch schon genug. Deshalb hoffe ich sehr, dass Milan Sasic Journalisten vor allem eine griffige Formel seiner Person bieten will. Ich hoffe es sehr, dass der „harte Hund“ mehr zu bieten hat als uns diese medienwirksame Chiffre verspricht. Ich glaube nicht an einfache Lösungen für komplizierte Probleme, und eine Mannschaft zur Einheit formen ist ein kompliziertes Problem.

Ich hoffe außerdem, Milan Sasic hat aus seinen Erfahrungen beim 1. FC Kaiserslautern viel gelernt. Lese ich, was  Fans vom 1. FC Kaiserslautern über ihn sagen, weiß ich jetzt schon, ohne eine solche Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit, werden wir vor dem Sommer 2011 einen neuen Trainer haben. In Kaiserslautern hat anscheinend nur der Erfolg all jene zwischenmenschlichen Verwerfungen seines Handelns verdeckt. Sobald dieser Erfolg aber gefährdet war, fielen die Blicke aller plötzlich auf die von ihm verbrannte Erde. Das will ich in Duisburg nicht erleben.

Die von ihm  in Kaiserslautern verlangte Spielweise der Mannschaft erinnert sehr an die Funkel-Ära in Duisburg. Hinten sicher stehen, und lang und weit nach vorne spielen. Eine gemächlichere, deutsche Variante des „Kick and Rush“. Ansehlich ist auch das nur im Erfolgsfall. Mal sehen, was er sich für den MSV Duisburg ausdenkt.

Und noch eins war im Kaiserslauterner Fan-Forum auffällig. Natürlich gibt es das häufig, Trainer holen ihnen bekannte Spieler zu ihren neuen Mannschaften. Aber dass derart viele Fans von Kaiserslautern den Transfer von Anel Dzaka nach Duisburg bereits für die Winterpause prophezeien, überrascht dann doch. Doch Fernbeziehungen sind zerbrechlich. Unser Mittelfeld ist gut besetzt. Und schon wieder gibt es eine Hoffnung mehr, nämlich die, dass Milan Sasic sich aus den vorhanden Spielern des MSV Duisburg seine neuen Lieblingsspieler erwählt. Man muss auch mal Schluss machen können, wenn es mit der alten Beziehung nicht mehr klappt. Und dass wir schon vor der Winterpause das Unwort vom Aufstieg wieder in den Mund genommen haben, stimmt mich für diese Woche ganz froh. Schließlich will ich bei aller Hoffnung mit realistischen Einsprengseln auch eine Zeit lang wieder öffentlich träumen dürfen.

Der harte Hund

Er ist ein Rächer. Er ist der Übervater der Fans. Er soll streng und gerecht sein und seine Kinder, die Fans, nie mehr allein lassen. Zu lange waren sie ohnmächtig dem Bösen ausgeliefert. Nun kommt er endlich zum Schutz seiner Kinder. Mit staunenden Augen sehen die Kinder, wie die Bösen gehorchen, was immer er auch sagt. Sein Name lässt diese Bösen vor Ehrfurcht erstarren. Er ist der harte Hund.

Die Mannschaft wieder einen

Während Marco Röhling neun einsilbige Wörter sagt, deren genauen Sinn sich mir erst mit dem zehnten und elften Wort erschließt, habe ich erstaunlich viele Gedanken gleichzeitig. Erst um die zwanzigste Minute herum bin ich zum Webradio von Radio DU gekommen und das erste, was ich hörte, war folgendes: „Und schob den Ball ein zum eins zu null …“ Nicht zu erkennen war in diesem Moment für mich, wer da nun führte. Normalerweise stelle ich das inzwischen an der Stimmlage von Marco Röhling recht schnell fest. Dieses Mal nicht, so neutral sprach Marco Röhling diesen Satz.

In dem Moment fanden Gedanken Worte in meinem Kopf, sie versanken, andere tauchten auf und stürzten augenblicklich wieder ab, übrig gebliebene vermischten sich mit anderen Gedanken und schufen einen Moment des unentschiedenen Stillstands, in dem alles möglich wurde. Das dauerte vielleicht ein bis zwei Sekunden, und in dieser kurzen Zeit hatte ich einerseits die Ahnung aller Gefühle, die dieser Verein in mir immer wieder weckt. Bange Hoffnung, die die Freude ahnen lässt, gefolgt von dem Absturz in Sorge und Enttäuschung. Andererseits hatte auch sofort das Denken über diesen Zustand begonnen. War ich doch kein direkter Beobachter des Spiels. Das Medium der Sportreportage gewährte mir Distanz.

Dieser Zustand eines blitzartigen Nebeneinanders von Gefühl und Rationalität war aber nur deshalb möglich, weil der MSV Duisburg zurzeit selbst nicht weiß, wo er steht. Immer noch wollen wir nach Aussage von Walter Hellmich auf der Pressekonferenz zur Entlassung von Peter Neururer alles tun, um ganz oben mitzuspielen. Wenn Bruno Hübner zu der Frage Stellung nimmt, was die Entlassung bringt, klingt das vorsichtiger. Da wollen wir bis zur Rückrunde alles tun, um zu sehen, was noch möglich ist. Ich hoffe, wir hören bei den beiden nur die Belege für deren unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie werden dieselben Ziele haben. Wenn man aber an die Leistung der Mannschaft denkt, ist nichts vorhersehbar in einem Spiel wie dem gegen TuS Koblenz.

Dann hörte ich Marco Röhling sagen: „… für den MSV Duisburg und diese Führung hat immer noch Bestand nach inzwischen 21 Minuten.“ Das klang gut. Ich war eher still zufrieden, als dass ich mich laut freute. Schon in normalen Zeiten wäre dieses Spiel gegen TuS Koblenz ein Pflichtsieg gewesen, gestern war es immer noch ein Pflichtsieg, ohne dass ich wirklich daran glauben konnte. Denn, wie gesagt, erwartbar ist im Moment nichts.

Doch ich hörte gestern und lese heute bei „Der Westen“ und im „Kicker“ von einem „klaren Sieg“ und einer „ansprechenden Leistung“. Das viel beschworene  Potenzial der Mannschaft hat sich anscheinend deutlich gezeigt. Natürlich ist dieser Sieg nicht das Ergebnis der Entlassung von Peter Neururer. Das ist die Geschichte, die in einer kurzen Zeitungsmeldung am einfachsten zu erzählen ist. Dennoch zeigt sich, und zwar nach dem Spiel im Interview mit Christian Tiffert, die Entlassung war richtig.

Christian Tiffert erweist sich in dieser Saison nicht nur auf dem Spielfeld als Stütze dieser Mannschaft. Auch wenn er Stellung nimmt zu den spielerischen Leistungen der Mannschaft, sagt er entscheidende Sätze im richtigen Ton. Im Podcast von Radio DU geht es da mehr um die Einordnung des Sieges, im Interview nach dem Spielbericht von Sky gibt er bei Minute 3:45 aber auch noch einen Einblick in die Stimmungslage der Mannschaft. Christian Tiffert sieht für die Stimmung innerhalb der Mannschaft Verbesserungsbedarf. Stimmung hat etwas mit Zusammenhalt zu tun, und der ist Voraussetzung, um Krisen zu überstehen. Die Bewertung der Entlassung Peter Neururers überlässt er allerdings anderen.

Mir, zum Beispiel: Betrachte ich, wie Peter Neururer mit den Problemen dieser Mannschaft seit Anfang dieses Jahres immer wieder umgegangen ist, dann weiß ich sicher, egal wie gut sein Fußballverstand sein sollte, ihm fehlen geeignete Mittel zur Menschenführung. Er hätte dieser Gruppe von Spielern mit unterschiedlichen Interessen nicht mehr zur Einheit verhelfen können. Da steht sein Umgang mit der Personalie Ben-Hatira vor. Zudem wirkt die Drohung mit seiner Kündigung als Hemmschuh. Hinzu kommt noch sein populistisches öffentliches Auftreten, bei dem er immer wieder zwischen den Extremen schwankte. Einerseits nahm er Spieler gegen jede Kritik von außen in Schutz, andererseits distanzierte er sich grundsätzlich nach dem völligen Versagen von der Mannschaft. Wie soll so jemand integrierend auf die Gruppe einwirken? Derjenige, der integrierend wirken möchte, braucht das Vertrauen aller Gruppenmitglieder. Ich glaube nicht, dass dieses Vertrauen noch gegeben war. Darum wird es einem neuen Trainer vor allem gehen müssen, die Mannschaft wieder zu einen. Dann kann sie das legendäre spielerische Potenzial vielleicht bis zum Ende der Saison häufiger abrufen, als es bislang der Fall war.


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