Archiv für Dezember 2009

Geist und Seele des Spiels

Ich spiele gerne Fußball, weil es mir sehr viel Spaß macht und man da sehr viel laufen muss und weil ich immer für meine Mannschaft da bin. Ich lasse keinen von denen hängen.
Ich liebe Fußball spielen mehr als meine Freundin. Ich würde alles machen für einen dummen Fußball.
Ich kann gar nicht beschrieben, wie ich Fußball liebe. Da fehlen mir die Wörter.
Aber eins kann ich sagen, wenn ich Fußball spiele, habe ich immer die Beine auf, weil ich immer weggetreten werde oder ich grätsche immer rein.

M. Sch., 16 Jahre

Eigentlich wollte ich mir gar nicht so vorkommen wie die Priester bei ihren Predigten vor der Weihnachtsgemeinde. Doch unweigerlich kommen mir beim Lesen dieses Liebesbriefs an den Fußball jene Gedanken vom Geist und von der Seele dieses Weihnachtsfestes Sports. Im besten Fall wird auch im Unterhaltungsbetrieb Fußball darum gerungen, von diesen Ursprüngen möglichst viel lebendig zu halten. Das gelingt nicht immer und ich habe das Gefühl, das Publikum des Fußballs wird immer uneiniger darüber, was denn als Zeichen für dieses Gelingen deutbar ist. Braucht es für diese Orientierung öfter Sätze über den ursprünglichen Geist und die Seele des Spiels? Und wer soll solchen Sätzen zuhören? Wo sind die Guten und die Bösen? Ich bin mir da nicht sicher.

Darüber hinaus gibt es über den Entstehenszusammenhang dieser Worte eines Duisburger Jugendlichen noch einiges zu sagen. Das sind dann Sätze, bei denen ich mir ganz sicher bin. Dann geht es um die unzähligen Bekenntnisse zur Bildung, zur Jugendhilfe und um die finanzielle Not der Kommunen. Wer auf Bundesebene nichts bezahlen muss, kann schön reden. Wer auf kommunaler Ebene sparen muss, sieht sich als erstes die Kultur- und Jugendhilfeeinrichtungen an. Dazu nach Weihnachten mehr, sonst wird aus der Vorfreude aufs Familienfest ganz schnell schlechte Laune.

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Die Niederlage ausführlich nachlesen …

… könnt ihr im „Alemannia Fan Blog – Die Kartoffelkäfer“. Der Text ist eine detaillierte Chronologie der Ereignisse, natürlich schwarz-gelb eingefärbt. Was aber bei diesem Spiel des MSV Duisburg in der Wertung keinen Unterschied macht, zumal ich selbst die dort vorzufindende Einschätzung der Leistung von MSV-Spielern nur unterschreiben kann.

Die Mannschaft unter Sasic lernt auch verlieren

Den ganz großen Wurf hat die von Ausfällen geplagte Mannschaft des MSV Duisburg nun doch nicht hinbekommen. Nach der 2:0-Heimniederlage gegen Alemannia Aachen muss das kurzfristige Projekt „Erreichen des dritten Tabellenplatzes“ auf die mittlere Frist der Rückrunde verschoben werden. Diese Niederlage stand allenfalls in den fünfzehn Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit in Frage. Schon der Elfmeter für den MSV Duisburg in der 64. Minute kam nicht mehr als zwangsläufige Folge eines ununterbrochenen Drängens auf den Ausgleich. Schon dieser Elfmeter wurde zu einem Zeitpunkt verhängt, als die Energie des Sich-Gegen-die-Niederlage-Stemmens zu verpuffen drohte. Der Elfmeter war die große Chance auf ein Tor der eigentlich unterlegenen Mannschaft. So passte es zum Spielverlauf, dass Christian Tiffert den Elfmeter verschoss und dieses Mal nicht wie im Spiel gegen den FC Augsburg eine Chance zum Nachschuss erhielt. Danach war deutlich bemerkbar, die Mannschaft zweifelte zu sehr an ihren spielerischen Möglichkeiten, als dass sie das Verpassen dieser großen Chance problemlos hätte wegstecken können.

Für mich war vor dem Spiel die entscheidende Frage, ob Chavdar Yankov den wegen Grippe ausfallenden Ivica Grlic würde ersetzen können. Er konnte es nicht. Er konnte es aber auch deshalb nicht, weil die schon aus Paderborn und Karlsruhe bekannten mäßigen zwanzig Anfangsminuten der gesamten Mannschaft dieses Mal auf 45 Minuten verlängert waren. Die Aachener taten von Anfang an mehr für das Spiel. Sie waren sowohl entschlossener und gedankenschneller in der Bewegung zum Ball hin. Sie konnten die Zweikämpfe in entscheidenden Momenten für sich entscheiden, außerdem wirkten sie mannschaftlich geschlossener. Angriffe wurden im schnellen Kurzpassspiel vorgetragen, während sich die Ball führenden Spieler beim MSV entweder in der Aachener Deckung festrannten oder den langen, hohen Ball auf den für solche Anspiele viel zu kleinen Nicky Adler versuchten.

Die Einzelkritik erübrigt sich angesichts der miserablen Mannschaftsleistung. Alleine Tom Starke konnte sich durch einige gute Reflexe auszeichnen und Christian Tiffert zeigte trotz des verschossenen Elfmeters die bekannte antreibende und ansprechende Leistung auf dem Feld. Halt, auch Caiuby enttäuschte mich dieses Mal nicht, weil ich ihn endlich dabei erlebte, wie er seine phlegmatische Ausstrahlung ablegte. Sein Einsatz war also da, spielerisch konnte er allerdings angesichts des Leistungsniveaus seiner Mannschaftskollegen nicht allzu viel falsch machen.

Tiago fällt mir auch noch ein, dem mal gesagt werden sollte, das Spiel geht immer weiter, wenn der Schiedsrichter nicht pfeift. Da stellt man nicht das Spielen ein und beschwert sich, während der Gegner den Konter einleitet. So ein mäkelndes Reklamieren stärkt den Gegner, selbst wenn in dem betreffenden Moment aus der sich ergebenden Chance kein Tor erzielt wird. Aber zu stärkerer psychischer Überlegenheit des Gegners trägt Tiago auf diese Weise mit Sicherheit bei. Wenn ich jemanden derart resignativ über den Schiedsrichter hadern sehe, triumphiere ich innerlich, weil ich die Aufmerksamkeit dieses hadernden Spielers für geraume Zeit zumindest in Teilen nicht beim Spiel weiß. Da gab sich Tiago unnötigerweise Blößen, weil er mit seinem eigenen Spiel wahrscheinlich nicht zufrieden war.

Außerdem frage ich mich, was diese Mannschaft immer wieder daran hindert ein schnelles Kurzpassspiel über die Flügel aufzunehmen. Als Standardvariante des Angriffs treibt der Ball führende Spieler den Ball über die Außenbahn bis in die Mitte der gegnerischen Hälfte, um von dort in die Mitte zu ziehen. Ein steiles Zuspiel über die Außenbahn bis auf Höhe der Strafraumgrenze kennt das Angriffsspiel des MSV Duisburg zurzeit kaum. Weil in der Mitte kein Kopfballspieler wartet? Dennoch verbreiteten sowohl in diesem Spiel als auch im Spiel gegen Paderborn solche Spielzüge die meiste Gefahr. Ich möchte ja lernen und wissen, warum das nicht öfter versucht wird. Vielleicht gibt es ja triftige Gründe. Sei es, dass das Vertrauen in die Durchsetzungsfähigkeit der Spieler fehlt, die auf der Außenbahn auf ein Zuspiel lauern. Keine Ahnung. Es fällt mir jedenfalls auf.

Nun lassen die Ergebnisse der Spiele aller oben platzierten Vereine an diesem Spieltag uns noch ein wenig beruhigter in die kurze Winterpause gehen. Alles ist weiterhin drin. Wir hoffen also auf wenigstens einen weiteren gesunden Stürmer für das nächste Jahr. Wenn sich dann noch zwei, drei andere Rekonvaleszenten als wieder spielfähig erweisen, sehe ich der Rückrunde voller Zuversicht entgegen. Zumal es derart kalt wie am Freitagabend mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal werden wird.

Ein Buch verschenken! Weihnachtseinkäufe sind noch möglich

Auch in dieser Saison überrascht es nicht, welche Vereine sich für die Endrunde der Champions League qualifizieren konnten. Die Verhältnisse bleiben stabil. Erfolge von Außenseitern gibt es vielleicht in einzelnen Spielen, die Gruppenphase als Vorlauf des K.o.-Wettbewerbs merzt das fast immer wieder aus. Bekanntermaßen ist das nicht der wahre Grund für oligarchisch anmutende Verhältnisse im europäischen Fußball. Die Gruppenphase ist eher Symptom wirtschaftlicher Entwicklungen, dennoch kann sie als Orientierung für Epocheneinteilungen genommen werden. Denn als die Champions League noch Europapokal der Landesmeister hieß und mit UEFA-Pokal und Pokalsieger-Pokal zwei weitere Wettbewerbe in reiner K.o.-Form auf europäischer Ebene ausgetragen wurden, gelangten auch häufiger jene Mannschaften ins Endspiel, die normaler Weise schon froh über gute Spielzeiten auf nationaler Ebene waren. Einige von ihnen gewannen sogar.

Es waren Mannschaften wie Malmö FF, Hajduk Split, KV Mechelen oder auch Fortuna Düsseldorf.  Mannschaften, die eine Saison lang vom Gewinn des Europapokals träumten und die danach jahrelang wieder nur genug mit dem nationalen Ligabetrieb zu tun hatten. Diesen Mannschaften hat Terence Träber mit „Der Traum vom Europopokal Europapokal“ ein Erinnerungsbuch gewidmet. Von den Wolverhampton Wanderers, mit denen die Geschichte des Europapokals ihren Anfang nahm, über AS St.-Etiénne bis hin zu Dinamo Tiflis, vom 1. FC Magdeburg über Athletico Bilbao bis zu Malmö FF, Träber erzählt den Weg von 35 dieser Vereine zu deren einmaligem Endspiel auf europäischer Ebene in der Vereinsgeschichte. Dem folgen Portraits des zentralen Spielers jener erfolgreichen Fußballergeneration und des Vereins selbst. Zudem fasst Träber die Geschichte des Heimstadions in knapper Form zusammen.

Terence Träber geht es um die Fakten des Fußballs, die er zu lesenswerten Texten verarbeitet. Er greift dazu den Ton des sachlichen Sportjournalismus auf, dem feuilletonistische Nebengedanken ebenso fremd sind wie die heute  in Sportbüchern gern eingestreuten ironischen oder humorvollen Betrachtungen des Geschehens. Terence Träber verfolgt das ernsthafte Anliegen eines Historikers mit einem ungewöhnnlichen Spezialgebiet. Sein Interesse gilt dem Fußball in einer sehr speziellen Forschungsperspektive, deren Grundlage, die „Auswahlkriterien“, er im Vorwort minutiös umreißt. Allgemeines historisches und kulturelles Wissen greift er nur dann auf, wenn ein direkter Einfluss auf die Spiele der jeweiligen Europapokalsaison, die Vereinsgeschichte oder die Biografien der Spieler erkennbar ist. Gerade deshalb wirkt „Der „Traum vom Europapokal“ schnörkellos und geradlinig. Das Buch verströmt nostalgischen Charme jener Zeiten, als Zuschauer  noch im Regen standen und die Sitzplatzbesucher die dezente Kleidung bevorzugten und Vereinsutensilien den Jugendlichen überließen. Dem entspricht die Aufmachung, die eher an den Baumwoll-Trainingsanzug erinnert als an synthetische High-Tech-Textilien der Gegenwart. „Der Traum vom Europapokal“ ist Fußball pur, ohne nervtötende mediale Überhöhung. Da ist nichts schöner Schein, da ist alles interessierender Inhalt, sei es die sportliche Anekdote am Rande oder die Lebensgeschichte von Fußballern als Lokalhelden, die die Zuschauer ihrer Stadt mehr als nur die eine Europokal-Saison lang begeistert haben. Wer noch kein Weihnachtsgeschenk für einen Fußball-Enthusiasten weiß, hier kann er bedenkenlos zugreifen.

Terence Träber: Der Traum vom Europapokal. Fußballklubs auf internationalem Höhenflug. Agon Sportverlag, Kassel 2009. 404 Seiten. € 34,90.

Ein Social-Community-Sieger?

Das sollte mal jemand mit Zeit oder Honoraranspruch, am besten wahrscheinlich beidem, recherchieren: Wie setzt sich das Abstimmungsergebnis für die Wahl zum Tor des Monats Dezember 2009 zusammen? Ich fände es jedenfalls interessant zu wissen, ob der Fußballclub der Fans, namentlich Fortuna Köln aka deinfussballclub.de in diesem Fall als Social Community wirken konnte.

Das finde ich deshalb interessant, weil die Frage nach einem schönen Tor vielleicht ein wenig leichter zu beantworten ist als die Frage nach der Leistung eines Trainers. Anfang Oktober war im Kölner Stadt-Anzeiger nämlich noch zu lesen, wie schwierig es ist, wichtige Personalfragen eines Fußballclubs durch basisdemokratische Verfahren entscheiden zu lassen. Da wird ein Fan mal schnell zum Freizeit-Vereinspolitiker auf virtueller Werbetour für einen Fan-Entscheid, der die träge Masse des Fanvolks erst einmal in Wallung bringen muss. Die Social Community „Fans als Mitbestimmer von Fortuna Köln“ ist also dabei herauszufinden, was unter dem Emblem Fußballverein funktioniert und was nicht.

Die Haltung zu einem Tor findet sich da schneller und auch ohne Folgekosten. Da kann nichts falsch gemacht werden, wenn ein Fan einem Spieler seines Vereins die Stimme gibt. Eigentlich also beste Voraussetzungen für Alexander Ende, wenn die etwa 10.500 Anteilseigner? Mitglieder? über das Vereinsportal animiert werden können. Aber das wäre eben herauszufinden.

Wie die ARD-Sportschau am Wochenende bekannt gab, bekam Alexander Endes „Treffer in der NRW-Liga gegen den MSV Duisburg II […] von den Zuschauern der Sportschau 31,6 Prozent der Stimmen. Auf Rang zwei und drei folgen Matthias Lehman (21,4%) und Daniel Brinkmann (18,7%). Auf vier und fünf Marcel Ndjeng (16,7%) und Aimen Demai (11,4%).“

Nachtrag: Der Zufall will es, dass gerade gestern, was ich aber erst heute lese, der Fortuna-Köln-Insider Boy in the Bubble einen längeren Einblick in die Trainerdiskussion als Basisdemokratie gibt. Weil er zudem den Bezug zur gegenwärtig aufkommenden Diskussion um das Verhalten und den Einfluss von Fans herstellt, ist das ein sehr lesenswertes Stück geworden.

Ivo, geh du voran! Den Rest erledigt die Mannschaft dann

Mitfiebern! Das hieß am Freitagabend für mich, auch einmal die eigentliche Bedeutung dieses sonst nur bildhaft gebrauchten Wortes auszuprobieren. Was mir neben der  Freude über das Ergebnis des Spiels vom MSV Duisburg beim Karlsruher SC zudem die Gelegenheit gab, das Gefahrenprogramm meines Körpers mal wieder so richtig in Aktion zu erleben. Sämtliche biochemischen Prozesse verlaufen weiterhin so wie schon in jenen ostafrikanischen Zeiten des ersten tastenden Menschseins. Das kann ich zufrieden feststellen. Im Verlaufe des Spiels habe ich mich immer gesünder gefühlt. Gerade bei dem zunehmenden Ballbesitz der Karlsruher in der zweiten Halbzeit hätte ich ohne Probleme aufspringen und vor dem nahenden Fressfeind wegrennen können. Dauerhaft gesund ist der fiebernde Urzeitmensch nach so einem Hormonschub aber auch nicht gewesen. Der brauchte nach seiner Rettung erst recht den heilsamen Schlaf. Der eine oder andere Tag Ruhe, zusammen mit etwas Pflege durch die Sippe ist außerdem auch nicht schlecht. So erweist sich der Mensch besonders in Notfällen als soziales Wesen, was ihn, wie wir wissen, als Art ja einigermaßen erfolgreich gemacht hat.

Der MSV Duisburg gibt gerade ebenfalls ein weiteres Beispiel für die Wirksamkeit von sozialem Zusammenhalt ab. Sämtliche Spieler, die noch spielbereit sind, versuchen in ihren aktuellen Möglichkeiten alles zu geben, was sie können und agieren als Einheit auf dem Platz. Sie dehnen Grenzen vor allem ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit aus. Das macht jeder einzelne deshalb, weil er sich darauf verlassen kann, dass sein Nebenmann das ebenfalls so macht. So wird ein  Sieg möglich, den wir als Fans zwar erhofft haben, der aber nach rein rationaler Betrachtung der gegebenen Lage nicht sehr wahrscheinlich war.

Mitgefiebert habe ich in einer persönlichen Simultankonferenz am PC. Aus den Lautsprecherboxen im Hintergrund hörte ich Marco Röhling übers Web-Radio, während das zweite geöffnete Fenster des Browsers den erleichertenden Ausgang der von Marco Röhling immer sorgenvoller kommentierten Szene bereits im Live-Bild zeigte. Auf diese Weise war es für mich einigermaßen aushaltbar, das Spiel zu verfolgen. Daraus ergeben sich interessante Gedanken am Rande. Was ist live, wenn die Live-Signale zeitversetzt ins Haus kommen? So viel Technik steckt heute manchmal hinter der Konstruktion von Wirklichkeit.

Deshalb war ich bereits zu all den vergebenen Chancen klagend aufgesprungen, als Marco Röhling den Torschrei noch auf den Lippen hatte. Was tat nicht Nicky Adler alles dafür, um den Ball ins Tor zu schießen. Er schaffte es nicht.  Kein Vorwurf an ihn. Er geht an seine Grenzen. Dennoch bin ich enttäuscht, wenn er nicht trifft, oder das eine Mal nicht in die Mitte spielt, wo Sahan den Ball unbedrängt hätte einschieben können. Allerdings hätte ich mich bei Adlers Torerfolg dann auch am Ende des Spiels genauso fiebrig gefühlt wie zu Beginn. Dann hätte es zur Halbzeit mindestens zwei zu null gestanden und meine Aufregung hätte sich in Grenzen gehalten, weil in Halbzeit zwei das drei zu null durch Adler gefallen wäre. Änis Ben-Hatiras Kopfball ins Tor statt an die Latte hätte natürlich denselben Effekt gehabt.

Für die Tore aber ist zurzeit nur einer zuständig. Ivo Grlic! Was hat der Mann für einen Lauf! Wie lange traf er solche Freistöße in aller Regelmäßigkeit nicht mehr? Und nun findet er jene Schusssicherheit wieder, die er vor zweieinhalb Jahren schon einmal bewiesen hat. Wie wichtig er in dieser Mannschaft zudem als beruhigende Anspielstation ist, zeigte sich in der zweiten Halbzeit nach seiner notwendig gewordenen Auswechslung. Von dem Moment an blieb der Ball kaum einmal länger in den Reihen des MSV Duisburg. Deshalb vor allem wurde es immer aufregender. Nicht weil das Spiel der Karlsruher die ganze Zeit über so zwingend geriet, wie es zu Beginn der zweiten Halbzeit zunächst den Anschein hatte. Aber je öfter jemand die Gelegenheit zum Schrotschuss erhält, desto wahrscheinlicher ist ein Treffer auch mal per Zufall.

Das Spiel folgte am Ende den Regeln klassischer Dramaturgie. Die Spannung wurde auf hohem Niveau gehalten durch die breit vorgetragenen, aber kaum bis zu Starke  kommenden Karlsruher Angriffe, damit sie schließlich zu einem letzten Höhepunkt gesteigert werden konnte, als den Karlsruhern ein Flügellauf über die linke Seite gelang, der das Unglück fast wirklich werden ließ. Unser Held, die Mannschaft des MSV Duisburg, rettete sich aber in einem letzten großen Aufbäumen, nachdem mit Schlicke und Starke schon zwei der üblichen Retter überwunden waren und im Strafraum, knapp vor dem leeren Tor ich-weiß-nicht-mehr-wer den Ball vor allen möglicherweise heran eilenden Karlsruher Spielern weit weg schlagen konnte. Danach war Schluss und die Begeisterung groß.

Wenn ich nach so einem Spiel schon wieder nach vorne schaue, geschieht das zum einen mit zwei Tagen Abstand, in denen ich mich schon ausgiebig gefreut habe, zum anderen aber auch aus einem Rätseln heraus. Am Freitagabend fand Caiuby einmal mehr nicht den Anschluss an das Niveau des Mannschaftsspiels. Er muss innerhalb dieser derzeitigen Mannschaft nicht einmal gut spielen, sondern bereit sein, sich anzustrengen und jeden Fehler der egal von wem passiert, wieder auszubügeln. Änis Ben-Hatira hat das verstanden. Wenn auch in Karlsruhe für einen Moment ein kurzer Rückfall in alte Gewohnheiten zu sehen war und er Tiago nach einem zu spät gegebenen Pass anmeckerte. Was aber geht in Caiuby vor? Als Zuschauer erkennt man das nicht und ich frage mich, ob die sportlich Verantwortlichen das wissen. Das ist eine ernsthafte Frage. Der Spieler selbst gibt durch seine Leistung bislang dazu wenig Auskunft. Verstärkt seine individuelle Spielanlage diesen lethargischen Eindruck, den er jeweils macht? Dann wäre der Weg für Caiuby zu einer passablen Leistung nicht ganz so weit. Denn Nicky Adler könnte da vorne ein wenig Entlastung gut gebrauchen.

Schuhe aus vor Auswärtssieg

Es ist schon ein merkwürdiges Ding mit der Psyche. Ein Auswärtsspiel steht an. Einmal im Jahr kommen die Spieler dorthin – in dieses fremde Stadion. Viel rutschiger fühlt sich dort das Gras an, die Ränge bieten nicht die gewohnte Orientierung beim flüchtigen Blick nach links und rechts,  im Umkleideraum krümmen sich die Haken in einer anderen Bogenform als in Duisburg. Sie sind nicht zu Hause. Sie müssen vorsichtig sein.

Vielleicht sind es solche archaischen Gefühle, die der möglichen Anweisung zu Konzentration und sicherem Spielbeginn eine vom Trainer ungewollte Färbung der Einstellung geben. In der Entschossenheit beim Auftritt wird diese Färbung sichtbar. Wer sich nicht heimisch fühlt, hält sich erst einmal zurück. So begann das Spiel des MSV Duisburg in Paderborn. Vorsichtig und verhalten – von jedem Spieler, der in einen Zweikampf ging. Mit den ersten Ballkontakten war klar, auf diese Weise werden die Gastgeber nicht beeindruckt. Da fehlte die Entschiedenheit, sich von Anfang zu zeigen, wie es im letzten Heimspiel gegen den FC Augsburg der Fall gewesen ist. Solche Spielanfänge haben wir in dieser Saison schon häufiger erlebt. Und es macht die Faszination des Fußballs aus, dass so ein Spiel dann einen anderen Verlauf nehmen kann. Warum das so kommt, wissen manche dann mit Sicherheit zu sagen. Ich bin mir da nicht so sicher. Es hätte auch unangenehm werden können, wenn die Paderborner in der ersten halben Stunde ein zweites Tor nachgelegt hätten. Denn so schlecht, wie sie Dirk Retzlaff bei Der Westen gesehen hat, waren sie aus meiner Sicht in der ersten halben Stunde nicht. Vielmehr brachten sie mit schnellem Direktpassspiel den MSV in Verlegenheit, und die Verteidigung des MSV Duisburg hatte Glück, dass die Paderborner Stürmer trotz des Raums, der ihnen gelassen wurde, beim Abschluss nicht erfolgreich waren.

Das Tor der Paderborner wurde vor allem deshalb möglich, weil Björn Schlicke sich auf einfache Weise überspielen ließ, und die Innenverteidigung eine inzwischen zu deren Standardrepertoire gewordene Bewegung machte. Paar-Synchronverteidigen mag ja demnächst olympische Sportart werden, aber dieser Art im Fußballspiel ausgeübt, kann ein Stürmer dann leicht glänzen, weil er mit einer einfachen Körpertäuschung gleich zwei mit identischer Geschwindigkeit auf parallelen Laufbahnen heranrennende Gegenspieler ins Leere sprinten lassen kann. Täuscht der Stürmer im übrigen nicht, laufen beide Verteidiger gerne auch wieder synchron vom Stürmer weg und lassen ihm den Raum, noch ein paar Meter zu gehen. An der Abstimmung zwischen den Verteidigern muss also weiter intensiv gearbeitet werden.

Der Spielaufbau konnte nicht anders sein als das Auftreten insgesamt, eben vorsichtig. Das führte dazu, dass er nicht stattfand. Denn die Paderborner verteidigten gut und ohne etwas mutigere Pässe, verrannten sich die Duisburger beim Dribbling immer wieder in ihre Gegenspieler oder der Querpass landete beim Gegner. Erst nach etwas mehr als einer halben Stunde gelang der erste torgefährliche Angriff mit einem Direktpassspiel  über den rechten Flügel. Es war der Auftakt. Mit dem Ausgleich vor der Halbzeit konnte man zwar noch nicht sicher rechnen, aber von da an schien er endlich möglich zu werden.

Ich muss zugeben, ich bin ein großer Anhänger von Ivo Grlic. Nicht dass ich ihn in jedem Spiel dieser Saison auf dem Platz hatte sehen wollen, aber in einer hilflosen Mannschaft, wie sie es unter Neururer häufig gewesen ist,  wirkt er immer als rettender Fixpunkt für überforderte Mitspieler. Das heißt  in Duisburg einiges, weil das dazu führt, dass viele Zuschauer sein Spiel für schlechter halten als es eigentlich ist.  Ärger über die Spielweise der Mannschaft konzentriert sich auf denjenigen, der immer den Ball erhält und dann keine Anspielstationen findet. Das ist ungerecht, und es gehört zur Professionalität von Ivo Grlic damit auf eine souveräne Weise umzugehen. Auch deshalb gönne ich ihm die drei Tore gestern als Lohn für seinen Weg in dieser Saison.

Die ersten zwei Tore waren zudem das Ergebnis eines schnellen Zusammenspiels, bei dem Christian Tiffert als Initiator wirkte. Wieder einmal zeigte er sich als unermüdlicher Antreiber und trug neben Grlic die Hauptverantwortung für das in der zweiten Halbzeit erfolgreiche Spiel nach vorne. Beim zweiten Tor steckte Tiffert den Ball zwischen zwei Paderborner Gegenspieler punktgenau durch die Gasse auf Sahan, der präzise in den Rückraum spielte, wo Grlic zum freien Schuss kam. Das dritte Tor, direkt nach dem fast zum erneuten Ausgleich führenden Patzer von Tom Starke war dann doch sehr beruhigend. So ganz konnten wir der Führung nämlich trotz der so harmlos und vereinzelt gewordenen Paderborner Angriffe nicht trauen.

Hätte Änis Ben-Hatira einen besseren Tag gehabt, wäre diese Sicherheit vielleicht schon früher vorhanden gewesen. Doch Ben-Hatira kam erst zum Ende des Spiels an seinem Gegenspieler im Dribbling vorbei, und Passspiel zum rechten Zeitpunkt gehört einfach noch nicht zu seinen spielerischen Möglichkeiten. Dennoch zeigt sich auch bei ihm ein Wandel der Einstellung. Sein Einsatz ist kontinuierlich vorhanden, und seine Frustrationstoleranz hat zugenommen. So kommt es nicht mehr zu unnötigen Fouls nach Ballverlusten, sondern zum produktiven Versuch, den Ball zurück zu erobern. Sein Gemeckere den Mannschaftskollegen gegenüber hat er ebenfalls eingestellt.

Im Gefühl des Sieges lassen sich die drei Stunden Rückfahrt nach Köln natürlich angenehm verbringen. Dann bespricht man mit dem älteren, seit 1965 ebenfalls in Köln lebenden MSV-Fan noch einmal entscheidende Szenen des Spiels und gewinnt mit jedem Kilometer Abstand von Paderborn immer mehr Verständnis für die Stadion-Security, die bei der Kontrolle von MSV-Fans für größere Aufgaben übte. Anscheinend möchte das verantwortliche Sicherheits-Unternehmen expandieren und seine Dienstleistung in naher Zukunft auch bei Veranstaltungen von ganz anderem Gefährdungspotential anbieten. Allerdings müssen selbst die Mitarbeiter viel konsequenter noch davon überzeugt werden, dass Trockenübungen bei Fußballfans keine verschwendete Energie bedeuten. Sie wirkten jedenfalls immer wieder etwas beschämt, wenn sie die Duisburger Fans nach dem Abtasten darum baten, auch die Schuhe auszuziehen. Ob ich meine Mandarine nun als potentiellen Wurfgegenstand nicht mit hinein nehmen durfte oder als den Würstchenumsatz gefährdendes Nahrungsmittel ist mir nicht ganz ersichtlich.  Mit einem individuellen Getränke- und Speisenboykott habe ich jedenfalls sofort reagiert und hoffe, der Stadionbetreiber wird diesen Umsatzeinbruch schmerzlich bemerken und seine Schlüsse daraus ziehen. Wie ich den Werther-Effekt zum Schluss noch unterbringen soll, ist mir ein Rätsel. Alles Entscheidende ist gesagt. Es sei denn, die halbe Stunde Wartezeit im Hammer Bahnhof wegen der Streckensperrung nach Paderborn wäre von irgendeinem Interesse. Das glaube ich allerdings nicht. Denn niemand hatte sich vor einen Güterzug geworfen, wie es zunächst befürchtet worden war. Niemand, der Robert Enkes Selbstmord als Anstoß wahrnahm, ebenso zu handeln, nur Bahn-Bedienste, die im Wissen um den Werther-Effekt immer noch das Schlimmste annehmen, wenn sie Unregelmäßigkeiten auf der Strecke wahrnehmen. Es ist eben alles gut gegangen an diesem Tag. Solche Tage könnte es eigentlich bis zum Saisonende noch einige mehr geben.


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