Schuhe aus vor Auswärtssieg

Es ist schon ein merkwürdiges Ding mit der Psyche. Ein Auswärtsspiel steht an. Einmal im Jahr kommen die Spieler dorthin – in dieses fremde Stadion. Viel rutschiger fühlt sich dort das Gras an, die Ränge bieten nicht die gewohnte Orientierung beim flüchtigen Blick nach links und rechts,  im Umkleideraum krümmen sich die Haken in einer anderen Bogenform als in Duisburg. Sie sind nicht zu Hause. Sie müssen vorsichtig sein.

Vielleicht sind es solche archaischen Gefühle, die der möglichen Anweisung zu Konzentration und sicherem Spielbeginn eine vom Trainer ungewollte Färbung der Einstellung geben. In der Entschossenheit beim Auftritt wird diese Färbung sichtbar. Wer sich nicht heimisch fühlt, hält sich erst einmal zurück. So begann das Spiel des MSV Duisburg in Paderborn. Vorsichtig und verhalten – von jedem Spieler, der in einen Zweikampf ging. Mit den ersten Ballkontakten war klar, auf diese Weise werden die Gastgeber nicht beeindruckt. Da fehlte die Entschiedenheit, sich von Anfang zu zeigen, wie es im letzten Heimspiel gegen den FC Augsburg der Fall gewesen ist. Solche Spielanfänge haben wir in dieser Saison schon häufiger erlebt. Und es macht die Faszination des Fußballs aus, dass so ein Spiel dann einen anderen Verlauf nehmen kann. Warum das so kommt, wissen manche dann mit Sicherheit zu sagen. Ich bin mir da nicht so sicher. Es hätte auch unangenehm werden können, wenn die Paderborner in der ersten halben Stunde ein zweites Tor nachgelegt hätten. Denn so schlecht, wie sie Dirk Retzlaff bei Der Westen gesehen hat, waren sie aus meiner Sicht in der ersten halben Stunde nicht. Vielmehr brachten sie mit schnellem Direktpassspiel den MSV in Verlegenheit, und die Verteidigung des MSV Duisburg hatte Glück, dass die Paderborner Stürmer trotz des Raums, der ihnen gelassen wurde, beim Abschluss nicht erfolgreich waren.

Das Tor der Paderborner wurde vor allem deshalb möglich, weil Björn Schlicke sich auf einfache Weise überspielen ließ, und die Innenverteidigung eine inzwischen zu deren Standardrepertoire gewordene Bewegung machte. Paar-Synchronverteidigen mag ja demnächst olympische Sportart werden, aber dieser Art im Fußballspiel ausgeübt, kann ein Stürmer dann leicht glänzen, weil er mit einer einfachen Körpertäuschung gleich zwei mit identischer Geschwindigkeit auf parallelen Laufbahnen heranrennende Gegenspieler ins Leere sprinten lassen kann. Täuscht der Stürmer im übrigen nicht, laufen beide Verteidiger gerne auch wieder synchron vom Stürmer weg und lassen ihm den Raum, noch ein paar Meter zu gehen. An der Abstimmung zwischen den Verteidigern muss also weiter intensiv gearbeitet werden.

Der Spielaufbau konnte nicht anders sein als das Auftreten insgesamt, eben vorsichtig. Das führte dazu, dass er nicht stattfand. Denn die Paderborner verteidigten gut und ohne etwas mutigere Pässe, verrannten sich die Duisburger beim Dribbling immer wieder in ihre Gegenspieler oder der Querpass landete beim Gegner. Erst nach etwas mehr als einer halben Stunde gelang der erste torgefährliche Angriff mit einem Direktpassspiel  über den rechten Flügel. Es war der Auftakt. Mit dem Ausgleich vor der Halbzeit konnte man zwar noch nicht sicher rechnen, aber von da an schien er endlich möglich zu werden.

Ich muss zugeben, ich bin ein großer Anhänger von Ivo Grlic. Nicht dass ich ihn in jedem Spiel dieser Saison auf dem Platz hatte sehen wollen, aber in einer hilflosen Mannschaft, wie sie es unter Neururer häufig gewesen ist,  wirkt er immer als rettender Fixpunkt für überforderte Mitspieler. Das heißt  in Duisburg einiges, weil das dazu führt, dass viele Zuschauer sein Spiel für schlechter halten als es eigentlich ist.  Ärger über die Spielweise der Mannschaft konzentriert sich auf denjenigen, der immer den Ball erhält und dann keine Anspielstationen findet. Das ist ungerecht, und es gehört zur Professionalität von Ivo Grlic damit auf eine souveräne Weise umzugehen. Auch deshalb gönne ich ihm die drei Tore gestern als Lohn für seinen Weg in dieser Saison.

Die ersten zwei Tore waren zudem das Ergebnis eines schnellen Zusammenspiels, bei dem Christian Tiffert als Initiator wirkte. Wieder einmal zeigte er sich als unermüdlicher Antreiber und trug neben Grlic die Hauptverantwortung für das in der zweiten Halbzeit erfolgreiche Spiel nach vorne. Beim zweiten Tor steckte Tiffert den Ball zwischen zwei Paderborner Gegenspieler punktgenau durch die Gasse auf Sahan, der präzise in den Rückraum spielte, wo Grlic zum freien Schuss kam. Das dritte Tor, direkt nach dem fast zum erneuten Ausgleich führenden Patzer von Tom Starke war dann doch sehr beruhigend. So ganz konnten wir der Führung nämlich trotz der so harmlos und vereinzelt gewordenen Paderborner Angriffe nicht trauen.

Hätte Änis Ben-Hatira einen besseren Tag gehabt, wäre diese Sicherheit vielleicht schon früher vorhanden gewesen. Doch Ben-Hatira kam erst zum Ende des Spiels an seinem Gegenspieler im Dribbling vorbei, und Passspiel zum rechten Zeitpunkt gehört einfach noch nicht zu seinen spielerischen Möglichkeiten. Dennoch zeigt sich auch bei ihm ein Wandel der Einstellung. Sein Einsatz ist kontinuierlich vorhanden, und seine Frustrationstoleranz hat zugenommen. So kommt es nicht mehr zu unnötigen Fouls nach Ballverlusten, sondern zum produktiven Versuch, den Ball zurück zu erobern. Sein Gemeckere den Mannschaftskollegen gegenüber hat er ebenfalls eingestellt.

Im Gefühl des Sieges lassen sich die drei Stunden Rückfahrt nach Köln natürlich angenehm verbringen. Dann bespricht man mit dem älteren, seit 1965 ebenfalls in Köln lebenden MSV-Fan noch einmal entscheidende Szenen des Spiels und gewinnt mit jedem Kilometer Abstand von Paderborn immer mehr Verständnis für die Stadion-Security, die bei der Kontrolle von MSV-Fans für größere Aufgaben übte. Anscheinend möchte das verantwortliche Sicherheits-Unternehmen expandieren und seine Dienstleistung in naher Zukunft auch bei Veranstaltungen von ganz anderem Gefährdungspotential anbieten. Allerdings müssen selbst die Mitarbeiter viel konsequenter noch davon überzeugt werden, dass Trockenübungen bei Fußballfans keine verschwendete Energie bedeuten. Sie wirkten jedenfalls immer wieder etwas beschämt, wenn sie die Duisburger Fans nach dem Abtasten darum baten, auch die Schuhe auszuziehen. Ob ich meine Mandarine nun als potentiellen Wurfgegenstand nicht mit hinein nehmen durfte oder als den Würstchenumsatz gefährdendes Nahrungsmittel ist mir nicht ganz ersichtlich.  Mit einem individuellen Getränke- und Speisenboykott habe ich jedenfalls sofort reagiert und hoffe, der Stadionbetreiber wird diesen Umsatzeinbruch schmerzlich bemerken und seine Schlüsse daraus ziehen. Wie ich den Werther-Effekt zum Schluss noch unterbringen soll, ist mir ein Rätsel. Alles Entscheidende ist gesagt. Es sei denn, die halbe Stunde Wartezeit im Hammer Bahnhof wegen der Streckensperrung nach Paderborn wäre von irgendeinem Interesse. Das glaube ich allerdings nicht. Denn niemand hatte sich vor einen Güterzug geworfen, wie es zunächst befürchtet worden war. Niemand, der Robert Enkes Selbstmord als Anstoß wahrnahm, ebenso zu handeln, nur Bahn-Bedienste, die im Wissen um den Werther-Effekt immer noch das Schlimmste annehmen, wenn sie Unregelmäßigkeiten auf der Strecke wahrnehmen. Es ist eben alles gut gegangen an diesem Tag. Solche Tage könnte es eigentlich bis zum Saisonende noch einige mehr geben.

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