Ivo, geh du voran! Den Rest erledigt die Mannschaft dann

Mitfiebern! Das hieß am Freitagabend für mich, auch einmal die eigentliche Bedeutung dieses sonst nur bildhaft gebrauchten Wortes auszuprobieren. Was mir neben der  Freude über das Ergebnis des Spiels vom MSV Duisburg beim Karlsruher SC zudem die Gelegenheit gab, das Gefahrenprogramm meines Körpers mal wieder so richtig in Aktion zu erleben. Sämtliche biochemischen Prozesse verlaufen weiterhin so wie schon in jenen ostafrikanischen Zeiten des ersten tastenden Menschseins. Das kann ich zufrieden feststellen. Im Verlaufe des Spiels habe ich mich immer gesünder gefühlt. Gerade bei dem zunehmenden Ballbesitz der Karlsruher in der zweiten Halbzeit hätte ich ohne Probleme aufspringen und vor dem nahenden Fressfeind wegrennen können. Dauerhaft gesund ist der fiebernde Urzeitmensch nach so einem Hormonschub aber auch nicht gewesen. Der brauchte nach seiner Rettung erst recht den heilsamen Schlaf. Der eine oder andere Tag Ruhe, zusammen mit etwas Pflege durch die Sippe ist außerdem auch nicht schlecht. So erweist sich der Mensch besonders in Notfällen als soziales Wesen, was ihn, wie wir wissen, als Art ja einigermaßen erfolgreich gemacht hat.

Der MSV Duisburg gibt gerade ebenfalls ein weiteres Beispiel für die Wirksamkeit von sozialem Zusammenhalt ab. Sämtliche Spieler, die noch spielbereit sind, versuchen in ihren aktuellen Möglichkeiten alles zu geben, was sie können und agieren als Einheit auf dem Platz. Sie dehnen Grenzen vor allem ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit aus. Das macht jeder einzelne deshalb, weil er sich darauf verlassen kann, dass sein Nebenmann das ebenfalls so macht. So wird ein  Sieg möglich, den wir als Fans zwar erhofft haben, der aber nach rein rationaler Betrachtung der gegebenen Lage nicht sehr wahrscheinlich war.

Mitgefiebert habe ich in einer persönlichen Simultankonferenz am PC. Aus den Lautsprecherboxen im Hintergrund hörte ich Marco Röhling übers Web-Radio, während das zweite geöffnete Fenster des Browsers den erleichertenden Ausgang der von Marco Röhling immer sorgenvoller kommentierten Szene bereits im Live-Bild zeigte. Auf diese Weise war es für mich einigermaßen aushaltbar, das Spiel zu verfolgen. Daraus ergeben sich interessante Gedanken am Rande. Was ist live, wenn die Live-Signale zeitversetzt ins Haus kommen? So viel Technik steckt heute manchmal hinter der Konstruktion von Wirklichkeit.

Deshalb war ich bereits zu all den vergebenen Chancen klagend aufgesprungen, als Marco Röhling den Torschrei noch auf den Lippen hatte. Was tat nicht Nicky Adler alles dafür, um den Ball ins Tor zu schießen. Er schaffte es nicht.  Kein Vorwurf an ihn. Er geht an seine Grenzen. Dennoch bin ich enttäuscht, wenn er nicht trifft, oder das eine Mal nicht in die Mitte spielt, wo Sahan den Ball unbedrängt hätte einschieben können. Allerdings hätte ich mich bei Adlers Torerfolg dann auch am Ende des Spiels genauso fiebrig gefühlt wie zu Beginn. Dann hätte es zur Halbzeit mindestens zwei zu null gestanden und meine Aufregung hätte sich in Grenzen gehalten, weil in Halbzeit zwei das drei zu null durch Adler gefallen wäre. Änis Ben-Hatiras Kopfball ins Tor statt an die Latte hätte natürlich denselben Effekt gehabt.

Für die Tore aber ist zurzeit nur einer zuständig. Ivo Grlic! Was hat der Mann für einen Lauf! Wie lange traf er solche Freistöße in aller Regelmäßigkeit nicht mehr? Und nun findet er jene Schusssicherheit wieder, die er vor zweieinhalb Jahren schon einmal bewiesen hat. Wie wichtig er in dieser Mannschaft zudem als beruhigende Anspielstation ist, zeigte sich in der zweiten Halbzeit nach seiner notwendig gewordenen Auswechslung. Von dem Moment an blieb der Ball kaum einmal länger in den Reihen des MSV Duisburg. Deshalb vor allem wurde es immer aufregender. Nicht weil das Spiel der Karlsruher die ganze Zeit über so zwingend geriet, wie es zu Beginn der zweiten Halbzeit zunächst den Anschein hatte. Aber je öfter jemand die Gelegenheit zum Schrotschuss erhält, desto wahrscheinlicher ist ein Treffer auch mal per Zufall.

Das Spiel folgte am Ende den Regeln klassischer Dramaturgie. Die Spannung wurde auf hohem Niveau gehalten durch die breit vorgetragenen, aber kaum bis zu Starke  kommenden Karlsruher Angriffe, damit sie schließlich zu einem letzten Höhepunkt gesteigert werden konnte, als den Karlsruhern ein Flügellauf über die linke Seite gelang, der das Unglück fast wirklich werden ließ. Unser Held, die Mannschaft des MSV Duisburg, rettete sich aber in einem letzten großen Aufbäumen, nachdem mit Schlicke und Starke schon zwei der üblichen Retter überwunden waren und im Strafraum, knapp vor dem leeren Tor ich-weiß-nicht-mehr-wer den Ball vor allen möglicherweise heran eilenden Karlsruher Spielern weit weg schlagen konnte. Danach war Schluss und die Begeisterung groß.

Wenn ich nach so einem Spiel schon wieder nach vorne schaue, geschieht das zum einen mit zwei Tagen Abstand, in denen ich mich schon ausgiebig gefreut habe, zum anderen aber auch aus einem Rätseln heraus. Am Freitagabend fand Caiuby einmal mehr nicht den Anschluss an das Niveau des Mannschaftsspiels. Er muss innerhalb dieser derzeitigen Mannschaft nicht einmal gut spielen, sondern bereit sein, sich anzustrengen und jeden Fehler der egal von wem passiert, wieder auszubügeln. Änis Ben-Hatira hat das verstanden. Wenn auch in Karlsruhe für einen Moment ein kurzer Rückfall in alte Gewohnheiten zu sehen war und er Tiago nach einem zu spät gegebenen Pass anmeckerte. Was aber geht in Caiuby vor? Als Zuschauer erkennt man das nicht und ich frage mich, ob die sportlich Verantwortlichen das wissen. Das ist eine ernsthafte Frage. Der Spieler selbst gibt durch seine Leistung bislang dazu wenig Auskunft. Verstärkt seine individuelle Spielanlage diesen lethargischen Eindruck, den er jeweils macht? Dann wäre der Weg für Caiuby zu einer passablen Leistung nicht ganz so weit. Denn Nicky Adler könnte da vorne ein wenig Entlastung gut gebrauchen.

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