Offenes Bekenntnis von Kees Jaratz! – Ein Leben ohne Derby-Gefühle

Heute bekenne ich: Ich gehöre zu einer Minderheit. Man sieht es mir nicht an, doch ich bin anders als die meisten Anhänger eines Fußballvereins. Viele werden mich nun fanbehindert nennen. Ich kann nur sagen, ich leide nicht unter einem Mangel. Die Derby-Empfindungslosigkeit gehört zu meinem Leben. Diese Eigenschaft macht in der persönlichen Begegnung vielleicht unsicher und ängstlich. Doch ich hoffe auf die integrative Kraft des Fußballs nach meinem Bekenntnis, und vielleicht ergibt sich in den Zeiten des Internets nach einer solch offenen Erklärung der regelmäßige Austausch mit Betroffenen anderer Vereine.

Seit Anfang der Woche wird das Reden im Fußballkulturraum NRW immer aufgeregter, und ich kann nicht richtig mitreden. Derby raunt es den Rhein runter von Köln über Leverkusen nach Duisburg und von dort weiter Richtung Osten nach Oberhausen über Gelsenkirchen bis nach Dortmund. Im Ballungsraum Rhein-Ruhr werden die Fußballanhänger hibbelig und kribbelig, und ich bin nur so angespannt, kantersieg-vorfreudig wie immer.

Nachdem wir letzten Freitag beim Auswärtsspiel des MSV Duisburg in Bielefeld laut Stadionsprecher zu meiner Überraschung ein West-Derby erleben durften, sind drei Spiele dieses Wochenendes nun ganz deutlich wirklich wichtig für die Identität der beteiligten Vereine.  Oder für die Identität der Fans? Für wen auch immer. Drei Derbys an einem Wochenende! In England ließ man sich nicht lumpen und benannte eine ganze Grafschaft nach so einem Ereignis. Mutterland! Mehr muss man in so einem Fall nicht sagen. Dort begann die Geschichte der Derbys. Klingt in meinen Ohren übrigens komisch: Derby im Plural. Hat vielleicht was mit Einzigartigkeit zu tun, die nicht beliebig vermehrbar ist. Im Ruhrgebiet heißt eines dieser Derbys ja gerne auch: DAS Derby. Hier allerdings interessiert DAS Derby nur der Vollständigkeit halber.

Denn der MSV Duisburg spielt in einem anderen Derby. Der Gegner heißt Rot-Weiß Oberhausen, und da wir Zebra-Fans uns noch immer über Zweitliga-Anstoßzeiten freuen dürfen, wird  die Derby-Serie im Ballungsraum mit dem Spiel in Duisburg um 18 Uhr eröffnet. Zweieinhalb Stunden später geht es weiter mit DEM „Revierderby“ FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund, und am nächsten Tag spielen im rheinischen Derby noch Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Köln. Heißt das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen eigentlich wie das Spiel des Vfl Bochum gegen den FC Schalke O4 oder Borussia Dortmund ebenfalls „Kleines Revierderby“? Oder bewegen wir uns noch eine Etage tiefer? „Klitzekleines Revierderby“ würde mir aber gar nicht gefallen. Gibt es „Rhein-Herne-Kanal-Derby“ oder „Emscherderby“? Oder gehört das Spiel gar in die Rheinschiene und wäre als kleines rheinisches Derby der Begegnung Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Köln verwandt? Das war jetzt nicht ganz ernst gemeint. Aber vergesst mir nicht „Oberhausen/Rheinland“ (!).

Als Kind hat mich diese regionale Zuschreibung sehr verwundert. Ich habe meine ersten Lebensjahre in Ruhrort verbracht, und schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner  ich bedauerte. Wieso beanspruchte dann das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen diese regionale Zuschreibung – deutlich sichtbar für mich auf dem Bahnhofsschild im Hauptbahnhof? Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken, ist nur ein Beispiel. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Vielleicht wäre ich jetzt voller Derby-Emotionen, wenn schon damals mein in Oberhausen lebender Großonkel mit irgendwelchen Rheinland-Erklärungen zu seinem Wohnort mir und meinem Ruhrortstolz zu nahe gekommen wäre. Kam er aber nicht. Es gab auch nicht einen Anhänger von Rot-Weiß Oberhausen in meiner Nähe, der meine aufblühende MSV-Zuneigung bedroht hätte. Für die Stabilisierung der eigenen unsicheren Gefühle lässt sich ein ausgeprägtes Freund-Feind-Schema nämlich effektiv nutzen. Der Ehemann einer Arbeitskollegin meiner Mutter war der einzige RWO-Fan, von dessen Interesse die Erwachsenen jedoch stets mit unaufgeregter Verständnislosigkeit sprachen. In meiner Familie gab es also keinerlei Ermunterung und Anregung zu Derby-Gefühlen. Damals dachte auch noch niemand daran, solche familiären Defizite durch intensive Förderung auszugleichen. Damals war vor allem die SPD vollauf damit beschäftigt, ihr Bildungsprogramm auszuarbeiten. Die klassische Schulbildung stand dabei an erster Stelle. An soziale Kompetenz für Fußballanhänger wurde dabei weniger gedacht.

Andererseits beginnen wir heute erst zu begreifen, wie kompliziert das Wechselspiel zwischen angeborenen Eigenschaften und den Einflüssen der Umwelt vonstatten geht. Vielleicht lautet eine der nächsten Schlagzeilen in der Boulevard-Presse: „Derby-Gen entdeckt!“. Was mir die Gewissheit gäbe, in meinem Gen-Pool wiese die entsprechende Sequenz gegenüber der Bevölkerungsmehrheit eine veränderte Abfolge der DNA-Molelüle auf. Das wäre dann besonders wichtig, wenn wir aus irgendeinem Grund plötzlich in einer Gesellschaft lebten, in der die Empfänglichkeit für Derby-Gefühle als gesund und die Abwesenheit von Derby-Gefühlen als krankhaft beschrieben würde. Dann hätten meine Nachkommen nämlich ein Problem. Aus dem sich nach dem heutigen Tag vielleicht ergebenen losen Austausch von ebenfalls Betroffenen müsst dann auf jeden Fall ein Interessenverband entstehen. Wir fordern mehr Mittel für die Frühförderung von Derby-Gefühl-Empfänglichkeit. Das wären doch mal überraschende Forderungen an die Politik, wo es immer nur um Kultur und traditionelles Lernen geht.

Aber heute müssen wir uns um so etwas noch keine Gedanken machen. Es ist, wie es ist. Ich kann aus einem erhofften 5:1-Sieg gegen Rot-Weiß Oberhausen nicht mehr Gefühle heraus holen als aus einem ähnlich hohen Sieg meinetwegen gegen TuS Koblenz. Mir kommt aber gerade noch ein weiterer Gedanke. Vielleicht ist es ganz anders? Vielleicht bin ich gar nicht derbygefühlsempfindlungslos? Vielleicht bin ich spielgefühlshypersensibel? Vielleicht schlagen meine Gefühle als Anhänger des MSV Duisburg an jedem Spieltag so hoch aus, wie es für andere Fans nur an Derby-Spieltagen erlebbar ist. Wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, werde ich auf diesen Gedanken zurück kommen. Im Moment bin ich erst einmal nur froh, dass endlich die Wahrheit gesagt ist.

9 Antworten to “Offenes Bekenntnis von Kees Jaratz! – Ein Leben ohne Derby-Gefühle”


  1. 1 heinzkamke 26. Februar 2010 um 13:46

    Möglicherweise bin ich nicht ganz so spielgefühlshypersensibel wie Du, aber es geht wohl auch in diese Richtung. Vermutlich hätte ich nie gewagt, mich zu outen, wenn Du nicht den ersten Schritt getan hättest. Nun fühle ich mich auch nicht mehr ganz so allein wie gestern, als ich bei der Lektüre der neuen 11 Freunde, zunächst nahezu unmerklich, dann immer stärker und entschiedener den Kopf schüttelte ob der zahlreichen Leserbriefe, die sich mit dem Ranking der Derbys aus der vorhergehenden Ausgabe unzufrieden zeigten und zahlreiche Verbesserungsvorschläge vorzubringen wussten. Auch wenn das eigentlich ein ganz anderes Thema ist.

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  2. 2 Kees Jaratz 26. Februar 2010 um 14:56

    Ich hatte es gehofft, dass irgendwo da draußen … Und nun, kurz vor der Abfahrt nach Duisburg noch ein Blick hierher: Deine Worte freuen mich doch sehr. Und ich werde immer neugieriger, wie das nun wieder mit Sammy Drechsels Worten zusammenhängt. 🙂

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  3. 3 Trainer Baade 27. Februar 2010 um 00:47

    Reminds me of die Diskussion, die ich mit einem Kommilitonen aus Oberhausen (stammend) führte, dass Oberhausen ja einerseits zum Ruhrgebiet, andererseits zum Rheinland und drittens auch zum Niederrhein gehörend wäre, wobei er Letzteres deutlich verneinte. Was man (was ich dann auch tat) kühl kontern konnte mit der Frage, wie denn das Stadion in Oberhausen heiße.

    Dass „Ruhrgebiet“ keine Bezeichnung regionalen Ursprungs war, wollte er mir nicht glauben, während er große Zweifel hegte, dass er selbst am Niederrhein geboren sei, weil er meinte, dass er im Ruhrgebiet geboren sei. Die Inschrift an Bahnhofsschildern war mir dabei nicht mal geläufig, aber jetzt, wo Du es sagst…

    Ich will mich jetzt nicht immer bei allem, was Kees Jaratz und heinzkamke, die beiden notorisch Unerkannten in der Bloggerei, erwähnen, als ebenfalls zugehörig outen, finde aber nun mal genauso, dass ein Derby immer noch nur drei Punkte gibt und eigentlich nur dann besondere Relevanz hat, wenn man es selbst spielt und womöglich gar ein paar der Gegner persönlich kennt. Beim Zugucken kann ich da auch wenig höher schlagendes Herzblut entwickeln als sonst üblich.

    Mag aber auch daran liegen, dass die Berieselung, der wir uns in diesem Metier aussetzen, ständig von einem Derby faselt, selbst wenn nur Wolfsburg gegen Bremen spielt. Allerdings nur „auch“.

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    • 4 Kees Jaratz 27. Februar 2010 um 14:30

      Trainer, du hast so recht, was das eigene Spielen angeht. Aus dem Text habe ich einen kleinen Umweg rausgenommen, der nun als Textbaustein auf einen anderen Zusammenhang wartet. Da kam mir nämlich das eigene Erleben beim Basketball in Köln in die Quere. Gegen manche, und zwar immer dieselben Gegner kochen die Gefühle besonders hoch. Und das liegt nicht nur an bekannten Gegenspielern, sondern auch am Verein selbst – also an so was wie Kultur. An dem Punkt könnten wir den Bogen wieder zurück schlagen zum Fußball und zu Derbys. Interessieren mich schon sehr solche sozialen Zusammenhänge. An meinem Anhängertum ändert mein Nachdenken aber nichts. … Gerade habe ich einen Satz gelöscht. Ich stehe nämlich schon wieder mitten im Netz und springe wahllos von Verknüpfungspunkt zu Verknüpfungspunkt. Viel zu verwirrend.

      Und wo Oberhausen jetzt regional hin gehört, da arbeiten wir mit dran, Trainer. Jede öffentliche Stimme zählt. 😉

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  4. 5 Trainer Baade 28. Februar 2010 um 13:06

    „Nicht nur an bekannten Gegenspieler, sondern auch am Verein selbst“ – Was aber ist der Verein außer den Spielern? Gibt es bei einem Verein ein Über-Ich, das auch ohne die Teilnehmer existiert? Eine Frage, die wiederum bei mir schon länger auf einen Beitrag wartet.

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    • 6 Kees Jaratz 28. Februar 2010 um 14:29

      Würden das Über-Ich nicht die Spieler ausbilden, aufgrund von kulturellen Vorgaben? Wenn ich an das Kommen und Gehen in meiner Mannschaft zurück denke, dann gibt es zwar kein enges „Anforderungsprofil“ an die Persönlichkeit der Mitspieler, aber es gibt eines. So unterschiedlich wir sind, nicht alle Basketballspieler, die zu uns kamen, haben zur dieser, wie ich finde, großen Unterschiedlichkeit gepasst. Die gingen dann wieder. Für mich ist das die Ausbildung von Kultur auf einer der untersten sozialen Organisationsebenen. Gibt es bestimmt soziologische Fachbegriffe für.

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  5. 7 heinzkamke 1. März 2010 um 16:59

    Sehr interessant war für mich vor ein paar Monaten der Besuch eines Amateurfußballspiels meines Heimatvereins. Man stand der Mannschaft aus dem Nachbarort gegenüber, gegen die vor 15 Jahren wilde Schlachten geschlagen wurden (danach spielte man selten in einer Liga), und das Ganze war so unheimlich… harmonisch.

    Die Rivalität besteht häufig primär in den Köpfen früherer Generationen, denen es in manchen Fällen besser, in anderen weniger gut gelingt, ihre Feindbilder weiterzugeben. In dieses Bild passt vielleicht auch, dass mein Heimatverein -auch das ein in jener gegend weit verbreitetes Phänomen- bereits vor einigen Jahren mit dem ärgsten Rivalen fusioniert hat, um gemeinsam dem Nachwuchsmangel Herr zu werden. Wie soll man da glaubwürdig Feindschaften pflegen?

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  1. 1 Ich, Kees Jaratz – MSV-Anhänger und Gott per Tabellenrechner « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 29. März 2010 um 11:40
  2. 2 Kees Jaratz antwortet auf Fragen aus der VfL-Welt « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 16. Dezember 2010 um 16:28

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