Archiv für März 2010

Und die Hoffnung ist immer neu – Ibrahim Salou

„Ibrahim is an athletic and physical forward who will immediately improve our team,“ said Red Bull New York General Manager and Sporting Director Erik Soler.

Was die heutzutage rumkommen in ihrem Leben, so Fußballwanderarbeiter, und was wir heute alles ganz schnell erfahren und glauben, wenn wir es im Internet lesen. Wenn Ibrahim Salous Engagement beim US-amerikanischen Fußballverein New York Red Bulls tatsächlich stimmt, könnte er als Teil der großen Red-Bull-Familie ja zur Konzernkarriere durchstarten.

„Wir brauchen demnächst auch mal für zwei Monate eine Hoffnung in Salzburg„, sagt dann so ein Soccer-Abteilungsleiter und fügt nach kurzem Überlegen hinzu, „wenn du dann schon mal wieder in Old Europe bist, hängst du noch einen Monat Leipzig dran.“

Zu so einem frühen Zeitpunkt seines Red-Bull-Engagements freut sich Salou dann bestimmt sichtlich über diese Zukunftsaussichten. Erst wenn ihn dann der Abteilungsleiter noch fragen würde, ob er eigentlich auch schon mal in einem schnellen Auto gesessen hat, wird er wahrscheinlich nicht so recht wissen, wie er reagieren soll. Karriere schön und gut, aber so flexibel sein zu müssen, das hat er sich in Ghana damals wirklich nicht so vorgestellt.

Ich, Kees Jaratz – MSV-Anhänger und Gott per Tabellenrechner

Nachdem mir vor ein paar Wochen das Bekenntnis zur Derby-Gefühlslosigkeit einfach fiel, zögere ich jetzt mit den Worten. Das hat einen einfachen Grund. Unverständiges Kopfschütteln oder gar ärgerliche Empörung sind als Reaktion allemal leichter zu ertragen als spöttisches Lachen und sarkastische Kommentare. Dennoch gibt es innere Wahrheiten, die aus einem herausdrängen.

Deshalb verstehe ich im Gegensatz zu einigen anderen Fans des MSV Duisburg übrigens auch Christian Tiffert, der anscheinend bei Sky im Live-Interview nach dem Spiel gegen die TuS Koblenz Pfiffe der Zuschauer beim Stand von 3:1 kritisch kommentierte. Was genau er gesagt hat und in welcher Weise kann ich nirgendwo finden. Ein wenig wirkt das Ganze auf mich wie ein plötzlicher kurzer Schusswechsel nach einem allgemeinen und schon beendeten Schlachtengetümmel.

Alle Beteiligten rund um den MSV Duisburg, ob Spieler, Vereinsverantwortliche, Zuschauer oder Medienarbeiter, zu denen ich mich mit dem Blog im weitesten Sinn auch zähle, wir alle befinden uns noch in Alarmbereitschaft. Bei  jedem kleinen Gefahrenzeichen geht der Adrenalinspiegel hoch. Dann wird von einzelnen Zuschauern bei einem schwachen Torschuss gepfiffen, Spieler hören diese einzelnen Pfiffe besonders laut, und ich schreibe noch einmal ein paar Sätze mehr als nötig und beschwichtigend ums Wortschussgeplänkel drumherum.

Eigentlich haben wir nämlich am Freitag vom MSV Duisburg nicht nur ein passables Spiel gesehen, sondern auch das öffentliche Reden von Spielern und Vereinsverantwortlichen wirkte auf mich so, als wäre tatsächlich der Konflikt im Verein selbst als Chance genutzt worden. Das Bild des Vereins in der Öffentlichkeit zeigt trotz eines Milan Sasic mit dem Versprechen sich zu ändern weder Gewinner noch Verlierer. Eine gute Voraussetzung für die Beteiligten, sich im Konflikt nicht nur als Person weiter zu entwickeln sondern auch gemeinschaftlich dazu beizutragen, Strukturen im Verein zu verbessern. Davon ab, die Pfiffe im Spiel haben mir ebenfalls nicht gefallen.

Merkt ihr, wie meine Worte zu Konflikten mein Schweigen verhüllt? Kennt ihr das, wenn viele Worte das Aussprechen einer peinlichen Wahrheit hinauszögern. Tabellenrechner! Ohne diese Wahrheit bin ich kein ganzer Mensch. Es kommen in einer Fußballsaison mit dem MSV Duisburg immer wieder jene Wochen, in denen ich beginne meiner Allmachtssehnsucht heimlich zu verfallen. Mein Instrument dieser Allmachtssehnsucht ist der Tabellenrechner des Kicker. Seit gestern ist es wieder so weit. Augsburgs Auswärtsniederlage gegen Aachen war für mich wie der erste Schluck Bier für einen trockenen Alkoholiker. Als Gott der Zweitligatabelle bin ich kein Fantast. Der MSV Duisburg wird Dritter. Ich kriege das mit gut bedachten  Spielergebnissen hin, und empfinde mich dabei auch nicht als zu größenwahnsinnig.

Ein wenig glaube ich dann sogar im Alltag an solch eine Vollendung der Saison. Damit unterscheide ich mich nicht sehr von jenen Alkoholikern, die auch beim Trinken ihr Schicksal in dieser Welt alleine durch die Bilder in ihrem Kopf im Griff behalten. Fast immer tauchen sie aus diesen Bildern mit einem Kater auf und müssen weitertrinken, um die Wirklichkeit zu ertragen. Ganz, ganz selten aber, da nähert sich diese Wirklichkeit den Bildern im Kopf an und wird mit diesen Bildern identisch. Ich weiß gerade nicht genau, ob mir der Gedanken gut gefällt.

Tue Gutes für die zebrakids – Ersteiger was! 5. Auktion

Der Besuch von Fußballspielen des MSV Duisburg kostet Eintritt. Das Geld dazu fehlt vielen Kindern und Jugendlichen. Um diesem sozial benachteiligten Nachwuchs den Besuch von Spielen des MSV  zu ermöglichen, haben MSV-Fans im letzten Jahr den Verein zebrakids e.V. gegründet. Auf Spenden ist so ein Verein angewiesen, und um dieses Spendenaufkommen zu erhöhen versteigert im Rahmen einer großen Auktionsreihe der zebrakids e.V. mit freundlicher Unterstützung der Stifter der Auktionsgegenstände, sowie Radio Duisburg und DuisburgFans.de bereitgestellte Gegenstände und Events rund um den Protagonisten der jeweiligen Auktion!  Zurzeit läuft eine Auktion bei Ebay noch bis Montag, den 5. Apr. 2010, 20.07 Uhr:

Bernie Kuhnt, Hauptdarsteller der SAT1-Erfolgsserie „Niedrig und Kuhnt“ ist auch im echten Leben treuer Fan des MSV Duisburg. Und aus diesem Grund lautet das Motto dieser Auktion:

Bernie Kuhnt ermittelt zugunsten der zebrakids!

Die Original-Lederjacke von Bernie Kuhnt aus der ersten Staffel der SAT1-Serie „Niedrig und Kuhnt“ kommt unter den Hammer!

Zur Versteigerung geht es hier lang!

Milde Freude beim Sieg über einen schwachen Gegner

Erst vierzehn Minuten nach Anpfiff betrat ich gestern das Stadion, und wer war schuld? Auf jeden Fall niemand vom MSV Duisburg. Was schon mal eine gute Nachricht ist. Mein Zug war in Düsseldorf am Hauptbahnhof über eine halbe Stunde stehen geblieben, weil sich „Personen in den Gleisanlagen zwischen Düsseldorf und Duisburg“ befanden. Ich vermute deshalb der Einfachheit halber, Fans aus Koblenz waren schuld; Fans, die am Bahnhof Schlenk ihren Sonderzug nicht über den Bahnsteig verlassen haben oder den Bahnsteig nicht durch den Ausgang an dessen Ende oder wie auch immer. Wer meine Anfahrt aber derart behindert, dessen Verein wird mit einer Niederlage nicht unter 4:1-Toren nach Hause geschickt.

So kann der MSV Duisburg also die Saison zu Ende spielen. Wir freuen uns dann milde über einen höchstens fünf Minuten umkämpften Sieg gegen einen Gegner, der mit der bislang schlechtesten Saisonleistung einer Gastmannschaft in der MSV-Arena aufwartete. Vielleicht war die Laufbereitschaft der Duisburger Spieler aber dieses Mal auch hoch genug, so dass sie die Koblenzer Spieler stets unter Druck setzen konnten, sobald diese in Ballbesitz waren. Andererseits ließen die Koblenzer durch ihr langsames Spiel dem MSV auch die Zeit, den Druck aufzubauen. Außerdem sah ich Versuche der Koblenzer Spieler, den Ball unter Kontrolle zu bringen oder zu spielen, die mit Bolzen noch geschönt beschrieben sind. Zum Bolzen gehört in meinem Verständnis nämlich, dass der Ball im Spielfeld bleibt.

Von der ersten recht frühen, großen Chance für den MSV Duisburg durch Olcay Sahan musste ich mir noch erzählen lassen. Das Führungstor habe ich dann selbst gesehen. Christian Tiffert spielte auf den rechten Flügel in den Lauf von Olcay Sahan und dem gelang jenes Abspiel, das er zuvor bereits einige Male zu ungenau versucht hatte. Srdjan Baljak vollendete zum Tor. Solche Spielzüge wurden auch später immer wieder versucht. Allerdings kannten wir das auch: Oft haperte es dabei am letzten Pass. Stärkere Gegner entwickeln aus dem abgefangen Ball ihre Konter. So etwas war von der TuS Koblenz nicht zu befürchten.

Der Torjubel der Spieler nach dem 1:0 galt vor allem Olcay Sahan, der selbst in den knapp fünfzehn Minuten, die ich bis dahin nur gesehen hatte, durch seine unermüdlichen Versuche auffiel, die Angriffe spielerisch zu entwickeln. Das ist um so mehr hervorzuheben, weil ihm die letzte Aktion am Ball nicht durchweg gelingt. Da gehen dann Flanken ins Nichts oder er prallt im Dribbling am Verteidiger ab und geht zu Boden, aber er übernahm Verantwortung. Deshalb war er oft am Ball und riskierte, ein Ziel möglicher Kritik am Spiel zu werden. Dass er zudem durch einen nicht allzu starken und von Rasenunebenheiten zum Aufsetzer werdenden Schuss das zweite Tor kurz nach dem Wiederanpfiff erzielte, war deshalb eher eine Art Vorschuss für seine sich wieder stabilisierende und in Zukunft noch besser werdende Leistung. Denn abschlussstark ist er ganz sicher ebenfalls noch nicht.

Für etwa fünf Minuten geriet das Spiel für den MSV Duisburg nach dem sofortigen Anschlusstor der Koblenzer etwas aus den Fugen und kurz stand die Frage im Stadion, hat Koblenz das Spiel des MSV gegen Ahlen eingehend studiert und die TuS beginnt die Chance auf den Ausgleich nur viel früher wahrzunehmen? Doch sogar ohne drittes Tor gewann der MSV die Spielkontrolle zurück. Aus dieser Spielphase muss ich noch ein technisches Kabinettstückchen von Srjdan Baljak erwähnen. Nach steilem Zuspiel fand er mit schnellen Zweischritt und zwischen den Füßen tanzendem Ball die Lücke zwischen zwei eng stehenden Gegenspielern. Anschließend schoss er gefühlvoll aus halblinker Position am Torwart vorbei aufs lange Eck. Der Ball ging leider nur an den Pfosten, doch was für ein Überblick; und welche Kunst am Ball da aufblitzte. Beeindruckend.

Das 3:1 unterstrich dann auch vom Ergebnis her, was sich auf dem Spielfeld abgezeichnet hatte. Der Sieg war ungefährdet. In so einem Spiel gelingt dieses Tor dann sogar nach einem Eckstoß, wenn auch im Nachschuss von Frank Fahrenhorst. Mit der Torgefahr nach Eckstößen und dem MSV Duisburg verhält es sich ja schon seit einigen Spielzeiten fast so wie mit der Meisterschaft und dem FC Schalke 04.  Das 4:1 war auch wegen der anschließenden Freude von Caiuby über sein Tor bemerkenswert. Als ich ihn und die auf ihn zueilenden Mitspieler sah, schien es mir für einen Moment so unwirklich, was in der letzten Woche über die Stimmung im Verein zu hören und zu lesen war.

Auch wenn dieser Sieg keine großen Gefühle bei uns Zuschauern weckt, es geht in diesen letzten Spielen der Saison um etwas Wichtiges, und das ist nicht nur der mögliche vierte Platz. Egal, wie die Mannschaft in der nächsten Saison aussehen wird, das Auftreten dieser Mannschaft jetzt und die daraus sich ergebende Stimmung im Verein und im Umfeld werden eine Grundlage für diese kommende Saison bilden. Darum sind diese Siege vor allem wichtig.

Der bald zulässige Magath-Vergleich?

Ich habe die letzte Nacht unruhig geschlafen. Immer wieder wurde ich wach und musste daran denken, ob ich im heutigen Spiel des MSV Duisburg gegen den TuS Koblenz als Zuschauer fehlerlos bliebe. Schlaffes Stehplatz-Stehen gibt es bei mir zwar nicht, ich drücke das Kreuz immer durch und stütze mich nie auf einen Wellenbrecher, aber weiß ich, was Milan Sasic noch einfällt, wie professionelles Stehplatz-Stehen auszusehen hat? Ich mag es nicht, angeraunzt zu werden. Wenn mir jemand sagt, dass ich was falsch mache, soll er das im vernünftigen Ton sagen. Gestern Abend dachte ich wegen der Stimmung im Verein sogar kurz an ein Probestehen beim FC, hier in Köln, und habe mich nach dem Zähneputzen vorsichtig in ein paar Soldo-Raus-Rufen versucht.

Seit ich nun gerade den Clip von der gestrigen Pressekonferenz des MSV Duisburg gesehen habe, bin ich sehr erleichtert. Unbeschwert und motiviert gehe ich in das Spiel heute Abend, weil ich ein erstes Zeichen für die konstruktive Aufarbeitung der letzten Woche gesehen habe. „Der neue Sasic beim MSV“ titelt Der Westen. Auf der Pressekonferenz hat sich Milan Sasic ganz deutlich und ohne Vorbehalte dazu bekannt, Fehler gemacht zu haben. Zwar erklärte er an einem Beispiel, wie es zu seinen verärgerten Anrauzern kommt, aber er hat das fehlerhafte Verhalten eines Mitarbeiters nicht als Entschuldigung benutzt. Darauf kommt es an. Deshalb können wir seinen Worten glauben, er wolle dieses Verhalten abstellen. Das wird nicht einfach sein. Er wird Rat brauchen und Strategien, um seine gewohnten Wege zu verlassen. Wir wissen alle, wie schwierig so etwas ist, das rechte Maß, die passenden Worte und den richtigen Augenblick für Kritik zu finden.

Hört man sich seine Erklärung bei dem Einzelfall an, fallen mir sofort verschiedene Möglichkeiten auf, daraus zu lernen. Er schildert ein klassisches Beispiel für sich anhäufenden Ärger und einer vom Verursacher dann nicht nachvollziehbaren Überreaktion in dem Moment, wenn sich der Ärger entlädt. Hinzu kommt, nicht jede der Grundregeln im Fußballgeschäft scheinen alle Mitarbeiter zu kennen. In dieser Weise müssten solche Situationen von den Konfliktbeteiligten analysiert werden. Auch das ist schwierig, nicht umsonst gibt es im Bereich der Unternehmensberatung eine große Unterabteilung Konfliktmanagement.  Bruno Hübner ist da gefordert. Das dazu notwendige Vertrauensverhältnis zu Milan Sasic scheint mir gegeben. Die Pressekonferenz machte jedenfalls diesen Eindruck.

Oft wurde Milan Sasic in den letzten Tagen zur Verteidigung seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens mit Felix Magath verglichen. Bislang war dieser Vergleich unzulässig. Im von den Medien tranportierten Bild erweist sich Felix Magath vielleicht so autoritär wie Milan Sasic, sein Verhalten aber sowohl Fußballern gegenüber als auch den anderen Vereinsangestellten wirkt rationaler und kalkulierter. Zudem konnte er seine Vorstellungen von Professionalität viel strategischer durchsetzen als es Milan Sasic beim MSV Duisburg je möglich sein wird. Milan Sasic kann nicht die Strukturen beim MSV Duisburg von jetzt auf gleich verändern, wie es Felix Magath sowohl zu Beginn seiner Zeit beim VfL Wolfsburg als auch beim FC Schalke 04 gemacht hat. In Duisburg fehlt dazu das Geld. Milan Sasic muss seine Vorstellung von professionellerem Arbeiten mit den vorhandenen Mitarbeitern verwirklichen.

Das geht nicht von jetzt auf gleich und man muss diese Mitarbeiter bei der Veränderung mitnehmen, sonst torpedieren sie die Anstrengungen. Das kennen Unternehmensberater aus ihrem Berufsalltag und machen daraus amüsante Kurzvorträge, die manchmal sehr an das Geschehen beim MSV Duisburg erinnern.

Nach dem Spiel gegen Hansa Rostock war von Anfang an klar, allein aufgrund der finanziellen Lage wird der MSV Duisburg mit Milan Sasic in die nächste Saison gehen. Für mich war die alles entscheidende Frage für die zukünftige Stimmung im Verein, wie sehr würde Milan Sasic seine starke Position im Verein gegen die entstehende öffentliche Stimmung ausspielen. Er ist einer möglichen Versuchung nicht erlegen, vielleicht hat es sie gar nicht gegeben. Im Gegenteil seine Worte tragen zur Verbesserung der Stimmung bei. Sie lassen hoffen, dass der Vergleich mit Felix Magath in der Zukunft einmal stimmen könnte. Dass ich dabei auch an den möglichen Erfolg denke, versteht sich von selbst.

Friedenssichernde Trainingsmaßnahme

Wenn das Training von nun an mit spannungslindernden Maßnahmen zur Gruppendynamik beginnt, wird der zurzeit öffentlich propagierte Frieden wahrscheinlich bis zum Saisonende irgendwie halten. Ganz wichtig ist dabei aber, dass alle Konfliktbeteiligten die Übung mitmachen. Ich halte die Übung zur Überbrückung der restlichen Saison für so bedeutsam, dass ich das anleitende Video trotz der schlechten Bildqualität hier aufnehmen möchte.

Kurzer Einwurf aus Berlin

Mit Entsetzen lese ich am Schreibtisch eines Freundes in Berlin bei Der Westen und in der Rheinischen Post vom Geschehen in Duisburg. Es scheint schlimmer, als ich gestern und vorgestern befürchtet habe. So geht das nicht! Nie! Niemals! Selbst wenn Milan Sasics Meinung richtig  sein sollte, Mitarbeiter dieses Vereins auf allen Ebenen und in sämtlichen (!) Bereichen erledigten ihre Arbeit fehlerhaft, selbst dann muss ihn jemand stoppen bei seinem Furor. Angst motiviert nur die wenigsten Menschen auf verlässliche Weise. Angst lähmt die meisten Menschen. Angst hemmt Menschen bei dem Versuch, ihre Arbeit gut zu erledigen. Das geht nicht nur Fußballspielern so. Das geht Menschen bei jeder Arbeit so. Milan Sasic braucht Beratung! Das ist die Aufgabe von Bruno Hübner und Walter Hellmich. Der MSV Duisburg lebt nicht nur durch den Fußball und seine Fans, er lebt auch durch all seine Mitarbeiter, egal wie kritikwürdig auch immer deren Arbeit im Einzelfall ist. Fühlen diese Mitarbeiter sich dauerhaft ungerecht behandelt, wird ihrem täglichen Tun kein Respekt entgegengebracht und werden sie in ihrer Selbstachtung zerstörerisch angegriffen, wie es den Anschein hat, so entweicht diesem Verein nach und nach das Leben. Ich neige nicht zu voreiligen Appellen, aber in diesem Fall muss es sein. Bruno Hübner und Walter Hellmich, reden Sie mit Milan Sasic und verhindern Sie, dass er den Verein erstickt.

Führungskräfte und Sozialkompetenz

Etwa fünf Minuten in der ersten Halbzeit des Spiels vom MSV Duisburg gegen den FC Hansa Rostock reichten mir vorgestern aus, um mich in die nächste Niederlage einzufinden. Ungefähr ab der 17. Spielminute kam ich zu dem Spiel am Bildschirm, und was ich sah, war zunächst eine Zeitlupen-Wiederholung des Führungstors von Hansa Rostock. Außerdem sah ich dann drei bis vier Angriffe der Rostocker. Sie endeten in kläglichen Schussversuchen oder in Flanken, die von Duisburger Verteidigern meist im zweiten Versuch geklärt wurden. Und schließlich sah ich drei bis vier Versuche von einzelnen Spielern des MSV Duisburg den Ball über das Mittelfeld hinweg vor das gegnerische Tor zu schlagen, wo sich Srdjan Baljak sehr alleine fühlen durfte. Auf dem Fußballplatz kann man ja während eines offiziellen Spiels wenig anderes Interessantes machen, als gegen den Ball zu treten. So versuchte der arme Srdjan jedes Mal, die Dreiviertel- bis Ganzfeldpässe zu erreichen, obwohl sie alle weit entfernt von ihm landeten. Ich muss solch umständlich wirkende Worte benutzen, weil in dieser Zeit weder ein Mannschaftsspiel vom MSV Duisburg zu sehen war, noch irgendetwas, was auch nur den Anschein hatte, ein Angriff gewesen zu sein. Nach den fünf Minuten schaltete ich den PC aus und dachte, das wird nichts mit dem Ausgleich.

Hoffen darf man trotzdem. Doch meine nächste Begegnung mit dem Spiel kurz darauf beim Freund war Marco Röhlings Reportage im Webradio von Radio DU etwa zehn Minuten lang in der zweiten Halbzeit. Er bestätigte, dass vom MSV Duisburg in Rostock nichts zu sehen war und es dabei auch blieb. Ich hörte, wie das zweite Tor der Rostocker fiel und erfuhr danach von der Auswechslung Christian Tifferts, bei der Marco Röhling, um es vorsichtig zu formulieren, keine gute Stimmung zwischen Trainer und Spieler ausmachte. Die Niederlage war geschehen. Der Laptop wurde zugeklappt, ich sah meine Bedenken zur Aufarbeitung der Niederlage gegen den TSV 1860 München bestätigt und fuhr zum Anschreiben beim Basketball.

Die dritte Begegnung mit dem Spiel hatte ich gestern mit der Nachberichterstattung und statt mir Gedanken ums Spiel zu machen,  musste ich mich ständig an die ersten Tage nach der Verpflichtung von Milan Sasic erinnern. Damals hoffte ich, Milan Sasic habe aus seiner  Zeit beim 1. FC Kaiserslautern gelernt. Ich hoffte es deshalb, weil in Kaiserslautern von seinem Umgang mit Menschen oft die Rede war. Sogar mit dem Platzwart habe er gestritten, und es war von vielen Spielern die Rede, deren Verhältnis zum Trainer irreparabel zerrüttet gewesen sein soll. Zudem las ich von langen Bällen auf die Stürmer als einzigem Mittel des Angriffs. Wenn ich von Spiel und Stimmung gestern lese, scheint sich etwas zu wiederholen. Milan Sasic streitet mit dem Busfahrer! Das Verhältnis von Milan Sasic und Christian Tiffert wirkt sehr kühl.

Ich befürchte, Milan Sasic ist kein Mann, um eine Mannschaft durch Krisen zu führen. Wir erkennen nun, für einen Trainer mit seiner Persönlichkeit gibt es zwei Möglichkeiten in einem Verein dauerhaft zu arbeiten. Die erste ist banal, seine Mannschaft erreicht die gesteckten Ziele, jemand ist aber an seiner Seite, der der notfalls moderierend eingreift und Frieden stiftet. Der Erfolg hilft in dem Fall, zwischenmenschliche Schwierigkeiten zu überdecken. Als  zweite Möglichkeit sehe ich einen Kader mit Spielern, die allein in ihm und seiner Arbeit die Chance sehen, erfolgreicher zu sein, als sie es sich für ihre Karriere vorgestellt hatten.

Milan Sasic hat einen Vertrag bis 2011, und über Trainerwechsel brauchen wir nicht reden. Deshalb könnte es sich kurioserweise als Vorteil erweisen, dass so viele Spieler zum Ende der Saison wahrscheinlich diesen Verein verlassen. Ein Trainer kann nicht mit allen Spielern seiner Mannschaft konfliktfrei zusammen arbeiten. Er kann nun einmal nur elf Spieler einsetzen. Deshalb muss er sich damit auseinander setzen, mit Spannungen im Kader umzugehen. Wenn Christian Tiffert zum Ende dieser Saison anscheinend so unzufrieden an seinem Arbeitsplatz ist, wie es im Podcast von Radio DU den Eindruck macht, dann hat Milan Sasic bei seiner Arbeit etwas falsch gemacht.

Christian Tiffert ist nicht Änis Ben-Hatira, dem hatte deutlich gemacht werden müssen, welche Einstellung er zur Ausübung seines Berufs in Duisburg haben sollte. Christian Tiffert hat sich in dieser Saison als eine der Stützen dieser Mannschaft erwiesen. Christian Tiffert mag schlechte Spiele gemacht haben und Rostock kann so eines dieser Spiele gewesen sein, doch seine Einstellung zu seiner Aufgabe beim MSV Duisburg schien mir nie fragwürdig gewesen zu sein. Natürlich deute ich hier Zeichen und eigentlich halte ich mich lieber an Fakten, aber in diesem Fall habe ich das entschiedene Gefühl, Milan Sasic hat in seinem Umgang mit Christian Tiffert etwas falsch gemacht.

Wie fühlt sich das an, wenn man sich anstrengt, die gestellten Aufgaben zu erfüllen? Man strengt sich sehr an, doch im Produktionsprozess geschehen immer wieder Fehler. Kollegen machen etwas falsch, man selbst kann manchen dieser Fehler ausbügeln. Gleichzeitig muss auch die eigene Arbeit gemacht werden. Schon diese Arbeit ist kompliziert genug und man weiß, sie wird nicht fehlerlos sein. Der eigene Anspruch ist ein anderer. Man erkennt sogar an vielen Stellen, woran es hapert. Man kann aber nichts anderes machen als sich am eigenen Platz noch mehr anzustrengen. Und dann kommt der Chef.  Der wirft einem vor, man erfülle die besondere Verantwortung für das Produkt nicht richtig. Man mache seine Arbeit nicht gut genug. Man  strenge sich zu wenig an. Der Chef verliert kein Wort über den geleisteten Einsatz. Er verliert kein Wort darüber, dass man versucht mitzuhelfen, Fehler abzustellen. Der Chef redet nur darüber, was man noch immer falsch macht. Mancheinen mag das noch mehr motivieren, für andere aber fühlt sich das nicht gut an, selbst wenn man viel Geld verdient an seinem Arbeitsplatz. Es gehört zu den Aufgaben eines Chefs mitzubekommen, wer wie auf welche Ansprache reagiert.

Dass ich Zeichen zu deuten beginne, beweist mir, beim MSV Duisburg gibt es wieder grundsätzliche Probleme. Ich wünsche mir mal wieder, es wäre anders. Ich wünsche Christian Tiffert zudem bei seinem neuen Verein alles Gute. Wo immer er auch spielen wird, er wird versuchen, für diesen Verein sein Bestes zu tun. Und schließlich wünsche ich dem MSV Duisburg  neue Spieler, die in Milan Sasic und diesem Verein die Chance ihres Lebens sehen. Mitte 2011 sehen wir weiter.

Ballack und Overath mit Kommentaren zum MSV

Gestern las ich in einem Zeitungsartikel folgenden Spielkommentar: Die erste Halbzeit sei noch okay gewesen. Die Mannschaft habe einige Chancen gehabt. Doch nach dem Wechsel sei die schlechteste zweite Halbzeit überhaupt zu erleben gewesen, und Antworten habe man keine mehr gefunden. Was ganz nach einem Kommentar zum Montagsspiel des MSV Duisburg klingt, gehört, wie ihr natürlich längst ahnt, in eine andere Liga. In diesem Fall wurden die Fragen durch die überaus kompakte, defensive Spielweise von Inter Mailand aufgeworfen, und Michael Ballack kommentierte mit diesen Worten das Spiel vom FC Chelsea. Trotz des Unterschieds im spielerischen Niveau begegnen Mannschaften also ähnlichen Problemen mit den gleichen Folgen.

Mir geht es im öffentlichen Reden seit dem Spiel gegen den TSV 1860 München zu wenig darum, wie ein Spiel zurückwirkt auf die Leistungen der einzelnen Spieler. Mit geht es deshalb darum, weil in dieser Rückwirkung die Hoffnung für den Erfolg im nächsten Spiel liegt. Das Hauptaugenmerk der Berichterstattung liegt leider fast immer auf der Leistung einzelner Spieler. Alles andere scheint zu komplex zu sein, um es in den Medien darzustellen und zu bewerten. Natürlich war die Niederlage gegen den TSV 1860 München am Montagabend auch für mich eine Enttäuschung. Ich habe auf Spieler nach Fehlern geschimpft und mich über die schlechte Leistung der Mannschaft in der zweiten Halbzeit geärgert. Nach dem Schlusspfiff aber erwarte ich mit zunehmendem Abstand zum Spiel neben dem Ärger eine analysierende Einordnung des Spiels und eine Haltung, die über das Ausschimpfen von Spielern hinausgeht. Ich möchte gerade durch die Verantwortlichen im Verein von jener Rückwirkung hören. Schließlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den spielerischen Möglichkeiten eines Christian Tiffert und eines Ivica Grlic und der kompakt agierenden Spielweise beider Mannschaften. Mir ist der Verweis auf die Erfahrung dieser Spieler zu wenig. Auch Michael Ballack ist erfahren und kam als Teil einer Mannschaft anscheinend mit der defensiven Spielweise des Gegners nicht klar.

Ich hatte am Montagabend in der ersten Halbzeit nicht den Eindruck, die diszipliniert spielende Mannschaft des MSV Duisburg könne nicht mit Druck umgehen. Deshalb möchte ich von der Rückwirkung des Spiels auf die Leistung der Spieler während der zweiten Halbzeit hören, weniger weil ich daraus auf fachliche Qualitäten der sportliche Verantwortlichen schließen will, sondern vor allem weil solche Worte von Seiten des Vereins die Grundstimmung innerhalb der Mannschaft und im Umfeld des Vereins beeinflussen.

So eine Enttäuschung wie nach der Niederlage gegen den TSV 1860 München öffentlich zu verarbeiten ist immer ein Tanz auf dem Hochseil. Einerseits gilt es, die Stimmung der Fans zu beachten. Dabei dürfen die Fehler von Spielern nicht verschwiegen werden. Andererseits muss das Selbstvertrauen der Spieler wieder aufgerichtet werden. Man muss also idealer Weise die Aufarbeitung der Enttäuschung im Verlaufe der Woche nach dem Spiel mit einem Blick nach vorn verbinden. Das ist beim Abschied vom Aufstiegsgedanken um so schwerer.

Beim Blick nach vorn heißt es aber auch Zurückhaltung mit der Spielerschelte. Macht man das von Vereinsseite geschlossen nicht, wirken Medien einerseits als Übermittler der schlechten Nachrichten, andererseits aber verfestigen sie dann die schlechte Grundstimmung. So kommen Sätze wie im RevierSport-Kommentar zustande: „Seit Wochen sieht man in Duisburg nur noch hängende Köpfe.“ Ich glaube diesen Satz nicht. Denn diese Wochen sind ja gerade gekennzeichnet von dem Auf und Ab der Gefühle und zwar nicht nur von Gefühlen der Fans. Ich habe in Bielefeld in freudige Spielergesichter gesehen. So ein zuspitzender Satz passt aber zur jetzt vorhandenen Grundstimmung rund um diesen Verein, die bei Enttäuschungen schnell spürbar wird in Duisburg.

Bei so einer Grundstimmung ist konstruktive Arbeit auf längere Frist überaus schwierig. Es ist also wieder einmal an der Zeit, an grundsätzliche Aufgaben zu erinnern.  Denn für diese Grundstimmung in der Öffentlichkeit ist der Verein mit verantwortlich. Es ist eine mühsame Arbeit, aber sie muss getan werden. Es ist also wieder an der Zeit, an das Erarbeiten von Konzepten zu erinnern und an vorsichtige Worte von Vereinsseite. Manchmal habe ich das Gefühl, die Verantwortlichen eines Vereins – der MSV Duisburg ist damit nicht alleine – ahnen nicht, wieviel Wahrheit Anhänger eines Vereins über die Erfolgschancen ihres Vereins ertragen können. Was sie mit Sicherheit nicht ertragen, sind falsche Versprechungen.

Die Leistung des MSV Duisburg in dieser Saison angesichts der Verletzungen und Spielerverkäufe betrachtet, scheint mir bei aller Enttäuschung über den Verlauf der Saison nicht so schlecht zu sein wie sie jetzt gemacht wird. Wo stehen Rostock oder Cottbus? Lasst mich auch kurz einen Blick nach Köln werfen. Dort gibt Wolfgang Overath dem Kölner Stadt-Anzeiger ein großes Interview, um die Unzufriedenheit im Umfeld des 1. FC Köln zu dämpfen. In diesem Interview sagt er an einer Stelle:  „Mir war klar, wenn die beiden Stürmer keine Tore machen, dann wird es schwer.“ Er redet über den lange verletzten Milivoje Novakovič und Lukas Podolski mit üblichen Schwierigkeiten fast aller Heimkehrer. Er hätte den Satz auch über den MSV Duisburg sagen können und hätte damit auch den verletzten Sandro Wagner gemeint und einen Dorge Kouemaha, für den es die ganze Zeit keinen Ersatz gab.

Was den wahrscheinlich verpassten Aufstieg angeht, so kann ich enttäuscht sein und muss dennoch nicht alles in Grund und Boden stampfen – allein deshalb, damit in der nächsten Saison die Stimmung rund um den MSV Duisburg nicht aus dem tiefsten Keller gehoben werden muss.

Uraufführung dieser „Abseitsfalle“ vom Theater Oberhausen

Wer als Fußballspieler in eine Abseitsfalle läuft, erhält beim nächsten Angriff seiner Mannschaft eine neue Chance, ein Tor zu erzielen. Wenn die Abseitsfalle aber auf Verhältnisse im wirklichen Leben anspielt, sieht es düster aus mit dieser neuen Chance. Dann geht es um ein dauerhaftes Abseits oder wenigstens um die Gefahr dort zu landen. In Oberhausen als einer der überschuldeten Städte des Ruhrgebiets kennen die Menschen diese Gefahr als Alltag. Jahr für Jahr sieht sich die Stadt zu neuen Sparmaßnahmen aufgefordert. Geschaut wird dann jeweils als erstes auf die freiwilligen Leistungen. Hinter diesen zwei Wörtern der Verwaltungssprache versteckt sich vieles, was ein Leben lebenswert macht. Dazu zählen Kultur, Sport und Bildung, so dass nicht selten Theaterleute und Sportler in einem Wettbewerb um kommunale Gelder stehen.

Diesen Moment des kommunalen Alltags greift Schorsch Kamerun für sein Theaterprojekt „Abseitsfalle“ auf und verwandelt ihn in eine märchenhafte Phantasie. Denn wenn die Stadt kein Geld hat, hilft mit „Arab Petrol“ vielleicht ein Sponsor aus dem Orient. Der Eigner von Arab Petrol, Herr Vorsprung genannt, weiß allerdings nicht so recht, ob er dem Theater Oberhausen oder dem ortsansässigen Fußballverein Rot-Weiß  sein Geld zukommen lassen soll. Bei einer „Vier-Chancen-Tournee“ treten deshalb an: „Team Theater“ mit Schauspielern, Pförtner und Dramaturgin gegen „Team RWO“ mit Vereinsvorsitzendem, Fans, Securitymitarbeiter und Sportjournalistem. Sie werben um die Gunst des Publikums, dessen Votum Herr Vorsprung sich zueigen machen möchte. Es ist ratsam, diese Entscheidung zum Ende der Vorstellung hin nicht spielerisch und leicht zu nehmen. Man sollte sich ihr bewusst stellen, denn darin liegt der Wert dieses Abends.

Etwa zehn Minuten dauert die Sonderfahrt mit dem Oberhausener Linienbus vom Theater der Stadt aus zur Dreifachsporthalle der Gesamtschule Osterfeld, wo die „Vier-Chancen-Tournee“ stattfindet. Auf dem Hinweg erfahren wir durch die Schauspielerin Anna Polke, wie die Industriearbeit aus Oberhausen verschwand und dass Europas größtes Einkaufszentrum stattdessen als „Neue Mitte“ für die Identität dieser Stadt wichtig ist. Die Wirklichkeit soll an diesem Abend nicht vergessen werden.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, der dann in Osterfeld stattfindet, nachdem das Publikum auf den Ausziehtribünen der Sporthalle Platz genommen hat. Zwar steht der RWO-Vorsitzende Hajo Sommers als Schauspieler auch auf anderen Theaterbühnen, doch seine Mitstreiter im „Team RWO“ sind Laien. So geht es für das Team RWO weniger um künstlerischen Ausdruck als um authentische Präsenz von Menschen, in deren Leben Fußball von Bedeutung ist. Da werden dann Fußballersprüche vorgelesen. Da wird ein Bild im Keith-Haring-Stil gemalt. Oder zur Vorstellung des neues Vereinslogos wird die von Schorsch Kamerun geschaffene Oberhausen-Hymne eher gerappt als gesungen sowie eine Cheerleader-Choreografie wird dazu getanzt. King Lear im „volksnahen“ Stil bildet den Abschluss dieser ersten Halbzeit.

Team RWO malt im Stil von Keith Haring ein Gastgeschenk für Arab Petrol. Auf der Leinwand ist eine Videoprojektion zu sehen von der gleichzeitig stattfindenden Aufführung einer Szene aus „King Lear“ durch das Team Theater.

Foto: Axel J. Scherer

Zeitgleich beginnen beide Teams in zwei der drei Querfelder der Sporthalle mit ihren Darbietungen und bald nach Beginn senkt sich eine Faltwand zwischen den beiden Hallenteilen herab. Erst in Halbzeit zwei wird man, nach einem Wechsel der Tribünenseite, vom jeweils anderen Team in Gänze sehen, was als Videoprojektion manchmal im Hintergrund auf eine große Leinwand eingespielt wird.

Das „Team Theater“ agiert selbstverständlich in professioneller Weise. Auch wenn die Darbietungen dabei den Anschein von Arbeitsproben annehmen, machen die Schauspieler Qualität und Möglichkeiten ihrer Kunst erlebbar. Da wird jene  Szene aus King Lear in klassischer Sprechtheatermanier gegeben, wobei die an Stars-Wars-Filme erinnernden Kostüme den Kontrapunkt Moderne bilden. Da wird Actionpainting per Gruppenaktionskunst persifliert. Da wird die Oberhausen-Hymne vom Männerchor gesungen, während die Schauspieler, maskiert als Kulturklassiker und Feuilletonstars der Gegenwart einen Ausschnitt des Kulturkanons auf die Bühne bringen.

Marek Jera spielt den „Prinz“, der den potentiellen Sponsor „Herrn Vorsprung“ vertritt und der als Spielleiter den Wettbewerb begleitet.

Foto: Axel J. Scherer

Auch wenn es in der Vorberichterstattung so angedeutet wurde, „Abseitsfalle“ kritisiert keineswegs Auswirkungen möglichen Sponsorings. Dazu geht das Stück nicht tief genug in die Wirklichkeit solcher Finanzierungsquellen. Da bewegt sich der Abend auf der Ebene bekannter Gags aus Comedy- und Kabarett-Zusammenhängen, wenn die Darbietung selbst sponsorgerecht inszeniert wird und während der Übergänge per Großleinwand der tatsächlich existierende lokale Sponsor präsentiert wird.

Klaus Zwick als Mitglied im Team Theater tritt als „King Lear“ auf. Im Hintergrund warten zwei seiner Töchter, gespielt von Annika Meier und Nora Buzalka.

Foto: Axel J. Scherer

Wenn wir der Prämisse des Stück vertrauen, so leben wir noch in zivilisierten Zeiten. Noch scheint es den Glauben an wirksame Verfahren der Entscheidung zu geben. Zumindest hält der Glaube bis zum Ende an, wenn sich Herr Vorsprung dann doch per Telefon als wahrer Machthaber erweist und mit einem Mal die Ökonomie als Entscheidungsgrundlage entdeckt.  Sonst deutet der Text des Stückes aber nirgendwo an, was da als heftigerer Verteilungskampf noch kommen mag. Da ist der Zuschauer auf sich gestellt und muss in sich selbst spüren, was passiert, wenn er sich auf den Wettbewerbsgedanken dieses Stückes wirklich einlässt. Nimmt der Zuschauer seine Macht als Juror ernst, bewegt der Abend.

„Abseitsfalle“ braucht nicht den Überbau einer kritischen Aussage, wie sie in der Pointe des Ende angelegt ist. Herr Vorsprung meldet sich telefonisch und setzt sich über das vermeintliche Publikumsvotum für das Theater Oberhausen hinweg. So eine Pointe macht nur jene Schublade mit Fragen auf, die von dem Stück nur unzulänglich behandelt werden. Es wäre nicht nötig gewesen. Es langt, die Zuschauer mit dem Gefühl alleine zu lassen, sich entscheiden zu müssen. Es reicht aus,  das Publikum vor die Wahl zu stellen, was wichtiger ist für die Stadt, für die Allgemeinheit und letztlich vielleicht nur für einen selbst. In dem Moment wirkt dieses Theaterstück in die Wirklichkeit hinein. Das aber muss man als Zuschauer zulassen.

Weitere Vorstellungen:

25. und 27. März 2010
13. und 29. April 2010
4., 14., 15. und 19. Mai 2010


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