WM 1982, Halbfinale Deutschland – Frankreich: REFAIT

„Refait“ heißt ein wunderbarer Kurzfilm, der die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Weltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellt und das Originalgeschehen im Splitsceen  daneben setzt. Das Kollektiv Pied la Biche hat diesen Film gedreht. Darauf hingewiesen wurde ich von Fritten, Fußball und Bier, wo immer wieder sehenswerte Fußballclips gefunden werden. Großer Dank dafür gen Süden.

Mein Französisch ist mir zwar nur noch in Grenzen zugänglich, „refaire“ als Grundform für das Partizip „refait“ im Sinne von „noch einmal machen“ hatte ich dennoch erkannt. Dann brachte „Langenscheidts Großes Schulwörterbuch“ aus den 70ern „REFAIT“ für mich als Wortspiel zum Leuchten. Zumindest in der damaligen Umgangssprache bedeutete „refait“ auch „geklaut“  und als Adjektiv hieß es „betrogen“. In dem Wörterbuch meines Sohnes und in den Netz-Lexika finde ich für diesen Sinn heute keine Hinweise mehr.

Ich vermute dennoch, der Titel des Films erinnert an das Grundgefühl der Franzosen nach der damaligen Niederlage der französischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen. Frankreich war nicht nur enttäuscht, in der Enttäuschung schwang auch das Gefühl mit, ungerecht behandelt worden zu sein. Die dafür entscheidendende Szene des Dramas ist nicht nur uns Älteren bekannt: Der deutsche Torhüter Harald Schumacher springt in brutaler Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und trifft ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von der schweren Verletzung Battistons völlig ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen. Dieses Foul und Schumachers Reaktion nach dem Spiel bot der französischen Öffentlichkeit ein Ventil für die immense Enttäuschung nach dem Spiel. Aus Enttäuschung wurde Wut und Zorn.

Frankreich hatte sich zweimal dem Finale ganz nahe gefühlt. Da gab es die 3:1-Führung nach acht Minuten der Verlängerung. Doch Karl-Heinz Rummenige schoss das Anschlusstor in der 102. Minute und Klaus Fischer konnte in der 108. Minute ausgleichen. Zudem traf auch beim Elfmeterschießen mit Uli Stielike zuerst ein deutscher Spieler nicht ins Tor. Doch sofort nach Uli Stielike hielt Harald Schumacher den von Didier Six geschossenen Elfmeter.  Deutschland gewann schließlich 8:7. Die Berichterstattung in den französischen Medien kochte hoch und erinnerte oft genug an die vergangenen Zeiten alter Feindschaft. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand entschlossen sich sogar zu einer gemeinsamen Presseerklärung, mit der sie die aufgebrachte öffentliche Stimmung beschwichtigen wollten.

In meiner Erinnerung fraß in diesem Spiel zum ersten Mal eine einzige Aktion eines Spielers meine Loyalität für eine Mannschaft an. Auch wenn ich mich damals schon nicht als ein Anhänger der Fußballnationalmannschaft bezeichnet hätte, ich wollte Deutschland im Finale sehen. Ich war nicht hin- und hergerissen, sondern dieses Foul wirkte wie der bittere Geschmack von Kiwis im süßen, sahnigen Fruchtquark. Während des ganzen mich mitreißenden Aufbäumens der deutschen Mannschaft in der Verlängerung machte sich die Erinnerung an das Foul unangenehm bemerkbar.

Ich konnte mich also nicht von dem Wunsch zu gewinnen distanzieren. Heute weiß ich, mein unangenehmes Gefühl damals wurzelte in einer Mitverantwortung für das Foul, in der ich durch meinen unbedingten Wunsch  auf den Sieg mit einem Mal stand. Ich hatte durch diesen Wunsch, die deutsche Mannschaft möge weiter kommen, Mitschuld zu tragen. So ist das mit Gemeinschaften, und es ist unangenehm und eigentlich nicht einsehbar. Ich hatte dieses Foul doch so entschieden verurteilt. Mancheiner wird nun sagen, was schreibt der für einen Unsinn. Das war doch Fußball. Das stimmt, und darüber bin ich ziemlich froh.

Für Frankreich war das Spiel auf jeden Fall auch ein bisschen mehr als Fußball. Wenn fast 28 Jahre nach dem Halbfinale ein Kurzfilm wie „REFAIT“ entsteht, wird das erneut deutlich. Voilà:

Quelle: Piedlabiche on Vimeo.

5 Antworten to “WM 1982, Halbfinale Deutschland – Frankreich: REFAIT”


  1. 1 Trainer Baade 13. März 2010 um 20:03

    Ja, hatte das herrliche Video auch schon bei Fritten, Fußball & Bier genossen, es ist auf jeden Fall ein „refait“ auf dieser Seite wert.

    Kleine Klugscheißerei: Stielike, ohne c.

    Nichtsdestotrotz ein grandioses Video, und das sage ich in aller Sparsamkeit der Verwendung dieser Vokabel.

    Gefällt mir

  2. 2 Kees Jaratz 13. März 2010 um 20:25

    Ich hatte tatsächlich überlegt, den Film nur über die „Finder“ zu verlinken. Aber dann dachte ich, jeder der es aus welchen Gründen auch immer nicht zu „Fritten, Fußball und Bier“ schafft, verpasst so viel.

    Und jetzt lass ich schnell das „c“ verschwinden. 😉

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  3. 3 mberghoefer 15. März 2010 um 10:11

    super Film. Vielen Dank für den Link!

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  1. 1 Noch einmal: Refait – der Kurzfilmklassiker zu Frankreich gegen Deutschland | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 4. Juli 2014 um 04:41
  2. 2 Massimo Furlan war Jürgen Sparwasser und wird Sepp Maier sein | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 4. April 2018 um 10:52

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