Archiv für Juli 2010

Vom Vorstandsvorsitz, Ennatz und zehn Tagen Pause

„Beim MSV folgt Karpathy auf Hellmich“. Damit ist der Vorsitz des MSV-Aufsichtsrats besetzt. Fehlt noch der Vereinsvorsitzende, weil diese Personalunion der Hellmich-Zeit in Zukunft aufgehoben werden soll. Die Fans im MSVportal bewerten die Personalie als ein Weitermachen in alten Strukturen. Mancheiner hatte gehofft, mit dem Hamburger Unternehmer Jürgen Uhlemann wäre nicht nur ein klarer Schnitt zur Hellmich-Ära vorgenommen worden, auch die Hoffnung auf neues Geld war mit seinem Engagement verbunden gewesen.

Ich kann das alles mal wieder nicht so eindeutig bewerten. Jürgen Uhlemann ist für mich nicht die verpasste große Chance. Trotzdem denke auch ich an die entgangenen möglichen Investitionen. Ich glaube an David Karpathy als  einen eigenständig handelnden Vorsitzenden des Aufsichtsrats, dennoch erkenne ich mögliche Kontinuitäten auf der Verwaltungsebene.

Einmal mehr erweist sich dieses Fußballgeschäft als sehr widersprüchlich. Jeder Fan mit Traditionsbewusstsein müsste eigentlich den Aufsichtsratsvorsitzenden ohne finanzielle Interessen aus lokalen Zusammenhängen vorziehen gegenüber dem überregionalen Kandidaten, dessen Motive nicht ganz klar waren, bei dem sehr wahrscheinlich aber geschäftliche Überlegungen eine Rolle gespielt hatten. So eindeutig ist es nun einmal nicht. Wir werden abwarten müssen, um David Karpathys Arbeit bewerten zu können.

Bis dahin beschäftigt uns Walter Hellmich noch ein wenig weiter. Der Pressesprecher des MSV Duisburg Martin Haltermann erlebt gerade jedenfalls seine Sturmtaufe. Nun kann er sich ein Bild vergangener Zeiten machen und darauf hoffen, dass der neue Aufsichtsratsvorsitzende David Karpathy mit seinen Worten bedächtiger umgeht. So genau nimmt es Walter Hellmich nämlich nicht mit den Worten, weil er von sich selbst weiß, er hat immer lautere Absichten. Die glaube ich ihm sogar zunächst, und wer sich das Video bei Youtube mit seiner Ansprache vor Fans ansieht, wird mir vielleicht zustimmen. Ich glaube ihm, der MSV Duisburg, Duisburg selbst oder die Region liegen ihm am Herzen und er sehnt sich danach, dass die Menschen das erkennen. Deshalb schießt er mit seinen Versprechungen immer wieder über das Ziel hinaus. Deshalb erzählt er das, von dem er glaubt, es kraft seines Einsatzes irgendwie erreichen zu können. Es gehört zur Tragik seiner Person, dass er dabei vergisst, die Welt ist nicht seine Firma. Dass er bei aller Emotion rund um den MSV Duisburg sein Geschäft nicht vergisst, steht auf einem anderen Blatt.

Walter Hellmich kommt gut mit Bernard Dietz aus. Wahrscheinlich kommt er im direkten Kontakt mit jedem Menschen gut aus. Deshalb macht er mit dem Namen von Bernard Dietz Versprechungen. Ich denke, für ihn ist die Mitwirkung von Bernard Dietz nur noch eine Formsache gewesen. Da muss es mit den Worten und zeitlichen Abläufen nicht mehr so genau genommen werden. Ich erinnere mich an einen hochlobenden O-Ton von Bernard Dietz über Walter Hellmich aus der Web-Doku „Mitten in Meiderich“. Ich schätze Walter Hellmich so ein, dass er glaubt, wer so über mich spricht, wird auf jeden Fall auf meiner Seite sein. Und dann wird er völlig überrascht von den „Misstönen„, die entstanden sind, weil Bernard Dietz offiziell noch gar nichts weiß von seinem Glück. Noch am selben Tag werden aus den Misstönen „Irritationen„. Ganz so schlimm ist es also doch nicht. Man sieht, sobald man nicht gemeinsam an die Öffentlichkeit tritt, geht es drunter und drüber. Das ist normal. So verläuft Kommunikation. Das ist das alte Flüsterspiel der „Stillen Post“. Ich hoffe sehr, dass Martin Haltermann die Verantwortlichen beim MSV Duisburg darauf einmal deutlich hinweist.

Zu Bernard Dietz geht mir aber noch etwas anderes durch den Kopf. In dieser noch nicht genau definierten Tätigkeit als Berater steckt einiges Konfliktpotential, und es besteht für alle Beteiligten die Gefahr zu großer Enttäuschung. Gerade dann, wenn alle mit frischer Tatkraft daran gehen, den MSV Duisburg „voran zu bringen“ – wie es so schön immer gesagt wird. Ich hoffe sehr, die Verantwortlichen beim MSV Duisburg und Bernard Dietz selbst sind sich darüber im Klaren, es reicht nicht aus, das Gute zu wollen. Man muss auch Vorstellungen davon haben und demgemäß sehr konkrete Verabredungen treffen, wie das Gute umgesetzt werden soll.

Das Gute verkörpert in dem Fall vor allem Bernard Dietz. Er soll integrierend wirken und sogar noch sein Fußballwissen einbringen. Allerdings befände sich  Bernard Dietz im Vereinsgefüge auf eigenen Wunsch ohne klar umrissene Position im freien Spiel der vorhandenen Kräfte von sportlich und geschäftlich Verantwortlichen. Er besitzt in diesem Spiel keine faktische Macht und damit gestalterische Kraft. Er muss also darauf hoffen, dass man seine Stimme hört. Im Leben aber ist es nun einmal so, dass unterschiedliche Meinungen zu Sachverhalten nicht selten sind.

Ich hoffe, über diese Begleiterscheinung jeglichen Lebens machen sich die Verantwortlichen und Bernard Dietz jetzt zu Beginn sehr viele Gedanken, mehr Gedanken, als sie es eigentlich für nötig halten. Wenn beim MSV Duisburg darüber gesprochen wird, was genau dort Bernard Dietz in Zukunft machen soll, dann müssen Strategien für Meinungsverschiedenheiten her. Über mögliche Konflikte müssen sie ebenso reden wie über die beratende Arbeit. Das hat überhaupt nichts mit den einzelnen Verantwortlichen beim MSV Duisburg und deren Motiven zu tun. Das liegt in der Natur der Sache.

Und nun gibt es hier etwa zehn Tage Pause. Danach hat sich die Aufregung hoffentlich gelegt. Die restlichen Spieler sind verpflichtet und wir können uns wieder vornehmlich um den Fußball kümmern. Bis dahin!

Werbeanzeigen

Fan werden – Gibt es eine sensible Phase?

Seit Jugendtagen faszinieren mich verhaltensbiologische Erklärungen für menschliches Handeln in sozialen Zusammenhängen. Dieses alte jugendliche Interesse wird seit einiger Zeit immer wieder gekitzelt, wenn ich lese oder höre, wie treu Fußballfans ihrem Verein verbunden sind. Einmal MSV, immer MSV! Unverständlicher Weise sprechen andere Fans andere Vereinsnamen aus, der Treueschwur bleibt gleich.

Hat sich schon einmal ein Biologe die verhaltensbiologischen Grundlagen des Fan-Werdens einmal näher angesehen? Die grundlegende Fragestellung für so einen Biologen stelle ich hier kostenfrei zur Verfügung: In welchem Lebensjahr wurdest du Fan deines Vereins, und hast du seitdem schon einmal eine identische Leidenschaft für einen anderen Verein erleben können? So ein Fragebogen müsste dann verfeinert werden, um weitere Bedingungen des Fan-Werdens zu erfassen. Nach der Auswertung der Umfrage könnte schließlich eine Aussage darüber getroffen werden, ob der Vorgang des Fan-Werdens der Prägung zugeordnet werden kann. Gibt es also eine „sensible Phase“ für Gruppenzugehörigkeiten im Kinder- und Jugendalter? Was im Fußballfan-Fall unter „irreversibel“ gelernt, also unumkehrbar gelernt, verstanden wird, darüber könnten wir sicher auf diversen Wissenschaftskongressen kontrovers geführte Debatten erleben.

Gestern allerdings habe ich eine erste E-Mail für das Fan-Gedächtnis-Projekt von Swisspinguin erhalten. Swisspinguin verkörpert bis auf Weiteres den Gegenbeweis für meine Annahme, es könne eine sensible Phase für das Erlernen von Gruppenzugehörigkeit geben. Wenn also mein Lieblingsgedanke vom Prägungslernen beim Fan-Werden weiter verfolgt werden soll, muss jemand die Datenlage dringend verbessern.

Swisspinguin schreibt nämlich: „Im hohen Alter von 48 nach Duisburg gefahren. Verwandte besucht. Cousin kam auf die Idee zum MSV zu gehen. Das erste Mal im Stadion gewesen.“ … Hier, beim Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg geht die Geschichte weiter. Swisspinguins  Geschichte ist nur einen Klick weit entfernt.

Mitten in das Schalker Herz – Das soll nicht vergessen werden

Nach all den angerissenen Geschichten zum MSV Duisburg vom letzten Sonntag beim Projekt Still-Leben Ruhrschnellweg will ich heute hier eine erste vollständige Geschichte erzählen. Das ist meine eine Erinnerung, die ich auf jeden Fall bewahrt haben möchte. Sie steht hier erst einmal vollständig, um das Projekt und die Archiv-Seite des Gedächtnisses bekannt zu machen. Später wird hier auf solche Geschichten im Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg nur noch verwiesen.

In den 70ern, als Jugendlicher ging ich mit Freunden zusammen zu den Heimspielen ins Wedaustadion. Auch zu einzelnen Auswärtsspielen machten wir uns auf, doch so eine Fahrt in der Clique blieb auf die engere Region um Duisburg beschränkt. Der Besuch der Spiele in Düsseldorf, Uerdingen und Essen war keine Frage für uns. Nach Schalke, Dortmund, Bochum oder Köln fuhren wir schon nicht mehr so selbstverständlich. Wenn aber Erwachsene oder große Brüder sich zur Fahrt mit dem Auto bereit erklärten, nutzten wir auch einzeln die Chance, selbst wenn nicht alle aus dem Freundeskreis mitfahren konnten oder wollten.

Am ersten Samstag im Dezember 1977 fand das Auswärtsspiel gegen den FC Schalke 04 statt. Es war das letzte Spiel der Hinrunde, und allzu viel erhoffte ich mir nach den Ergebnissen der davor liegenden Jahre nicht. Bei den drei Niederlagen in den Spielzeiten zuvor war der MSV  zweimal mit fünf Gegentoren nach Hause gefahren. Andererseits lag eines der beeindruckendsten Spiele der MSV-Geschichte gerade knapp einen Monat zurück. Das war jener legendäre MSV-Heimsieg gegen den FC Bayern München, bei dem Bernard Dietz den MSV nach zweimaligen Rückstand in der 78. Minute mit 4:3 in Führung brachte und als einziger und damit viermaliger Torschütze des MSV bis dahin für die Möglichkeit des Sieges sorgte. Fünf Minuten später brachte ein Tor von „Ronnie“ Worm die endgültige Entscheidung. Das 6:3 von Norbert Stolzenburg war dann noch das Sahnehäubchen in diesem Spiel.

Ich hatte bis zu dem Dezember also eigentlich eine der besseren MSV-Spielzeiten meines noch nicht ganz so langen Fan-Daseins gesehen. Warum mein Stiefvater mir anbot, nach Gelsenkirchen zu fahren, weiß ich nicht mehr. Seine Heimat war Oberhausen, und am MSV-Geschehen nahm er erst Anteil durch meine Mutter und mich. Ich weiß nicht einmal, ob er vor diesem Samstag überhaupt einmal ein Spiel des MSV Duisburg in einem Stadion gesehen hatte. Jedenfalls stand am Samstagmorgen plötzlich die Frage im Raum, sollen wir nach Gelsenkirchen fahren? Da sagte ich nicht nein.

Mein Stiefvater wusste, dass immer wieder bei Heimspielen des FC Schalke 04 auf der A 42 vor der Abfahrt zum Parkstadion ein Stau entstand. Auch für diesen Samstag befürchtete er ihn, und so brachen wir in Meiderich sehr früh schon auf. Viel zu früh. Problemlos kamen wir auf den Parkplatz, wo sich noch kaum Autos befanden, und nur vereinzelt schlenderten Zuschauer zusammen mit uns zum Stadion. Dort waren noch nicht einmal sämtliche Kartenkontrolleure an den Eingängen verteilt und von weitem sahen wir, wie die Kartenverkäufer in den Kassenhäuschen noch geschäftig allerlei andere Dinge erledigten. Nur wenige waren schon dazu bereit, Eintrittskarten zu verkaufen.

In der blau-weißen Schalker Umgebung fiel mein weiß-blauer Duisburg-Schal von etwa zwei Meter Länge nicht weiter unangenehm auf. Ganz im Gegenteil, wie sich dann herausstellte. Ich wollte in Richtung eines Kassenhauses laufen, als mich ein Mann ansprach. Ob ich mir ein paar Mark verdienen wollte?, fragte er. Eintritt für das Spiel müsste ich auch nicht zahlen, fügte er hinzu und mein Platz befände sich sogar auf der  Sitzplatztribüne. Ich müsste nur vor dem Spiel am Eingang die Eintrittskarten der Zuschauer abreißen. Er würde auch dafür sorgen, dass ich auf jeden Fall so früh gehen könne, dass ich zum Anpfiff an meinem Platz sei.

Ich zögerte. Doch aufmunternde Worte von meinem Stiefvater zusammen mit der Aussicht, das erste Mal einen Sitzplatz einzunehmen, gaben den Ausschlag. So stand ich kurz danach an einem Eingangstor. Die Schalker Zuschauer freuten sich am vermeintlichen Blau-Weiß des Schals um den Hals des ungewohnt jungen Kartenabreißers. In meinen jugendlichen Augen sahen die anderen Kartenabreißer alle nach Rentnern aus. Aber wahrscheinlich war es damals nicht anders als heute, und auch Männer im mittleren Alter rissen die Karten ab. Nur Sicherheitsunternehmen gab es eben nicht als Sub-Unternehmer, und Fan-Utensilien waren ausschließlich eine Angelegenheit von Jugendlichen. Deshalb fiel der Schal am Stadioneingang besonders auf. Denn erwachsen waren damals nahezu alle Zuschauer ab Anfang zwanzig.

Richtig wohl fühlte ich mich in meiner Haut nicht. Ich widersprach doch keineswegs all den Männern, die mir väterlich und erwartungsfroh den Schalke-Sieg verkündeten. Dafür hielt sich der Ansturm in Grenzen, und das eigentlich Entwerten der Eintrittskarten überforderte mich nicht. Kurz vor dem Spiel durfte ich dann mit einer ersten Gruppe von Kontrolleuren zu meinem Tribünenplatz gehen. Er befand sich nahe an einer Kurve, auf dem Oberrang der Tribüne, etwas abseits von den anderen Zuschauern. Unter all den älteren Männern, die sich schon seit Jahren zu kennen schienen, kam ich mir ziemlich einsam vor. Dieses Fußballspiel mir anzusehen, wurde so anders als das Gemeinschaftserlebnis Stadionbesuch, das ich bislang kannte.

An die erste Halbzeit des Spiels habe ich deshalb auch nur verschwommene Erinnerungen. Ich meine es war ausgeglichen, und der MSV gestaltete das Spiel offen. Mit dem 0:0 zur Halbzeitpause war ich zufrieden. In der Pause wurde das Geld ausgezahlt. Ich weiß nicht mal mehr, wie groß die Summe gewesen ist. Zwanzig Mark? Fünfzehn? Ich weiß es nicht mehr. Die zweite Halbzeit begann. Ich war wieder auf meinem Platz und wusste allmählich nicht mehr, ob ich vor dem Spiel die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auf dem Stehplatz hätte es mir sicher mehr Spaß gemacht, das Spiel zu sehen, andererseits wusste ich auch, am Montag, in der Schule konnte ich eine gute Geschichte erzählen. Und diese Geschichte wurde noch besser. Ob es tatsächlich ganz so gewesen ist, kann ich wieder nicht beschwören, aber in meiner Erinnerung blieb das Spiel zäh und viele Chance gab es nicht. Dann aber erhielt Kurt Jara etwa Mitte der zweiten Halbzeit in zentraler Position an der Mittellinie den Ball und begann in die gegnerische Hälfte zu dribbeln. Er nahm immer mehr Fahrt auf und setzte schließlich irgendwann zu einem Schuss an.

Kurt Jara gab seinem Körper vor diesen Weitschüssen mit einer sehr typischen weit ausholenden Armbewegung Schwung. In meiner Erinnerung taucht diese Armbewegung immer wieder auf. Dabei weiß ich nicht mal genau, ob ich sie für das Schalke-Spiel nicht aus einem Heimspiel oder aus einem Sportfoto in meine Erinnerung hineinkopiert habe. Jedenfalls weiß ich mit Sicherheit, Volkmar Groß im Tor der Schalker war bei dem Schuss chancenlos. Dieses Führungstor durch Kurt Jara in der 72. Minute wurde später zum Endstand des Spiels, und es war ein Tor, bei dem ich mich unter all den Schalker älteren Herren nicht laut zu freuen wagte. So erhielt ich an diesem Nachmittag in Gelsenkirchen neben freiem Eintritt und dem zusätzlichem Taschengeld noch eine überraschende Übung in  Selbstbeherrschung. Wahrscheinlich war die so anstrengend, dass ich weder den Rest des Spiels im Gedächtnis behalten konnte noch die Zeit nach dem Abpfiff, als ich zum Parkplatz zurückging, um meinen Stiefvater wieder zu treffen.

Bei der Rückfahrt setzt die Erinnerung wieder ein. Endlich konnte ich den von mir nicht erwarteteten Auswärtssieg genießen und die erste und einzige Siegprämie, die ich als Zuschauer erhalten habe. Eine Siegprämie vom gegnerischen Verein, dem FC Schalke 04.

Und nun das Ganze ab ins Archiv zum Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg.

Schon mal kurz und schnell: Großartig! Still-Leben Ruhrschnellweg, Erinnerungen an den MSV

Zum gestrigen Tag auf der A 40 beim Kreuz Kaiserberg gehen mir zu viele Gedanken durch den Kopf. All das zu ordnen braucht Zeit, dabei will ich erst einmal sofort und ganz schnell meine Begeisterung teilen und mich einreihen in den Chor der freudigen O-Töne. Noch immer bin ich beschwingt von diesem Tag. Noch immer bin ich froh, Teil dieses Ganzen gewesen zu sein und die leichte Stimmung beim Still-Leben Ruhrschnellweg genossen zu haben. So vieles hat zu dieser Stimmung beigetragen. Später sammel ich vielleicht an anderer Stelle noch einmal meine Gedanken. Vor allem aber geht es mir heute um etwas, was ich im Ruhrgebiet viel seltener erlebe als in Köln. Das ist die Haltung der Menschen so einem Ereignis gegenüber, ihr Wunsch gemeinsam an einem Ort uneingeschränkt Spaß und Freude zu haben.

Man kann an allem immer etwas finden, was einem nicht gefällt. Das muss nicht verschwiegen werden, ich habe aber den Eindruck, im Ruhrgebiet rückt dieses Missfallen häufiger in den Vordergrund als im rheinischen Köln, wo es dann das andere Extrem zu beklagen gibt – die blind machende Selbstverliebtheit. Gestern fühlte sich das Ruhrgebiet verbunden. Das gilt es weiter zu erzählen. Immer und immer wieder. Neue Geschichten brauchen Zeit, bis sie in den Köpfen der Menschen angekommen sind.

Bei dieser frohen Grundstimmung auf der A 40 war es ein Leichtes mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und die Idee vom Fan-Gedächtnis zu verbreiten. Was aber sofort deutlich wurde: Die Menschen konnten nur erst einmal nur einen Vorgeschmack auf ihre Erinnerungen geben. Sie zu dokumentieren, dazu blieb weder die Zeit, noch waren die Bedingungen mit all dem fröhlichen Hintergrundrauschen dazu geeignet. Jetzt besitze ich eine lange Liste mit E-Mail-Adressen und Telefonnummer, die es nach und nach abzuarbeiten gilt.

Dann können die Geschichten aus den 50ern von Spielen des Meidericher SV gegen Duisburger SV zu Ende erzählt werden. Dann werde ich erfahren, welche Bewandnis es mit den Steinen des alten Wedau-Stadions gehabt hat, wie „Pille“ Gecks zum Meidericher Spielverein kam, und was in Trier beim Halbfinale des DFB-Pokals 1997/98 während des Elfmeterschießens auf dem Stehplatz passiert ist. Und dann wird auch jene Buchhändlerin eigene Worte für die Geschichte gefunden haben, von der ich heute aber schon in aller Kürze erzählen will.

Während ihrer Lehre um 1980 herum bediente sie in der Meidericher Buchhandlung Filthaut einen ihr unbekannten Kunden. Das Buch, das er kaufen wollte, sollte als Geschenk eingepackt werden. Wie es damals üblich war, gehörte es sich, um das Geschenkpapier auch ein Geschenkband zu wickeln. Das feste Verknoten eines Geschenkband aber ist zu zweit einfacher als alleine. So setzte die angehende Buchhändlerin mit einer Frage an. Ob der Kunde mal eben einen Finger auf den Knoten halten könne.  Die Frage war noch gar nicht ganz ausgesprochen, als ihre  Chefin sie an der Schulter packte und nach hinten zog. Sich entschuldigend übernahm die Chefin den Rest des Einpackens. Bernard Dietz beruhigte die Chefin aber. So eine Frage nehme er doch niemandem übel. Nicht jeder kannte damals Ennatz und wusste, dass er als gelernter  Schmied während seiner Gesellenzeit zwei Finger einer Hand verloren hatte.

Diese kleine Anekdote gefällt mir deshalb so gut, weil in ihr nicht nur bekannte Persönlichkeitszüge von Bernard Dietz erkennbar sind, die den damaligen MSV-Star so beliebt gemacht haben. Außerdem steckt trotz der Kürze der Anekdote viel Alltagsgeschichte in ihr. Es scheint eine Zeit auf, die anders war. Kann man sich vorstellen, dass ein prominenter Spieler des MSV Duisburg heute in die immer noch bestehende Meidericher Buchhandlung geht? Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Das Trainingsgelände und die Buchhandlung befinden sich immer noch an denselben Orten, doch das Leben an diesen Orten hat sich sehr voneinander entfernt.

Von einer anderen Entwicklung erzählen die noch Älteren, für die das „M“ im Vereinsnamen noch sehr viel lebendiger ist als das Duisburg. Mehrmals wurde mir gestern gesagt, wenn ich das Fan-Gedächtnis wollte, müsste ich auf meiner kleinen improvisierten Ankündigungstafel aber Meidericher SV schreiben und nicht MSV Duisburg.

Es geht bei den Erinnerungen also immer auch um das Aufzeigen von Entwicklungen. Dazu sind viele Erinnerungen notwendig, und dazu müssen die Menschen machmal auch erst überzeugt werden, dass ihre Erinnerungen wertvoll sind. Manchmal kam ich mir ganz plötzlich wie ein Drücker zum Eintreiben von Spenden oder zum Abschluss von Zeitungsabos vor.  Der Schatz der Erinnerung lag vor mir, aber ich musste reden und reden, um diesen mir so kostbar erscheinenden  Schatz Erinnerung zu retten.  Auch das braucht eben Zeit bis die Idee Fan-Gedächtnis Gestalt in fremden Köpfen erhält. Für mich haben sich meine Ziele bei dem Projekt jedenfalls weiter geschärft. Es wird wahrscheinlich tatsächlich sehr viel einfacher werden, Erinnerungen zu erhalten, die an den Fußball gebunden sind. Für alles weitere, den Alltag drumherum, dafür müssen die Blicke der Menschen auf ihre Erinnerungen noch gelenkt werden.

Wie heiß wird es auf der A 40 im Ennatz-Kostüm?

Nun hat die besondere Vorgeschichte zum Tisch des Zebrastreifenblogs auf der A 40 beim Still-Leben Ruhrschnellweg zu einem kleinen Fehler bei der Informationsübermittlung geführt. Der Tisch 34 in Block 8 am Kreuz Kaiserberg befindet sich bei Kilometer 42,4. Bislang war ich von km 42,2. ausgegangen. Sei´s drum, die zweihundert Meter Unterschied werden es nicht verhindern, dass der Tisch gefunden wird und mir Besucher des Still-Leben Ruhrschnellweg erzählen, von welcher Erinnerung an den MSV Duisburg sie wollen, dass sie nicht vergessen wird.

Gestern war es übrigens wahrscheinlich gut, dass meine Vorbereitungen für den heutigen Tag zusammen mit dem Besuch bei Muttern dann doch meinen Besuch beim Arena-Tag des MSV Duisburg verhinderten. Ansonsten wären mir vielleicht beim Spiel des MSV Duisburg gegen Lodz überflüssige  Gedanken über Heimschwächen-Kontinuität durch den Kopf gegangen. So kann ich gelassen von verschossenen Elfmetern lesen und dabei an das Maskottchen Ennatz denken, das in ein paar Stunden auf der A 40 am Tisch des Fan-Gedächtnisses für Aufmerksamkeit sorgen soll.

Sofort sind dann nämlich Gedanken an das Wetter und an pralle Sonne und an hohe Temperaturen im Kopf. Ganz so heiß wie noch vor einer Woche soll es ja heute nicht werden, und der Mensch im Maskottchen Ennatz hält es dann vielleicht eine halbe Stunde länger aus, junge MSV-Fans zu begrüßen und vorbeiflanierenden Menschen zuzuwinken. So ein bisschen mitverantwortlich für das Wohlbefinden von Ennatz fühle ich mich ja doch, wenn die Schicksalsgemeinschaft Fan-Gedächtnis für einen Tag zusammenschweißen wird.

Deshalb wollte ich mal nachsehen, wie heiß es in so einem Kostüm eigentlich wird. Einmal gegoogelt, und schon weiß ich zwar nichts über konkrete Temperaturen, besitze aber einen Brocken Wissen über den MSV Duisburg mehr. Womöglich denkt man sich in einer Maskottchen-Kostümwerkstatt konkrete Temperaturen wirkten geschäftsschädigend. Denn bei der Kostümwerkstatt Stefanie Ludwig heißt es: „Man muss es sich etwa so vorstellen, dass man mit Skianzug und Motorradhelm herumläuft„. Dort wissen sie nämlich, wie heiß es in Ennatz werden kann, denn dort in der Kostümwerkstatt wurde das MSV-Maskottchen angefertigt. Vielleicht gab es damals sogar wegen des des artähnlichen Äußeren der Maskottchen einen Doppelauftrag von MSV Duisburg und Borussia Mönchengladbach? Jünter, das  Fohlen von Borussia Mönchengladbach, stammt jedenfalls auch von dort.

So, es wird allmählich Zeit. Gleich geht es nach Duisburg. In den Kommentaren hatte das Zebra in der Achterbahn, Tina schon angekündigt, sie werde gegen 14 Uhr auch vor Ort sein. Ich freue mich auf den Tag am Kreuz Kaiserberg. Tisch 34. Block 8. Km 42,4. Wir sehen uns dort, und ich hoffe ihr habt für das Fan-Gedächtnis viel zu erzählen. Bis gleich!

Foto-Shooting, Arena-Tag und Still-Leben Ruhrschnellweg

Früher gab es Mannschaftsfotos und nur in Ausnahmefällen kam noch jemand später dazu. Kicker-Sonderheft und den Merchandising-Notwendigkeiten sei Dank, wird das Mannschaftsfoto heute weiterhin schon lange vor Saisonbeginn gemacht, doch vollzählig sind die Spielerkader nur noch selten. Gibt es eigentlich schon Fußballvereine, die Platzhalter mit aufs Mannschaftsfoto nehmen und später Photoshop bildbearbeitend in die Pflicht? Für die Spieler des MSV Duisburg geht es ab heute jedenfalls Schlag auf Schlag. Erst das Mannschaftsfoto, dann morgen der Arena-Tag und am Sonntag Still-Leben Ruhrschnellweg auf irgendeiner Bühne am Kreuz Duisburg an den Tischen des Stadtsportbundes am Kreuz Kaiserberg.

Wenn überhaupt, werden die Spieler an Tisch 34, im Block 8,  km 42,2, beim Kreuz Kaiserberg nur zufällig vorbeikommen, und ich werde dann nicht mal jeden erkennen können. Die neuen Gesichter habe ich jedenfalls noch nicht oft genug gesehen. Am Mittwoch hinderten mich auf Straßen herumfliegende Äste und zu viel vom Himmel fallendes Wasser daran, rechtzeitig nach Homberg zum Freundschaftsspiel gegen den SV Mechelen zu kommen. Dort hat der MSV Duisburg es nach dem etwas späterem Anpfiff geschafft, die gute Stimmung aufrecht zu erhalten. Nichts verhindert derzeit fröhliche Gesichter beim heutigen Foto-Shooting. Morgen, beim Arena-Tag werde ich wahrscheinlich nur kurz dabei sein können. Ich brauche noch etwas Vorbereitung für den Sonntag.

Eine Digi-Cam ist schon organisiert. Mikro ist vorhanden. Ich überlege noch, ob ich einen zweiten Laptop mitnehme. Sechs Stunden Akkulaufleistung hat meiner nicht. Vielleicht notiere ich mir aber notfalls irgendwann auch nur noch Namen und Telefonnummern der Besucher, um später in Ruhe an einem anderen Ort jenen MSV-Moment im jeweiligen Leben festzuhalten, den die Besucher für unbedingt erinnerungswürdig halten. Das Fan-Gedächtnis wird wachsen. Da bin ich sicher. Block 8. Tisch 34. Km 42,2. Kreuz Kaiserberg. Wir sehen uns am Sonntag.

Den Ruhrschnellweg mit Fußball entlanggebloggt

Wenn ich zwischen dem Blick auf eine Landkarte und dem auf die entsprechende Landschaft wählen muss, gewinnt die Landkarte. Der Blick von oben erschließt Zusammenhänge und bildet Identitäten. Wenn ich die A 40 als Ort des Still-Leben Ruhrschnellweg im Netz entlang surfe, um mir anzusehen, wer am Sonntag so dabei ist, sehe ich Stadtteile eines größeren Verbundes. Wir wissen alle, im Alltag dieser Städtelandschaft ist das keineswegs so eindeutig, und egal wieviel Kultur und Symbolik als Gemeinschaftswerk produziert wird, das alles bleibt sinnlos, ohne entsprechendes Handeln auf politischer Ebene.  Zudem frage ich mich mit meinem Blick von außen, ob es überhaupt genügend Bürger dieser Region gibt, die ein wirkliches Interesse an so einer Einheit haben.

Was mich nun nicht daran hindert, in mir selbst diese Einheit immer mal wieder intensiv wahrzunehmen. Als ich heute die A 40 entlang surfte, kamen mir bei den entsprechenden Städten auch die dazu gehörigen Blogger in Sachen Fußball in den Sinn. Als Karte habe ich so eine Ruhrgebiets-Landschaft des Fußball-Bloggens noch nicht hinbekommen. Aber anlässlich des Still-Leben Ruhrschnellweg wollte ich die Blogger doch zumindest auflisten und zur Orientierung die A-40-Still-Leben-Segemente zuordnen.

Die Zielsetzung des Literaturbüros  Ruhrgebiet aufgreifend habe ich Fußball-Blogger aufgelistet, die entweder im Ruhrgebiet leben oder Blogger, die sich dem Ruhrgebiets-Fußball thematisch widmen. Thema ging bei der Einordnung vor Wohnort. Der letzte Beitrag sollte nicht länger als zwei Monate zurück gelegen haben – Ausnahme: RWO qua Alleinstellung und Versprechen für die kommende Saison. Wer auch immer sein Fehlen beklagt, mache sich bemerkbar. Wer mehr weiß, ergänze, so er mag.

Von West nach Ost sieht das folgendermaßen aus:

Duisburg Häfen – Autobahnkreuz Kaiserberg

Ein Zebra in der Achterbahn – Der MSV Blog

Rolf das Zebra schreibt (MSV Duisburg)

Zebrastreifenblog – Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus (MSV Duisburg)

Trainer Baade

OberhausenMülheim Heimaterde

RWO-Fanblock (Rot-Weiß Oberhausen – unregelmäßig und in Verantwortung des Vereins?)

Essen Frohnhausen – Essen Kray

Im Schatten der Tribüne (Rot-Weiß Essen)

Gelsenkirchen Süd

Auswärtssieg. … is wie wennze fliechs … (FC Schalke 04)

Königsblog. Über König Fußball im Allgemeinen und Königsblau im Besonderen (FC Schalke 04)

Turnhallengeruch. Kalter Schweiß, Gummifußboden (FC Schalke 04)

Web.04. Blog (FC Schalke 04)

Schalkefan – Am Samstag um halb vier war die Welt noch in Ordnung

Bochum Wattenscheid – Bochum Werne

18:48 – Mein Blick auf den VfL Bochum und darüber hinaus

Der freie Blog der Fantastic Supporters (VfL Bochum)

Der blaue Kanal (VfL Bochum)

Scudetto – Fußball und das Leben. Ben Redelings

Dortmund Lütgendortmund – Dortmund Märkische Straße

Any given weekend (Borussia Dortmund)

Boisseree’scher Blog (Borussia Dortmund)

Hamburg Schwartz Gelb –  Über den Versuch eines Hamburger BVB-Fans Job, Fußball und Frau in Einklang zu bringen (Borussia Dortmund)

Am Sonntag dann strafe ich meinen Einleitungssatz Lügen und bevorzuge die Wirklichkeit der A 40. Am Tisch 34 im Block 8 bei km 42,2 werde ich hoffentlich viele Stimmen sammeln, die das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg anwachsen lassen. Der Tisch steht zu Beginn des Kreuzes Kaiserberg, und Zebra-Maskottchen Ennatz wird ebenfalls vor Ort sein. Der MSV Duisburg möchte das Projekt auf diese Weise unterstützen. Damit Besucher der A 40 ihre MSV-Erinnerung mir erzählen können, müssen sie mich schließlich erst einmal an der „längsten Tafel der Welt“ wahrnehmen.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: