Archiv für August 2010

… à propos Legenden

Wenn jemand von seinem ersten Fußballbilder-Sammelalbum erzählt und der Mann noch etwas älter ist als ich, dann will ich natürlich sofort einen Blick auf dieses Erinnerungsstück werfen. Und wenn dann einige Tage später neben der Werbepost ein großes Buch im Briefkasten liegt, weiß ich, da hat sich jemand im Keller auf die Suche gemacht und möchte Erinnerungen teilen. So habe ich nun die Gelegenheit, einen Blick auf die uns wirklich wichtigen Seiten dieses Werks aus der Saison 1969/1970 der Prä-Panini-Ära zu ermöglichen.

Natürlich ist es nur geliehen, dieses Sammelalbum. Und fast hätte ich in Erinnerung an den Samstag in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel die Baumwollhandschuhe herausgeholt.

Eine Momentaufnahme, die zufrieden macht

Eine Arbeitsstelle umfasst manchmal sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder. Nach einem samstäglichen Besuch der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel vermute ich, dort ist ein Teil der Angestellten verpflichtet, Besuchergruppen durch die Bibliotheksräume zu führen, auch wenn die Anstellung wahrscheinlich vor allem der intensiven Beschäftigung mit Texten und Büchern zu verdanken ist. Texte und Bücher haben für Menschen den großen Vorteil, wenig Ansprüche an soziale Fertigkeiten zu stellen. Selbst wenn so ein Buch aus dem 17. Jahrhundert stammt, verbringt es auf ein paar Regalzentimetern Platz ohne besondere Zuwendung die ruhigeren Stunden seines Lebens und wenn es denn einmal Auslauf erhält, verlangt so ein Buch nicht mehr als ein paar Baumwollhandschuhe an des Lesers Händen und ein wenig feinmotorisches Geschick beim Umblättern, damit es ihm dauerhaft wohl ergeht. Damit mag sich jene uns durch die Bibliotheksräume führende Wissenschaftlerin vom Samstag auskennen, von Menschen – vielleicht nur in Gruppen – schien sie Schlimmeres gewohnt zu sein.

Jemandem zuzuhören, der den Eindruck macht, er müsse ständig einen Fluchtimpuls unterdrücken, ist ungemein anstrengend. Ich bange dann mit ihm, will ihn beruhigen und bin ich nicht erfolgreich, überträgt sich so ein Fluchtimpuls leicht auf mich. Deshalb musste ich es am Samstag immer wieder riskieren unhöflich zu wirken. Ich hielt ein wenig Abstand von der Führung und lenkte mich zwischendurch mit forschenden Blicken auf die imposanten Bücherreihen ab. Dort versuchte ich die von Herzog August dem Jüngeren höchstselbst vorgenommenen Inhaltsangaben auf den Lederrücken der Folianten zu entziffern und weil das meist ohne erhellendes Ergebnis blieb, schweiften die Gedanken ab zu einem anderen Arbeitnehmer, der die unterschiedlichen Anforderungen seines Berufs im Moment sehr erfolgreich bewältigt.  Knapp eine Stunde zuvor hatte ich Marco Röhlings begeisterte Stimme gehört, sofort nachdem ich das Fenster mit dem Webradio von Radio DU geöffnet hatte. In der vierten Spielminute wieder ein Freistoßtor durch Ivica Grlic! In Osnabrück traf er von links, in Duisburg von der rechten Seite. Und es war immer besser geworden. Kurz bevor ich das Webradio gegen die Überraschungstour beim Familientreffen eintauschen musste, fielen die zwei Tore von Stefan Maierhofer in der 17. und 19. Minute. Das Gegentor im Anschluss bestätigte dann Marco Röhlings mahnende Worte zum Abwehrverhalten.  So gut wie in Osnabrück war die Defensive dieses Mal anscheinend nicht. Deshalb hatte ich die Herzog-August-Bibliothek auch nicht in der Gewissheit betreten, einen sicheren Heimsieg erwarten zu können.

In Duisburg ist noch vieles möglich, dachte ich und hoffte bei meinen  Alleingängen vor den Regalen zur Ablenkung in der als so reichhaltig angepriesenen Bibliothek auf ein frühes Werk der Sportliteratur zu stoßen. In den Regalen entdeckte ich nur Theologisches neben Historischem, und die Lesetipps der Woche waren auch keine Sportheldengeschichten sondern in Vitrinen ausgestellte biographische Werke über lokale Berühmtheiten der damals bedeutenden Universität Helmstedt.

Sport spielte also nur als Fußballfantasie in meinem Kopf eine Rolle und dann wieder beim Schwager zu Hause, als ich sofort im Netz das Endergebnis las. Ein auf den ersten Blick sicherer Sieg erwies sich dann beim Nachlesen und auch in der heutigen Nachberichterstattung mit unsicherer Abwehr erspielt. Zur guten Duisburger Angriffsleistung gesellte sich die Ingolstädter Abschlussschwäche und so kann der Donaukurier titeln: „Naiver FC 04 schenkt Duisburg den Sieg„. In Duisburg macht man sich verständlicher Weise um die Naivität des Gegners wenig Gedanken, sondern wir genießen allesamt den Moment. Der MSV Duisburg führt die Zweitligatabelle an. Es macht Freude, sich diese Tabelle anzusehen. Sie gibt keine Auskunft über den weiteren Verlauf der Saison, aber wie viel leichter wird es für die Spieler mit einen zufriedenen Gefühl auf den Platz zu gehen und sich weiter zu entwickeln. Arminia Bielefeld und der MSV Duisburg standen in der letzten Saison vor ähnlichen Schwierigkeiten und traten im Verlauf der Saison immer wieder mit ähnlichen, schlechten Leistungen auf. Auch in Bielefeld wird versucht, etwas Neues aufzubauen. Wenn der Blick dorthin geht, wo die Last von zwei Niederlagen zu tragen ist, beruhigt die Momentaufnahme der Tabelle noch mehr.

In der Sportschau war zu erfahren, dass Ivica Grlic die Fahrt von Stefan Maierhofer zur österreichischen Nationalmannschaft organisiert hat und auch als Team-Manager seine Aufgaben sehr gut erledigt. Stefan Maierhofer wird ihm also nicht nur für gut herein gegebene Eckbälle danken, sondern auch für reibungslose Reisen nach Wien. In Österreich scheint er übrigens gerade gerne als Symbol für die Qualität der Fußballnation genommen zu werden. Nicht weil er zwei Tore gemacht hat, muss ich hinzufügen und denke, es gibt ja die Geschichten von jenen Spielern, die in einem einzigen sportlichen Biotop erfolgreich werden. Wartet nur ab, ihr österreichischen Sportjournalisten!

Familien- statt Legendentreffen

Die Termine für das Familientreffen werden ein Jahr im Voraus festgelegt, und für die Minderheit der angeheirateten MSV-Anhänger in der aus dem ostwestfälischen stammenden Großfamilie ist es dann immer ein Glücksspiel, ob ein Stadionbesuch am ausgewählten Wochenende möglich ist. Als alleiniger Vertreter dieser Minderheit bedauere ich es in diesem Jahr besonders, beim ersten Heimspiel vom MSV Duisburg der Saison 2010/2011 gegen den FC Ingolstadt nicht in der Schauinsland-Reisen-Arena dabei sein zu können.

Auch wenn ich es mir nicht zur Regel machen will, heute nenne ich das Stadion einmal bewusst bei seinem neuen Namen in ganzer Länge, weil es der Sponsor Schauinsland Reisen verdient hat. Wirklich gut funktioniert das ja nicht immer mit der größeren Aufmerksamkeit für Unternehmen, die Fußballvereinen Geld geben, um auf Trikots oder im Stadionnamen präsent zu sein. Ich erinnere mich da an eine von IFM durchgeführte Studie, deren Ergebnisse im September letzten Jahres veröffentlicht wurden. Da hieß es, der Effekt von Sponsoring im Fußball sei höchst ungewiss. Aber „Gib Geld“ und komme ins Gespräch, kann mit Sicherheit besser gelingen, wenn wie bei Schauinsland Reisen, das „Tue Gutes“ noch hinzu kommt. Schauinsland Reisen belässt es nicht beim Geld überweisen, sondern beackerte gleich nach Bekanntgabe der Sponsoringvereinbarung Felder, die beim MSV Duisburg lange Zeit brach lagen: der Kontakt zu den Fans und die Identität des Vereins. So wurde zur Wahl von 24 „MSV-„Legenden“ aufgerufen, und nun kommen viele dieser für den MSV Duisburg wichtigen Spieler zum ersten Heimspiel.

Solche weit gehenden Aktivitäten eines Sponsors sind nicht selbstverständlich, sondern sie verweisen zum einen auf den im Umfeld des MSV Duisburg vorhandenen Willen den Mangel der Vergangenheit zu beheben, zum anderen zeigt sich darin die besondere Verbindung mit dem MSV Duisburg von Verantwortlichen des Duisburger Reiseunternehmens. Da scheint beim Sponsoring viel Herzblut auf Unternehmensseite mit dabei zu sein, wenn sogar das Gespräch mit Fans im MSVportal gesucht wird.

Diese vom Sponsor verantwortete Arbeit wirkt zusammen mit der schon zum Ende der letzten Saison festzustellenden verbesserten Arbeit auf der Verwaltungesebene des Vereins. Seitdem Roland Kentsch Geschäftsführer des MSV Duisburg ist, erhält der Verein deutlichere Konturen in der Öffentlichkeit. Das hat mit dem Bewusstsein dafür zu tun, dass neben den sportlichen Belangen und der Frage der Finanzierung dieser sportlichen Belange noch andere Arbeit zu leisten ist in der Unterhaltungsbranche Fußball. Die Zuschauer müssen ernst genommen werden. Die Grundstimmung rund um den MSV Duisburg hat sich also gewandelt. Aufbruch will ich das nicht nennen. Es ist eher ein Ankommen in der Wirklichkeit, ein sich Besinnen auf das, was an Wert vorhanden ist – in sportlicher Hinsicht als spielerisches Vermögen der Mannschaft aber auch in ideeller Form als Suche nach der Tradition des Vereins.

Wenn mir ich mir zudem den neu zusammengestellten Kader ansehe, bin ich angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Vereins sehr zufrieden. Diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind letzte Woche noch einmal drastisch in Erinnerung gerufen worden: „Gläubiger bewahrten 2009 MSV Duisburg vor der Insolvenz„. Da durfte nun auch bei der Der Westen stehen, was im MSVportal seit langer Zeit immer wieder als bedrohliche Entwicklung Thema war. Auf die letzte Personalie der Hinrunde warten wir noch. In diesem Jahr gab es bei der Vorberichterstattung zu den anderen Spielerverpflichtungen nicht eine einzige als wahrscheinlich verkündete Vollzugsmeldung, die sich nicht erfüllte. Deshalb sollte die Verpflichtung von Goran Sukalo bald offiziell verkündet werden, wenn Reviersport sein „Kommen“ schon meldet.

Zurück zum morgigen Spiel, ein wenig staune ich über den Optimismus, der in Ingolstadt anscheinend vorhanden ist. Die auswärtsstärkste Mannschaft der letzten Drittliga-Saison tritt mit Siegeswillen beim, so höret nur den Donaukurier, „Aufstiegsanwärter“ MSV Duisburg an. Im Süden hat sich unser Ankommen in der Wirklichkeit also noch nicht rumgesprochen. Ich möchte deshalb darauf hinweisen, wenn der MSV Duisburg morgen gewinnt, dann nur als Überraschungsmannschaft in spe. Das ist die Wirklichkeit, in der sich mit guter Laune leben lässt. Einen Vorbericht zum morgigen Spiel aus Ingolstädter Sicht gibt es blogwärts übrigens bei Der Lautsprecher.

Nachtrag 13:00 Uhr: Und da kommt sie auch schon die Pressemitteilung vom MSV Duisburg, in der die Verpflichtung von Goran Sukalo bestätigt wird.

Saisonauftaktauswärtssieg in der Habe-ich-ohnehin-vergessen-Arena

Diese Reiseunterbrechung auf dem Weg nach Berlin, gestern in Osnabrück, hat sich gelohnt. Wie anders war dieses erste von mir gesehene Spiel des MSV Duisburg in der Saison als in den letzten beiden Jahren. Nicht wegen des 3:1-Sieges im Gegensatz zu den Heimspiel-Unentschieden dieser Vergangenheit. Damals waren bei diesen  Unentschieden vom MSV Duisburg auch schon mit die besten Saisonleistungen gezeigt worden. Wir sahen damals gelingendes Zusammenspiel und ansprechende Spielzüge. Es reichte nicht für Siege. Dann mussten wir aber erleben, dass diese spielerische Qualität nicht gefestigt werden konnte, geschweige denn verbessert. Gestern haben wir mit Sicherheit noch nicht die beste Saisonleistung gesehen, und das wissen die Spieler auch. Was im Laufe der Saison bei der Entwicklung des Spielvermögens der Mannschaft eine ganz andere Dynamik möglich machen könnte.

Auch wenn der Sieg meinem Tipp entsprach, wirklich daran geglaubt hatte ich vorher nicht. Ich habe einfach bessere Laune, wenn ich vor dem Spiel Siege erwarte. Die erste halbe Stunde habe ich das Spiel ganz ausgeglichen gesehen im Gegensatz zum Journalisten des Sportinformationsdienstes, dessen Text sowohl die Rheinische Post als auch der Kicker aufgenommen haben. „Feldvorteile“ Osnabrücks stimmt meiner Meinung nach nicht. Nur in der Viertelstunde Spielzeit nach dem Ausgleich entstand bis zur Halbzeitpause der Eindruck, das Spiel des MSV Duisburg wäre aus dem Tritt geraten. Da klappte der Spielaufbau überhaupt nicht mehr. Vorher hatte man erkennen können, wie die Angriffe gedacht sind. Vollendet mit Torgefahr wurden sie meist noch nicht. Aber deutlich war das Potential zu erkennen im Zusammenspiel von Stefan Maierhofer und Srdjan Baljak und den jeweiligen Mitspielern, die über die Außenbahnen kommen.

Die Defensive steht schon gut, und gerade die Innenverteidigung mit Bruno Soares und Daniel Reiche wirkt abgeklärt und ruhig. Julian Koch ist tatsächlich eine große Verstärkung für die Mannschaft, auch wenn er gestern nicht fehlerlos gespielt hat und damit meine ich nicht, dass ihm der Ball unglücklich gegen die Hand sprang. Die Fehler passieren ihm im Spiel nach vorne. Wenn er den Ball an der Mittellinie verliert, werden bessere Mannschaften als der VfL Osnabrück daraus ihre Tore machen. Aber ich bin sicher, das wird sich mit mehr Erfahrung legen. Das muss man nämlich auch sagen, oft torgefährlich waren die Osnabrücker nicht.

Ivo Grlic, den „wertvollen Oldie“, werden wir in dieser Saison wahrscheinlich noch ein wenig öfter mehr als Spieler denn als Funktionär sehen. Ich sage mal Funktionär, denn die offizielle Bezeichnung habe ich vergessen. Zum Nachschlagen habe ich jetzt ebenso keine Zeit mehr wie zu weiteren Spielerkommentaren. Berlin wartet. Mehr auf meinen Sohn als auf mich. Gestern war es umgekehrt, da hat die Habe-ich-ohnehin-vergessen-Arena in Osnabrück mehr auf mich als auf ihn gewartet. Was mir immer mal wieder über die MSV-Tradition in meiner Familie zu denken gibt. Das aber ist eine längere Geschichte, die hier nichts zu suchen hat.

Gleich geht´s los

Wäre ich mein Trainer, wahrscheinlich würde ich mich erst in der zweiten Halbzeit einwechseln. Ich erklärte dann auf einer Pressekonferenz vor dem Spiel, nach der langen Schreibpause habe Kees Jaratz seinen Rhyhtmus noch nicht ganz wiedergefunden, um einen Text in gesamter Länge zu bewältigen. Er müsse langsam wieder an die Mannschaft herangeführt werden. Als Trainer wüsste ich natürlich, wie sehr Kees Jaratz das Spiel mit den Worten vermisst und wie schwer es ihm fällt, erst einmal auf der Ersatzbank Platz zu nehmen. Ich lobte Kees Jaratz für sein Verständnis und versicherte der Presse und aller Welt, wie sehr der Verein in Zukunft noch Kees Jaratz für ganze Text brauchen wird. Dann schwiege ich und überließ es dem Pressesprecher meines Vereins, nach Fragen zu fragen.

Mein Trainer hätte recht, nach der längeren Pause fehlt mir die Leichtigkeit und mein Instinkt. Ich denke zu viel. Wie der Fußballspieler nach einer Verletzungspause, frei vor dem Tor stehend, zu viele Optionen erkennt und die Chance vergibt, so taucht Gedanke um Gedanke auf und drängt darauf in Worte gefasst zu werden. Dabei vergebe ich überhastet Sinn und Bedeutung. Andererseits muss auch mal jemand Verantwortung übernehmen, gerade in einer Einzeldisziplin bleiben da nicht viele übrig. Denn um so eine Einzeldisziplin handelt es sich ja eigentlich hier, und bei so einem ersten Auftritt nach längerer Schreibunterbrechung kann ich auf den harmonischen Wortfluss nicht immer Rücksicht nehmen. Da muss auch mal ein Satz unvermittelt rausgehauen werden – als Duftmarke, wie unsere Sportreporter gerne sagen. Gleich geht´s nach Osnabrück. Das ist so ein Satz, der in seiner brachialen Durchsetzungskraft an Günter Netzers Sololauf mit anschließendem Torerfolg im DFB-Pokalfinale der Saison 1972/73 gegen den 1. FC Köln erinnert. Zumal er damals dem Trainer Hennes Weisweiler mit seiner eigenen Einwechslung während der Verlängerung vorgegriffen hat. In der Anekdote wird es zugespitzt erzählt, Netzer habe sich über ihn hinweggesetzt. So wird mir Günter Netzer zum Vorbild.

Antreten und losschreiben, egal was kommt. Irgendwie wird das Wort schon verwandelt – in Sinn. Denn Schreiben hat auch etwas von Mannschaftssport, weil erst im Vorgang des Lesens, das heißt mit Hilfe von Mitspielern, sich dieser Sinn ergibt. Leser machen mit Texten, was sie wollen.  Der Schreibende bleibt am Ende des Ganzen nicht mehr allein. Das beruhigt ein wenig und so stellt sich allmählich ein ansehnlicher Schreibfluss ein. All die vorbeigezogenen Einzelheiten der letzten Wochen muss ich dabei allerdings vernachlässigen. Mannschaftskapitän, Neuzugänge, Verwaltungsarbeit und Präsidentenfragen, all das wird erst nach und nach wieder Thema sein. Dann kümmer ich mich auch um die mir so lieben Kultur- und Strukturdebatten des Fußballs, wie sie gerade beim FC Schalke 04 und beim Hamburger SV mit unterschiedlichen Schwerpunkten geführt werden.

Heute geht es um den Saisonauftakt und Erwartungen. In dieser Saison kommt der MSV Duisburg als Antwort auf die Aufstiegsfrage nicht vor. Was die meisten von uns nach den Erfahrungen der letzten zwei Jahre doch sehr erleichtert. Mit Abstand wird Hertha BSC  als Favorit für den Aufstieg gehandelt. Da gibt es schon mal die eine Freude in dieser Saison namens, wenn Favoriten straucheln. Das tut mir leid für die Anhänger des Vereins, und ich habe überhaupt nichts gegen ambitionierte Hauptstadtvereine, die Freude ergäbe sich einzig aus dem Impuls der Überraschung. Bochum wird natürlich allein durch die Kraft des Aufstiegsroutiniers Friedhelm Funkel oben mit dabei sein. Einen beträchtlichen Vorteil hat ebenfalls der FC Augsburg mit seiner nahezu unveränderten Mannschaft. Auch der FC Augsburg wird oben mitspielen. Bei Fortuna Düsseldorf bin ich mir schon nicht mehr so sicher. Ich habe nun aber nicht mehr die Geduld, mich um weitere Vereine zu kümmern. Ich denke gerade nämlich an die eine Überraschungsmannschaft der Saison. Die gibt es fast in jeder Spielzeit der 2. Liag. Und der Platz ist per definitionem am Anfang der Saison unbesetzt. Ihr kennt mein unverbesserliches Wesen inzwischen und werdet ahnen, welcher Mannschaft ich liebend gerne diesen noch zu vergebenden  Beinamen verleihen möchte. Denn es wäre eine Überraschung, könnte die neu zusammen gestellte Mannschaft des MSV Duisburg oben mithalten. Ich erwarte das aber überhaupt nicht und werde mal sehen, was da zu sehen ist. Dauerkarte ist ebenso im Haus, wie die Fahrkarte nach Berlin mit Zwischenstation in Osnabrück. Denn wenn ich schon die ersten beiden Heimspiele verpassen werde, muss ich doch wenigstens beim allerersten Punktespiel der Saison dabei sein.

Langsam wieder mehr Worte über Fußball schreiben

Vorgestern Abend hat der MSV Duisburg mit dem Pokalspiel beim VfB Lübeck sein erstes Pflichtspiel der Saison 2010/2011 erfolgreich bestritten. Die zweite Halbzeit habe ich beim Nachbarn recht entspannt und nur halb aufmerksam mitbekommen. Der MSV Duisburg kontrollierte mit einer Ausnahme das Spiel und zeigte im Abschluss bekannte Schwächen. Es gab keinen Grund für überschwänglichen Jubel und große Freude, und wenn es hier nur um Fußball ginge, wäre spätestens nun den Zeitpunkt gekommen, sich ein paar Gedanken über den MSV in den nächsten Wochen zu machen.

Hier geht es nicht nur um Fußball. In den Worten über Fußball geht es immer auch um mich. Das soll heißen, Worte über Fußball und all die Nebensächlichkeiten ergeben sich deshalb, weil Quelle und Antrieb dieses Schreibens nichts anderes ist als der Versuch, mich mit meiner ganzen Wahrheit öffentlich zu machen. Diese ganze Wahrheit aber machte in den letzten Tagen jedes meiner Worte über Fußball in meinen eigenen Ohren zu einem Missklang. Deshalb schwieg ich hier länger, als von mir selbst gewünscht. Das ist keine philosophische Spinnerei, sondern das Ergebnis von zu viel Erleben. Alltag und Normalität hatten sich für mich aufgelöst, die Dinge waren kräftig ins Schwanken geraten. Sobald ich etwa an die Saisonvorbereitung und dieses erste Pflichtspiel der Saison 2010/2011 des MSV Duisburg beim VfB Lübeck dachte, schob sich deshalb zu viel in und von mir in diese Fußballworte. Dieses Etwas durchdrang sie und zerfraß den Fußball bis zur Durchsichtigkeit. Nur noch dieses Etwas wäre im Text übrig geblieben. Wäre ich Sportjournalist hätte der Arbeitsauftrag geholfen. The show must go on, wäre das professionelle Credo gewesen. Doch hier bin ich auf mich selbst zurück geworfen, und deshalb hätte jedes Wort über Fußball falsch geklungen.

Fürs erste wird das Schwanken weniger. Es ist immer noch schwierig genug,  sich mit Worten über Fußball zu dieser ganzen eigenen Wahrheit zu bekennen und die Nabelschau zu vermeiden. Doch nach mehreren Anläufen verflüchtigt sich nun dieses Gefühl von Falschheit der Worte, und ich kann zweifelsfrei schreiben: Wenn man sich einen Theaterbetrieb in der Situation des MSV Duisburg und noch vieler anderer Mannschaften des Profi-Fußballs vorstellte, müsste die erste Klassikerpremiere der Spielzeit als sehr moderne  Inszenierung verkauft werden. Werktreue wird zwar angestrebt, doch den Umständen gemäß muss das Publikum in Teilen mit einer sehr freien Fasssung Vorlieb nehmen. Im Programmheft wäre das „N.N.“ als Besetzung von Rollen keine Seltenheit, und während das Publikum zur Premiere in den Zuschauerraum käme, probten die Schauspieler immer noch ihre Gänge in den einzelnen Szenen. Man sähe, den einen Gang mal vom ehrgeizigen Schauspielschüler ausgeführt und im nächsten Moment vom Veteran des Ensembles. Scheinwerfer erhellten Teile des Bühnenraums, wo niemand sich im Verlauf der Aufführung aufhielte, Kulissen aus anderen Stücken ständen noch im Weg und Schauspieler sprächen in Erwartung eines Auftritts des Kollegen nach links, unterdessen er ihnen von hinten auf die Schulter tippt. Wir stehen eben vor der Saison nach einer Fußballweltmeisterschaft. Da dauert es ein wenig länger, bis alle Schauspieler wissen, ob das renommierte Off-Theater in der Großstadt besser für ihre Karriere ist oder die ambitionierte Landesbühne auf Tour durch die Provinz oder gar das geruhsame Boulevardtheater in der Kleinstadt. Und den kleineren Theatern ist zwar klar, welche Rollen sie noch besetzen müssen, doch die größeren Theater wissen noch nicht alle, ob für die rauschende Inszenierung nicht noch der eine große Name in der Besetzung fehlt. Da dauert es etwas länger, bis sich die Ensembles von oben nach unten neu sortiert haben.

Nur gut für den MSV Duisburg, dass Julian Koch schon früh wusste, wie er sich weiter entwickeln will. Von meinem flüchtigen Lesen der Berichterstattung über die Saisonvorbereitung blieben vor allem die Sätze über ihn haften. Da gibt es anscheinend einen sehr jungen Spieler, der sofort beim MSV Duisburg eine Präsenz beweist, wie wir sie uns von allen Neulingen erhoffen und die von keinem Beobachter – ob Journalisten oder Zuschauer – übersehen werden konnte. Seit vorgestern kann nun auch das offensive Mittelfeld mit der Ausleihe von Filip Trojan als besetzt gelten und vielleicht nähern wir uns der Werktreue des Fußballspiels vom MSV Duisburg bereits im September. Spätestens aber, wenn im Oktober die Verletzung von Adam Bodzek ausgeheilt ist, sollte dem nichts mehr entgegen stehen. Das Publikum weiß jedenfalls um die jugendlichen Vorzüge des Ensembles und die daraus sich ergebenden Grenzen ihres Könnens. Wobei Entwicklungen von jungen Menschen ja manchmal auch sehr sprunghaft geschehen. Wir werden sehen.

Vom Spiel vorgestern bleibt mir weniger der Sieg selbst als die ausgelassene Freude bei den Toren im Gedächtnis. Anscheinend ist da bereits ein guter Zusammenhalt entstanden, was für den Alltag der 2. Liga keine schlechte Voraussetzung ist.

Nach der Pause hier, habe ich auch etwas für die Ablage. Ich hefte es mal weg, und ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr da noch mal drüber schauen wollt: Wenn der der SC Freiburg, für aufstiegsorientierte Spieler des MSV Duisburg anscheinend eine erste Adresse ist, scheint der FSV Frankfurt jener Verein zu sein, der gerne bei Spielern zugreift, die beim MSV Duisburg für nicht gut genug befunden werden. Björn Schlicke hat es dort sofort zum Mannschaftskapitän gebracht, und Sascha Mölders, der schon ein paar Monate länger beim Verein ist, liefert den Frankfurtern eine bunte Geschichte über die Schwierigkeit die richten Entscheidungen im Leben zu treffen.

Keineswegs etwas für die Ablage ist der Bericht eines weiblichen MSV-Fans, „wie sie zum MSV kam“ für das Fan-Gedächtnis. Auch ihre Erzählung stellt einen Gegenbeweis dar für meine Lieblingsthese des irreversiblen Lernens von Fan-Zugehörigkeit in jungen Jahren durch Prägung. Allerdings, so werden ihr sehen, hat sie für meine These ein Hintertürchen geöffnet. Man müsste in einem Fragebogen nämlich eine Unterscheidung einführen zwischen dem ersten Erleben eines durch Medien vermittelten Fußballspiels und dem ersten Erleben eines Fußballspiels in einem Stadion. Vielleicht lässt sich meine These noch retten.

Nach zehn Tagen Pause fast kein Wort über Fußball

Vor zehn Tagen verabschiedete ich mich in den Urlaub in der Hoffnung, nach der Pause über die abgeschlossene Personalplanung beim MSV Duisburg schreiben zu können. Diesen Faden des Fußballalltags sofort aufzunehmen ist mir nach dem Geschehen am vorletzten Samstag bei der Loveparade unmöglich. Auch wenn ich weiß, dass inzwischen unzählige Worte schon geschrieben sind, und in Duisburg sich sicherlich eine erste Ruhe nach der Katastrophe eingestellt hat, kann ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen in einem Blog, in dem Duisburg auch als Stadt selbst hin und wieder Thema ist.

Nach Katastrophen hilft es den Menschen in unserer durchrationalisierten Gegenwart, die Frage nach Ursachen und Schuld zu stellen. Antworten auf diese Frage suggerieren, wir Menschen haben dieses Leben eigentlich immer im Griff, und es sind immer nur Fehler einzelner, die unsere umfassende Sicherheit im Leben verhindern. Das stimmt natürlich nicht. Wir verdrängen die stets vorhandenen Gefahren in unserem Leben und wenn wir einem Unglück als Vollendung einer Gefahr begegnen, kehren die verdrängten Ängste zurück. Sie verwandeln sich in ungerichtete Aggression und sobald sich jemand als Projektionsfläche für diese Aggression anbietet, wird diese Aggression ausgelebt. Gebt uns einen Sündenbock! Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sei Dank, war der schnell gefunden.

Adolf Sauerland war nach den ersten Nachrichten von der Katastrophe völlig überfordert und hat nicht die Größe besessen, so zu handeln, wie es sich in so einem Moment der Fassungslosigkeit und wortlos machenden Entsetzens geziemt. Ungeachtet seiner ebenfalls vorhandenen politischen Verantwortung hat er mit dem Verweis auf die Schuld der Opfer an der Katastrophe jegliche Integrität verspielt, um weiterhin Oberbürgermeister der Stadt Duisburg sein zu können. Ärgerlich ist allerdings die Berichterstattung über seine Person. Sie diente zeitweilig allein der Sensationslust eines vom Schrecken faszierten Publikums. Im Gelsenkirchen Blog gibt es dazu einen Text, der für mich das Thema „Ursache, Schuld und Verantwortung“ klug beleuchtet.

Darüber hinaus sind so viele der von den Medien zu Duisburg erzählten Geschichten an der Wirklichkeit vorbei konstruiert, indem die Motivlage um die Loveparade sehr vereinfacht wird. Ich denke, ohne Kulturhauptstadt Ruhr.2010 hätte es die Loveparade in Duisburg nicht gegeben. Fritz Pleitgen bekennt sich zu einer moralischen Schuld, weil die Loveparade in das Programm der Kulturhauptstadt hatte integriert werden sollen. Weitaus mehr in der Verantwortung sehe ich Dieter Gorny mit seinen in den Zeitungen des WAZ-Konzerns strategisch verbreiteten, drängenden Worten, als der Widerstand in Duisburg gegen die Durchführung der Loveparade noch groß war. Er befürchtete eine „Blamage“ für das gesamte Ruhrgebiet, wenn die Loveparade ausfiele. Dagegen gab es in Duisburg selbst keineswegs durchweg die Hoffnung auf einen bleibenden Imagegewinn, wie es als Motivation für die Durchführung so oft hieß. Es gab Stimmen – auch auf Verwaltungsebene und in der Politik- die allenfalls den Wert des punktuellen Ereignisses sahen.

Aber Wahrheit ist nur ein Kriterium für die Berichterstattung von Medien über das Geschehen in Duisburg. Ein anderes Kriterium ist schnelle Verständlichkeit und der eingeräumte Platz für die Berichterstattung – egal in welcher medialen Verbreitungsform. Da wird sich dann auf Duisburg konzentriert. Alte Bilder der Lebenswelt im Ruhrgebiet werden zur Illustration der Berichterstattung genommen und komplexe Prozesse des städtischen Wandels werden auf den einzigen Begriff des Imagegewinns gebracht.

In meinen Augen ist die Katastrophe selbst und die anschließende Berichterstattung über Duisburg ein einziger Beweis dafür, dass die Städte im Ruhrgebiet zusammenrücken müssen. Sollte die Umsiedlung der Loveparade nicht ein Ruhrgebietsprojekt sein? Hieß es nicht so, als an Stelle von Berlin ein neuer Veranstaltungsort gesucht wurde? Hier gibt es einen eindeutigen Beweis für den strukturellen Unterschied zwischen den Möglichkeiten der Ruhrmetropole oder wie auch immer man das nennen soll und den einzelnen Städten. Wer das Ruhrgebiet im Mund führt, muss auch  Organisationsstrukturen schaffen, die dem entsprechen. Das Still-Leben Ruhrschnellweg war auch deshalb ein so großer Erfolg, weil das Ruhrgebiet als Ganzes gemeint war, und es nicht nur beim Lippenbekenntnis zur Einheit der Städtelandschaft blieb.

Wenn nun Trostlosigkeit als Klischee zur Beschreibung Duisburgs eine zeitlang wieder populär sein wird, liegt das an dem sinngebenden Erzählmuster für das Geschehen. Das Klischee zur Loveparade heißt jugendliche Lebensfreude. So lässt sich mit dem Gegensatzpaar eine Geschichte der Selbstüberschätzung erzählen. Diese Trostlosigkeit wird durch die Dramaturgie dieser populären Erzählung verlangt. Natürlich ist die Wirklichkeit umfassender.

Viele Duisburger fühlen ihre Stadt nicht angemessen beschrieben. Und wer sich in Duisburg mit den Funktionsweisen von Kommunikation in medialen Zusammenhängen auskennt, will, wie hier beim Hafenmeister, die eigenen professionellen Möglichkeiten nutzen, diesem öffentlichen Bild Duisburgs in den letzten Tagen etwas entgegenzusetzen. Es soll im Netz Raum geschaffen werden, das Geschehen zu verarbeiten. Skeptisch bin ich allerdings bei dem dort erkennbaren, verständlichen Wunsch, gegenüber den düsteren Bildern von Duisburg eine Öffentlichkeit auch für die andere Lebenswirklichkeit der Stadt zu schaffen. Ohne Anschluss an den Ruhrgebietsgedanken halte ich das Anliegen für einen Kampf gegen Windmühlenflügel. Hätte das gesamte Ruhrgebiet hinter der Loveparade gestanden, wäre die Geschichte vom vergeblichen Versuch, die Trostlosigkeit zu überwinden, schon nicht mehr so einfach zu erzählen gewesen. Mich wird das Spannungsverhältnis zwischen Stadtidentität und Ruhrgebiet weiter beschäftigen. An anderer Stelle.

Irgendwann kehren die Gedanken dann wieder in den Alltag zurück. Beim MSV Duisburg etwa sind die Personalplanungen doch noch nicht abgeschlossen. Auf den Mittelfeldspieler warten wir noch. Stefan Maierhofer lässt mich derweil manchmal an hohe und weite Pässe denken, auch wenn ich von Kennern seiner Spielweise zu lesen bekam, dass er eher ein spielerisch gutes Team braucht, um wirkungsvoll zu sein. Damit kann doch nur ein kontrollierter Ballvortrag gemeint sein? Nur noch eine Woche bis zum ersten Pflichtspiel, und in so vielen Vereinen fehlen noch die gewünschten Spieler für die kommende Spielzeit. Früher war das anders. Ich glaube, das habe ich neulich schon mal geschrieben. Auch dazu an anderer Stelle mehr.


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