Archiv für September 2010

Denken Sie jetzt nicht an einen weißen Bären

Meiner laienhaften Vermutung nach gibt es in der Psychologie doch seit langem Fachwissen zu unerwünschten Gedanken. Deshalb überraschte es mich, dass erst 1994 Daniel Wegner sich in psychologischen Experimenten  mit der Gedankenunterdrückung beschäftigte und dem Phänomen eine theoretische Grundlage gab. Ironische Prozesse nannte er dann den im Alltagswissen allzu bekannten Tatbestand, dass sich jene Gedanken in den Vordergrund drängen, an die man gerade nicht denken will. Weiße Bären waren in den Köpfen seiner Versuchspersonen immer dann besonders lebendig vorhanden, wenn er sie aufforderte, an weiße Bären gerade nicht zu denken.

Weil diese Zweitligasaison für den MSV Duisburg recht erfolgreich angefangen hat, versuchen sich die sportlich Verantwortlichen beim Verein gerade daran, die experimentellen Daten von Daniel Wegner zu bestätigen. Ihr weißer Bär heißt Aufstieg. Milan Sasic hat im Rahmen einer allgemeinen Stimmungsbeschreibung nach dem Spiel gegen den 1. FC Union Berlin gesagt: „Mit 5,3 Millionen kann man nicht aufsteigen.“ Er meinte den derzeitigen Etat des Vereins und bekräftigte, noch niemals sei ein Verein mit solch einem Etat aufgestiegen. Gestern legte Bruno Hübner in einem schönen Interview bei Der Westen nach, indem er der Meinung von Milan Sasic ausdrücklich zustimmte.

Wahrscheinlich muss weniger die Erwartung von uns Zuschauern beeinflusst als der Druck für die Mannschaft reguliert werden. Gleichzeitig wird damit aber der Gedanke Aufstieg lebendig gehalten. Aus dieser Paradoxie kommt niemand heraus. Das geht nicht, es sich vorzunehmen, den Gedanken nicht haben zu wollen.  Da muss einiges andere gemacht werden. Ablenkendes Training etwa für die Spieler, die unendliche Geschichte um die Nachfolge von Walter Hellmich verfolgen für uns Zuschauer, und natürlich bietet die Wirklichkeit des nächsten Spieltags eine Chance, den Gedanken an den Aufstieg zum Verschwinden zu bringen. An diese Möglichkeit will ich aber jetzt nicht denken und spreche ein Wort dazu gar nicht erst aus.

Ihr wisst, was im Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen nicht geschehen soll. Da denke ich doch viel lieber an so was wie Aufstieg, aber auch nur weil Milan Sasic und Bruno Hübner das Wort in den Mund genommen haben. Ich mache das heute nur noch einmal und dann für die nächste Zeit nie wieder. Dann werde ich nämlich nicht an Aufstieg denken, sondern ich werde nicht an weiße Bären denken, wahlweise auch nicht an Elefanten, ob weiß, blau, rosa oder lila, allesamt Beispiele aus Ratgebern für das bessere Menschwerden. Ich habe gelernt, es ist nicht so einfach mit dem gedanklichen Begleiten einer Fußballsaison. Leichter wird es mit Sicherheit, wenn die  Mannschaft des MSV Duisburg das nächste Spiel einfach gewinnt. Im Stadion beim Sieg denke ich nämlich nie an den Aufstieg, es sei denn, er ist plötzlich da.

Fügung gibt es auch in Gelsenkirchen

Nun darf man sich vorstellen, dass beim Stochern im Nebel des Abwehrspiels beim FC Schalke 04 jeder, der im blauen Trikot mal vorbei kommt, zum möglichen Retter in der Not werden kann. Man sieht ja einfach die Hand vor Augen nicht mehr. Schon vor dem ersten Spiel des FC Schalke 04 in der Champions League war Frank Fahrenhorst kurz als möglicher Abwehrspieler für die erste Mannschaft vom FC Schalke 04 von einigen Journalisten erkannt worden. Dann hatte sich der Nebel doch wieder gelichtet und den Blick auf andere Spieler wieder frei gegeben. Doch zur großen Enttäuschung der Schalke-Welt haben sie die Mannschaft nicht aus dem nebelverhangenen Tal rausgeführt. Jetzt ist gerade immer wieder mal neben Christoph Metzelder nur noch Frank Fahrenhorst zu sehen. So etwas meinte ich gestern mit Fügung, als ich von dem sprach, was zur guten Spielweise des MSV Duisburg hinzukommen muss, wenn es um das große Nichtauszusprechende gehen soll. Da geht ein Spieler aus der Zweiten Liga in die Regionalliga um mit seiner Erfahrung der zweiten Mannschaft vom FC Schalke 04 Sicherheit zu geben, und plötzlich ward er beim Stochern im Nebel von Felix Magath gesehen. Was für ein Moment der Hoffnung, wenn man sich verloren glaubt und nun nicht mehr alleine fühlen muss. Da ist es auch erst einmal nicht ganz so wichtig, ob der entdeckte Mann im blauen Trikot die Abwehr wirklich aus dem Nebel führen kann. Möglich ist in Zeiten großer Verirrung alles. Durch Fügung eben.

Heimstark! Und auswärts?

Zum Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Union Berlin bin ich erst in der zweiten Halbzeit zehn Minuten nach Wiederanpfiff gekommen. Nicht vor Ort, ohne Bilder, nur durch das gesprochene Wort. Den Halbzeitstand kannte ich, um so enttäuschender war Marco Röhlings Zwischenfazit, dass zu dem Moment nicht viel auf einen Ausgleich hindeutete. So war neben der Nachricht über den Rückstand auch die Wertung „schlechtes Spiel“ zu verkraften. Hoffen dürfen wir immer, und auch Marco Röhling dachte an diese Tore aus Standardsituationen und an überraschende Treffer in unübersichtlichen Spielsituationen. Dem war nicht so, wie wir wissen. Erst am Ende ließ seine Reportage erahnen, dass die Spielweise der Mannschaft ein wenig besser wurde. Doch da fiel auch schon das zweite Tor für Union.

Waren sich bislang nach den Spielen zumindest in den öffentlichen Meinungsäußerungen alle einig,  was die Ergebnisse jeweils bedeuteten, so lässt sich endlich wieder streiten. So eine Niederlage war von Schwarzmalern sicher ebenso vermisst worden wie von allen, die durch zu viel Einigkeit ganz unruhig werden. Ich spreche hier von zumeist unbewussten Bedürfnissen. Wir Menschen sind eben ganz verschieden, und so klingen erste Kommentare über die eher trüberen Aussichten dieser Mannschaft ganz zufrieden. Im Gegensatz zur Niederlage gegen Aue müssen wir uns nun zum ersten Mal in dieser Saison Gedanken um eine schlechte Spielweise des MSV Duisburg machen.

Als erstes habe ich einen mir zumindest im ersten Moment sehr sympathischen Gedanken im Kopf, nämlich den, dass die Mannschaft vielleicht das Heimpublikum braucht, um über die ganze Spieldauer die nötige Kraft zu entwickeln. Wir erinnern uns, wie groß der Einsatz der Spieler in den zurück liegenden Heimspielen gewesen ist und wie sehr sie an ihre Grenzen gegangen sind.

Trotz dieser Niederlage glaube ich nun, nach sechs Spieltagen, dass die Mannschaft im oberen Tabellen-Drittel mitspielen wird. Wenn ich außerdem  ganz, ganz kurz an das Wort denke, das ich natürlich nicht ausspreche, dann sehe ich als Voraussetzung Spiele, in denen sehr viel hinzukommen muss, was weder durch Training erreichbar ist noch durch Menschen kontrollierbar. Ich spreche von Fügung, und denke dabei etwa an die Vorarbeit zum Tor gegen den FC Augsburg von Sefa Yilmaz. So etwas klappt trotz allen Einsatzes nicht immer. Sefa Yilmaz hätte auch nach seinem Wiederaufstehen erneut ins Straucheln kommen können. Damit meine ich, auch bei einer guten Leistung von Sefa Yilmaz lässt sich nicht vorhersagen, ob er sich gegen seine Gegenspieler durchsetzen wird. Er hat stark gespielt gegen Augsburg, aber gerade wegen seiner Energieleistung beim 1:0 ist aus dem Blick geraten, dass er in der ersten Halbzeit gegen seinen Gegenspieler auf dem Flügel den Ball oft verloren hat. Deshalb ist die Leistung von Sefa Yilmaz für mich ein Hinweis darauf, wieviel zu dieser Leistung der einzelnen Spieler noch hinzukommen muss, damit die Mannschaft erfolgreich sein kann.

Im Blog  für Union-Geneigte textilvergehen werden sehr starke Fotos vom Spiel gestern mit der Überschrift „Kämpfen und siegen“ betitelt und der Wortbeitrag zum Spiel erinnert an Verlustlisten mit ehrenden Heldenworten nach Schlachten. Nicht in jedem Spiel wird ein Gegner diesen Kampfeswillen des 1. FC Union Berlin zeigen. Ich sehe deshalb keine grundsätzliche Auswärtsschwäche auf den MSV Duisburg zukommen. Es wirkt wie ein Streich des Spielplangestalters, dass der MSV Duisburg nacheinander in zwei Stadien antreten musste, in denen das heimische Publikum die Leistung der eigenen Mannschaft nicht unwesentlich mitbefeuert. Da arbeiten wir in Duisburg im Moment auch dran, und auswärts werden zum einen noch Mannschaften kommen, die von Heimschwäche geplagt sind, zum anderen dürfen wir jederzeit von neuem auch auf die Fügung hoffen.

Zeitvertreib mit Milan Sasic bei der Pressekonferenz

Bis zum Anpfiff der Spiele vom MSV Duisburg lässt sich die Zeit bei eyeP.tv mit Bewegtbildern von Pressekonferenzen unterhaltsam vertreiben. Da kann man dann den O-Ton von Milan Sasic hören zu dem, was hier bei Der Westen im Zeitungsdeutsch ohne den charakterischen Sasic-Flair zu lesen ist. Der 1. FC Union Berlin sei die „aggressivste Mannschaft“ der Zweiten Liga. „Die gewinnen meistens Zweikämpfe, machen meistens Fouls, kriegen meistens Karten. In Berlin … das wird nicht Willkommen heißen, das wird richtig zur Sache gehen. Das braucht man noch mehr Cleverness in vielen Situationen. Da müssen wir eine Schippe drauf legen.“ So der besser als das Zitaten-Deutsch klingende Sasic-Sound, bei dem ich mich inzwischen immer ganz heimelig fühle.

Am Anfang der Pressekonferenz erinnerten Milan Sasics Worte übrigens an die so häufig vorhandene, besondere Nähe des Fußballs zur Philosophie. „Das wahre Bild zeigt nicht die Tabelle,“ sagte Milan Sasic. Nicht als erster Trainer weiß er um die Besonderheiten des Wahrheitsbegriffs im Fußball und den unzulänglichen Kriterien, nach denen entschieden werden kann, was Wahrheit in diesem Sport ist. Wo alleine sie zu finden ist, wissen wir alle, aber diese Spruchweisheit ist auch nur eine gedankliche Krücke für den Spieltag. Auch Hertha BSC Berlin bestärkt wahrscheinlich der bisherige Saisonverlauf, dass der Verein in Wahrheit immer noch ein Erstligaklub ist.

Von dem ebenfalls anwesenden David Yelldell erfahren wir, er sei nicht abergläubisch und ginge deshalb demnächst unabhängig von Spielergebnissen wieder regelmäßig zum Friseur. Verständlicher Weise empfindet David Yelldell das von einem Journalisten salopp dahingesagte Glück nicht unbedingt als ausreichende Begründung für seine Torwartleistung, er denkt da mehr an richtige Entscheidungen. Milan Sasic unterstreicht das und nutzt die Gelegenheit, auch auf elegante Weise die verbesserte Defensive hervorzuheben. Bei nur 15 Torschüssen in fünf Spielen sei es für einen Torhüter besonders schwer:  „Über 90 Minuten totale Konzentration. Und du kriegst zwei Bälle. … Wir haben gesehen, wer letzte Saison beste Torwart gewesen. Warum?“ Die Antwort hatte er vorher schon gegeben, in der letzten Saison hatte die Abwehr doppelt so viele Torschüsse zugelassen. Im Schnitt? In den ersten fünf Spielen? So genau kam das nicht zu Sprache. Aber dass die Zahlen einen subjektiven Eindruck bestätigen, stimmt mich für die Suche nach Wahrheit für heute erst einmal wieder optimistischer.

Hier geht es zur gesamten Pressekonferenz mit Milan Sasic und David Yelldell bei eyeP.tv. Und hier findet sich in Ausschnitten die Pressekonferenz mit dem Trainer vom 1. FC Union Berlin Uwe Neuhaus, der sich vom MSV Duisburg sehr beeindruckt zeigt. Schön, wenn gegnerische Trainer nicht mehr nur das Potential vom MSV Duisburg für deren Gefährlichkeit beim nächsten Spiel anführen sondern jüngste Spielergebnisse samt deren Zustandekommen.

Das Leichte ist häufig das Schwerste

Das sind die Tage, an denen es nicht genug zu lesen gibt über das, was wir erlebt haben. Das sind die  Tage, an denen unser Hunger auf immer neue Bilder und O-Töne kaum zu stillen ist. Wir versuchen alle möglichen Wiederbelebungsmaßnahmen des Gesehenen, denn dieser Sieg gestern gegen den FC Augsburg will ausgekostet werden, so intensiv es geht. Lange klappt das in einer englischen Woche ohnehin nicht. In drei Tage steht das Auswärtsspiel beim FC Union Berlin auf dem Spielplan.

Dieser Sieg war begeisternd, und ihm wohnte gleichzeitig die Bedrohlichkeit einer großen Enttäuschung inne. Der MSV Duisburg ließ dem FC Augsburg nahezu keine Chance, so überlegen war sein Spiel. Schon in den ersten zwanzig Minuten schloss die Mannschaft mehrere ihrer Angriffe gefährlich ab. Srjdan Baljac wäre so früh fast die Führung gelungen, als er eine Hereingabe von der linken Seite kunstvoll Richtung Tor lenkte. Der Reflex des Augsburger Torhüters Mohamed Amsif verwandelte den Jubelschrei ins ungläubige Aufstöhnen.

Erst in der 56. Minute erzielte dann Srjdan Baljac das 1:0. Auch wenn der FC Augsburg keine deutliche, kontinuierliche Gegenwehr zeigte, gab es im Spiel immer wieder Einzelaktionen, in denen die Augsburger Stürmer ihr Potential erahnen ließen. Da blitzte an ungefährlichen, torferneren Orten des Spielfelds die Grundschnelligkeit dieser Stürmer auf, und so blieb die Sorge, dass erneut wie gegen den TSV 1860 München ein kleiner Fehler in den Reihen des MSV Duisburg dem FC Augsburg die Chance auf ein Tor aus dem Nichts ermöglichen könnte.

Der MSV Duisburg störte jeden Spielaufbau der Augsburger auch nach der Führung schon früh. So kam es in der letzten Viertelstunde zu Kontern mit Chancen auf ein zweites Tor im Drei-Minuten-Takt. Doch Konter um Konter wurde vergeben, und dabei hatte ich den Eindruck, die Chancen wurden immer klarer. Sah man in die Gesichter der Duisburger Spieler nach dem dritten oder vierten dieser vergebenen Konter, konnte einem angst und bange werden. Für einen Moment wirkten sie fast traumatisiert darüber, dass ihnen selbst im Spiel mit drei gegen eins kein zweites Tor gelang. Für einen Moment durchzuckte mich die Furcht, die Enttäuschung könne zu groß sein, um konzentriert weiter zu spielen. Dem war nicht so. Der MSV Duisburg ließ in seinen Bemühungen nicht nach. Es blieb in diesen letzten Minuten weniger Bangen als im Spiel gegen München, doch noch genug, um diesen so verdienten Sieg bedroht zu sehen. Das spürte das gesamte Publikum und wollte seinen Teil zum Sieg in diesen letzten Minuten mit anhaltendem Anfeuern auf allen Plätzen beitragen.

Diese Mannschaft des MSV Duisburg erwirbt sich gerade Sympathie und Vertrauen der Zuschauer. Mit dieser Spielweise werden sich die Ränge allmählich füllen. Was zu sehen war, wird weiter erzählt. Auf diese emotionalen Momente wie gestern und im Spiel gegen 1860 München haben wir in Duisburg lange verzichten müssen. Diese Momente sind wieder erlebbar im Stadion, und diese Mannschaft hat es verdient, dass die Zuschauerzahl im Laufe der Saison zu Spielen gegen Spitzenmannschaften auch gerne mal an der 25.000er- Marke kratzen kann.

Nun stehen wir jenen Spielverläufen gegenüber, bei denen Feinanalysen notwendig werden, damit die Mannschaft sich weiter verbessert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal mangelnde Laufbereitschaft oder zu geringes Durchsetzungsvermögen zu bemängeln. Letzteres mag es auch in einzelnen Momenten beim Spiel nach vorne geben, aber die Mannschaft spielte so stark, dass solche kleinen Mängel nicht ins Gewicht fielen. Im Gegenteil, es ließe sich sogar als psychische Stärke deuten, dass etwa Sefa Yilmaz unermüdlich seine Gegenspieler zu überspielen versuchte, auch wenn er nicht so erfolgreich war wie noch im Spiel gegen München. Diese innere Stärke führt schließlich zu einem Durchsetzungsvermögen, wie er es bei der Vorarbeit zum Führungstreffer zeigte. Er kam ins Stolpern und es schien schon so, als ob sein Gegenspieler ihn gestoppt hätte. Doch beim Stolpern mit anschließenden Kniefall versuchte er, den Ball weiterhin zu kontrollieren. Dann reaktionsschnell aus dem Sturz auf die Knie wieder auf die Beine kommen und aus dem erneut drohenden Vornüberfallen den Sprint mit Ball schaffen, das braucht nicht nur unbedingten Willen diesen Ball nach vorne zu treiben, sondern auch den Glauben, dass etwas glücken wird in einer Spielsituation, die zunächst nicht klar erkennbar ist.

Dieser Energieleistung von Yilmaz gleicht auch ein Solo-Lauf von Julian Koch, der ungefähr von der Mittellinie aus in eine Lücke gestartet war und eigentlich darauf aus war, abzuspielen. Allerdings stand ihm unablässig ein Augsburger Gegenspieler im Weg, so dass er geradezu gezwungen wurde, den nächsten Spieler zu umkurven. Das geschah insgesamt viermal, oder fünfmal sogar?, so dass er sich schließlich im Strafraum befand und kurz vor der Torauslinie in den Rückraum spielen konnte. Leider wurde dieser Pass abgefangen, und es war beeindruckend, wie Julian Koch augenblicklich zurücksprintete, um die notwendig werdende Defensivarbeit wieder aufnehmen zu können.

Dieser Solo-Lauf kam unerwartet, wahrscheinlich sogar für Julian Koch selbst, aber es macht diese Mannschaft aus, dass ihr planvolles und disziplinierte Spiel immer wieder überraschende Momente zeigt. Es gibt in dieser Mannschaft mehrere Spieler, die machmal etwas anderes machen, als es der Gegner erwartet.

Der MSV Duisburg hat den Druck auf den FC Augsburg nahezu das gesamte Spiel über kontrolliert aufgebaut. Wie oft haben wir eine Mannschaft in den letzten Jahren erlebt, der das nur in Ansätzen gelang. Im Spiel gegen den TSV 1860 München war dieser Mannschaft bereits der unbedingte Wille anzumerken, den Gegner möglichst früh anzugreifen. Doch wirkte dieser frühe Angriff ungestümer als gestern und damit auch abhängiger von der Grundemotion, die sich auf dem Platz entwickelt. Im Spiel gegen den FC Augsburg war dieser Wille zum frühen Angriff ebenfalls jederzeit spürbar, doch das Agieren auf dem Platz schien mir überlegter und weniger abhängig von einer sich notwendiger Weise entfaltenden kämpferischen Energie.

Durch das notwendig gewordene Ersetzen beider Innenverteidiger wurde gestern aber auch deutlich, Milan Sasic hat durch die Zusammenstellung des Kaders Möglichkeiten gewonnen, die Mannschaft unterschiedlich ohne Qualitätsverlust aufzustellen. Auch diese Erkenntnis vermittelt der Mannschaft Sicherheit. Wenn ich an dieser Stelle nun nicht weiter auf die Leistungen der anderen  Spieler der Mannschaft eingehe, bedeutet das keineswegs, deren Leistungen wären nicht erwähnenswert gewesen. Mir geht nur im Gegensatz zu den Spielern gestern die Luft aus. Sie haben wirklich gut gespielt. Alle!

Heute wird es offiziell verkündet

Die Pressekonferenz vor dem morgigen Heimspiel gegen den FC Augsburg wird heute Nachmittag anders verlaufen, als es üblicherweise vor den jeweiligen Spieltagen einer Saison geschieht. Das wird so sein, obwohl sich dieses Mal eine Frage an Milan Sasic besonders aufdrängt. Wie wird er die wegen der gelb-roten Karten gesperrten Innenverteidiger Bruno Soares und Daniel Reiche ersetzen? Wahrscheinlich wird Goran Sukalo von Anfang an spielen, aber wird er das in der Innenverteidigung tun? Oder ersetzt er den nach hinten rückenden Branimir Bajić im defensiven Mittelfeld? Und wer kommt als zweiter Mann? Da könnte also heute Nachmittag eigentlich einige Zeit über die Mannschaftsaufstellung zu reden sein.

Doch vielleicht will Milan Sasic die Karten noch nicht aufdecken, und es kommt ihm deshalb ganz zupass, dass bei derselben Pressekonferenz ein anderes Thema von dem morgigen Spiel mit Sicherheit schnell ablenken wird. David Karpathy und Roland Kentsch stellen laut Pressemitteilung des MSV Duisburg „Herrn Bernard Dietz in seiner neuen Aufgabe als Berater und Repräsentant des MSV“ vor. Herr Bernard Dietz arbeitet also ab 1. Oktober offiziell für den MSV Duisburg und setzt seinen guten Ruf für den Verein ein. Da dürfen wir ruhig laut sagen: Endlich, MSV Duisburg! Und: Alles Gute, Enatz!

Dieses offizielle Verkünden der Mitarbeit des „Herrn Bernard Dietz“ scheint mir die derzeitige gute Arbeit im Verein zu belegen. Denn sowohl die Verantwortlichen beim MSV Duisburg als auch Bernard Dietz brauchen aus besonderem Grund gegenseitiges Vertrauen für ihre gemeinsame zukünftige Arbeit. Unsicherheiten auf beiden Seiten können nämlich entstehen, wenn Bernard Dietz als so überragende Persönlichkeit in der Geschichte des MSV Duisburg nun im Arbeitsalltag des Fußballbetriebs präsent ist.

Gerade weil die Loyalität von Bernard Dietz dem MSV Duisburg gegenüber ohne Zweifel ist, werden sich die Verantwortlichen des MSV Duisburg über dessen Unabhängigkeit Gedanken gemacht haben. Wenn Bernard Dietz in seiner Arbeit die eigenen Vorstellungen und Werte nicht verwirklicht sieht, zieht er Konsequenzen. So etwas hätte Folgen für das öffentliche Bild des MSV Duisburg. Die Verantwortlichen beim MSV Duisburg müssen also darauf vertrauen, dass so etwas mit großer Sicherheit nicht geschieht. Demgegenüber muss Bernard Dietz darauf vertrauen, dass er ohne eigentliche Macht innerhalb der Vereinsstruktur bei der sportlichen Leitung und der Geschäftsführung mit seinen Ansichten so weit Gehör findet, dass ihm seine Arbeit sinnvoll vorkommt. Wie gesagt, in der offiziellen Zusammenarbeit von Bernard Dietz und MSV Duisburg zeigt sich dieses gegenseitige Vertrauen, und es bestätigt meinen Eindruck, dass beim MSV Duisburg zurzeit sehr sachorientiert gearbeitet wird.

Der rechte Zeitpunkt

Es hätte nur einen besseren Zeitpunkt für eine Niederlage des MSV Duisburg geben können, und der wäre so ungefähr um den 28. Spieltag der laufenden Saison gewesen, wenn die Mannschaft sich gegenüber den Verfolgern auf den Nichtaufstiegsplätzen bereits einen uneinholbaren Vorsprung erspielt hätte. Gesehen oder gehört habe ich von dem Auswärtsspiel gegen den FC Erzgebirge Aue nichts, und dennoch habe ich eine Meinung, nicht unbedingt zur Leistung des MSV Duisburg, sondern zu dem, was die Niederlage für die Mannschaft bedeuten kann.

Schon vor dem Spiel war klar, der FC Erzgebirge Aue ist in seinem eigenen Stadion ein unangenehmer Gegner. Dennoch scheint der MSV Duisburg viel richtig gemacht zu haben. Wenn ich den Nachberichten bei Der Westen oder im Kicker glauben darf, waren der Plan und die daraus resultierende Spielanlage klar zu erkennen. So können Niederlagen hingenommen werden. Sofort verständlich ist außerdem, dass Tore vom MSV Duisburg nicht unbedingt bei nur zwei wirklichen Chancen erzielt werden, wenn Sefa Yilmaz und Olcay Sahan zu diesen klaren Chancen kommen. Wir wissen schon länger über Olcay Sahan, das Tor und er sind erst auf dem Weg gute Freunde zu werden, und Yilmaz hielt sich in den Spielen zuvor so streng an sein Flügelspiel, dass er nur wenig Gelegenheit hatte, sich an Tornähe überhaupt gewöhnen zu dürfen. Es geht für Sahan und Yilmaz nicht anders, als auch den Abschluss immer und immer wieder zu trainieren. Was sie und Milan Sasic aber sicher selbst wissen. Wenn ich Milan Sasic in Pressekonferenzen vor Spielen höre, wirkt er auf mich mit seinen von ihm oft zitierten Statistiken wie ein sehr faktenhungriger Mensch, der solche Statistiken zu Stärken und Schwächen dann wahrscheinlich auch über die eigenen Spieler anfertigen lässt. Wenn so und so viel Prozent aller Tore durch Standards fallen und Sasic sie deshalb intensivieren trainieren lässt, wird er auch wissen, dass Sahan so und so viel Prozent seiner Schüsse am Tor vorbei setzt und ihm deshalb hoffentlich ein entsprechendes Trainingsprogamm geben.

Die Niederlage gibt der Mannschaft nun die Möglichkeit, so ein Gefühl des Rückschlags in einer Zeit zu erleben, in der dieser Rückschlag auf längere Sicht noch keine großen Auswirkungen haben muss. Die Mannschaft kann nun mit einem auszuhaltenden Druck lernen, damit umzugehen, das gesteckte Ziel einmal nicht erreicht zu haben. Durch so eine Erfahrung kann jeder einzelne weiter wachsen, und so die Mannschaft stärker machen. Das wäre ein idealtypischer Schritt im weiteren Saisonverlauf. Gedanken mache ich mir allerdings über die Spielsperre, die Bruno Soares und Daniel Reiche für ihre gelb-roten Karten erhalten. Da wird also gegen einen eingespielten FC Augsburg eine Mannschaft des MSV Duisburg antreten, die auf ihren Positionen etwas durcheinander gewirbelt sein wird. Ein Handicap, das mit zunehmender Spieldauer wir am Mittwoch hoffentlich vergessen werden.

Es hätte also nur einen besseren Zeitppunkt für den Einsatz von Babak Rafati in einem Spiel des MSV Duisburg geben können. Dummer Weise schlägt die Niederlage mir dennoch ein wenig auf die Wochenanfangstimmung. Auch ich muss wieder lernen, damit umzugehen, dass der Blick zurück nicht ganz so freudig stimmt wie die Arbeit für die Zukunft.

Niemand muss einen Sieg in Aue fürchten

Am Sonntag spielt der MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue. Als ich heute Morgen an das mögliche Ergebnis dieses Spiels und dessen Einfluss auf Stimmung und Erwartungen in der Mannschaft und im Vereinsumfeld dachte, beschlich mich kurz ein quälender Gedanke. Sollte ich besser auf eine Niederlage hoffen, ganz gegen mein innerstes Wünschen? Sollte ich mich nicht schon jetzt allmählich um die Erwartungen im Saisonverlauf bemühen? Ein Sieg gegen den FC Augsburg beim nächsten Heimspiel scheint mir zudem weitaus wertvoller zu sein. Und bei fünf Siegen in Folge würde die Stimmung mit Sicherheit gefährlich überschwappen – egal bei wem.

Erst dachte ich, der Blick auf die Historie der Zweiten Liga hilft, am Boden zu bleiben. Vier Siege zum Saisonauftakt sind nämlich nicht vielen Vereinen gelungen. Das letzte Mal schaffte das die SpVgg Unterhaching in der Saison 2003/2004, und Gott sei Dank dämpft der Endstand dieser Spielzeit alle Erwartungen. Die SpVgg Unterhaching stand nach dem letzten Spieltag auf dem 13. Platz. Den gleichen Saisonverlauf gab es für Arminia Bielefeld in der Saison 2000/2001. Mit vier Siegen gestartet, am Ende ebenfalls Platz 13. Doch dann war ich zu neugierig und blickte noch weiter zurück. Mit vier Siegen startete Eintracht Frankfurt in die Saison 1997/1998, und auch nach dem letzten Spieltag stand die Eintracht auf dem Platz 1. Genauso machte es der VfL Bochum in der Saison 1993/94. Vier Siege am Anfang, am Ende der erste Platz.

Da habe ich aufgehört zurück zu blicken und wegen der entspannteren Stimmung doch wieder an die Niederlage gedacht. Der Druck muss wegbleiben, damit es auf lange Frist gut ausgeht. Und wie lang lang ist, werden wir sehen. Doch verlieren in Aue? Auf keinen Fall! Dann schwappt die Stimmung endgültig über. Wann hat der MSV Duisburg bislang sein einziges Spiel in Aue verloren? Das ist in einer Saison gewesen, die irgendwann zwischen 2003 und 2006 stattgefunden hat, und deren Namen ich jetzt nicht nenne. Bleibt vielleicht als ideales Ergebnis ein Unentschieden? Genau richtig für die Stimmung, auch wenn ich trotz aller Bedenken wie immer auf einen Sieg hoffe.

Nachtrag, 16 Uhr: Jetzt hat sich doch glatt meine Pointe zerschlagen, weil ich mich beim Nachschlagen der Ergebnisse vertan habe. Verloren hat der MSV in einer für die Erwartungen in dieser Saison völlig ungefährlichen Spielzeit, wie ich gerade auf Der Westen korrigiert wurde. Kommt alles nur von dieser Unsicherheit, was auf lange Sicht das Beste für die Mannschaft ist. Da möchte ich die Wirklichkeit doch ein wenig mit hingehauchtem Vorzeichen zwingen.

Auch dieses Mal noch schöner zufrieden sein

Wenn eine riesige schwarze Rauchwolke bei der Anfahrt zum Stadion über Duisburg steht, durchzucken einen zehn Minuten vor Spielanfang nach einem zwölf Kilometer langem Stau auf der A3, nun auf der A 59 fahrend einige unangenehme, zum Teil sehr unwirkliche Gedanken. Als erstes: Das ist doch nicht am Stadion? Dann kommt die ruhigere Überlegung: Nein, irgendwo Richtung Hafen. Dennoch wird die große Sorge der Staufahrt wiederbelebt, schaffen wir es rechtzeitig zum Anpfiff? Wir schafften es nur fast, so dass mir das bislang unbekannte Erlebnis beschert wurde, den Stadion-Roar vor einem Spiel auf dem Sternbuschweg einmal aus einiger Entfernung zu hören. Meine fehlende Stimme beim Zebra-Twist war von den anderen Zuschauern einigermaßen ausgeglichen worden. Die Lautstärke der Zuschauer an dem Tag war schon mal beeindruckend.

Das Spiel, von dem wir dann nur die ersten zwei Minuten nicht haben sehen können, war es ebenfalls. Diese Mannschaft des MSV Duisburg wollte gleich zu Beginn zeigen, dass sie auch einen stärkeren Gegner als die bisherigen besiegen kann. Glauben wir das Geraune vom geheimen Aufstiegsfavoriten TSV 1860 München, so brauchen wir uns um diese Saison keine Sorgen mehr zu machen. Soll der deutschlandweit bekannte Aufstiegsfavorit FC Augsburg nur zum nächsten Heimspiel kommen. Auch er wird eine selbstbewusste Mannschaft des MSV Duisburg erleben. Auch er wird sich mit einer Laufbereitschaft der Spieler auseinander zu setzen haben, die in Duisburg lange Zeit nicht zu sehen war. Auch der FC Augsburg wird beim Spielaufbau unter Druck geraten, wenn er in der eigenen Hälfte früh attackiert wird. Auch der FC Augsburg wird gegen ein variables Angriffsspiel verteidigen müssen und nicht wissen, ob es sofort durch die Mitte über Stefan Maierhofer geht oder im schnellen Spiel über außen der große Stürmer erst per Flanke den Ball erhalten soll.

Was sind diese Spieler des MSV Duisburg für Wege gegangen? Srdjan Baljak hetzt jedem Querpass in der gegnerischen Hälfte hinterher. Die aufgerückten Mittelfeldspieler sprinten von der gegnerischen Strafraumgrenze weit in die eigene Defensive, sobald sie dort eine Lücke entdecken. Sinnbild für diesen Einsatzwillen und die defensive Stärke der gesamten Mannschaft ist ein Moment der zweiten Halbzeit. Ein Duisburger Angriff wird abgefangen, der Münchner Stürmer wird im Halbfeld in zentraler Position steil geschickt und hat freie Bahn aufs Tor. Doch Olivier Veigneau holt im Laufduell bis an die Strafraumgrenze seinen minimalen Rückstand auf und nimmt dem Stürmer ohne zu grätschen den Ball sauber weg, um sofort selbst wieder den Angriff einzuleiten. Olivier Veigneau zeigte jene Klasse, an die man sich zuletzt nur noch aus seiner ersten Saison für den MSV Duisburg erinnerte. Noch im Nachhinein zeigt sich die Schwäche der Mannschaft der letzten Spielzeit darin, dass selbst ein mittelmäßig bis schlecht spielender Veigneau noch immer stark genug war, um durchzuspielen.

Die Führung des TSV 1860 München kam aus dem Nichts. In der 25. Minute erhält Benjamin Lauth die Möglichkeit aus dem Lauf heraus zum freien Schuss. Doch diese Mannschaft des MSV Duisburg wirkt in sich gefestigt, und so entstand endlich wieder der Eindruck auf dem Spielfeld, auch ein Rückstand lässt sie nicht von jenem Plan abrücken, wie das Spiel zu gewinnen ist. Sie spielte variantenreich weiter. Auch das ist ein weiterer Hinweis auf eine entstehende Spielkultur. Es gab die langen Bälle aus dem Halbfeld auf Stefan Maierhofer, die er ablegen sollte. Es gab aber auch die schnelle Spieleröffnung im Kurzpassspiel über die Flügel, und es gab die raumöffnenden, präzisen Pässe von Ivica Grlic über die Abwehr hinweg ebenfalls auf die nach vorne sprintenden Flügelspieler. Sefa Yilmaz konnte auf dem Flügel immer wieder durchsetzen, sowohl nach solchen Grlic-Pässen als auch im Dribbling eins gegen zwei. Offensichtlich hat er Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen. Als ich ihn in Osnabrück gesehen habe, war das noch anders. Da scheiterte er fast durchweg in ähnlichen Spielsituationen.

Der MSV Duisburg erspielte sich zwar viele Chancen in der ersten Halbzeit, doch der Stoff der weiten Jogginghose von Gabor Kiraly kam selten ins Flattern. Die Bälle gingen knapp über das Tor oder links und rechts vorbei. Bei einem Konter war auch der TSV 1860 München noch ein einziges Mal gefährlich, doch David Yelldell konnte gegen den durchbrechenden Münchner Stürmer klären.

Zu unserem Stammplatz bei den Duisburger Freunden sind wir Kölner Exilanten in der ersten Halbzeit gar nicht erst vorgedrungen. Nachdem wir uns in der Halbzeitpause dann schließlich begrüßen konnten, waren wir uns einig, das würde das erste Spiel, in dem die Ankündigung von Milan Sasic sich bewahrheitete, egal wie das Ergebnis laute, die Zuschauer sollten zufrieden nach Hause gehen können. Doch noch hofften wir natürlich auf den Sieg. Das Spiel wurde wieder angepfiffen und noch immer waren wir im Gespräch über die Leistungen einzelner Spieler. Gerade hatten wir uns Srdjan Baljak vorgenommen. Wir bedauerten ein wenig, dass der Mann anscheinend seine Torgefahr verloren hatte. Zwar rannte er vorne unermüdlich Meter um Meter, doch auf seiner neuen Position im Mannschaftsgefüge kam er nicht mehr zu gefährlichen Aktionen vor dem Tor. Während einer eher statischen Spielsituation macht im selben Moment dieser Baljak mit dem Ball am Fuß eine schnelle Bewegung um seinen Verteidiger herum. Dann steht er frei und schießt den Ausgleich. Statt gefährlicher Aktionen vor dem Tor die Tore direkt schießen, damit haben wir aber auch leben können. Manchmal sagt man eben was, und schon im nächsten Moment ist es Unsinn. Manchmal gewinnt schließlich auch Borussia Mönchengladbach an dem einen Spieltag in Leverkusen 6:3 und verliert am nächsten Spieltag zu Hause gegen Frankfurt mit 0:4.

Wir hatten auch gar nicht mäkeln wollen. Srdjan Baljak agiert auf seiner Position mit einem beeindruckend hohen Laufpensum. Er schafft Räume für  seine Mitspieler. Bei Ballverlust bildet er im Wechsel mit Stefan Maierhofer und den jeweils gerade aufgerückten offensiven Mittelfeldspielern die erste Defensivreihe, um die gegnerischen Verteidiger früh zu attackieren und deren Spielaufbau zu stören. Ein Tor wie sein zweites gelingt ihm deshalb, weil er unermüdlich dem Ball hinterherjagt. Unzählige Male sind das vergebliche Kurzsprints, doch sie sind nur die notwendige Vorarbeit für diesen einen Moment, in dem er durch den kleinen Fehler des Verteidigers in Tornähe wieder in Ballbesitz gelangt und die Chance zur Führung nutzt. Dieses Siegtor durch Srjdan Baljak war die selten so deutlich erkennbare Kombination aus Arbeit und spielerischer Klasse.

Alleine in den letzten zehn Minuten schien die Mannschaft ein wenig ins Schwanken zu geraten. Die Kraft ging zu Ende, und um des Sieges sicher zu sein, hätte ein Konter verwandelt werden müssen. So einen Konter lief Ivica Grlic über ungefähr Zweidrittel des Platzes. Ein etwas zu langer Weg für diesen Zeitpunkt des Spiels, um danach noch konzentriert genug abzuschließen. Die Freude über den Schlusspfiff war überall gleichermaßen zu spüren. Es ist ein so angenehmes Gefühl, den gerechten Lohn für eine gute Leistung zu erhalten. Und es ist verständlich, dass fast alle Zuschauer dieses Gefühl mit der Mannschaft haben teilen wollen. Wie lange ist es her, dass fast niemand mit dem Schlusspfiff geschweige denn vorher das Stadion verlassen hat?

Mal sehen, ob wir allmählich an neue Aufgaben denken müssen. Wird es weitere solcher Leistungen geben, müssen nicht nur die sportliche Leitung des MSV Duisburg sondern auch wir Zuschauer uns aufs Drahtseil begeben. Wir alle werden viel reden müssen, um einen Balanceakt aufzuführen. Milan Sasic redet dann natürlich mit der Mannschaft und mit Bruno Hübner. Beide reden mit Journalisten und Fans. Spieler reden mit Journalisten und Fans. Anhänger reden untereinander. Wir alle am MSV Duisburg Interessierten werden so viel reden müssen, damit dieser Gedanke der letzten Jahre, dessen Name ich jetzt nicht aussprechen will,  möglichst lange eine schöne, aber nicht sonderlich bedeutsame Möglichkeit bleibt. Dass ich jetzt schon ein paar Worte darüber verliere, gehört natürlich bereits als Vorübung für diese Aufgabe dazu. Man kann nie früh genug damit anfangen mit der psychischen Bearbeitung der Erwartungen. Damit weiß ich mich mit Tina in ihrer Achterbahn einig.

Das Interesse in der alten Heimat an Manuel Schäffler

Im oberbayerischen Moorenweiß trat Manuel Schäffler als Kind dem dort beheimateten TSV Moorenweiß bei. Mit zwölf Jahren kam der Wechsel ins etwa 50 Kilometer entfernte München zum TSV 1860 München. Der weitere Werdegang von Manuel Schäffler wurde in Moorenweiß genau verfolgt, und glaubt man der Chronik des Vereins, ist Manuel Schäffler als U-20-Nationalspieler der erfolgreichste ehemalige Spieler des Dorfvereins.

Bevor Manuel Schäffler U-20-Nationalspieler wurde, durchlief er beim TSV 1860 München sämtliche Jugendmannschaften. Anschließend etablierte er sich während der Saison 2007/2008 in der U23 des Vereins, die in der Regionalliga spielte, der damals noch dritthöchsten Spielklasse. In der folgenden Saison erhielt er einen Vertrag für den Profi-Kader und nahm 2009 an der U-20-Juniorenweltmeisterschaft in Ägypten teil.

Seit Beginn dieser Saison spielt Manuel Schäffler beim MSV Duisburg per Ausleihvertrag und verständlicher Weise interessiert sich die Heimat vor dem Auswärtsspiel des TSV 1860 München gegen den MSV Duisburg dafür, wie es dem einstigen Zögling Manuel Schäffler „tief im Westen“ ergeht. Dort sei alles ganz anders als im Süden, nur die Freude über Tore bliebe dieselbe, sagt Manuel Schäffler unter anderem im Interview mit dem Münchner Merkur.

Was zunächst nach Standardantwort klingt, scheint mir die sympathisch gelassene Reaktion auf die etwas hysterisch anmutende Frage zu sein, ob sich Markus Manuel Schäffler einen besonderen Torjubel für den Fall des Falles im Spiel gegen den TSV 1860 München überlegt habe. Vielleicht sehen wir mit dieser Nachfrage des Sportjournalisten aber ja nur einen weiteren Schritt hin zur eigenständigen Wettbewerbsform „Torjubel“ innerhalb des Fußballspiels. Vielleicht sind die Fußballer auf dem Weg, Elemente des Ausdruckstanz, der rhythmischen Sportgymnastik und des Posens beim Body-Buildung zu etwas Neuem zu vereinen. Und vielleicht werden irgendwann einmal nicht mehr gelbe Karten für das Ausziehen des Trikots verteilt sondern Preisrichternoten, die mit den erzielten Toren verrechnet werden.


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