Das Leichte ist häufig das Schwerste

Das sind die Tage, an denen es nicht genug zu lesen gibt über das, was wir erlebt haben. Das sind die  Tage, an denen unser Hunger auf immer neue Bilder und O-Töne kaum zu stillen ist. Wir versuchen alle möglichen Wiederbelebungsmaßnahmen des Gesehenen, denn dieser Sieg gestern gegen den FC Augsburg will ausgekostet werden, so intensiv es geht. Lange klappt das in einer englischen Woche ohnehin nicht. In drei Tage steht das Auswärtsspiel beim FC Union Berlin auf dem Spielplan.

Dieser Sieg war begeisternd, und ihm wohnte gleichzeitig die Bedrohlichkeit einer großen Enttäuschung inne. Der MSV Duisburg ließ dem FC Augsburg nahezu keine Chance, so überlegen war sein Spiel. Schon in den ersten zwanzig Minuten schloss die Mannschaft mehrere ihrer Angriffe gefährlich ab. Srjdan Baljac wäre so früh fast die Führung gelungen, als er eine Hereingabe von der linken Seite kunstvoll Richtung Tor lenkte. Der Reflex des Augsburger Torhüters Mohamed Amsif verwandelte den Jubelschrei ins ungläubige Aufstöhnen.

Erst in der 56. Minute erzielte dann Srjdan Baljac das 1:0. Auch wenn der FC Augsburg keine deutliche, kontinuierliche Gegenwehr zeigte, gab es im Spiel immer wieder Einzelaktionen, in denen die Augsburger Stürmer ihr Potential erahnen ließen. Da blitzte an ungefährlichen, torferneren Orten des Spielfelds die Grundschnelligkeit dieser Stürmer auf, und so blieb die Sorge, dass erneut wie gegen den TSV 1860 München ein kleiner Fehler in den Reihen des MSV Duisburg dem FC Augsburg die Chance auf ein Tor aus dem Nichts ermöglichen könnte.

Der MSV Duisburg störte jeden Spielaufbau der Augsburger auch nach der Führung schon früh. So kam es in der letzten Viertelstunde zu Kontern mit Chancen auf ein zweites Tor im Drei-Minuten-Takt. Doch Konter um Konter wurde vergeben, und dabei hatte ich den Eindruck, die Chancen wurden immer klarer. Sah man in die Gesichter der Duisburger Spieler nach dem dritten oder vierten dieser vergebenen Konter, konnte einem angst und bange werden. Für einen Moment wirkten sie fast traumatisiert darüber, dass ihnen selbst im Spiel mit drei gegen eins kein zweites Tor gelang. Für einen Moment durchzuckte mich die Furcht, die Enttäuschung könne zu groß sein, um konzentriert weiter zu spielen. Dem war nicht so. Der MSV Duisburg ließ in seinen Bemühungen nicht nach. Es blieb in diesen letzten Minuten weniger Bangen als im Spiel gegen München, doch noch genug, um diesen so verdienten Sieg bedroht zu sehen. Das spürte das gesamte Publikum und wollte seinen Teil zum Sieg in diesen letzten Minuten mit anhaltendem Anfeuern auf allen Plätzen beitragen.

Diese Mannschaft des MSV Duisburg erwirbt sich gerade Sympathie und Vertrauen der Zuschauer. Mit dieser Spielweise werden sich die Ränge allmählich füllen. Was zu sehen war, wird weiter erzählt. Auf diese emotionalen Momente wie gestern und im Spiel gegen 1860 München haben wir in Duisburg lange verzichten müssen. Diese Momente sind wieder erlebbar im Stadion, und diese Mannschaft hat es verdient, dass die Zuschauerzahl im Laufe der Saison zu Spielen gegen Spitzenmannschaften auch gerne mal an der 25.000er- Marke kratzen kann.

Nun stehen wir jenen Spielverläufen gegenüber, bei denen Feinanalysen notwendig werden, damit die Mannschaft sich weiter verbessert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal mangelnde Laufbereitschaft oder zu geringes Durchsetzungsvermögen zu bemängeln. Letzteres mag es auch in einzelnen Momenten beim Spiel nach vorne geben, aber die Mannschaft spielte so stark, dass solche kleinen Mängel nicht ins Gewicht fielen. Im Gegenteil, es ließe sich sogar als psychische Stärke deuten, dass etwa Sefa Yilmaz unermüdlich seine Gegenspieler zu überspielen versuchte, auch wenn er nicht so erfolgreich war wie noch im Spiel gegen München. Diese innere Stärke führt schließlich zu einem Durchsetzungsvermögen, wie er es bei der Vorarbeit zum Führungstreffer zeigte. Er kam ins Stolpern und es schien schon so, als ob sein Gegenspieler ihn gestoppt hätte. Doch beim Stolpern mit anschließenden Kniefall versuchte er, den Ball weiterhin zu kontrollieren. Dann reaktionsschnell aus dem Sturz auf die Knie wieder auf die Beine kommen und aus dem erneut drohenden Vornüberfallen den Sprint mit Ball schaffen, das braucht nicht nur unbedingten Willen diesen Ball nach vorne zu treiben, sondern auch den Glauben, dass etwas glücken wird in einer Spielsituation, die zunächst nicht klar erkennbar ist.

Dieser Energieleistung von Yilmaz gleicht auch ein Solo-Lauf von Julian Koch, der ungefähr von der Mittellinie aus in eine Lücke gestartet war und eigentlich darauf aus war, abzuspielen. Allerdings stand ihm unablässig ein Augsburger Gegenspieler im Weg, so dass er geradezu gezwungen wurde, den nächsten Spieler zu umkurven. Das geschah insgesamt viermal, oder fünfmal sogar?, so dass er sich schließlich im Strafraum befand und kurz vor der Torauslinie in den Rückraum spielen konnte. Leider wurde dieser Pass abgefangen, und es war beeindruckend, wie Julian Koch augenblicklich zurücksprintete, um die notwendig werdende Defensivarbeit wieder aufnehmen zu können.

Dieser Solo-Lauf kam unerwartet, wahrscheinlich sogar für Julian Koch selbst, aber es macht diese Mannschaft aus, dass ihr planvolles und disziplinierte Spiel immer wieder überraschende Momente zeigt. Es gibt in dieser Mannschaft mehrere Spieler, die machmal etwas anderes machen, als es der Gegner erwartet.

Der MSV Duisburg hat den Druck auf den FC Augsburg nahezu das gesamte Spiel über kontrolliert aufgebaut. Wie oft haben wir eine Mannschaft in den letzten Jahren erlebt, der das nur in Ansätzen gelang. Im Spiel gegen den TSV 1860 München war dieser Mannschaft bereits der unbedingte Wille anzumerken, den Gegner möglichst früh anzugreifen. Doch wirkte dieser frühe Angriff ungestümer als gestern und damit auch abhängiger von der Grundemotion, die sich auf dem Platz entwickelt. Im Spiel gegen den FC Augsburg war dieser Wille zum frühen Angriff ebenfalls jederzeit spürbar, doch das Agieren auf dem Platz schien mir überlegter und weniger abhängig von einer sich notwendiger Weise entfaltenden kämpferischen Energie.

Durch das notwendig gewordene Ersetzen beider Innenverteidiger wurde gestern aber auch deutlich, Milan Sasic hat durch die Zusammenstellung des Kaders Möglichkeiten gewonnen, die Mannschaft unterschiedlich ohne Qualitätsverlust aufzustellen. Auch diese Erkenntnis vermittelt der Mannschaft Sicherheit. Wenn ich an dieser Stelle nun nicht weiter auf die Leistungen der anderen  Spieler der Mannschaft eingehe, bedeutet das keineswegs, deren Leistungen wären nicht erwähnenswert gewesen. Mir geht nur im Gegensatz zu den Spielern gestern die Luft aus. Sie haben wirklich gut gespielt. Alle!

1 Antwort to “Das Leichte ist häufig das Schwerste”



  1. 1 Ein Zebra in der Achterbahn Trackback zu 24. September 2010 um 09:37

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