Archiv für Oktober 2010

Milan Sasic mit trockenem Humor und Gespür für Timing

Sollte Milan Sasic nach seiner Zeit beim MSV Duisburg durch die von uns allen erhofften großen Erfolge zu satt sein, um weiter als Fußballtrainer zu arbeiten, kann er problemlos mit einem Comedy-Programm auf die Bühne wechseln. Der Mann hat trockenen Humor und Gespür für Timing. Er muss nur noch lernen, einen winzigen Moment länger ernst zu bleiben, wenn er seine Pointe setzt.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, Frage eines Sportjournalisten: „Man stellt ja häufiger fest, dass Vereine, wenn sie im zweiten Jahr in der Klasse… in der Liga sind, mehr Schwierigkeiten haben als im Jahr zuvor. Woran liegt das? Was meinen Sie?“

Die Antwort gibt Milan Sasic etwa bei 4:38.

Die gute Nachricht des Tages

Muss ich noch mehr schreiben als die Überschrift? Na gut. Vielleicht für alle, die ein wenig klick-faul sind: „Glück im Unglück für Srdjan Baljak: Der Verdacht auf einen Mittelfußbruch aus dem Halle-Spiel bestätigte sich nicht.“ So steht es als offizielle Meldung auf der Seite des MSV Duisburg. Und mit dem Ausfall von Srdjan Baljak am Montagabend gegen Fortuna Düsseldorf hatte ich mich schon längst abgefunden. Im Rheinstadion kann es für den MSV Duisburg auch gut ausgehen, während Baljak zuschaut, damit er im Spiel gegen Fürth seinen Fuß wieder schmerzfrei benutzen kann.

Warten auf das Röntgenbild

Der MSV Duisburg erreicht die nächste Runde im DFB-Pokal mit einem 3:0-Sieg gegen den Regionalligisten Hallescher FC. Wunderbar! Bei solchen Siegen gegen unterklassige Mannschaften gesellt sich zur Freude und der Hoffnung auf kommende Großtaten gegen Erstligisten auch die Erleichterung. Selbst wenn es heute nicht mehr die Blamage vergangener Tage  bedeutet, gegen Mannschaften der unteren Ligen zu verlieren, gibt es dennoch eine klar zugeteilte Favoritenrolle vor dem Spiel. Und der musste der MSV Duisburg erst einmal gerecht werden. Was dann auch geschah und was ich zunächst mal wieder nicht miterleben konnte.

Gesehen habe ich nur die zweite Halbzeit, und in der habe ich weniger um den Sieg als um die Gesundheit der Spieler des MSV Duisburg gebangt. Da gab es doch immer wieder schmerzhafte Aufeinandertreffen von Körpern, weil die Spieler aus Halle mit letztem Einsatz ihre Chance suchten. So kann heute ein Arztbericht zur wichtigsten Nachricht des Tages für alle MSV-Interessierten werden. Ich wollte nicht daran denken, als ich heute Morgen in Der Westen das erste Mal das Wort „Mittelfuß“ im Zusammenhang mit der Verletzung von Srjdan Baljak las. Doch im RevierSport wird es ausgesprochen: „Der Kapitän hat sich möglicherweise einen Mittelfußbruch zugezogen.“ Schon gestern Abend musste ich bei der Zeitlupen-Wiederholung des Schussversuches von Srjdan Baljak an Sandro Wagners Knieverletzung in der letzten Saison denken.  So verdreht war das Bein von Baljak nach dem Schussversuch. Sein Ausfall würde die Mannschaft des MSV Duisburg sehr schwächen.

Noch hoffe ich, dass es bei einer starken Prellung bleibt und er nur im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf ausfallen wird. Sollte das nicht der Fall sein, werde ich natürlich meine Hoffnung auf die gute Zukunft des MSV Duisburg neu orientieren. Vielleicht könnte bei einem Baljak-Ausfall die Taktik darauf abzielen, Stefan Maierhofer früh ein Tor erzielen zu lassen. Dann müsste der Gegner auf jeden Fall schon zweimal ins MSV-Tor treffen, um wenigstens ein Unentschieden zu erreichen. Denn nach einem Maierhofer-Tor folgt für den MSV Duisburg immer  ein zweites von ihm. Das scheint die Maierhofer-Regel zu sein. Ein völlig neues Fußball-Gesetz.

Zeitgefühl

Damals als für uns Kinder Halloween noch keine erste Etappe auf dem Weg zu Weihnachten war, begann erst mit dem Martinsfest das Warten auf Heiligabend. Trotz Süßigkeiten als Lohn fürs Martinssingen und Adventskalendertürchen öffnen, dauerte es bis zum Geschenke auspacken eine Ewigkeit. Heute sorgen wir selbst für den Süßigkeitenvorrat und denken am vierten Advent, eigentlich reicht eine Kerze völlig aus, um vier Adventssonntage rumzubringen. Schließlich hat man die Kerze gerade zum ersten Mal entzündet, schon wollen am Morgen des Heiligabends die letzten Geschenke eingekauft werden. Viel Geduld brauchen wir heute nicht mehr, um die Zeit bis zu Weihnachten rumzubringen. Die von uns empfundene Dauer von Zeit ist bekannter Maßen sehr modellierbar. Für die Älteren vergeht Zeit schneller als für die Jüngeren; für den Wartenden langsamer als für denjenigen, der etwas Eindrucksvolles erlebt. Und auch dem siegeswilligen Fußballspieler vergeht Zeit mit jeder Spielminute ohne Torerfolg immer schneller. Gerade dann, wenn er gegen eine sehr kompakte Abwehr spielen muss. Sie vergeht ihm sehr viel schneller als dem Trainer auf der Bank, der die taktischen Anweisungen dann immer unzureichender umgesetzt sieht. Und wir Zuschauer haben noch ein anderes Zeitgefühl, wenn wir drohendes Scheitern aushalten müssen, ohne direkt handeln zu können. Wenn dann doch das Tor fällt, wird alles noch einmal neu bewertet.

Dementsprechend konnte ich am Sonntag eine Mannschaft des MSV Duisburg mit Geduld im Spiel gegen den Karlsruher SC erkennen und hatte dabei vor allem die zweite Halbzeit im Blick. Dagegen bemängelt Milan Sasic das Fehlen der meist als Tugend beschriebenen Eigenschaft seiner Mannschaft, während er – so meine ich – an die erste Halbzeit dachte. (Bis nächsten Montag findet sich diese Interview-Aussage als Teil des Spielberichts von Sky noch hier.)

Frage Sky: „Haben sie heute etwas auszusetzen an der Leistung ihrer Mannschaft?“

Milan Sasic: “ Nein, eh, … das, was ich meine zu sagen, habe ich schon in Halbzeit zu Mannschaft gesagt. Ich muss auch vorsichtig sein. Nicht zu viel verlangen. Die Jungens arbeiten hervorragend, und heute war nicht einfach für uns. Wir haben gespielt gegen einen Gegner, hat sich vorgenommen alles zu zu machen und für uns Leben schwer zu machen. Und dann hatten wir keine Geduld. Die ein oder andere Situation hatten wir falsch gehandelt. Wir hatten genügend ungezwungene Ballverluste,  und trotzdem haben wir geschafft, Gegner zu knacken.“

Milan Sasics Sicht auf die Geduld der Mannschaft bestätigt allerdings mein Gefühl vom Montag, dass die Sportjournalisten mit ihrem Fazit eines gegenüber dem Karlsruher SC weit überlegenen MSV Duisburg übertrieben haben. Mit der Geduld als zentraler Spielkategorie lässt sich aber auch nicht leicht, eine gute Geschichte erzählen. Gerade dann, wenn am Ende alles gut ausgeht, und das Fehlen von Geduld nicht weiter ins Gewicht fiel. Was soll man über ein Nichts schreiben?

Milan Sasics Aussage zum Spiel beruhigt mich. Nicht wegen meiner eigenen Wahrnehmung der Leistung, sondern weil ich sehe, dass er sieht, wie die Mannschaft des MSV Duisburg noch besser werden kann.

Anscheinend vertraue ich noch nicht genug

Wenn ich nach dem gestrigen Spiel des MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC die Berichterstattung lese, komme ich ins Grübeln. Ob im Kicker, ob im Reviersport oder im Text des sid-Journalisten, den Der Westen und die Rheinische Post aufgreifen, nirgendwo finden sich Worte, in denen ich meine zeitweilige Unsicherheit über den Ausgang des Spiels gestern wiedererkenne. Vertraue ich der Mannschaft einfach noch nicht genug? Habe ich über die letzten Jahre verlernt, ruhig agierende Duisburger Spieler als souverän wahrzunehmen? Kann ich nur noch in der andauernden Auseinandersetzung mit vielen Zweikämpfen Leistung erkennen?

Es war ein recht emotionsloses Spiel gestern und bei dieser Art Spiel hoch zu gewinnen ist wahrscheinlich die eigentliche Leistung dieser Mannschaft. Das weist darauf hin, dass die Mannschaft den Gegner nicht braucht, um die eigene gute Leistung abzurufen. Die Spieler müssen sich weder in ein Spiel hinein kämpfen noch benötigen sie einen großen Gegner, um wach und konzentriert zu sein. Die Haltung zum Spiel ist von Anfang an vorhanden. Da zeigt sich allmählich anscheinend ein  Selbstbewusstsein, das das eigene spielerische Können kennt. Diese Mannschaft geht auf den Platz und weiß um die Chancen, die sie erspielen kann. Sie hat Geduld. Im MSVportal wird sich über die mangelnde Stimmung im Stadion beklagt. Das Spiel rief diese Stimmung aber auch nicht hervor, weil die Karlsruher nur in der zweiten Halbzeit einmal wirklich gefährlich waren, und der MSV Duisburg das Spiel sehr kontrolliert gestaltete.

Da in der Defensive beide Mannschaften gut agierten, brauchte nahezu jeder Angriff eine Art Vorspiel in der eigenen Hälfte. Gerade die Duisburger Mannschaft musste versuchen, einzelne Karlsruher Spieler aus ihrer kollektiven Defensivbewegung herauszulocken. Während der 1:0-Führung taten die Karlsruher Spieler dem MSV diesen Gefallen aber nicht. Deshalb wurde der MSV Duisburg vor allem dann gefährlich, wenn sie den schon verlorenen Ball durch intensives Laufspiel in der Karlsruher Hälfte sofort wieder eroberten. Bei diesem frühen Attackieren waren Stefan Maierhofer und Srdjan Baljak wieder überaus erfolgreich.

Beim Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus tat sich besonders Olcay Sahan hervor, dessen Ballsicherheit auf engstem Raum wir ja kennen, dem die Anschlussaktionen an sein Dribbling aber sonst nicht so oft gelingen wie gestern. Oft zog er zwei, manchmal sogar drei Gegenspieler auf sich und schaffte dann noch den dem KSC Gefahr bringenden Pass. Der frühe Ausfall von Ivica Grlic ab etwa der 30. Minute wurde durch das Vorziehen von Julian Koch ins Mittelfeld und die Einwechselung von Benjamin Kern auf Kochs Position gut kompensiert. Allmählich beginnen wir alle uns zu wiederholen, wenn wir die Leistung von Julian Koch rühmen. Es beeindruckt, wie sein Stellungsspiel gegnerische Angriffsbemühungen erstickt und mit welcher Dynamik er den Ball nach vorne treibt. Der Jubel über Tore des MSV Duisburg wird noch schöner, wenn Julian Koch sie erzielt und ich seine Begeisterung über diese Kopfballtor sehe. Und wenn dann Sefa Yilmaz auf seiner Seite zwar dieses Mal nicht ganz so durchsetzungsstark ist, aber dennoch mit einem fulminanten Schuss das 3:0 erzielt, was will man mehr?

Ein wenig Gedanken mache  ich mir über den eingewechselten Filip Trojan. Es wirkt nicht so, als sei er mit seiner derzeitigen Rolle glücklich und wolle sich nach der Einwechslung beweisen. Da muss Milan Sasic etwas im Auge behalten, um die Stimmung bei allen Spielern des Kaders auszubalancieren.

Ich werde also weiter Vertrauen fassen und das Kombinationsspiel des Gegners um die Mittellinie herum nicht weiter beunruhigend finden. Das sieht vielleicht gefällig aus, je näher sie aber dem Strafraum kamen, desto ergebnisloser wurde ihr Zusammenspiel. Ob das nun Olivier Veigneau, Bruno Soares  Branimir Bajic neben Julian Koch oder Benjamin Kern sind oder Goran Sukalo in der Linie davor, die Spieler des MSV Duisburg ließen wenig zu. Ich glaube, ich muss mich tatsächlich erst wieder an so einen selbstverständlich herausgespielten Sieg gewöhnen. Ich muss das Vertrauen gewinnen, dass in den letzten zwanzig Minuten der ersten Halbzeit keineswegs dem Karlsruher SC das Spiel überlassen, sondern sich des eigenen Könnens gewiss, auf das zweite Tor hingearbeitet wurde.

Ich muss auch weiter daran denken, nicht auszusprechen, was Hertha BSC zurzeit als einziger Verein der Zweiten Liga unbedingt anstrebt. Alle anderen Vereine nehmen erst einmal Abstand vom Unaussprechlichen. Die Vereine, die es wollten, denken erst einmal nicht mehr daran, weil sie unten stehen und die die im Moment oben stehen, haben es nicht im Blick gehabt. Wenn es also keiner so richtig will das Unaussprechliche, dann kann es eigentlich fürs erste ruhig so weiter gehen, bis es zur Überraschung aller dann doch jemanden trifft. Denn neben Hertha BSC muss ein Verein der Zweiten Liga auf jeden Fall das Unaussprechliche wirklich werden lassen. Schließlich berechtigt neben dem ersten Platz noch ein zweiter Platz auf direktem Weg zum Unaussprechlichen. Welcher Platz war das nochmal?

Von Luft und Siegen leben

Junge Menschen leben nur von Luft und Liebe.  Das erzählen versonnen lächelnd die Alten in aller Welt, wenn sie mal wieder beobachten, wie ein selbstvergessenes Pärchen über Stunden mit und an sich genug hat. Ich selbst bin inzwischen in einem Alter, in dem mir das Essen als solide Grundlage für intensive Gefühle ganz angenehm erscheint. Es sei denn, ich komme an einem Montagmittag im spanischen Cadaqués an, suche ein „Hostal“ und weiß, am Abend spielt der MSV Duisburg gegen Arminia Bielefeld. Wenn ich dann auf meine Frage nach dem Frühstück vom Hostal-Besitzer zu hören bekomme, Frühstück wird nicht mehr gemacht, aber stattdessen könne ich zeitlich unbegrenzt das Internet nutzen, dann verliere ich sofort jegliches Interesse für „café con leche“ und Croissants. Was ist schon ein Frühstück gegen große Gefühle am PC-Bildschirm, falls der MSV Duisburg in Bielefeld siegen sollte?

Ein Frühstück ist nichts dagegen, ein Abendessen schon, und zwar dann, wenn der Rest der Famillje Hunger hat. Dann kollidieren nicht nur die späten Essenszeiten der Spanier mit den deutschen Anstoßzeiten, sondern ich werde auch wieder daran erinnert, nicht inne zu halten mit meinem missionierenden Wirken bei Sohn und Ehefrau. Dann denke ich voller Hoffnung daran, dass auch sie irgendwann einmal von Luft und Siegen des MSV Duisburg leben könnten. Zumindest einen Abend lang. Weil das noch nicht der Fall ist, habe ich das Hochgefühl von frühen Toren des MSV Duisburg leider verpasst. Meine Siegeszufriedenheit war gefärbt von der Langeweile durch die Ergebnisverwaltung in der zweiten Halbzeit. Dieses Gefühl war mehr Bestätigung einer kurzen, aber heftigen Freude als Begeisterung über einen erneut deutlichen Sieg.

Zum Spiel selbst braucht mit dem Abstand von einer Woche nichts mehr gesagt zu werden, aber vielleicht noch kurz etwas zu Cadaqués. Denn Cadaqués  ist eine Art SC Freiburg der Costa Brava. Den Ort konnten auch Menschen gut finden, die bei anderen Vereinen an der Costa Brava nur Massenpublikum und Geschäftemacherei vermuteten. Im Reiseführer-Lyrismus  heißt das „der vielleicht schönste Ort der Costa Brava“. Was nichts anderes bedeutet, als dass in der Bucht keine Hotelbunker für den Massentourismus stehen, sondern weiß getünchte, zumeist mittelgroße Häuser das klassische Bild einer Küstenstadt im Süden Europas bieten. Ein Teil von uns Touristen bevorzugt eben die vermeintliche Idylle, am besten wie in Cadaqués mit touristischer Infrastruktur für Übernachtung, abendlichem Amusement und ein wenig Kultur. Diese Kultur bietet das nahe liegende Wohnhaus von Salvador Dali.

Anscheinend hat das Zielpublikum dieses touristischen Marktsegments auch noch eine Neigung zum Hippietum. So viel gefärbte Tücher, Silberdrahtschmuck und Patchoulie-Duft habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Und während beim Spiel vom MSV Duisburg um mich herum die Räucherstäbchen abbrannten, wusste ich das Hippietum im Zeitalter der Informationstechnik angekommen. Der überaus lässige Hostal-Besitzer mit seiner schluffigen Sprechweise bestätigte das am nächsten Tag, als er zwischen Schlüsselannahme und Abrechnung sich zum Zeitvertreib seinem Online-Ballerspiel widmete.

Hamit Altintop – ein Vordenker Europas

Zwischen Buchmesse und ein paar Tagen Herbsturlaub bleibt kaum Zeit, um hier zu schreiben. Zu meinem Bedauern verpasse ich in der nächsten Woche mit dem Spiel gegen Arminia Bielefeld ein Lieblingsauswärtsspiel von mir. Wer fährt nicht immer wieder gerne nach Ostwestfalen, um im Zentrum der Auswärtsfan-Phobie auf die einheimischen Angstpatienten durch zuvorkommendes Benehmen therapeutisch einzuwirken? Im Heimspiel gegen den Karlsruher SC bin ich dann wieder vor Ort.

Ich möchte aber vor der kurzen Pause hier noch auf einen wirklich bedeutsamen Satz hinweisen, den Hamit Altintop in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor dem Länderspiel Deutschlands gegen dieTürkei gesagt hat. Mit diesem einen Satz gibt er dem ganzen Reden über Integration, Kultur und Nation einen Dreh. Da taucht ein Gedanke auf, den ich in diesem aufgeregten Reden bislang vermisse und auf den viel öfter hingewiesen werden müsste. Mit diesem Satz müsste Altintop von den Europa-Politikern bejubelt werden. Für einige unter ihnen mag es allerdings dann unangenehm sein, dass diesen Satz jemand formuliert, der türkische Wurzeln hat.

SZ: Können Sie sagen, was an Ihnen türkisch ist und was deutsch?

Altintop: Zunächst mal glaube ich, dass wir heutzutage alle Europäer sind, und unsere gemeinsame Sprache ist – in Anführungszeichen – europäisch. Und innerhalb dieses Gesamteuropas hat dann jeder seine eigene Welt – die ist bei mir eben türkisch. Wenn ich bei meiner Mama bin, dann bin ich drin in dieser Kultur: wie man empfangen wird, wie man verabschiedet wird, wie man isst und trinkt.

Sich in Frankfurt mit Büchern zu beschäftigen, kann übrigens sehr gefährlich sein, wenn auf dem Weg dorthin eine Hochhausbaustelle passiert werden muss. Da fährt schon mal ein mit Holzkisten bepackter Gabelstapler halb auf dem Bürgersteig und unversehens rammt der einem die Holzkisten in den Rücken. Nur gut, dass ich vom Basketball inzwischen gewohnt bin unter dem Korb auch mal vom gegnerischen jugendlichen Center einfach umgelaufen zu werden. Das stählt die Rückenmuskulatur und übt die Reflexe, die aufgenommene Energie des bewegten Objekts in eigene Bewegungsenergie zu verwandeln. Manchmal hat man Glück.

Mit der Saarbrücker Zeitung ein Ausflug in die 90er

Wenn ich Markus Osthoff höre, wird der MSV Duisburg der 90er Jahre wieder sehr lebendig. Auch wenn der Mittelfeldspieler nicht zur Legende der Schauinsland-Reisen-Arena gewählt wurde, verkörpert er für mich diese Zeit ebenso sehr wie die gewählten Joachim Hopp oder  Michael Zeyer. Markus Osthoff selbst erzählt in der Saarbrücker Zeitung über diese Zeit in Duisburg: „Dort habe ich meine meisten Bundesliga-Spiele absolviert und hatte eine superschöne Zeit. Und mit dem MSV waren wir in drei Jahren Bundesliga Achter, Neunter und wieder Achter“, erzählt Osthoff: „Das waren Riesenerfolge. Wir hatten uns immer für den UI-Cup qualifiziert und das DFB-Pokalfinale erreicht.“ Er sagt das in einem längeren Portrait, in dem es vor allem um die Zeit nach seiner Karriere geht. Für die Saarbrücker Zeitung ist er heute der „Saarländer des Tages“. So ist das mit dem Heimatstolz der Regionen. Das klappt alles etwas unaufgeregter, selbst wenn da verschiedene Kulturen im Spiel sind. Da kann einer noch Saarländer sein, wenn er schon lange im Ruhrgebiet lebt.

Der Wedaustadions-Gedenktag

Meist bin ich so früh im Stadion, dass ich meinen angestammten Stehplatz rechts neben dem Tor nahezu problemlos erreiche. Ob so ein Wedaustadions-Gedenktag schon zuvor einmal gefeiert wurde, weiß ich deshalb nicht genau. Jedenfalls kam ich dieses Mal erst zehn Minuten vor Anpfiff an, und da waren  Zu- und Aufgänge des Stehplatzrangs nicht mehr zu erkennen. So etwas bin ich vom geregelten Unterhaltungsangebot Fußball in der Gegenwart gar nicht mehr gewöhnt. Wie im Wedaustadion der 70er brandeten die immer noch ankommenden Stehplatzbesucher auf die obere Stehplatzreihe und bildeten bald ein wahrscheinlich kurios anzusehendes Stehballett in einer Dreier- bis Viererreihe. Der gemeinsame Spitzentanz und das wagemutige Vornüberbeugen der Oberkörper im harmonischen Gleichklang ließen in mir das Bild entstehen, gleich stellten die Organisatoren des Ganzen noch ein paar der seinerzeit das Stadionrund bestimmenden Bäume in großen Pflanzkästen hinter meinem Rücken auf. Die jungen MSV-Fans, die auf die Bäume hätten klettern können, waren in großer Zahl vorhanden. Und ihre Väter und Großväter wären bestimmt gerührt gewesen, die Bilder der eigenen Jugend so lebendig nachempfunden zu sehen.

Damit wären sie auch abgelenkt worden von den ersten zwanzig Minuten des Spiels, die so gar nicht auf den klaren 3:0-Sieg hatten hingedeutet. Sie hätten sich nicht sorgen müssen vor den immer wieder über den linken Flügel vorgetragenen Angriffen der Oberhausener, mit denen sie im schnellen Doppelpass-Spiel die MSV-Deckung bis zur Strafraumgrenze problemlos überliefen. Sie hätten sich nicht ausmalen müssen, was geschähe, wenn die Oberhausener entweder einen starken Strafraumstürmer besäßen oder aber einer ihrer schnellen Angreifer auch noch abschlusssicher wäre. Dem war nicht so, und nach den zwanzig Minuten gewannen die Spieler des MSV Duisburg ihre Defensiv-Sicherheit zurück.

Weder Milan Sasic, hier zitiert bei Der Westen, noch die Journalisten, etwa im Kicker, und die Zuschauer verschließen die Augen vor diesen ersten zwanzig Minuten mit Schwächen des MSV Duisburg. Gestritten wird dagegen unter den Zuschauern über die Wertung dieser Schwäche. Lässt sie sich vielleicht sogar als Stärke deuten, wenn gegen eine Mannschaft mit 13 Punkten auf der Habenseite diese Leistung sogar ausreicht, um hoch zu gewinnen? Auf jeden Fall trägt so ein Spiel weiter zum Selbstbewusstsein der Mannschaft bei.

Lieber wäre mir allerdings gewesen, wenn schon in der ersten Halbzeit der MSV Duisburg erfolgreiche Spielaktionen mit Beteiligung mehrerer Spieler gezeigt hätte. Da passte nicht viel zusammen. Allerdings auf beiden Seiten. Die meisten Pässe erliefen sich die jeweiligen Gegenspieler oder sie gingen ins Leere. Beim MSV Duisburg scheiterten die Versuche mit hohen Bällen Stefan Maierhofer zu erreichen genauso wie Sefa Yilmaz´ Versuche seinen Gegenspieler zu überdribbeln.  Filip Trojan konnte sich kaum einen Steilpass erlaufen, und Srjdan Baljak verlor Ball um Ball bei seinen Bemühungen einen konstruktiven Angriff einzuleiten.

Doch wenn die offensiven Spieler nicht erfolgreich sind, gibt es ja noch Julian Koch. Ein Lauf mit Ball aus der eigenen Hälfte heraus, ein Doppelpass, ein weiteren Spieler umspielt und schon ist Julian Koch in den Strafraum gedrungen. Er selbst kann zwar nicht mehr abspielen, doch der Oberhausener Verteidiger klärt mit einer präzisen Vorlage zu Stefan Maierhofer, die dieser zum Führungstor verwandelt. Julian Koch machte mit Ausnahme der ersten zwanzig Minuten wieder ein sehr gutes Spiel, und er wird seiner offensiven Fähigkeiten immer sicherer. Das müssen wir genießen und doch nicht wie Bernd Bemmann in der Rheinischen Post dabei sofort schon an die nächste Saison denken.

Wie oft wird von Zuschauern über Leihspieler und deren mangelnde Verbundenheit zu einem Verein geklagt. Die Wirklichkeit ist inzwischen viel weiter. Fast immer verhalten sich gerade die jungen Spieler so professionell, dass sie ihr gesamtes Können im Verein, für den sie jeweils spielen, auch zeigen. Jetzt schon daran zu erinnern, was erst in einem dreiviertel Jahr geschieht, wirkt auf mich fehl am Platz, selbst wenn es die besondere Leistung eines jungen Spieler unterstreichen soll. Julian Koch spielt sehr gut für den MSV Duisburg. Das ist die Geschichte, die zu erzählen ist. Mehr nicht.

Demnächst wird nach der Halbzeitpause Srjdan Baljak wahrscheinlich für ein paar Minuten eine Sonderbewachung erhalten. Fast hätte er ja zum zweiten Mal kurz nach dem Wiederanpfiff  ein Tor erzielt, als er aus etwa zwanzig Metern den Ball sehr präzise traf. Der Oberhausener Torwart Sören Pirson konnte den Ball noch an die Latte lenken. So wird dieser Schuss nur als Assist des Assists gewertet. Denn die anschließend von Filip Trojan getretene Ecke wurde zu einem der von Milan Sasic so vielgerühmten Tore durch Standards. Ab in die Statistik, und auf Wiedervorlage vor einem der nächsten Spiele.

Die Oberhausener bemühten sich danach allerdings weiter, das Ergebnis zu verbessern. Und auch wenn wieder deutlich wurde, dass Oberhausener Strafraumnähe nur selten zu wirklicher Torgefahr führte, für mein Gefühl eines sicheren Sieges fehlte mir ein drittes Tor des MSV. Dieses Tor schoss Olcay Sahan erst in der 82. Minute nach einem schönen Konter über Julian Koch und Ivica Grlic, nachdem er etwa dreißig Meter alleine aufs Tor zugelaufen war und ich schon befürchtete, dass jeder Meter ihn nur nervöser gemacht hatte. Das Tor schien mir dann doch auch recht glücklich gewesen zu sein. Sören Pirson machte die Mitte dankenswerter Weise frei, als Sahan genau dorthin zielte. Auch in diesem Einzelfall denke ich, ein Tor für das Selbstbewusstsein in der Zukunft. Wie ein souverän abgeschlossener Konter wirkte das nicht.

Wenn ich die Schwächen erwähne, trübt das meine Freude überhaupt nicht. Es war ein verdienter Sieg, und an Fehlern lässt sich nur lernen, wenn die Fehler auch benannt werden. Was mich noch kurz an David Yelldell denken lässt. In der zweiten Halbzeit hat er auf der Linie gegen einen Kopfball sehr gut geklärt. Allerdings ist es auch bezeichnend, dass das nicht gegebenene Tor für Rot-Weiß Oberhausen tatsächlich zu Diskussionen führt. Es gibt diese Diskussion, weil Yelldell manchmal kleine Fehler macht und zwar vor allem dann, wenn er Bälle festhalten muss. Wir werden sehen, ob die Mannschaft damit leben kann. Wenn jeweils ein Tor mehr erzielt wird als ein Fehler passiert, ist das keine Frage. Zumal nicht jeder Fehler zu einem Tor des Gegners führt.

Heiße Kiste

Manchmal überfallen mich niemals zu befriedigende Sehnsüchte. Ich möchte etwa dabei gewesen sein, als zum ersten Mal jemand etwas im übertragenen Sinn eine „heiße Kiste“ nannte. Für mich klingt das sehr nach anerkennend gemeintem Jugendjargon für Autos und Motorräder Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er. Vielleicht nur, weil mir diese Sprache in jener Zeit besonders geläufig war? Eine Idee für die Grundbedeutung der Kistenhitze hatte ich zunächst nicht. Wurde das  „hot“ als einer der Superlative der damaligen Jugend eingedeutscht? Aber gab es den nicht noch früher? Gab es da nicht auch Hot-Musik? Und was ist mit der Kiste?

Im englischsprachigen Wikipedia findet sich mit „hot box“ der gesamte Ausdruck als Fachbegriff der Eisenbahnersprache für überhitzte Achslager von Gleisfahrzeugen. Wenn ich den Eintrag falsch verstanden habe, bitte korrigiert mich. Dann aber müsste der Begriff erst in den USA oder England im übertragenen Sinn gebraucht worden sein. Kam er also auf diesem Weg nach Deutschland? Anglisten helft!

Dann aber finde ich im Grimmschen Wörterbuch am Ende eines langen Artikels zum Wort „Kiste“ unter dem Punkt 12 etwas, was die Aussicht auf eine endgültige Klärung einerseits erschwert, meinem Spaß an unvermuteten Zusammenhängen aber sehr gelegen kommt: „aber nicht hierher gehört ein bergmännisches kiste, […] s. kister.  Und siehe da, unter „kister, m.“  lese ich: „im hüttenwesen, ein eisen mit einem streichholze vorn, womit die schlacken von dem schmelzenden metalle abgezogen werden. Krünitz 39, 215. Dasselbe im grunde ist offenbar kiste oder küste, auch köste, f.“ Und da stelle ich mir vor, auch diese Kiste könnte heiß werden, und einer der ersten Eisenhüttenarbeiter im damals noch nicht Ruhrgebiet genannten Großraum war ein großer Sprachverwandler.

Der Anwendungsbereich der „heißen Kiste“ hat sich über die Jahre ausgeweitet. Heute können auch Zustände, Vorgänge und Ereignisse von Kistenhitze erfasst sein. Dem unbekannten Eisenhüttenarbeiter zum Gedächtnis erwartete der RWO-Mittelfeldspieler Daniel Gordon schon zu Beginn der Woche im Reviersport-Interview, dass das Spiel zwischen dem MSV Duisburg und Rot-Weiß Oberhausen „eine heiße Kiste wird“. Andererseits habe ich den Eindruck, dass ich von der Spielweise, die Oberhausen nach Pressekonferenz-Aussagen von Milan Sasic kennzeichnen soll, bereits bei den Auswärtsspielen gegen Aue und Union Berlin gelesen habe. Aber um der Vielfalt der deutschen Sprache Willen gebe ich zu, das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen ist eine besondere Begegnung. Denn ohne diese Besonderheit wäre es fraglos keine „heiße Kiste“.


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