Archiv für Oktober 2010

Milan Sasic mit trockenem Humor und Gespür für Timing

Sollte Milan Sasic nach seiner Zeit beim MSV Duisburg durch die von uns allen erhofften großen Erfolge zu satt sein, um weiter als Fußballtrainer zu arbeiten, kann er problemlos mit einem Comedy-Programm auf die Bühne wechseln. Der Mann hat trockenen Humor und Gespür für Timing. Er muss nur noch lernen, einen winzigen Moment länger ernst zu bleiben, wenn er seine Pointe setzt.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, Frage eines Sportjournalisten: „Man stellt ja häufiger fest, dass Vereine, wenn sie im zweiten Jahr in der Klasse… in der Liga sind, mehr Schwierigkeiten haben als im Jahr zuvor. Woran liegt das? Was meinen Sie?“

Die Antwort gibt Milan Sasic etwa bei 4:38.

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Die gute Nachricht des Tages

Muss ich noch mehr schreiben als die Überschrift? Na gut. Vielleicht für alle, die ein wenig klick-faul sind: „Glück im Unglück für Srdjan Baljak: Der Verdacht auf einen Mittelfußbruch aus dem Halle-Spiel bestätigte sich nicht.“ So steht es als offizielle Meldung auf der Seite des MSV Duisburg. Und mit dem Ausfall von Srdjan Baljak am Montagabend gegen Fortuna Düsseldorf hatte ich mich schon längst abgefunden. Im Rheinstadion kann es für den MSV Duisburg auch gut ausgehen, während Baljak zuschaut, damit er im Spiel gegen Fürth seinen Fuß wieder schmerzfrei benutzen kann.

Warten auf das Röntgenbild

Der MSV Duisburg erreicht die nächste Runde im DFB-Pokal mit einem 3:0-Sieg gegen den Regionalligisten Hallescher FC. Wunderbar! Bei solchen Siegen gegen unterklassige Mannschaften gesellt sich zur Freude und der Hoffnung auf kommende Großtaten gegen Erstligisten auch die Erleichterung. Selbst wenn es heute nicht mehr die Blamage vergangener Tage  bedeutet, gegen Mannschaften der unteren Ligen zu verlieren, gibt es dennoch eine klar zugeteilte Favoritenrolle vor dem Spiel. Und der musste der MSV Duisburg erst einmal gerecht werden. Was dann auch geschah und was ich zunächst mal wieder nicht miterleben konnte.

Gesehen habe ich nur die zweite Halbzeit, und in der habe ich weniger um den Sieg als um die Gesundheit der Spieler des MSV Duisburg gebangt. Da gab es doch immer wieder schmerzhafte Aufeinandertreffen von Körpern, weil die Spieler aus Halle mit letztem Einsatz ihre Chance suchten. So kann heute ein Arztbericht zur wichtigsten Nachricht des Tages für alle MSV-Interessierten werden. Ich wollte nicht daran denken, als ich heute Morgen in Der Westen das erste Mal das Wort „Mittelfuß“ im Zusammenhang mit der Verletzung von Srjdan Baljak las. Doch im RevierSport wird es ausgesprochen: „Der Kapitän hat sich möglicherweise einen Mittelfußbruch zugezogen.“ Schon gestern Abend musste ich bei der Zeitlupen-Wiederholung des Schussversuches von Srjdan Baljak an Sandro Wagners Knieverletzung in der letzten Saison denken.  So verdreht war das Bein von Baljak nach dem Schussversuch. Sein Ausfall würde die Mannschaft des MSV Duisburg sehr schwächen.

Noch hoffe ich, dass es bei einer starken Prellung bleibt und er nur im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf ausfallen wird. Sollte das nicht der Fall sein, werde ich natürlich meine Hoffnung auf die gute Zukunft des MSV Duisburg neu orientieren. Vielleicht könnte bei einem Baljak-Ausfall die Taktik darauf abzielen, Stefan Maierhofer früh ein Tor erzielen zu lassen. Dann müsste der Gegner auf jeden Fall schon zweimal ins MSV-Tor treffen, um wenigstens ein Unentschieden zu erreichen. Denn nach einem Maierhofer-Tor folgt für den MSV Duisburg immer  ein zweites von ihm. Das scheint die Maierhofer-Regel zu sein. Ein völlig neues Fußball-Gesetz.

Zeitgefühl

Damals als für uns Kinder Halloween noch keine erste Etappe auf dem Weg zu Weihnachten war, begann erst mit dem Martinsfest das Warten auf Heiligabend. Trotz Süßigkeiten als Lohn fürs Martinssingen und Adventskalendertürchen öffnen, dauerte es bis zum Geschenke auspacken eine Ewigkeit. Heute sorgen wir selbst für den Süßigkeitenvorrat und denken am vierten Advent, eigentlich reicht eine Kerze völlig aus, um vier Adventssonntage rumzubringen. Schließlich hat man die Kerze gerade zum ersten Mal entzündet, schon wollen am Morgen des Heiligabends die letzten Geschenke eingekauft werden. Viel Geduld brauchen wir heute nicht mehr, um die Zeit bis zu Weihnachten rumzubringen. Die von uns empfundene Dauer von Zeit ist bekannter Maßen sehr modellierbar. Für die Älteren vergeht Zeit schneller als für die Jüngeren; für den Wartenden langsamer als für denjenigen, der etwas Eindrucksvolles erlebt. Und auch dem siegeswilligen Fußballspieler vergeht Zeit mit jeder Spielminute ohne Torerfolg immer schneller. Gerade dann, wenn er gegen eine sehr kompakte Abwehr spielen muss. Sie vergeht ihm sehr viel schneller als dem Trainer auf der Bank, der die taktischen Anweisungen dann immer unzureichender umgesetzt sieht. Und wir Zuschauer haben noch ein anderes Zeitgefühl, wenn wir drohendes Scheitern aushalten müssen, ohne direkt handeln zu können. Wenn dann doch das Tor fällt, wird alles noch einmal neu bewertet.

Dementsprechend konnte ich am Sonntag eine Mannschaft des MSV Duisburg mit Geduld im Spiel gegen den Karlsruher SC erkennen und hatte dabei vor allem die zweite Halbzeit im Blick. Dagegen bemängelt Milan Sasic das Fehlen der meist als Tugend beschriebenen Eigenschaft seiner Mannschaft, während er – so meine ich – an die erste Halbzeit dachte. (Bis nächsten Montag findet sich diese Interview-Aussage als Teil des Spielberichts von Sky noch hier.)

Frage Sky: „Haben sie heute etwas auszusetzen an der Leistung ihrer Mannschaft?“

Milan Sasic: “ Nein, eh, … das, was ich meine zu sagen, habe ich schon in Halbzeit zu Mannschaft gesagt. Ich muss auch vorsichtig sein. Nicht zu viel verlangen. Die Jungens arbeiten hervorragend, und heute war nicht einfach für uns. Wir haben gespielt gegen einen Gegner, hat sich vorgenommen alles zu zu machen und für uns Leben schwer zu machen. Und dann hatten wir keine Geduld. Die ein oder andere Situation hatten wir falsch gehandelt. Wir hatten genügend ungezwungene Ballverluste,  und trotzdem haben wir geschafft, Gegner zu knacken.“

Milan Sasics Sicht auf die Geduld der Mannschaft bestätigt allerdings mein Gefühl vom Montag, dass die Sportjournalisten mit ihrem Fazit eines gegenüber dem Karlsruher SC weit überlegenen MSV Duisburg übertrieben haben. Mit der Geduld als zentraler Spielkategorie lässt sich aber auch nicht leicht, eine gute Geschichte erzählen. Gerade dann, wenn am Ende alles gut ausgeht, und das Fehlen von Geduld nicht weiter ins Gewicht fiel. Was soll man über ein Nichts schreiben?

Milan Sasics Aussage zum Spiel beruhigt mich. Nicht wegen meiner eigenen Wahrnehmung der Leistung, sondern weil ich sehe, dass er sieht, wie die Mannschaft des MSV Duisburg noch besser werden kann.

Anscheinend vertraue ich noch nicht genug

Wenn ich nach dem gestrigen Spiel des MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC die Berichterstattung lese, komme ich ins Grübeln. Ob im Kicker, ob im Reviersport oder im Text des sid-Journalisten, den Der Westen und die Rheinische Post aufgreifen, nirgendwo finden sich Worte, in denen ich meine zeitweilige Unsicherheit über den Ausgang des Spiels gestern wiedererkenne. Vertraue ich der Mannschaft einfach noch nicht genug? Habe ich über die letzten Jahre verlernt, ruhig agierende Duisburger Spieler als souverän wahrzunehmen? Kann ich nur noch in der andauernden Auseinandersetzung mit vielen Zweikämpfen Leistung erkennen?

Es war ein recht emotionsloses Spiel gestern und bei dieser Art Spiel hoch zu gewinnen ist wahrscheinlich die eigentliche Leistung dieser Mannschaft. Das weist darauf hin, dass die Mannschaft den Gegner nicht braucht, um die eigene gute Leistung abzurufen. Die Spieler müssen sich weder in ein Spiel hinein kämpfen noch benötigen sie einen großen Gegner, um wach und konzentriert zu sein. Die Haltung zum Spiel ist von Anfang an vorhanden. Da zeigt sich allmählich anscheinend ein  Selbstbewusstsein, das das eigene spielerische Können kennt. Diese Mannschaft geht auf den Platz und weiß um die Chancen, die sie erspielen kann. Sie hat Geduld. Im MSVportal wird sich über die mangelnde Stimmung im Stadion beklagt. Das Spiel rief diese Stimmung aber auch nicht hervor, weil die Karlsruher nur in der zweiten Halbzeit einmal wirklich gefährlich waren, und der MSV Duisburg das Spiel sehr kontrolliert gestaltete.

Da in der Defensive beide Mannschaften gut agierten, brauchte nahezu jeder Angriff eine Art Vorspiel in der eigenen Hälfte. Gerade die Duisburger Mannschaft musste versuchen, einzelne Karlsruher Spieler aus ihrer kollektiven Defensivbewegung herauszulocken. Während der 1:0-Führung taten die Karlsruher Spieler dem MSV diesen Gefallen aber nicht. Deshalb wurde der MSV Duisburg vor allem dann gefährlich, wenn sie den schon verlorenen Ball durch intensives Laufspiel in der Karlsruher Hälfte sofort wieder eroberten. Bei diesem frühen Attackieren waren Stefan Maierhofer und Srdjan Baljak wieder überaus erfolgreich.

Beim Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus tat sich besonders Olcay Sahan hervor, dessen Ballsicherheit auf engstem Raum wir ja kennen, dem die Anschlussaktionen an sein Dribbling aber sonst nicht so oft gelingen wie gestern. Oft zog er zwei, manchmal sogar drei Gegenspieler auf sich und schaffte dann noch den dem KSC Gefahr bringenden Pass. Der frühe Ausfall von Ivica Grlic ab etwa der 30. Minute wurde durch das Vorziehen von Julian Koch ins Mittelfeld und die Einwechselung von Benjamin Kern auf Kochs Position gut kompensiert. Allmählich beginnen wir alle uns zu wiederholen, wenn wir die Leistung von Julian Koch rühmen. Es beeindruckt, wie sein Stellungsspiel gegnerische Angriffsbemühungen erstickt und mit welcher Dynamik er den Ball nach vorne treibt. Der Jubel über Tore des MSV Duisburg wird noch schöner, wenn Julian Koch sie erzielt und ich seine Begeisterung über diese Kopfballtor sehe. Und wenn dann Sefa Yilmaz auf seiner Seite zwar dieses Mal nicht ganz so durchsetzungsstark ist, aber dennoch mit einem fulminanten Schuss das 3:0 erzielt, was will man mehr?

Ein wenig Gedanken mache  ich mir über den eingewechselten Filip Trojan. Es wirkt nicht so, als sei er mit seiner derzeitigen Rolle glücklich und wolle sich nach der Einwechslung beweisen. Da muss Milan Sasic etwas im Auge behalten, um die Stimmung bei allen Spielern des Kaders auszubalancieren.

Ich werde also weiter Vertrauen fassen und das Kombinationsspiel des Gegners um die Mittellinie herum nicht weiter beunruhigend finden. Das sieht vielleicht gefällig aus, je näher sie aber dem Strafraum kamen, desto ergebnisloser wurde ihr Zusammenspiel. Ob das nun Olivier Veigneau, Bruno Soares  Branimir Bajic neben Julian Koch oder Benjamin Kern sind oder Goran Sukalo in der Linie davor, die Spieler des MSV Duisburg ließen wenig zu. Ich glaube, ich muss mich tatsächlich erst wieder an so einen selbstverständlich herausgespielten Sieg gewöhnen. Ich muss das Vertrauen gewinnen, dass in den letzten zwanzig Minuten der ersten Halbzeit keineswegs dem Karlsruher SC das Spiel überlassen, sondern sich des eigenen Könnens gewiss, auf das zweite Tor hingearbeitet wurde.

Ich muss auch weiter daran denken, nicht auszusprechen, was Hertha BSC zurzeit als einziger Verein der Zweiten Liga unbedingt anstrebt. Alle anderen Vereine nehmen erst einmal Abstand vom Unaussprechlichen. Die Vereine, die es wollten, denken erst einmal nicht mehr daran, weil sie unten stehen und die die im Moment oben stehen, haben es nicht im Blick gehabt. Wenn es also keiner so richtig will das Unaussprechliche, dann kann es eigentlich fürs erste ruhig so weiter gehen, bis es zur Überraschung aller dann doch jemanden trifft. Denn neben Hertha BSC muss ein Verein der Zweiten Liga auf jeden Fall das Unaussprechliche wirklich werden lassen. Schließlich berechtigt neben dem ersten Platz noch ein zweiter Platz auf direktem Weg zum Unaussprechlichen. Welcher Platz war das nochmal?

Von Luft und Siegen leben

Junge Menschen leben nur von Luft und Liebe.  Das erzählen versonnen lächelnd die Alten in aller Welt, wenn sie mal wieder beobachten, wie ein selbstvergessenes Pärchen über Stunden mit und an sich genug hat. Ich selbst bin inzwischen in einem Alter, in dem mir das Essen als solide Grundlage für intensive Gefühle ganz angenehm erscheint. Es sei denn, ich komme an einem Montagmittag im spanischen Cadaqués an, suche ein „Hostal“ und weiß, am Abend spielt der MSV Duisburg gegen Arminia Bielefeld. Wenn ich dann auf meine Frage nach dem Frühstück vom Hostal-Besitzer zu hören bekomme, Frühstück wird nicht mehr gemacht, aber stattdessen könne ich zeitlich unbegrenzt das Internet nutzen, dann verliere ich sofort jegliches Interesse für „café con leche“ und Croissants. Was ist schon ein Frühstück gegen große Gefühle am PC-Bildschirm, falls der MSV Duisburg in Bielefeld siegen sollte?

Ein Frühstück ist nichts dagegen, ein Abendessen schon, und zwar dann, wenn der Rest der Famillje Hunger hat. Dann kollidieren nicht nur die späten Essenszeiten der Spanier mit den deutschen Anstoßzeiten, sondern ich werde auch wieder daran erinnert, nicht inne zu halten mit meinem missionierenden Wirken bei Sohn und Ehefrau. Dann denke ich voller Hoffnung daran, dass auch sie irgendwann einmal von Luft und Siegen des MSV Duisburg leben könnten. Zumindest einen Abend lang. Weil das noch nicht der Fall ist, habe ich das Hochgefühl von frühen Toren des MSV Duisburg leider verpasst. Meine Siegeszufriedenheit war gefärbt von der Langeweile durch die Ergebnisverwaltung in der zweiten Halbzeit. Dieses Gefühl war mehr Bestätigung einer kurzen, aber heftigen Freude als Begeisterung über einen erneut deutlichen Sieg.

Zum Spiel selbst braucht mit dem Abstand von einer Woche nichts mehr gesagt zu werden, aber vielleicht noch kurz etwas zu Cadaqués. Denn Cadaqués  ist eine Art SC Freiburg der Costa Brava. Den Ort konnten auch Menschen gut finden, die bei anderen Vereinen an der Costa Brava nur Massenpublikum und Geschäftemacherei vermuteten. Im Reiseführer-Lyrismus  heißt das „der vielleicht schönste Ort der Costa Brava“. Was nichts anderes bedeutet, als dass in der Bucht keine Hotelbunker für den Massentourismus stehen, sondern weiß getünchte, zumeist mittelgroße Häuser das klassische Bild einer Küstenstadt im Süden Europas bieten. Ein Teil von uns Touristen bevorzugt eben die vermeintliche Idylle, am besten wie in Cadaqués mit touristischer Infrastruktur für Übernachtung, abendlichem Amusement und ein wenig Kultur. Diese Kultur bietet das nahe liegende Wohnhaus von Salvador Dali.

Anscheinend hat das Zielpublikum dieses touristischen Marktsegments auch noch eine Neigung zum Hippietum. So viel gefärbte Tücher, Silberdrahtschmuck und Patchoulie-Duft habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Und während beim Spiel vom MSV Duisburg um mich herum die Räucherstäbchen abbrannten, wusste ich das Hippietum im Zeitalter der Informationstechnik angekommen. Der überaus lässige Hostal-Besitzer mit seiner schluffigen Sprechweise bestätigte das am nächsten Tag, als er zwischen Schlüsselannahme und Abrechnung sich zum Zeitvertreib seinem Online-Ballerspiel widmete.

Hamit Altintop – ein Vordenker Europas

Zwischen Buchmesse und ein paar Tagen Herbsturlaub bleibt kaum Zeit, um hier zu schreiben. Zu meinem Bedauern verpasse ich in der nächsten Woche mit dem Spiel gegen Arminia Bielefeld ein Lieblingsauswärtsspiel von mir. Wer fährt nicht immer wieder gerne nach Ostwestfalen, um im Zentrum der Auswärtsfan-Phobie auf die einheimischen Angstpatienten durch zuvorkommendes Benehmen therapeutisch einzuwirken? Im Heimspiel gegen den Karlsruher SC bin ich dann wieder vor Ort.

Ich möchte aber vor der kurzen Pause hier noch auf einen wirklich bedeutsamen Satz hinweisen, den Hamit Altintop in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor dem Länderspiel Deutschlands gegen dieTürkei gesagt hat. Mit diesem einen Satz gibt er dem ganzen Reden über Integration, Kultur und Nation einen Dreh. Da taucht ein Gedanke auf, den ich in diesem aufgeregten Reden bislang vermisse und auf den viel öfter hingewiesen werden müsste. Mit diesem Satz müsste Altintop von den Europa-Politikern bejubelt werden. Für einige unter ihnen mag es allerdings dann unangenehm sein, dass diesen Satz jemand formuliert, der türkische Wurzeln hat.

SZ: Können Sie sagen, was an Ihnen türkisch ist und was deutsch?

Altintop: Zunächst mal glaube ich, dass wir heutzutage alle Europäer sind, und unsere gemeinsame Sprache ist – in Anführungszeichen – europäisch. Und innerhalb dieses Gesamteuropas hat dann jeder seine eigene Welt – die ist bei mir eben türkisch. Wenn ich bei meiner Mama bin, dann bin ich drin in dieser Kultur: wie man empfangen wird, wie man verabschiedet wird, wie man isst und trinkt.

Sich in Frankfurt mit Büchern zu beschäftigen, kann übrigens sehr gefährlich sein, wenn auf dem Weg dorthin eine Hochhausbaustelle passiert werden muss. Da fährt schon mal ein mit Holzkisten bepackter Gabelstapler halb auf dem Bürgersteig und unversehens rammt der einem die Holzkisten in den Rücken. Nur gut, dass ich vom Basketball inzwischen gewohnt bin unter dem Korb auch mal vom gegnerischen jugendlichen Center einfach umgelaufen zu werden. Das stählt die Rückenmuskulatur und übt die Reflexe, die aufgenommene Energie des bewegten Objekts in eigene Bewegungsenergie zu verwandeln. Manchmal hat man Glück.


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