Zeitgefühl

Damals als für uns Kinder Halloween noch keine erste Etappe auf dem Weg zu Weihnachten war, begann erst mit dem Martinsfest das Warten auf Heiligabend. Trotz Süßigkeiten als Lohn fürs Martinssingen und Adventskalendertürchen öffnen, dauerte es bis zum Geschenke auspacken eine Ewigkeit. Heute sorgen wir selbst für den Süßigkeitenvorrat und denken am vierten Advent, eigentlich reicht eine Kerze völlig aus, um vier Adventssonntage rumzubringen. Schließlich hat man die Kerze gerade zum ersten Mal entzündet, schon wollen am Morgen des Heiligabends die letzten Geschenke eingekauft werden. Viel Geduld brauchen wir heute nicht mehr, um die Zeit bis zu Weihnachten rumzubringen. Die von uns empfundene Dauer von Zeit ist bekannter Maßen sehr modellierbar. Für die Älteren vergeht Zeit schneller als für die Jüngeren; für den Wartenden langsamer als für denjenigen, der etwas Eindrucksvolles erlebt. Und auch dem siegeswilligen Fußballspieler vergeht Zeit mit jeder Spielminute ohne Torerfolg immer schneller. Gerade dann, wenn er gegen eine sehr kompakte Abwehr spielen muss. Sie vergeht ihm sehr viel schneller als dem Trainer auf der Bank, der die taktischen Anweisungen dann immer unzureichender umgesetzt sieht. Und wir Zuschauer haben noch ein anderes Zeitgefühl, wenn wir drohendes Scheitern aushalten müssen, ohne direkt handeln zu können. Wenn dann doch das Tor fällt, wird alles noch einmal neu bewertet.

Dementsprechend konnte ich am Sonntag eine Mannschaft des MSV Duisburg mit Geduld im Spiel gegen den Karlsruher SC erkennen und hatte dabei vor allem die zweite Halbzeit im Blick. Dagegen bemängelt Milan Sasic das Fehlen der meist als Tugend beschriebenen Eigenschaft seiner Mannschaft, während er – so meine ich – an die erste Halbzeit dachte. (Bis nächsten Montag findet sich diese Interview-Aussage als Teil des Spielberichts von Sky noch hier.)

Frage Sky: „Haben sie heute etwas auszusetzen an der Leistung ihrer Mannschaft?“

Milan Sasic: “ Nein, eh, … das, was ich meine zu sagen, habe ich schon in Halbzeit zu Mannschaft gesagt. Ich muss auch vorsichtig sein. Nicht zu viel verlangen. Die Jungens arbeiten hervorragend, und heute war nicht einfach für uns. Wir haben gespielt gegen einen Gegner, hat sich vorgenommen alles zu zu machen und für uns Leben schwer zu machen. Und dann hatten wir keine Geduld. Die ein oder andere Situation hatten wir falsch gehandelt. Wir hatten genügend ungezwungene Ballverluste,  und trotzdem haben wir geschafft, Gegner zu knacken.“

Milan Sasics Sicht auf die Geduld der Mannschaft bestätigt allerdings mein Gefühl vom Montag, dass die Sportjournalisten mit ihrem Fazit eines gegenüber dem Karlsruher SC weit überlegenen MSV Duisburg übertrieben haben. Mit der Geduld als zentraler Spielkategorie lässt sich aber auch nicht leicht, eine gute Geschichte erzählen. Gerade dann, wenn am Ende alles gut ausgeht, und das Fehlen von Geduld nicht weiter ins Gewicht fiel. Was soll man über ein Nichts schreiben?

Milan Sasics Aussage zum Spiel beruhigt mich. Nicht wegen meiner eigenen Wahrnehmung der Leistung, sondern weil ich sehe, dass er sieht, wie die Mannschaft des MSV Duisburg noch besser werden kann.

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