Archiv für November 2010

Angesehen: Kategorie C – Ein Dokumentarfilm

Vor zwei Jahren hatte Kategorie C, ein Dokumentarfilm von  Franziska Tenner, seine Premiere. Seit einem Jahr ist der Film als Kauf-DVD im Handel erhältlich. Nun habe ich ihn mir angesehen. Nicht alle Zuschauer eines Fußballspiels werden wissen, dass sie als Stadionbesucher von der Polizei in drei Gruppen eingeteilt werden. Die „Kategorie C“ umfasst dabei die gewaltsuchenden Fans von Fußballvereinen. So verweist der Titel auf das Thema des Dokumentarfilms, und auf Franziska Tenners Seite im Netz wird mit den als Werbung gemeinten Informationen zum Film behauptet, der Film zeige am Beispiel zweier verfeindeter Fangruppen „was es bedeutet, Fußball-Fan der „Kategorie C“ zu sein – als Ultra und als Hooligan“. Es wäre schon viel gewesen, Bilder dieser Fan-Leben in Leipzig beobachtend zu sammeln. Doch Franziska Tenners Werbetext suggeriert sogar, sie habe Erklärungen gefunden. Denn, so die Eingangsfrage im Film: „Woher nehmen sich Männer das Recht, das Gewaltverbot zu übertreten?“ Es werden also große Erwartungen geweckt, die die Filmemacherin nicht annähernd einlöst.

So ein Film über Fans der Kategorie C hat nämlich ein grundsätzliches Problem, wenn diese Fans nicht damit einverstanden sind, dass eine Kamera bei ihrem Alltag dabei ist. Dann fehlen nämlich Bilder, und so muss Franziska Tenner beim Blick auf die Leipziger Fans Vorlieb nehmen mit Standardsequenzen von Zuschauerrängen während des Spiels und bekannten Gewaltbildern aus einem Stadion. Dazu spielt sie wenig erhellende Interviews ein mit verschiedenen Fans. Einige von ihnen haben sich aus der Szene zurückgezogen, andere gehören mehr dem Randbereich an. Zwei Polizisten schildern ihre Sicht der Dinge. Dazwischen schneidet sie immer wieder von Fans selbst aufgenommene Wackelbilder aus lange vergangenen Prügelzeiten, die dem Ruheständler der Kategorie C gemütvolles Erinnern bescheren.

Franziska Tenner hätte ihr Scheitern beim Zugang zur gewaltbereiten Fan-Szene thematisieren müssen, um in ihrem Dokumentarfilm etwas zu erzählen, was wir nicht wissen und was über die Selbstaussagen von Fans hinausgeht. Stattdessen bohrt sie bei Interviews nach bedeutungsschwangeren O-Tönen und verliert dabei die Distanz zu den Menschen, die sie befragt. So wird neben den fehlenden Bildern ihre schwammige Haltung zu einem Problem des Films. Sie verhält sich weder als neutrale Beobachterin, noch bezieht sie irgendeine Position.

So bietet sie dem Ruheständler der Kategorie C küchenpsychologische Deutungen für dessen vergangenes, gewaltvolles Handeln an, wenn sie fragt, ob in unserer Gesellschaft einfach kein Platz mehr für wahre Männlichkeit sei. Dem jugendlichen Gewalttäter begegnet sie mit der Fürsorge einer verständnisvollen Sozialarbeiterin. Vielleicht wollte sie damit Vertrauen bei ihren Interviewpartnern schaffen, aber spätestens bei der Sichtung ihres Materials hätte sie sich über ihre eigene Haltung klar werden müssen. Wer sich seinem Thema auf diese Weise nähert, wirkt so, als sei auch er selbst dazu bereit, einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte hinzunehmen.

Deshalb erzählt der Film aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr als das, was jeder weiß. Es gibt Fußballfans, die Gewalt für eine coole Sache halten und wenn man älter wird, erzählt man gerne, früher war alles besser – selbst die Schlägereien. Da wird dann fabuliert, damals in den guten alten Hooligan-Zeiten hörte jeder auf zu schlagen, wenn einer erst mal auf dem Boden lag. Was dann in den eingespielten, selbst erstellten Filmchen dieser Schläger auch besonders gut zu sehen war, wie eindrucksvoll sie da aufhörten. So sehr hörten diese ehrenwerten Straßenkämpfer auf zuzuschlagen, dass sie ihren Kumpels bei deren wiederholtem Treten gegen die am Boden liegenden anderen ehrenwerten Straßenkämpfer nicht im Weg waren. Aber damals waren Schlägereien schon gesitteter,  klar.

Solche Widersprüche in Aussage und Bild werden aber nicht weiter verfolgt. Die Selbststilisierung der Fans der Kategorie C bleibt unangetastet, vor der Kamera geschieht nichts, was bewegt und zu Erkenntnis verhilft. Dass sich auch Fans der Kategorie C gut fühlen wollen, hätte ich auch vorher schon vermutet, und Schlägereien im Wackelbild lassen sich bei youtube auch ohne Kauf-DVD immer wieder finden.

Kategorie C. Deutsche Hooligans. Ein Dokumentarfilm von Franziska Tenner. DVD. Erstveröffentlichung 2009. Ab 17,00 Euro.

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Hoffentlich weiß Markus Babbel, wie er seine Kinder erzieht

Nach einem gewonnenen Spiel lässt sich natürlich erst recht ganz entspannt die Verwirrung beim unterlegenen Gegner betrachten. Doch schon beim Lesen der Vorberichterstattung zum Spiel von Hertha BSC Berlin gegen den MSV Duisburg hatte ich den Eindruck, in Berlin waren die Maßstäbe zur Bewertung von Charaktereigenschaften etwas durcheinander geraten. Ich hatte nur keine Zeit, dazu etwas zu schreiben.

Der Niederlage gegen den MSV Duisburg gingen ja schon andere schlechte Spiele von Herha BSC Berlin voraus, und Markus Babbel wurde in vielen Medien mit den Worten zitiert: „Wir wollen zu Hause wieder unser gutes Gesicht zeigen und dominant auftreten. Ich will die Gier sehen, die Punkte zu holen. Wenn wir das tun, dann werden wir auch gewinnen!“ Ich las das Wort Gier und zuckte kurz zusammen. Nun gut, dachte ich, das ist Fußball, und manchmal vergreift sich einer im Ton, wenn er meint, besonders energisch sein zu müssen. Doch nach der Niederlage haut Markus Babbel nun in dieselbe Kerbe: „Da war keine Gier, kein Engagement, keine Laufbereitschaft“, so wird er im Tagesspiegel zitiert.

Ich will für Markus Babbel hoffen, dass er das Wort Gier auf eine sehr eigene Weise versteht, wenn nicht würde ich mir als Anhänger von Hertha BSC Berlin ein wenig Sorgen um den sportlichen Erfolg meiner Mannschaft machen. Ich bin zwar nicht ganz so beckmesserisch beim Umgang mit Sprache wie so mancher Kollege, wer aber tatsächlich meint, Gier sei eine zu fördernde Eigenschaft im Menschen, dem möchte ich zu ein wenig Kindheitserinnerung raten. Herr Babbel, haben Ihre Eltern Sie etwa immer dazu ermuntert, sich den Teller noch voller zu machen als er schon war? Hieß es bei Ihnen zu Hause, Markus, jetzt sei doch mal etwas gieriger, du hast ja den Gästen noch etwas zu essen übrig gelassen? Das geht doch nicht, Markus, reiß dich mal am Riemen, und nimm Ihnen endlich alles weg. Klingt komisch, oder? Auch dann noch, wenn man die Gier später dann von erwachsenen Fußballspielern einfordert.

Versuch sich auch mit geschriebenen Worten heillos zu freuen

Freude und Glück wollen im Gegensatz zu den unangenehmen Gefühlen des Lebens einfach nur gelebt sein. Mit diesen angenehmen Gefühlen sind wir uns selbst genug. Statt erklärende Worte zu suchen, reichen uns einzelne Ausrufe der Begeisterung, wir jauchzen und fallen der Einfachheit halber ein in jahrzehntealte Fan-Gesänge. Es langt uns das Strahlen im Gesicht und das Teilen dieser Freude mit anderen. Erst allmählich stellt sich so etwas wie Erzählen ein, finden sich mehr Worte für das, was geschehen ist.

Am Anfang solcher Worte steht aber schon wieder nicht mehr als das Bild von dem Moment, als das mitfiebernde Bangen sich in überschäumende Freude verwandelt. Es ist der Moment, als ich vor dem PC aufspringe und mein Oberkörper Olcay Sahans Bewegung auf das Tor zu sehr angespannt und verzögert mitmacht. Es ist ein Bild, dem Erklärung und Deutung noch lange fremd sind. Olcay Sahan läuft mit dem Ball auf das Berliner Tor zu. Noch hat er einen Gegenspieler. Srdjan Baljak sprintet links von ihm herbei. Aber ist er nicht viel zu schnell für den ablegenden Pass? Nein! Baljak nimmt den Ball auf und mit, schießt und trifft ins Tor. Jaaa! Ja! Ja! Fünf Minuten vor Spielende das 2:0, das wird reichen für den Sieg bei Hertha BSC Berlin, bei dem Verein, der es wagt, auf seiner Webseite die eigene Zweitligazeit in dieser Saison herunterzuzählen. Wirkt das nicht viel zu siegessicher? Oder ist das einfach nur selbstbewusst? Ist diese ablaufende Zeit Ansporn oder Druck? Uns aus Duisburg kann es eigentlich egal sein, aber angesichts des gestrigen Spiels von Hertha BSC Berlin wirkt diese ablaufende Zeit auf mich eher wie eine Uhr im Action-Thriller, die den Zuschauern zeigt, wieviel Zeit dem Helden noch bleibt, um die Bombe zu entschärfen. Fragt sich, wer der Held in Berlin sein soll, der die Explosion der Hertha verhindern wird.

Solche Spiele habe ich in den letzten Jahren nämlich auch in der MSV-Arena gesehen. Da gab es eine Heimmannschaft, die unbedingt aufsteigen wollte, die aber immer weniger ein spielerisches Konzept besaß, um dem Gegner ebenbürtig zu sein. Da machte die Gastmannschaft im Mittelfeld den Raum geschickt eng und schaltete beeindruckend schnell von der Defensive auf die Offensive um. Da fluteten die Spieler der Gastmannschaft ein ums andere Mal vor das Tor der Heimmannschaft. So spielte der 1. FC St. Pauli in der letzten Saison in Duisburg, und ich hoffte damals, es könne für den MSV Duisburg am Ende noch gut ausgehen. Wir wissen, es kam anders. Noch viele andere Mannschaften konnten wir in Duisburg erleben, gegen die der MSV Duisburg kein Spielkonzept besaß. Und wir Fans vom MSV Duisburg redeten immer ärgerlicher über die Spielweise unserer Mannschaft so, wie es jetzt in Berlin geschieht – ob in Blogs bei Immer Hertha und dem Hertha BSC Blog oder etwa in den Kommentaren beim Tagesspiegel. Ich überfliege die Worte dort und erinnere mich noch so gut an diese ähnlichen Gefühle in Duisburg; an die Diskussionen über die grundsätzlichen Fehler von Trainer und Spielern;  ich erinnere mich an die Typen derer, die sich zu Wort meldeten: die verdammenden Apokalyptiker, die besonnenen Mahner oder die bis zum allerletzten Moment Hoffenden. Ich erinnere mich noch gut an dieses allmähliche Sich-Damit-Abfinden, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander liegen.

Seit diesen Gefühlen in Duisburg sind ein paar Monate vergangen, und wieviel Freude macht es in dieser Saison der Mannschaft des MSV Duisburg bei ihrem Spiel zuzusehen –  beim Spiel wohlgemerkt. Denn diese Mannschaft zeigt mehr als Kampf und Laufbereitschaft. Das ist oft einfach schön anzusehen, wie der MSV Duisburg versucht, die Begegnung zu gestalten. Bei allem Erfolg gibt es natürlich auch Verbesserungspotential. Ich seufze etwa immer noch tief auf, wenn ich daran denke, wieviel früher der Sieg hätte feststehen können. Aber das sind die Gedanken für übermorgen. Heute soll an dieser Stelle der Moment des gestrigen Torjubels so lange wie möglich lebendig gehalten werden. Heute soll immer wieder neu auch das Bild mit einem Mal auftauchen, als Olcay Sahan nach seinem 1:0 auf Milan Sasic zuläuft und alle Mitspieler herbeiwinkt. Es soll dieser Ausdruck von Gemeinschaftlichkeit weiterwirken wie jene bewegenden Momente, in denen Milan Sasic an seine verstorbene Mutter dachte. Es sollen die eindrucksvoll lauten Gesänge der mitgereisten MSV-Fans weiter in unseren Ohren klingen, weil auch darin sichtbar wird, dass im und um den MSV Duisburg gerade etwas wächst, was so lange erhofft wurde. Morgen früh werde ich noch den ein und anderen Spielbericht lesen, und die Woche wird gut beginnen. Wenn ich dann an den Freitagabend denke, stelle ich mir vor, eigentlich könnte die Woche beim Spiel vom MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt doch ebenso gut wieder enden.

Michael Zorc über Erfolg im Fußball

In der Süddeutschen Zeitung war gestern ein Portrait des Sportdirektors von Borussia Dortmund Michael Zorc zu lesen. Es war eine kleine Erinnerung daran, dass es neben Jürgen Klopp noch einen anderen wichtigen Mann gibt, der für den sportlichen Erfolg von Borussia Dortmund verantwortlich ist. In dem Portrait gibt es ein Zitat auch für alle, die sich über die Arbeit von Bruno Hübner Gedanken machen. Michael Zorcs Worte haben mir sehr gefallen: „Du handelst im Fußball immer nur mit Wahrscheinlichkeiten.“ Michael Zorc wendet sich damit gegen alle, die im Erfolgsfall behaupten, es vorher schon genau gewusst zu haben, dass ein verpflichteter Spieler für den neuen Verein tatsächlich die erhoffte Verstärkung ist. Manchmal laufen die Dinge anders, als man sie sich erhofft, und dennoch macht man seine Arbeit gut. Dieses Gefühl hatte ich bei Bruno Hübner schon recht bald.

Michael Zorc erzählt aber noch etwas anderes, was ebenfalls für die Situation in Duisburg als Kommentar durchgehen kann. Die behauptete Veränderung seiner Persönlichkeit erklärt er mit der Arbeitsatmosphäre bei Borussia Dortmund: „Wir wissen, wenn mal was nicht klappt, wird auch das gemeinschaftlich getragen. Man wirkt dann wohl lockerer.“ Entscheidungen treffen wir gemeinsam, diese oder ähnliche Worte hatten wir in Duisburg auch zu Neururer-Zeiten schon immer gehört. Ich erinnere mich da an eine Folge von Mitten in Meiderich, in der Peter Neururer über gemeinsame Verantwortung schwadronierte und Bruno Hübner recht stumm daneben saß.

Das hat schon seine Richtigkeit, dass ich erst heute wirklich an diese gemeinsam getragene Verantwortung beim MSV Duisburg glauben kann. Das hat nichts mit dem gegenwärtigen Erfolg des MSV Duisburg zu tun, sondern mit dem öffentlichen Auftreten von Bruno Hübner und Milan Sasic.  Es braucht mehr als die gegenseitige Zustimmung bei irgendwelchen Spielerverpflichtungen, um das Gefühl zu bekommen, gemeinsam für eine Sache zu arbeiten und deren Erfolg auch gemeinsam genießen zu können. Bruno Hübner und Milan Sasic haben offensichtlich dieses gegenseitige Vertrauen gefunden, um Verantwortung tatsächlich gemeinsam zu tragen.

Zu wenig MSV-Fans? Gebt dem Verein die DDR zurück

Es war November, ein Freitagabend, und unser Bus aus Duisburg war trotz Megastau auf der A2 noch rechtzeitig vor dem Anpfiff in Wolfsburg angekommen. 1998 hatte das Wolfsburger Stadion auf der Gästefan-Seite noch eine richtige Kurve. Vielleicht hundert bis hundertfünfzig Duisburger Fans waren schon da. Begrüßung hier und Begrüßung dort. Doch noch geschafft! Und wie lange habt ihr gebraucht? Mann, was für eine Fahrt, und ich bekomme mit, wie einer der Busmitfahrer ganz selbstverständlich Einverständnis voraussetzt bei dem Blau-Weißen, auf den er gerade eingeredet hat. Der aber erwidert:  „Ich bin gar nicht aus Duisburg hier. Ich komm´ aus dem Osten. Aus Magdeburg.“ Sein Zungenschlag war eindeutig nicht Ruhrpott.

Danach hörte ich eine kuriose Geschichte des Fan-Werdens mit. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte so viel Alltag aus der deutsch-deutschen Vergangenheit. So fern und für viele schon unvorstellbar klingt das, was da zum Nutzen des MSV Duisburg in Magdeburg geschah. Vielleicht liest dieser Mann selber mit oder jemand, der ihn kennt. Es wäre schön, seine besondere Geschichte in seinen eigenen Worten für das Fan-Gedächtnis geschrieben zu bekommen.

Dieser Mann in Wolfsburg war wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, denn seiner Erzählung nach war er Ende der 70er Jahre ein Kind oder ein Jugendlicher, jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs und sich für den Fußball in der BRD interessierte. Am meisten faszinierte ihn damals der Hamburger Sportverein, bei dem in der Saison 1978/79 der Engländer Kevin Keegan spielte. Der HSV wurde in dieser Saison das Maß der Dinge, und der Junge in Magdeburg wünschte sich nichts so sehr, wie noch mehr über diesen Verein zu erfahren. Zu seinem großen Glück gab es Verwandtschaft im Westen, die so manchen Wunsch im Osten erfüllen half. Etwas vom Lieblingsverein HSV zu besitzen, das war es gewesen für den Jungen. Der Wunsch des Jungen wurde weitergeleitet, und als die Verwandten aus dem Westen das nächste Mal in Magdeburg waren, durfte der Junge einige kostbare Mitbringsel auspacken. Was genau er dort dann auf dem Tisch liegen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, es war das 1976 erschienene Buch „Die Zebras kommen“, dazu vielleicht ein Wimpel vom MSV, ein Trikot. Von Fanartikeln konnte man in den 70ern jedenfalls noch nicht sprechen. Der Onkel oder welcher männliche Verwandte auch immer hatte sich verhört. Aus dem HSV war der MSV geworden. Und der Junge im Osten nahm die Dinge mit einer weisen Gelassenheit, die normalerweise nur Menschen mit langer Lebenserfahrung  aufbringen. Mit ein wenig System-Abstand bleibt es eben gleich, mit welchem Verein aus dem Westen man als Fan den Sinn seines Fußball-Daseins findet. Und so häufig kamen die Verwandten aus dem Westen nun auch nicht.

Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg für den MSV Duisburg. Das 1:0 war ein Selbsttor des Wolfsburger Peter Kleeschätzky und das 2:0 erzielte Uwe Spies, der bei den Heimspielen in Duisburg ja immer einen schweren Stand beim Publikum hatte.  Nach dem Spiel bin ich in Wolfsburg geblieben, um mit dem Linienbus zum angeheirateten Neffen nach Braunschweig zu fahren. Ich ging vom Stadion aus zu Fuß Richtung Innenstadt und wartete bei einer Schale Pommes auf meinen Bus. Am Nebentisch saßen drei jugendliche Wolfsburger Fans. Sie hatten die Niederlage schon weggesteckt und unterhielten sich über ihre Fahrten zu Auswärtsspielen ins Ruhrgebiet. Sie waren sich einig, dort niemals leben zu können. So verödet war ihnen die Gegend zwischen Dortmund und Bochum vorgekommen. Fünfzehn Minuten vorher hatte ich beim Anblick von fünfzig Meter Fußgängerzone mit Sonnenstudio oder Spielhalle oder Jeans-Shop noch gedacht, das wirkt ja sogar noch trostloser als in Duisburg. Und in den 90ern war die Königstraße sehr trostlos am Abend. Heimat kann überall sein.

Droht ein Standardendstand gegen Cottbus in Heimspielen?

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn der MSV Duisburg  gestern gewonnen hätte. Natürlich hätten wir alle uns über einen Sieg mehr gefreut als über dieses 2:2-Unentschieden gegen den FC Energie Cottbus. Doch vielleicht besitzt dieses Unentschieden bezogen auf den weiteren Verlauf der Saison für den MSV Duisburg einen größeren Wert als für den FC Energie Cottbus. Ich sehe keineswegs verlorene zwei Punkte. Ich sehe zum einen eine Mannschaft, deren psychische Stabilität weiter zunimmt. Diese Mannschaft wächst daran, wenn sie wohl dosiert nicht den ganz erwünschten Erfolg erfährt. Diese psychische Stabilität könnte in der Rückrunde den Vorteil bringen, da die Spielstärken der oben spielenden Mannschaften nicht so weit auseinander liegen. Zum anderen sehe ich den Zwei-Punkte-Abstand auf Cottbus in der Tabelle gehalten. Wegen der Drei-Punkte-Regelung war das Verhindern der Niederlage wichtiger als der Veruch nach dem Ausgleich durch Cottbus um jeden Preis auf Sieg zu spielen. Denn die Möglichkeit einer Niederlage hatte es gegeben.

Cottbus war immer für eine torgefährliche Situation gut, weil die Mannschaft kombinationssicherer als der MSV Duisburg war. In der ersten Halbzeit war davon allerdings nicht allzu viel zu merken. Das Führungstor für Cottbus fiel aber genau nach einem solchen sehr schnellen Passspiel. So ein Passspiel  war deshalb jederzeit möglich, weil im Spielaufbau des  MSV Duisburg immer wieder kleinere Fehler passierten. In Zweikämpfen eroberte Bälle wurden zum Gegner gepasst, Kopfballabwehrversuche landeten ebenfalls häufig dort. Das brachte keine Gefahr, so lange die Mannschaft diese Fehler durch hohen läuferischen Aufwand sofort wieder ausbügeln konnte. Doch je länger das Spiel dauerte, desto sorgenvoller dachte ich an die dazu notwendige Kondition. Wir wissen, diese Mannschaft hat viel Kondition, doch sie ist nicht grenzenlos.

Das Spiel war mitreißend, spannend und emotionsgeladen. Beide Mannschaften wollten offensiv spielen. Dem MSV Duisburg gelang das in der ersten Halbzeit besser als Cottbus und genügend Chancen wurden sich erspielt. Mit ein wenig mehr Glück hätte der MSV Duisburg zur Pause mit zwei oder drei Toren Vorsprung führen können. Ein Weitschuss von Julian Koch wäre wahrscheinlich auch ohne Torwartparade gegen die Latte gegangen. Ein Kopfball-Tor von, war es Goran Sukalo?, nach einer schönen Flanke verhinderte Thorsten Kirschbaum mit einem beeindruckenden Reflex. Ein Elfmeterpfiff blieb aus, als Filip Trojan im Strafraum von den Beinen geholt wurde. Nach Eckbällen wurde es mehrmals gefährlich. So deutlich war die Überlegenheit in der zweiten Halbzeit nicht mehr. Das Spiel hatte sich beruhigt. Kurz vor der Halbzeitpause war es noch zum Massengerangel gekommen, nachdem Olcay Sahan nach Zwanzig-Meter-Anlauf mit Ansage und Blutgrätsche von den Beinen geholt wurde. Diese Aufgeregtheit hatte sich in der zweiten Halbzeit gelegt. Die letzten zehn Minuten wollte keine der beiden Mannschaften mehr viel riskieren. So geriet das Spiel in ruhiges Fahrwasser. Ich bin zufrieden nach Hause gefahren. Es macht Freude diese Mannschaft des MSV Duisburg spielen zu sehen.

Ein Gedanke geht mir noch durch den Kopf, Milan Sasic wird vielleicht demnächst mal ein kurzes pädagogisches Gespräch mit Stefan Maierhofer führen. Ich hatte Spieler wie ihn lange Zeit vermisst, gestern aber hatte ich das Gefühl, ein wenig gerät er aus der inneren Balance.  Für mich begann er zu oft gegenüber seinen Mitspielern zu gestikulieren und den langen, hohen Ball einzufordern. Dieser lange Ball kommt ohnehin. Das wissen wir, und das wissen seine Mitspieler. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, vor  dem hohen Ball ein wenig flach zu spielen. Auch mit dem Gestikulieren ist es wie mit allen Dingen. Das rechte Maß ist wichtig. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich bin sicher, Milan Sasic wird Stefan Maierhofer helfen, dieses rechte Maß zu finden.

MSV ahoi!

Ob die Fußballspieler aus Duisburg und Cottbus wissen, dass sie heute Abend während des Montagsspiels vom 13. Zweitliga-Spieltag auf Geheiß ihrer Trainer seemännische Traditionen aufleben lassen? Beide Manschaften werden sich nämlich beim Spiel mit dem Ball intensiv mit dem „stoppen“ beschäftigen. Die einen wollen die MSV-Serie stoppen, und Milan Sasic möchte, dass seine Mannschaft stoppt, was Der Westen in der Überschrift zum Spiel-Vorbericht mit „Energie-Wucht“ zusammenfasst.

Könnte sich also ein Spieler heute Abend auf Vorfahren besinnen, die schon im 18. Jahrhundert die Weltmeere besegelten, hätte er vielleicht einen kleinen Vorteil. Denn wie ich im Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache nachlese, wurde das mittelniederdeutsche Wort „stoppen“ in die Seemannsprache übernommen und ist dort im 18. Jahrhundert das erste Mal bezeugt. Mündlich wird es sehr wahrscheinlich schon länger im Gebrauch gewesen sein. Das Lexikon legt auch nahe, „stoppen“, mit der Bedeutung „verstopfen“, sei über diese Seemannssprache in den neuenglischen  Wortschatz gelangt. Es gibt aber auch eine andere Deutung der Wortgeschichte, die die direkte Übernahme des lateinischen Wortes stuppare (mit Werg verschließen) in mehrere Sprachen nahe legt, und damit hätte auch das Middle English Quelle für Seeleute sein können. Auch wenn mir über die Vorfahren der Duisburger Spieler nichts bekannt ist, unbestritten bleibt, in der Stadt mit dem größten Binnenhafen Europas (der Welt?) gibt es eine engere Verbindung zur Überseefahrt als im binnenländischen Cottbus. Womöglich rief auch im Ruhrorter Hafen mancher Schiffsführer seinen Matrosen „stop“ zu, wenn diese Taue ablaufen ließen. So sehe ich einen kleinen Vorsprung Erfahrung für Duisburg, von dem ich hoffe, er wirkt sich auf die Mannschaft der Binnenschifffahrts-Stadt gegenüber der „Energie-Wucht“ aus.

In Milan Sasics etwas ausführlicheren und farbigeren Worten klingt diese „Energie-Wucht“ aus der Westen-Überschrift so: „Man geht an Front und greift an, ohne über die Verluste nachzudenken.“ Für ihn ist klar, „dass wir müssen diese Wucht und diese Art, von Fußball, was Cottbus treibt, erstmal stoppen und dann zu profitieren von diese Philosophie, Philosophie, was heißt, interessiert mich nicht, was geht nach hinten, ich will nach vorne was tun.“ Demgegenüber beschreibt Milan Sasic die Spielweise des MSV Duisburg mit der Balance zwischen Angriff und Verteidigung. „Verteidigen und Umschalten“, das sind die zwei zentralen Begriffe der Spielphilosophie des MSV Duisburg. Milan Sasic freut sich auf den Abend und hofft, dass viele Zuschauer kommen. Wenn ich an die Diskussion über die Duisburger Zuschauerzahlen in den letzten Tage denke, fühlte  ich mich bei einem Publikum von 13.000  Zuschauern mit meinen Vermutungen über das Erreichen des Stammpublikums bestätigt. In der Rückrunde werden wir häufiger die 20.000er-Marke erreichen. Hoffe ich jedenfalls, weil das voraussetzt, dass der MSV Duisburg weiter oben mitspielt. Wie wir wissen, gibt es im gegenwärtigen Fußball immer wieder Nachbetrachtungen zu Spielen, in denen die Worte „gleichwertig“ und „dieser kleine Unterschied“ eine Rolle spielen. Wenn dieser kleine Unterschied dieses Mal Duisburgs Nähe zur Schifffahrt ist, soll es mir recht sein.


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