Archiv für November 2010

Angesehen: Kategorie C – Ein Dokumentarfilm

Vor zwei Jahren hatte Kategorie C, ein Dokumentarfilm von  Franziska Tenner, seine Premiere. Seit einem Jahr ist der Film als Kauf-DVD im Handel erhältlich. Nun habe ich ihn mir angesehen. Nicht alle Zuschauer eines Fußballspiels werden wissen, dass sie als Stadionbesucher von der Polizei in drei Gruppen eingeteilt werden. Die „Kategorie C“ umfasst dabei die gewaltsuchenden Fans von Fußballvereinen. So verweist der Titel auf das Thema des Dokumentarfilms, und auf Franziska Tenners Seite im Netz wird mit den als Werbung gemeinten Informationen zum Film behauptet, der Film zeige am Beispiel zweier verfeindeter Fangruppen „was es bedeutet, Fußball-Fan der „Kategorie C“ zu sein – als Ultra und als Hooligan“. Es wäre schon viel gewesen, Bilder dieser Fan-Leben in Leipzig beobachtend zu sammeln. Doch Franziska Tenners Werbetext suggeriert sogar, sie habe Erklärungen gefunden. Denn, so die Eingangsfrage im Film: „Woher nehmen sich Männer das Recht, das Gewaltverbot zu übertreten?“ Es werden also große Erwartungen geweckt, die die Filmemacherin nicht annähernd einlöst.

So ein Film über Fans der Kategorie C hat nämlich ein grundsätzliches Problem, wenn diese Fans nicht damit einverstanden sind, dass eine Kamera bei ihrem Alltag dabei ist. Dann fehlen nämlich Bilder, und so muss Franziska Tenner beim Blick auf die Leipziger Fans Vorlieb nehmen mit Standardsequenzen von Zuschauerrängen während des Spiels und bekannten Gewaltbildern aus einem Stadion. Dazu spielt sie wenig erhellende Interviews ein mit verschiedenen Fans. Einige von ihnen haben sich aus der Szene zurückgezogen, andere gehören mehr dem Randbereich an. Zwei Polizisten schildern ihre Sicht der Dinge. Dazwischen schneidet sie immer wieder von Fans selbst aufgenommene Wackelbilder aus lange vergangenen Prügelzeiten, die dem Ruheständler der Kategorie C gemütvolles Erinnern bescheren.

Franziska Tenner hätte ihr Scheitern beim Zugang zur gewaltbereiten Fan-Szene thematisieren müssen, um in ihrem Dokumentarfilm etwas zu erzählen, was wir nicht wissen und was über die Selbstaussagen von Fans hinausgeht. Stattdessen bohrt sie bei Interviews nach bedeutungsschwangeren O-Tönen und verliert dabei die Distanz zu den Menschen, die sie befragt. So wird neben den fehlenden Bildern ihre schwammige Haltung zu einem Problem des Films. Sie verhält sich weder als neutrale Beobachterin, noch bezieht sie irgendeine Position.

So bietet sie dem Ruheständler der Kategorie C küchenpsychologische Deutungen für dessen vergangenes, gewaltvolles Handeln an, wenn sie fragt, ob in unserer Gesellschaft einfach kein Platz mehr für wahre Männlichkeit sei. Dem jugendlichen Gewalttäter begegnet sie mit der Fürsorge einer verständnisvollen Sozialarbeiterin. Vielleicht wollte sie damit Vertrauen bei ihren Interviewpartnern schaffen, aber spätestens bei der Sichtung ihres Materials hätte sie sich über ihre eigene Haltung klar werden müssen. Wer sich seinem Thema auf diese Weise nähert, wirkt so, als sei auch er selbst dazu bereit, einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte hinzunehmen.

Deshalb erzählt der Film aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr als das, was jeder weiß. Es gibt Fußballfans, die Gewalt für eine coole Sache halten und wenn man älter wird, erzählt man gerne, früher war alles besser – selbst die Schlägereien. Da wird dann fabuliert, damals in den guten alten Hooligan-Zeiten hörte jeder auf zu schlagen, wenn einer erst mal auf dem Boden lag. Was dann in den eingespielten, selbst erstellten Filmchen dieser Schläger auch besonders gut zu sehen war, wie eindrucksvoll sie da aufhörten. So sehr hörten diese ehrenwerten Straßenkämpfer auf zuzuschlagen, dass sie ihren Kumpels bei deren wiederholtem Treten gegen die am Boden liegenden anderen ehrenwerten Straßenkämpfer nicht im Weg waren. Aber damals waren Schlägereien schon gesitteter,  klar.

Solche Widersprüche in Aussage und Bild werden aber nicht weiter verfolgt. Die Selbststilisierung der Fans der Kategorie C bleibt unangetastet, vor der Kamera geschieht nichts, was bewegt und zu Erkenntnis verhilft. Dass sich auch Fans der Kategorie C gut fühlen wollen, hätte ich auch vorher schon vermutet, und Schlägereien im Wackelbild lassen sich bei youtube auch ohne Kauf-DVD immer wieder finden.

Kategorie C. Deutsche Hooligans. Ein Dokumentarfilm von Franziska Tenner. DVD. Erstveröffentlichung 2009. Ab 17,00 Euro.

Hoffentlich weiß Markus Babbel, wie er seine Kinder erzieht

Nach einem gewonnenen Spiel lässt sich natürlich erst recht ganz entspannt die Verwirrung beim unterlegenen Gegner betrachten. Doch schon beim Lesen der Vorberichterstattung zum Spiel von Hertha BSC Berlin gegen den MSV Duisburg hatte ich den Eindruck, in Berlin waren die Maßstäbe zur Bewertung von Charaktereigenschaften etwas durcheinander geraten. Ich hatte nur keine Zeit, dazu etwas zu schreiben.

Der Niederlage gegen den MSV Duisburg gingen ja schon andere schlechte Spiele von Herha BSC Berlin voraus, und Markus Babbel wurde in vielen Medien mit den Worten zitiert: „Wir wollen zu Hause wieder unser gutes Gesicht zeigen und dominant auftreten. Ich will die Gier sehen, die Punkte zu holen. Wenn wir das tun, dann werden wir auch gewinnen!“ Ich las das Wort Gier und zuckte kurz zusammen. Nun gut, dachte ich, das ist Fußball, und manchmal vergreift sich einer im Ton, wenn er meint, besonders energisch sein zu müssen. Doch nach der Niederlage haut Markus Babbel nun in dieselbe Kerbe: „Da war keine Gier, kein Engagement, keine Laufbereitschaft“, so wird er im Tagesspiegel zitiert.

Ich will für Markus Babbel hoffen, dass er das Wort Gier auf eine sehr eigene Weise versteht, wenn nicht würde ich mir als Anhänger von Hertha BSC Berlin ein wenig Sorgen um den sportlichen Erfolg meiner Mannschaft machen. Ich bin zwar nicht ganz so beckmesserisch beim Umgang mit Sprache wie so mancher Kollege, wer aber tatsächlich meint, Gier sei eine zu fördernde Eigenschaft im Menschen, dem möchte ich zu ein wenig Kindheitserinnerung raten. Herr Babbel, haben Ihre Eltern Sie etwa immer dazu ermuntert, sich den Teller noch voller zu machen als er schon war? Hieß es bei Ihnen zu Hause, Markus, jetzt sei doch mal etwas gieriger, du hast ja den Gästen noch etwas zu essen übrig gelassen? Das geht doch nicht, Markus, reiß dich mal am Riemen, und nimm Ihnen endlich alles weg. Klingt komisch, oder? Auch dann noch, wenn man die Gier später dann von erwachsenen Fußballspielern einfordert.

Versuch sich auch mit geschriebenen Worten heillos zu freuen

Freude und Glück wollen im Gegensatz zu den unangenehmen Gefühlen des Lebens einfach nur gelebt sein. Mit diesen angenehmen Gefühlen sind wir uns selbst genug. Statt erklärende Worte zu suchen, reichen uns einzelne Ausrufe der Begeisterung, wir jauchzen und fallen der Einfachheit halber ein in jahrzehntealte Fan-Gesänge. Es langt uns das Strahlen im Gesicht und das Teilen dieser Freude mit anderen. Erst allmählich stellt sich so etwas wie Erzählen ein, finden sich mehr Worte für das, was geschehen ist.

Am Anfang solcher Worte steht aber schon wieder nicht mehr als das Bild von dem Moment, als das mitfiebernde Bangen sich in überschäumende Freude verwandelt. Es ist der Moment, als ich vor dem PC aufspringe und mein Oberkörper Olcay Sahans Bewegung auf das Tor zu sehr angespannt und verzögert mitmacht. Es ist ein Bild, dem Erklärung und Deutung noch lange fremd sind. Olcay Sahan läuft mit dem Ball auf das Berliner Tor zu. Noch hat er einen Gegenspieler. Srdjan Baljak sprintet links von ihm herbei. Aber ist er nicht viel zu schnell für den ablegenden Pass? Nein! Baljak nimmt den Ball auf und mit, schießt und trifft ins Tor. Jaaa! Ja! Ja! Fünf Minuten vor Spielende das 2:0, das wird reichen für den Sieg bei Hertha BSC Berlin, bei dem Verein, der es wagt, auf seiner Webseite die eigene Zweitligazeit in dieser Saison herunterzuzählen. Wirkt das nicht viel zu siegessicher? Oder ist das einfach nur selbstbewusst? Ist diese ablaufende Zeit Ansporn oder Druck? Uns aus Duisburg kann es eigentlich egal sein, aber angesichts des gestrigen Spiels von Hertha BSC Berlin wirkt diese ablaufende Zeit auf mich eher wie eine Uhr im Action-Thriller, die den Zuschauern zeigt, wieviel Zeit dem Helden noch bleibt, um die Bombe zu entschärfen. Fragt sich, wer der Held in Berlin sein soll, der die Explosion der Hertha verhindern wird.

Solche Spiele habe ich in den letzten Jahren nämlich auch in der MSV-Arena gesehen. Da gab es eine Heimmannschaft, die unbedingt aufsteigen wollte, die aber immer weniger ein spielerisches Konzept besaß, um dem Gegner ebenbürtig zu sein. Da machte die Gastmannschaft im Mittelfeld den Raum geschickt eng und schaltete beeindruckend schnell von der Defensive auf die Offensive um. Da fluteten die Spieler der Gastmannschaft ein ums andere Mal vor das Tor der Heimmannschaft. So spielte der 1. FC St. Pauli in der letzten Saison in Duisburg, und ich hoffte damals, es könne für den MSV Duisburg am Ende noch gut ausgehen. Wir wissen, es kam anders. Noch viele andere Mannschaften konnten wir in Duisburg erleben, gegen die der MSV Duisburg kein Spielkonzept besaß. Und wir Fans vom MSV Duisburg redeten immer ärgerlicher über die Spielweise unserer Mannschaft so, wie es jetzt in Berlin geschieht – ob in Blogs bei Immer Hertha und dem Hertha BSC Blog oder etwa in den Kommentaren beim Tagesspiegel. Ich überfliege die Worte dort und erinnere mich noch so gut an diese ähnlichen Gefühle in Duisburg; an die Diskussionen über die grundsätzlichen Fehler von Trainer und Spielern;  ich erinnere mich an die Typen derer, die sich zu Wort meldeten: die verdammenden Apokalyptiker, die besonnenen Mahner oder die bis zum allerletzten Moment Hoffenden. Ich erinnere mich noch gut an dieses allmähliche Sich-Damit-Abfinden, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander liegen.

Seit diesen Gefühlen in Duisburg sind ein paar Monate vergangen, und wieviel Freude macht es in dieser Saison der Mannschaft des MSV Duisburg bei ihrem Spiel zuzusehen –  beim Spiel wohlgemerkt. Denn diese Mannschaft zeigt mehr als Kampf und Laufbereitschaft. Das ist oft einfach schön anzusehen, wie der MSV Duisburg versucht, die Begegnung zu gestalten. Bei allem Erfolg gibt es natürlich auch Verbesserungspotential. Ich seufze etwa immer noch tief auf, wenn ich daran denke, wieviel früher der Sieg hätte feststehen können. Aber das sind die Gedanken für übermorgen. Heute soll an dieser Stelle der Moment des gestrigen Torjubels so lange wie möglich lebendig gehalten werden. Heute soll immer wieder neu auch das Bild mit einem Mal auftauchen, als Olcay Sahan nach seinem 1:0 auf Milan Sasic zuläuft und alle Mitspieler herbeiwinkt. Es soll dieser Ausdruck von Gemeinschaftlichkeit weiterwirken wie jene bewegenden Momente, in denen Milan Sasic an seine verstorbene Mutter dachte. Es sollen die eindrucksvoll lauten Gesänge der mitgereisten MSV-Fans weiter in unseren Ohren klingen, weil auch darin sichtbar wird, dass im und um den MSV Duisburg gerade etwas wächst, was so lange erhofft wurde. Morgen früh werde ich noch den ein und anderen Spielbericht lesen, und die Woche wird gut beginnen. Wenn ich dann an den Freitagabend denke, stelle ich mir vor, eigentlich könnte die Woche beim Spiel vom MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt doch ebenso gut wieder enden.

Michael Zorc über Erfolg im Fußball

In der Süddeutschen Zeitung war gestern ein Portrait des Sportdirektors von Borussia Dortmund Michael Zorc zu lesen. Es war eine kleine Erinnerung daran, dass es neben Jürgen Klopp noch einen anderen wichtigen Mann gibt, der für den sportlichen Erfolg von Borussia Dortmund verantwortlich ist. In dem Portrait gibt es ein Zitat auch für alle, die sich über die Arbeit von Bruno Hübner Gedanken machen. Michael Zorcs Worte haben mir sehr gefallen: „Du handelst im Fußball immer nur mit Wahrscheinlichkeiten.“ Michael Zorc wendet sich damit gegen alle, die im Erfolgsfall behaupten, es vorher schon genau gewusst zu haben, dass ein verpflichteter Spieler für den neuen Verein tatsächlich die erhoffte Verstärkung ist. Manchmal laufen die Dinge anders, als man sie sich erhofft, und dennoch macht man seine Arbeit gut. Dieses Gefühl hatte ich bei Bruno Hübner schon recht bald.

Michael Zorc erzählt aber noch etwas anderes, was ebenfalls für die Situation in Duisburg als Kommentar durchgehen kann. Die behauptete Veränderung seiner Persönlichkeit erklärt er mit der Arbeitsatmosphäre bei Borussia Dortmund: „Wir wissen, wenn mal was nicht klappt, wird auch das gemeinschaftlich getragen. Man wirkt dann wohl lockerer.“ Entscheidungen treffen wir gemeinsam, diese oder ähnliche Worte hatten wir in Duisburg auch zu Neururer-Zeiten schon immer gehört. Ich erinnere mich da an eine Folge von Mitten in Meiderich, in der Peter Neururer über gemeinsame Verantwortung schwadronierte und Bruno Hübner recht stumm daneben saß.

Das hat schon seine Richtigkeit, dass ich erst heute wirklich an diese gemeinsam getragene Verantwortung beim MSV Duisburg glauben kann. Das hat nichts mit dem gegenwärtigen Erfolg des MSV Duisburg zu tun, sondern mit dem öffentlichen Auftreten von Bruno Hübner und Milan Sasic.  Es braucht mehr als die gegenseitige Zustimmung bei irgendwelchen Spielerverpflichtungen, um das Gefühl zu bekommen, gemeinsam für eine Sache zu arbeiten und deren Erfolg auch gemeinsam genießen zu können. Bruno Hübner und Milan Sasic haben offensichtlich dieses gegenseitige Vertrauen gefunden, um Verantwortung tatsächlich gemeinsam zu tragen.

Zu wenig MSV-Fans? Gebt dem Verein die DDR zurück

Es war November, ein Freitagabend, und unser Bus aus Duisburg war trotz Megastau auf der A2 noch rechtzeitig vor dem Anpfiff in Wolfsburg angekommen. 1998 hatte das Wolfsburger Stadion auf der Gästefan-Seite noch eine richtige Kurve. Vielleicht hundert bis hundertfünfzig Duisburger Fans waren schon da. Begrüßung hier und Begrüßung dort. Doch noch geschafft! Und wie lange habt ihr gebraucht? Mann, was für eine Fahrt, und ich bekomme mit, wie einer der Busmitfahrer ganz selbstverständlich Einverständnis voraussetzt bei dem Blau-Weißen, auf den er gerade eingeredet hat. Der aber erwidert:  „Ich bin gar nicht aus Duisburg hier. Ich komm´ aus dem Osten. Aus Magdeburg.“ Sein Zungenschlag war eindeutig nicht Ruhrpott.

Danach hörte ich eine kuriose Geschichte des Fan-Werdens mit. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte so viel Alltag aus der deutsch-deutschen Vergangenheit. So fern und für viele schon unvorstellbar klingt das, was da zum Nutzen des MSV Duisburg in Magdeburg geschah. Vielleicht liest dieser Mann selber mit oder jemand, der ihn kennt. Es wäre schön, seine besondere Geschichte in seinen eigenen Worten für das Fan-Gedächtnis geschrieben zu bekommen.

Dieser Mann in Wolfsburg war wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, denn seiner Erzählung nach war er Ende der 70er Jahre ein Kind oder ein Jugendlicher, jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs und sich für den Fußball in der BRD interessierte. Am meisten faszinierte ihn damals der Hamburger Sportverein, bei dem in der Saison 1978/79 der Engländer Kevin Keegan spielte. Der HSV wurde in dieser Saison das Maß der Dinge, und der Junge in Magdeburg wünschte sich nichts so sehr, wie noch mehr über diesen Verein zu erfahren. Zu seinem großen Glück gab es Verwandtschaft im Westen, die so manchen Wunsch im Osten erfüllen half. Etwas vom Lieblingsverein HSV zu besitzen, das war es gewesen für den Jungen. Der Wunsch des Jungen wurde weitergeleitet, und als die Verwandten aus dem Westen das nächste Mal in Magdeburg waren, durfte der Junge einige kostbare Mitbringsel auspacken. Was genau er dort dann auf dem Tisch liegen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, es war das 1976 erschienene Buch „Die Zebras kommen“, dazu vielleicht ein Wimpel vom MSV, ein Trikot. Von Fanartikeln konnte man in den 70ern jedenfalls noch nicht sprechen. Der Onkel oder welcher männliche Verwandte auch immer hatte sich verhört. Aus dem HSV war der MSV geworden. Und der Junge im Osten nahm die Dinge mit einer weisen Gelassenheit, die normalerweise nur Menschen mit langer Lebenserfahrung  aufbringen. Mit ein wenig System-Abstand bleibt es eben gleich, mit welchem Verein aus dem Westen man als Fan den Sinn seines Fußball-Daseins findet. Und so häufig kamen die Verwandten aus dem Westen nun auch nicht.

Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg für den MSV Duisburg. Das 1:0 war ein Selbsttor des Wolfsburger Peter Kleeschätzky und das 2:0 erzielte Uwe Spies, der bei den Heimspielen in Duisburg ja immer einen schweren Stand beim Publikum hatte.  Nach dem Spiel bin ich in Wolfsburg geblieben, um mit dem Linienbus zum angeheirateten Neffen nach Braunschweig zu fahren. Ich ging vom Stadion aus zu Fuß Richtung Innenstadt und wartete bei einer Schale Pommes auf meinen Bus. Am Nebentisch saßen drei jugendliche Wolfsburger Fans. Sie hatten die Niederlage schon weggesteckt und unterhielten sich über ihre Fahrten zu Auswärtsspielen ins Ruhrgebiet. Sie waren sich einig, dort niemals leben zu können. So verödet war ihnen die Gegend zwischen Dortmund und Bochum vorgekommen. Fünfzehn Minuten vorher hatte ich beim Anblick von fünfzig Meter Fußgängerzone mit Sonnenstudio oder Spielhalle oder Jeans-Shop noch gedacht, das wirkt ja sogar noch trostloser als in Duisburg. Und in den 90ern war die Königstraße sehr trostlos am Abend. Heimat kann überall sein.

Droht ein Standardendstand gegen Cottbus in Heimspielen?

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn der MSV Duisburg  gestern gewonnen hätte. Natürlich hätten wir alle uns über einen Sieg mehr gefreut als über dieses 2:2-Unentschieden gegen den FC Energie Cottbus. Doch vielleicht besitzt dieses Unentschieden bezogen auf den weiteren Verlauf der Saison für den MSV Duisburg einen größeren Wert als für den FC Energie Cottbus. Ich sehe keineswegs verlorene zwei Punkte. Ich sehe zum einen eine Mannschaft, deren psychische Stabilität weiter zunimmt. Diese Mannschaft wächst daran, wenn sie wohl dosiert nicht den ganz erwünschten Erfolg erfährt. Diese psychische Stabilität könnte in der Rückrunde den Vorteil bringen, da die Spielstärken der oben spielenden Mannschaften nicht so weit auseinander liegen. Zum anderen sehe ich den Zwei-Punkte-Abstand auf Cottbus in der Tabelle gehalten. Wegen der Drei-Punkte-Regelung war das Verhindern der Niederlage wichtiger als der Veruch nach dem Ausgleich durch Cottbus um jeden Preis auf Sieg zu spielen. Denn die Möglichkeit einer Niederlage hatte es gegeben.

Cottbus war immer für eine torgefährliche Situation gut, weil die Mannschaft kombinationssicherer als der MSV Duisburg war. In der ersten Halbzeit war davon allerdings nicht allzu viel zu merken. Das Führungstor für Cottbus fiel aber genau nach einem solchen sehr schnellen Passspiel. So ein Passspiel  war deshalb jederzeit möglich, weil im Spielaufbau des  MSV Duisburg immer wieder kleinere Fehler passierten. In Zweikämpfen eroberte Bälle wurden zum Gegner gepasst, Kopfballabwehrversuche landeten ebenfalls häufig dort. Das brachte keine Gefahr, so lange die Mannschaft diese Fehler durch hohen läuferischen Aufwand sofort wieder ausbügeln konnte. Doch je länger das Spiel dauerte, desto sorgenvoller dachte ich an die dazu notwendige Kondition. Wir wissen, diese Mannschaft hat viel Kondition, doch sie ist nicht grenzenlos.

Das Spiel war mitreißend, spannend und emotionsgeladen. Beide Mannschaften wollten offensiv spielen. Dem MSV Duisburg gelang das in der ersten Halbzeit besser als Cottbus und genügend Chancen wurden sich erspielt. Mit ein wenig mehr Glück hätte der MSV Duisburg zur Pause mit zwei oder drei Toren Vorsprung führen können. Ein Weitschuss von Julian Koch wäre wahrscheinlich auch ohne Torwartparade gegen die Latte gegangen. Ein Kopfball-Tor von, war es Goran Sukalo?, nach einer schönen Flanke verhinderte Thorsten Kirschbaum mit einem beeindruckenden Reflex. Ein Elfmeterpfiff blieb aus, als Filip Trojan im Strafraum von den Beinen geholt wurde. Nach Eckbällen wurde es mehrmals gefährlich. So deutlich war die Überlegenheit in der zweiten Halbzeit nicht mehr. Das Spiel hatte sich beruhigt. Kurz vor der Halbzeitpause war es noch zum Massengerangel gekommen, nachdem Olcay Sahan nach Zwanzig-Meter-Anlauf mit Ansage und Blutgrätsche von den Beinen geholt wurde. Diese Aufgeregtheit hatte sich in der zweiten Halbzeit gelegt. Die letzten zehn Minuten wollte keine der beiden Mannschaften mehr viel riskieren. So geriet das Spiel in ruhiges Fahrwasser. Ich bin zufrieden nach Hause gefahren. Es macht Freude diese Mannschaft des MSV Duisburg spielen zu sehen.

Ein Gedanke geht mir noch durch den Kopf, Milan Sasic wird vielleicht demnächst mal ein kurzes pädagogisches Gespräch mit Stefan Maierhofer führen. Ich hatte Spieler wie ihn lange Zeit vermisst, gestern aber hatte ich das Gefühl, ein wenig gerät er aus der inneren Balance.  Für mich begann er zu oft gegenüber seinen Mitspielern zu gestikulieren und den langen, hohen Ball einzufordern. Dieser lange Ball kommt ohnehin. Das wissen wir, und das wissen seine Mitspieler. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, vor  dem hohen Ball ein wenig flach zu spielen. Auch mit dem Gestikulieren ist es wie mit allen Dingen. Das rechte Maß ist wichtig. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich bin sicher, Milan Sasic wird Stefan Maierhofer helfen, dieses rechte Maß zu finden.

MSV ahoi!

Ob die Fußballspieler aus Duisburg und Cottbus wissen, dass sie heute Abend während des Montagsspiels vom 13. Zweitliga-Spieltag auf Geheiß ihrer Trainer seemännische Traditionen aufleben lassen? Beide Manschaften werden sich nämlich beim Spiel mit dem Ball intensiv mit dem „stoppen“ beschäftigen. Die einen wollen die MSV-Serie stoppen, und Milan Sasic möchte, dass seine Mannschaft stoppt, was Der Westen in der Überschrift zum Spiel-Vorbericht mit „Energie-Wucht“ zusammenfasst.

Könnte sich also ein Spieler heute Abend auf Vorfahren besinnen, die schon im 18. Jahrhundert die Weltmeere besegelten, hätte er vielleicht einen kleinen Vorteil. Denn wie ich im Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache nachlese, wurde das mittelniederdeutsche Wort „stoppen“ in die Seemannsprache übernommen und ist dort im 18. Jahrhundert das erste Mal bezeugt. Mündlich wird es sehr wahrscheinlich schon länger im Gebrauch gewesen sein. Das Lexikon legt auch nahe, „stoppen“, mit der Bedeutung „verstopfen“, sei über diese Seemannssprache in den neuenglischen  Wortschatz gelangt. Es gibt aber auch eine andere Deutung der Wortgeschichte, die die direkte Übernahme des lateinischen Wortes stuppare (mit Werg verschließen) in mehrere Sprachen nahe legt, und damit hätte auch das Middle English Quelle für Seeleute sein können. Auch wenn mir über die Vorfahren der Duisburger Spieler nichts bekannt ist, unbestritten bleibt, in der Stadt mit dem größten Binnenhafen Europas (der Welt?) gibt es eine engere Verbindung zur Überseefahrt als im binnenländischen Cottbus. Womöglich rief auch im Ruhrorter Hafen mancher Schiffsführer seinen Matrosen „stop“ zu, wenn diese Taue ablaufen ließen. So sehe ich einen kleinen Vorsprung Erfahrung für Duisburg, von dem ich hoffe, er wirkt sich auf die Mannschaft der Binnenschifffahrts-Stadt gegenüber der „Energie-Wucht“ aus.

In Milan Sasics etwas ausführlicheren und farbigeren Worten klingt diese „Energie-Wucht“ aus der Westen-Überschrift so: „Man geht an Front und greift an, ohne über die Verluste nachzudenken.“ Für ihn ist klar, „dass wir müssen diese Wucht und diese Art, von Fußball, was Cottbus treibt, erstmal stoppen und dann zu profitieren von diese Philosophie, Philosophie, was heißt, interessiert mich nicht, was geht nach hinten, ich will nach vorne was tun.“ Demgegenüber beschreibt Milan Sasic die Spielweise des MSV Duisburg mit der Balance zwischen Angriff und Verteidigung. „Verteidigen und Umschalten“, das sind die zwei zentralen Begriffe der Spielphilosophie des MSV Duisburg. Milan Sasic freut sich auf den Abend und hofft, dass viele Zuschauer kommen. Wenn ich an die Diskussion über die Duisburger Zuschauerzahlen in den letzten Tage denke, fühlte  ich mich bei einem Publikum von 13.000  Zuschauern mit meinen Vermutungen über das Erreichen des Stammpublikums bestätigt. In der Rückrunde werden wir häufiger die 20.000er-Marke erreichen. Hoffe ich jedenfalls, weil das voraussetzt, dass der MSV Duisburg weiter oben mitspielt. Wie wir wissen, gibt es im gegenwärtigen Fußball immer wieder Nachbetrachtungen zu Spielen, in denen die Worte „gleichwertig“ und „dieser kleine Unterschied“ eine Rolle spielen. Wenn dieser kleine Unterschied dieses Mal Duisburgs Nähe zur Schifffahrt ist, soll es mir recht sein.

Zuschauerzahlen – Daten und ein lang gewordener Text

11.249 Zuschauer waren am Samstag, dem 6. November, ab 13 Uhr im Stadion, als der MSV Duisburg sein Heimspiel gegen die SpVgg Greuther Fürth bestritt. Angesichts der Bedeutung des Spiels und der in dieser Saison gezeigten Leistung der Duisburger Mannschaft war das eine enttäuschende Zahl für viele MSV-Fans. Etwas zurückhaltender bewertet man auf Vereinsseite die Zuschauerzahl, gleichwohl natürlich der Wunsch nach einem gefüllteren Stadion besteht. Diese Haltung hebt sich wohltuend ab von den Zeiten, als ein Peter Neururer noch Mindestzuschauerzahlen verkündete, die seine Mannschaft im März letzten Jahres verdient haben sollte. Schon damals war es unter anderem auch in diesen Räumen zum Nachdenken über das Publikum des MSV Duisburg gekommen. Damals ging es mir vor allem um die Mentalität des Duisburger Publikums.

In diesen Tagen ist das Nachdenken umfassender angelegt. Fans des MSV Duisburg haben so viel Freude am Spiel ihrer Mannschaft, dass sie dieser Mannschaft ein volleres Stadion gönnen.  So begann im MSVportal eine Diskussion über die Frage: „Warum kommen, trotz Heimstärke, so wenig zu den Heimspielen?“ Wenige Tage später hat Der Westen das Thema aufgegriffen, und schnell wuchs die Zahl der Kommentare unter dem Artikel. Dort erklärten dann auch ehemalige MSV-Zuschauer, warum sie nicht mehr ins Stadion gehen. Zu lesen ist also inzwischen ein vielfältiger Chor von Erklärungen für das Fernbleiben, von Spekulationen über das Fernbleiben oder das Gar-Nicht-Erst-Kommen und von Überlegungen, wie der Zustand zu ändern ist. All das reiht sich gleichgewichtig aneinander, und es wäre Aufgabe des MSV Duisburg das auszuwerten. Gleichzeitig erinnert mich diese Vielzahl der Stimmen aber auch an ein Bonmot von Kurt Tucholsky,  nämlich alles sei richtig, auch das Gegenteil.

Mich beschlich beim Lesen dieser vielen Meinungen zudem ein komisches Gefühl. Irgendetwas gefiel mir nicht an dem Ton, der vorherrschte. Richtig greifen konnte ich das nicht, weil da Fans, vor allem im MSVportal, meist doch sehr konstruktive Vorschläge zur Veränderung der Situation machten. Erst allmählich konnte ich fassen, was ich da als Überbau dieses Redens wahrnahm. Dieser Überbau versteckt sich schon in der Frage. Diese Frage und auch der Artikel in Der Westen behaupten einen Mangel, von dem wir gar nicht wissen, ob es ihn überhaupt gibt.

Ich will das genauer erklären. Der Maßstab für die Erkenntnis von Mangel ist das ausverkaufte Stadion. Aber es macht einen Unterschied, ob ich den Wunsch habe, mehr Zuschauer für das Fußballspiel des MSV Duisburg zu begeistern,  und ich versuche das mit neuen Mitteln zu erreichen, oder ob ich davon ausgehe, es kommen einfach zu wenig Zuschauer dafür, wie es eigentlich sein könnte. Der Unterschied leuchtet vielleicht manchem nicht ein, doch ich glaube die jeweiligen Problembeschreibungen unterscheiden sich sehr in ihren Folgen für die psychische Dynamik, die sie bei denen entfalten können, die sich um mehr Zuschauer kümmern. Im ersten Fall handel ich aus eigener Stärke heraus und versuche andere Menschen, von dem, was ich mache, zu überzeugen. Im zweiten Fall kann sich bald ein Vorwurf einschleichen und dieser Vorwurf  richtet sich an alle, die nicht kommen, obwohl man doch schon alles Mögliche für dieses Kommen getan hat.

Außerdem stellt sich mir die Frage, ist es wirklich so, dass so wenig Zuschauer kommen? So wenig heißt, zu wenig für das, was möglich wäre. Vielleicht findet sich in der Historie eine Perspektive für die Bewertung der gegenwärtigen Zuschauerzahlen. Vielleicht halten wir uns noch einmal an Fakten, und schauen stichprobenartig, wie groß der Zuschauerzuspruch in Duisburg über die Jahre hinweg war. Die Daten stammen aus dem Netz von weltfussball.de. Einzelne Zahlen habe ich bei transfermarkt.de gegengeprüft. Die Zahlen unterscheiden sich nur geringfügig. Weil ich den Zuschauerschnitt für die  90er Jahre nicht glauben konnte, habe ich sogar mit den Zuschauerzahlen aus dem Kicker die Saison 1997/98 nachgerechnet. Diese Rechnung bestätigte die Zahlen der beiden anderen Seiten.

Aber beginnen wir in der Gegenwart: In der  laufenden Saison hatte der MSV Duisburg bislang durchschnittlich 13.670 Zuschauer. Damit befindet er sich auf Rang 8 der Zuschauertabelle vor dem VfL Bochum auf Rang 11 mit durchschnittlich 12.151 Zuschauern. Ich stelle den VfL Bochum bewusst im Vergleich dazu, weil dieser Verein in Deutschland in Struktur und Lage dem MSV Duisburg am ähnlichsten ist. Jedes Schielen auf andere Vereine halte ich für wenig erhellend. Für das Ruhrgebiet liegt das beim FC Schalke 04 und Borussia Dortmund auf der Hand. Am Niederrhein aber wirkt der Blick ins Landesinnere nach Mönchengladbach oder den Rhein abwärts nach Düsseldorf auf manchen MSV-Fan allzu verführerisch.

Nun denn, wie war das also mit den Zuschauerzahlen?

2. Liga, 2009/2010: 14.070; Rang 10

2. Liga, 2008/2009: 14.747;  Rang 10

1. Liga, 2007/2008: 25.041; Rang 12 vor dem VfL Bochum auf Rang 14 mit 24.399 Zuschauern im Schnitt

2. Liga 2006/2007: 18.028; Rang 6

1. Liga, 2005/2006: 25.183; Rang 14

2. Liga  2004/2005: 16.819; Rang 5

2. Liga 2003/2004: 9.464; Rang 9

Machen wir einen Sprung über die Zeiten von etwa 7.500 Zuschauern im Schnitt hinweg in die 90er.

1. Liga 1999/2000: 15.115; Rang 17

1. Liga 1998/1999: 17.318; Rang 16 nach dem VfL Bochum auf Rang 13 mit 23.734 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1997/1998: 16.623; Rang 18 nach dem VfL Bochum auf Rang 13 mit 26.698 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1996/1997: 19.417; Rang 17 nach dem VfL Bochum auf Rang 10 mit 28.404 Zuschauern im Schnitt.

2. Liga 1995/1996: 11.545; Rang 4 nach dem VfL Bochum auf Rang 2 mit 15.573 Zuschauern im Schnitt.

1.Liga 1994/1995: 21.103; Rang 15 nach dem VfL Bochum auf Rang 13 mit 24.585 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1993/1994: 23.299; Rang 12

2. Liga 1992/1993: 11.947; Rang 2

1. Liga 1991/1992: 21.654; Rang 10 vor dem VfL Bochum auf Rang 11 mit 18.737 Zuschauern im Schnitt

2. Liga 1990/1991: 12.905; Rang 2

Überspringen wir die Jahre in der Amateurliga und gönnen wir uns noch den Blick in die glorreichen 70er Jahre:

1. Liga 1979/80: 16.882; Rang 15 nach dem VfL Bochum auf Rang 11 mit 21,471 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1978/79: 15.835; Rang 18 nach dem VfL Bochum auf Rang 10 mit 26.235 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1978/77: 18.529; Rang 17 nach dem VfL Bochum auf Rang 12 mit  23.888 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1977/76: 19.800; Rang 14 vor dem VfL Bochum auf Rang 17 mit 16.059 Zuschauern im Schnitt.

1. Liga 1975/76: 13.824; Rang 18 nach dem VfL Bochum auf Rang 12 mit 20.000 Zuschauern im Schnitt.

Für den MSV Duisburg gab es in dieser frühen Zeit der Bundesliga nur in den ersten drei Jahren einen Zuschauerschnitt über 20.000. Die meisten Zuschauer kamen im ersten und sportlich erfolgreichsten Jahr der Bundesligazugehörigkeit: im Schnitt 28.400.  Danach gingen Jahr für Jahr die Zuschauerzahlen zurück, um sich Ende der 60er Jahre auf etwa 17.500 einzupendeln. Mit Beginn der 70er Jahre sank der Schnitt noch einmal auf etwa 15.000 um die nächsten Jahre stark zu schwanken zwischen etwa 19.000, 17.000 und den oben angeführten 13.824 Zuschauern im Schnitt.

Eigentlich sind diese Durchschnittszahlen nun nur der Anfang einer Datenbestandsaufnahme. Um diese Durchsschnittszahlen zu deuten, müssten sie in Relation gesetzt werden zum sportlichen Erfolg, zu Entwicklungen im Fußball und rund um den Verein sowie letztlich den Entwicklungen in der Stadt Duisburg selbst. Diese notwendige exakte Analyse überlasse ich den Angestellten des Vereins.

Ich belasse es bei einigen Anmerkungen; Sätze, meistens Fragen, die mir beim Auflisten der Daten durch den Kopf gingen. Betrachte ich die Zuschauerzahlen des MSV Duisburg über die Jahre, so habe ich den Eindruck, die gegenwärtigen Zuschauerzahlen sind gar nicht so schlecht, wie es den Anschein hat. Dabei ist mir klar, die absoluten Zahlen müssen heute höher sein als in der Zweitliga-Vergangenheit. Mir geht es aber um die Tatsache, dass das Stammpublikum in dieser Vergangenheit im Vergleich mit anderen, ähnlich erfolgreichen Vereinen nie wirklich groß gewesen ist. Ich habe aber den Eindruck, das gegenwärtige Stammpublikum wird trotz zweier schlechter Spielzeiten erreicht und das auf einem Niveau von etwa 14.000 Zuschauern im Schnitt. Das Spiel gegen Fürth werte ich als Ausreißer durch die ungünstige und viel zu frühe Anstoßzeit am Samstag.

Das entbindet den MSV Duisburg natürlich nicht von der Verantwortung, Maßnahmen zu ergreifen, die Zuschauerzahl zu steigern. Diese Einsicht könnte aber helfen, den Blick weg vom Mangel zu rücken hin zu einem realistischen Selbstbewusstsein, mit dem das Stadion weiter gefüllt werden könnte. Es gab höhere Zuschauerzahlen vor allem nach dem Bau der MSV-Arena. Aus meiner Sicht war das neue Stadion zusammen mit der nach einigen Jahren der Entbehrung wieder sportlich erfolgreichen Mannschaft ein besondere Grund für den Zuspruch der Zuschauer. Aber Erfolg ist ein wankelmütiges Ding und als Grundlage für den Stadionbesuch ganz schnell nicht mehr vorhanden.

Ich glaube nicht an ein vorhandenes Zuschauerpotential, das unerschöpft ist und durch die richtigen Instrumente modernen Marketings und einer vernünftigen Öffentlichkeitsarbeit schnell erreicht werden kann. Betrachte ich die Vergangenheit, so deute ich die Zahlen so: Es gibt statt eines großen Anhangs des MSV Duisburg viele Duisburger, die immer mal wieder für einen Stadionbesuch zu begeistern sind. Es gibt also kein großes MSV-Publikum, das zurückgewonnen werden kann.

Ein weiterer Gedanke zu den 90er Jahren, in einer Phase des sportlichen Erfolgs gab es dennoch keinen Sprung der Zuschauerzahlen über den 20.000er-Schnitt. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass Erfolg alleine auch nicht ausreicht, um Fußballzuschauer in Duisburg an den Verein zu binden. Vielleicht hat der Duisburger auch ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Identität? Ein Quergedanke, der etwas zu weit führt. Aber der MSV Duisburg hat keine überregional wirksame Geschichte über sich selbst zu erzählen. Er ist ein Verein, der seine Anhänger mit ganz wenigen Ausnahmen in der Region finden muss. Deshalb gehören Überlegungen zur Identität der Menschen in dieser Region mit zu den Überlegungen, die ein Verein auf der Suche nach seinen Zuschauern anstellen muss.

Diese merkwürdige und widersprüchliche Mischung von Kultur, Sport und Geschäft macht es einem Verein wie dem MSV Duisburg mit viel Konkurrenz drumherum besonders schwer, Zuschauer langfristig an sich zu binden.  Wenn eins aus dem bisherigen Verlauf der Saison zu lernen ist, dann das: für den Erfolg braucht es als allererstes es eine Idee, eine Vorstellung davon, was der Verein erreichen will. Die Aussage, es sollen mehr Zuschauer ins Stadion kommen, ist nur eine scheinbare Antwort. Dieser quantitativen Antwort fehlt die inhaltliche Begründung. Und für diese inhaltliche Begründung langt guter Fußball oder sportlicher Erfolg nun einmal nur begrenzt. Unstreitbar ist das Spektakel in Gelsenkirchen oder Dortmund zurzeit größer. Wer das Event sucht, wird dorthin gehen. Wer den erstklassigen Fußball sucht, wird ebenfalls dorthin gehen und nicht in die zweite Liga. Wobei ich mir die Bemerkung natürlich nicht verkneifen kann, dass diese Gelsenkirchen-Fahrer vielleicht in der nächsten Saison sich dann doch nach anderen Angebote umschauen könnten – das aber nur am Rande. Wegen dieser nicht ausreichenden Bindungskraft des MSV Duisburg durch den Fußball alleine ist es so wichtig, dass zum einen auch andere Bereiche des Vereins als erfolgreich arbeitend wahrgenommen werden. Die Jugendabteilung ist da gerade ein großes Vorbild. Darüber hinaus aber braucht es ein lebendiges Umfeld des Vereins. Und auch da sehe ich große Energie und Kraft, viel kreatives Potential und Entwicklung. Vielleicht lässt sich in zehn Jahren eine Geschichte über den MSV Duisburg erzählen, die über die Stadtgrenzen hinaus attraktiv wirkt und so die Bindungskraft innerhalb der Region erhöht. Das ist dem FC St. Pauli gelungen, und das gelang nur, weil es um den Verein herum Zuschauer gab, die machten, was sie machten. Eines ist aber gewiss, so eine Entwicklung geschieht nicht innerhalb einer Saison und deshalb sollten wir nicht jedes Mal aufs Neue enttäuscht über Zuschauerzahlen sein. Wir können für diese Saison zufrieden sein. Und das erzähle ich gerne jedem weiter.

Patchworkfamilienfußballdynastie

Aus dem großen Fundus der bunten Geschichten erreicht uns dieses neue Wissen: Oliver Reck sorgt sich nicht um seinen 18jährigen Stiefsohn, der im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen bereits nicht mehr zu Hause wohnt. Sein im Ruhrgebiet geborener Stiefsohn lebt jetzt nach Recherchen des Berliner Kurier in einer „Großstadt“. Wir wissen alle noch, wie groß die Sorgen der Landbevölkerung an der Ruhr in den 90er Jahren waren, als so viele Töchter und Söhne der einfachen Leute dort die etwa „500 Kilometer“ weite Reise auf sich nahmen, um mit dabei zu sein, den Moloch Berlin in die glanzvolle Weltmetropole der Zukunft zu verwandeln. So ein Wandel wird ja von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen voran getrieben, und zum Bedauern einiger Großstädter konnte der Berliner Fußball im letzten Jahr seine Versprechen nicht einhalten. Der Abstieg aus der Bundesliga brachte die fußballerische Nähe von unzähligen Zweitligisten aus Kleinstädten und ländlichen Gebieten mit sich, und wahrscheinlich wirkt diese Nähe nun auf Hertha BSC zurück. Sie lässt das Umfeld dort so freundlich erscheinen, dass Oliver Reck seinen Stiefsohn Pierre-Michel Lasogga gut aufgehoben fühlt. Zwei Tore hat der 18jährige neulich gegen den VfL Bochum erzielt, und wenn ich Oliver Reck im Interview mit dem Berliner Kurier richtig verstehe, stärkt er ganz im Sinne einer unterstützenden Pädagogik seinen Stiefsohn für desssen weiteren persönlichen Erfolg. Allerdings ist er auch der Meinung, dieser persönliche Erfolg werde am 27. November in dem Zweitligaspiel der Großtstadt-Mannschaft seines Stiefsohnes nichts an den guten Aussichten ändern für die Mannschaft, die aus dem ländlichen Gebiet rund um die Mündung der  Ruhr in den Rhein anreist.

Ein Punkt und kein Trost für Bruno Soares

Wie oft stimmen die Beschreibungen der Wirklichkeit durch  Süddeutsche Zeitung und BILD wohl so überein? Und wie oft liegen beide Zeitungen mit dieser Beschreibung gleichermaßen völlig daneben? Gut, wir reden von den Online-Auftritten, aber ein „Kleiner Dämpfer“ ist das Unentschieden des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen nun keineswegs gewesen. Aber so ist das, wenn dieselbe dpa-Meldung übernommen wird. Da bleibt dann nichts übrig von der vielfältigen deutschen Presselandschaft, ganz zu schweigen von einer Wertung, die etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Gab es irgendjemanden auf Duisburger Seite, der vor dem Spiel davon ausgegangen ist, in Aachen ganz sicher gewinnen zu können? Auf einen Sieg haben wir Fans natürlich trotzdem gehofft, denn auf mehr hoffen dürfen gerade wir immer. Doch das Unentschieden war genau das Ergebnis, das vor dem Spiel den Realisten in mir zufrieden stimmte. Nach Aachen bin ich dann doch nicht gekommen, und die zweite Halbzeit mit Marco Röhling am PC hat mich wieder ins Nachdenken gebracht, ob ich nicht allmählich Abschied nehmen muss von meinen eigentlich so geliebten Radioreportagen. Hielt sich mein Puls schon konstant, aber aushaltbar deutlich über dem Normalwert allein durch die Abfolge des siebenminütigen Geschehens von der Führung der Aachener, über das Elfmetertor durch Goran Sukalo, die rote Karte für Bruno Soares und der Führung des MSV Duisburg durch Srdjan Baljak, so brachte mich Marco Röhlings Gefahren heraufbeschwörende Stimmlage kurz vor dem Ausgleich der Aachener an meine Grenzen.

Der MSV Duisburg geriet ja nach der Führung nicht nur in Gefahr den Ausgleich hinzunehmen, darüber hinaus war ja auch der Schiedsrichter Dr. Felix Brych unberechenbar geworden. Immer wieder befürchtete Marco Röhling einen weiteren Pfiff, der das Unglück des MSV Duisburg hätte vergrößern können.  „Der MSV spielt heute gegen zwölf Mann“, rief Marco Röhling und meine leicht esoterischen Gedanken waren wahrscheinlich als Ablenkung vom Spielgeschehen reiner Selbstschutz. Hätte ich es doch mal lieber nicht ausgesprochen und den Dauerregen als Verstärkung des MSV Duisburg prognostiziert. Dann wäre dieser versuchte Ausgleich der Kräfte durch Menschenhand vielleicht unterblieben. Vielleicht waltete Dr. Felix Brych nur als Instrument einer von uns einfachen Fußballzuschauern nicht zu erkennenden höheren Gerechtigkeit?

Wenn ich allerdings heute die Spielszene mit Olcay Sahan vor dem Elfmeterpfiff im Bewegtbild sehe, denke ich, auch diese höhere Gerechtigkeit war ein wenig ins Schleudern geraten. Klare Elfmeter sehen deutlich anders aus. Klare rote Karten natürlich sowieso. Ich hatte den Eindruck, die eigene Orientierungslosigkeit nach dem Elfmeterpfiff ließ Felix Brych in großer Sorge um die Fairness des Spiels zurück. Weil er die eigentlich notwendige Verwarnung gegenüber einem Aachener Spieler nicht ausgesprochen hatte, befürchtete er wahrscheinlich, die Spieler des MSV Duisburg könnten nun das Recht in die eigene Hand nehmen. Er sah die Gefahr von Selbstjustiz. Und Selbstjustiz gehört bestraft. Es schien mir, er war der Überzeugung, nicht er sondern das Spiel sei aus den Bahnen geraten und nur wenn er entschieden durchgriff, könnte er das sich abzeichnende Gemetzel unter den Spielern verhindern.

Bruno Soares ist das Opfer eines vorverurteilenden Sicherheitsdenkens von Felix Brych geworden, der in einem erhobenen Arm schon die beginnende Tätlichkeit sah. Wenn schon Milan Sasic Bruno Soares nicht hat trösten können, wird auch dieser Gedanke ihm nicht helfen. Ich kann nur hoffen, dass er mit einem Spiel Sperre davonkommt. Schier unvorstellbar ist mir ein Freispruch. Dieser Freispruch würde nämlich das Eingeständnis bedeuten, dass das hohe Gut der Sicherheit, in diesem Fall das Verhindern eines zu aggressiven Spiels, manchmal einen zu hohen Preis hat.

Denken wir bis zur Entscheidung des DFB-Schiedsgerichts aber immer wieder an das Zaubertor von Srdjan Baljak. Das hebt die Stimmung.

Nachtrag: Es kam das Urteil des DFB-Sportgerichts auf Bruno Soares nieder, wie es anzunehmen war. Er erhält eine Sperre für einen Spieltag.


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